Dann, an einem kalten, trockenen Tag Mitte April, kam Grant zu uns. Es war ein Tag, der sich in nichts von den anderen unterschied – die Erde schon grün, die Holzapfelblüten feuerrot und der Weißdorn im Aufblühen; der Boden aber war rissig von der Dürre, und die Pflanzen beugten sich unter der Anstrengung, geboren zu werden. Ich beobachtete, wie er die Straße heraufkam, und Vater ging hinaus, um ihn zu begrüßen. In unserem Leben geschah so wenig Neues, dass selbst all das, was danach passierte, seine Ankunft in meinem Gedächtnis nicht ausgelöscht hat. Es gab damals nicht viel, woran man hätte denken können.
Grant war älter, als ich gedacht hatte, und schien auf den ersten Blick ein schroffer, eigenartiger Mann zu sein. Er war lang und dünn, und wir ertappten uns dabei, wie wir ihm wie die Kinder von unten ins Gesicht starrten. Wenn er sprach, hatte seine Stimme einen freundlichen, fast alten Klang, und er lächelte schnell und plötzlich. Er war befangen, das merkten wir, aber mir fiel auf, wie ruhig er dastand, nicht steif und linkisch wie die meisten Männer, wenn sie verlegen sind. »Er hatte Angst und wollte weg«, sagte Merle hinterher. »Ich hab gesehen, wie er unter all seiner Bräune rot geworden ist.« Mir aber war er sehr gleichmütig und geduldig erschienen.
»Ich bin froh, dass Sie gekommen sind, Mr. Koven«, sagte Mutter. Sie sprach förmlich, als wäre er ein Pfarrer oder Sheriff, doch sie lächelte, und man merkte, dass sie es ernst meinte.
»Es ist gut, mal jemand Neues hier zu haben«, platzte Merle heraus.« – »Irgendwas Neues.«
Da lachte Grant, ein lautes, herzhaftes Geräusch, und sah gleich viel jünger aus. »Da machst du es mir ja leicht«, sagte er. »Ich bin froh, dass irgendwas genügen wird.«
Vater wusste nicht, was er sagen sollte, und tat so, als hätte er ihn nicht gehört, und ich bewegte stocksteif den Kopf, als er meinen Namen sagte. Kerrin war nicht da. Sie wollte ihm auf andere Weise begegnen als wir und zog es vor, Zeit und Ort dafür selbst zu wählen.
»Diesmal wird’s ein gutes Jahr«, sagte Vater schließlich. Das sagte er immer, wenn Worte gefordert schienen, aber keine kamen. »Ist Zeit für einen Herbst mit großer Ernte, da wird mehr zu tun sein, als wir alle zusammen schaffen können.«
»Es ist Zeit, weiß Gott«, sagte Grant. »Wir sind es leid, Hülsen anstelle von Mais zu verfüttern.«
»Man kriegt’s über, die Garbenhaufen umzugraben, um irgendwo Kolben zu finden«, sagte Merle. »Und dann taugen sie höchstens dazu, ein Spielhaus zu bauen. Schwarzer Maisbrand und Maisbeulen. Wir haben uns gar nicht getraut hinzuschauen, was wir den Rindern vorgesetzt haben. Haben einfach so getan, als wär’s Mais.«
Grant grinste. »›Immerhin hat es die Form von Mais‹, hat Dad immer zu seinen Kälbern gesagt, und nach einer Weile hat es ihnen dann besser geschmeckt.«
»Die Mägen müssen laut genug geknurrt haben, um ihnen die Augen zu verschließen«, sagte Merle. »Und wenn man sieben hat –«
»Sie kommen jetzt mal mit zum Stall«, schaltete Vater sich ein. »Es ist spät, und wir haben noch Arbeit vor uns.« Bei Vater war es immer spät, selbst um vier Uhr morgens; ich glaube, sein Schlaf war ein Wettrennen zwischen Dunkelheit und Licht, und seine Stiefel standen immer eine Handbreit entfernt auf dem Stuhl neben seinem Bett.
»Es gibt bald Abendessen«, erinnerte ihn Mutter. Sie hatte Grants wegen eine gute Mahlzeit geplant und wusste, dass Vater sich manchmal verspätete oder zu kommen vergaß, bis sie losging und ihn holte. Er bekam Hunger und wurde gereizt davon, bloß fiel ihm der Grund dafür nicht ein.
