All das liegt nicht hinter uns, überwunden oder abgeschnitten. Es ist in uns, nur in gewandelter Form. Ich stelle mir gern vor, die Jahre würden alles verändern und umwerten, erkenne aber mehr und mehr, dass die Zeit sich immer nur ausdehnt, ohne Wandlung. Wir haben hier eine Chance – mehr als das, es wird uns aufgedrängt –, allein und still zu sein. Zurück- und vorauszuschauen und klar zu sehen. Die hinter uns liegenden Jahre, die wesentliche Einsamkeit und die Ähnlichkeit eines Jahres mit dem nächsten. Die furchtbare Aufeinanderfolge von Ursache und Wirkung. Wurzel führt zu Stamm und zu unvermeidlichem Wachstum, und der immer gleiche Saft fließt durch das Gewebe verschiedener Jahre, von den unausweichlichen Wunden des Wachstums gezeichnet wie die Äste.

In den ersten Jahren war es einfach gewesen, zu vergessen, hinauszugehen und zurückzukehren, die Dinge leichtzunehmen, auch wenn die Schatten, durch die wir liefen, schwer waren. Doch später war es nie mehr das Gleiche. Die Fähigkeit, ganz in der Gegenwart zu leben, sodass die vergangenen und kommenden Tage für eine Weile ausgeblendet bleiben, ließ in diesen zehn Jahren nach. Nur Merle schien sich eine fast naive Freude an den Momenten des Glücks bewahrt zu haben, ohne an deren Ende oder Anfang zu denken. Sie hatte sich in den Jahren nicht groß verändert. In ihr waren auch in diesem Frühling noch zwei Menschen zugleich: der robuste, manchmal schneidende Verstand, hell und gesund wie ihr Fleisch, und daneben diese halb rohe Empfindsamkeit, ein dunkler Aberglaube und eine kindliche Angst. Sie war so alt und so jung in einem und dadurch schwer zu verstehen und doch auch auf seltsame Weise schlicht. Sie war ehrlich wie das Licht selbst und hatte, was ich immer haben wollte – den Mut, nach ihren Überzeugungen zu leben. So oft gehen wir seitwärts durchs Leben, mit vorgehaltenem Schild, die Hälfte unseres Lebens eine Lüge. Wenn es darauf ankommt, halten wir die zweischneidige Wahrheit zurück und stecken sie in die Scheide. Ich wünschte, wir wären hartmäulig, sparsam mit Lob und würden unser Leben lang nur sagen, was wir für gesichert halten. Nur auf diese Weise können wir irgendwelche Werte oder Maßstäbe entwickeln. Merle kam dem nahe, nicht absichtsvoll, sondern weil sie ehrlich geboren war. Sie kämpfte nicht halbherzig mit gesichtslosen Schatten, maskierten Gestalten, die zu benennen sie sich scheute, sondern erkannte die Dinge als das, was sie waren, und schaffte es, sie zu entflechten. Sie schien mit ihrer Lebensweise zu bestreiten, was ich immer als wahr empfunden hatte – dass Liebe und Angst einander mit fast mathematischer Präzision verstärken: je größer die Liebe, desto größer auch die Angst. Merle hatte die Hypothek gehasst, aber nie gefürchtet, obwohl sie die Farm mindestens genauso sehr liebte wie ich. Wenn wir uns je von den Schulden befreien würden, dachte ich, dann durch ihre Dickköpfigkeit und ihren Hass. So jedenfalls schien es mir im Frühling. Nur zu gerne wollte man glauben, dass es irgendwo Stärke gab.