»Sie sind nur einmal neu hier«, sagte Merle zu Grant. »Pfirsiche werden nicht noch mal für Sie aufgemacht. Da essen Sie besser gleich, so viel Sie können!«
»Wer kauft Pfirsiche?«, wollte Vater wissen. Er lief rot an vor Argwohn, doch Mutter lachte nur.
»Es ist eine Dose von letztem Jahr«, sagte sie. »Pfirsiche, die du selbst gepflückt hast.«
Dad wurde verlegen und ging los, und ich fragte mich, was Grant wohl dachte und ob er sich bald an diese stündliche Zankerei gewöhnen würde oder ob er so etwas selbst schon erlebt hatte.
»Es sind keine Pfirsiche nötig, damit ich mittags wieder herkomme«, sagte Grant. »Wenn der Magen hohl genug ist, schmeckt auch Schweinemastgras gut.« Er lächelte Mutter an und schnell noch uns und folgte dann Vater.
»Der wird viel essen«, sagte Merle. »So lang, wie er ist. Wir hätten nie einwilligen sollen, ihn hier zu bewirten.«
»Es wird ein gutes Jahr«, sagte Mutter. »Genug zu essen werden wir jedenfalls haben. Genug zu essen, wenn auch nichts anzuziehen. Irgendwie bekommen wir ihn schon satt.« Aber sie wirkte doch besorgt, und ich sah, wie sie in die Kammer ging und die Dosen zählte, als würden es mehr, wenn sie es nur immer wieder tat.
»Genug zu essen jedenfalls« … Essen genug … die Wörter nagten an mir, trugen irgendeine Erinnerung in sich, obwohl ich sie so oft gehört hatte, dass sie an und für sich bedeutungslos geworden waren. »Ihr Bauern habt zu essen … immerhin zu essen …« Und dann fiel mir der Mann wieder ein, der vor Jahren zu uns gekommen war, und der alte Schrecken kehrte zurück – die Angst, auch aus dieser letzten Zuflucht vertrieben zu werden.
Er kam im Herbst des Jahres, in dem wir umgezogen waren, und die Hypothek war schon damals wie ein Felsbrocken, den wir im Geist immer mit uns herumschleppten. Das Säen und Ernten hatte etwas Bitteres an sich, ganz gleich, wie gut die Ernte sein mochte (und in jenem ersten Jahr war sie schwer wie die Eichelmast und üppig wie Unkraut), wenn sie uns doch nichts anderes bescherte als das Privileg, bald wieder von vorn anzufangen und nichts dafür zu bekommen als ein kleines Zeichen auf dem Papier. Und da war dieses Bedürfnis, diese furchtbare Sehnsucht nach einer gewissen Beständigkeit und Sicherheit; nach dem Gefühl, dass das Land, das man pflügte und bestellte und durchstreifte, einem selbst gehörte und nicht mit einem Federkratzen unter den Füßen weggezogen werden konnte. Daran dachte ich manchmal, wenn die Obstbäume zu blühen begannen und ihr Grau zu einem weißen Pelz entlang den Pflaumenästen wurde und in den Pfirsichen ein rosa Licht aufschimmerte. Und ich dachte daran, wenn die Aprikosen sich röteten und man vom Rand der Schweinepferche aus in ein Tal voll weißem Rauch schauen konnte oder eher in eine Bucht voll weißer Gischt, dort, wo die riesigen Birnbäume waren. Ich kratzte dann mit dem Nagel an einem Pfahl und dachte – wenn jemand das auf einem Stück Papier macht, dann sind all diese Dinge weg, und ein kleines Gekritzel ist größer als Wald und Tal. Doch die Angst wurde schlimmer und belastender, nachdem der Mann da gewesen war.
Es war Oktober, und ich erinnere mich noch, wie wir an jenem Morgen saure Milch zu den Hühnern trugen und am Zaun stehen blieben, weil wir ihn die Straße heraufkommen sahen. Er ging langsam an dem abgeernteten Pflaumendickicht und den Weißeichen vorbei, die damals kahl waren, und ließ die ganze Zeit den Blick schweifen, aber nicht so, als sähe er viel. Wir standen da und beobachteten ihn, dumm wie zwei Frischlinge, nehme ich an, halb bereit wegzurennen, aber neugierig genug, um dazubleiben. Als er näher kam und durchs Tor ging, sahen wir, dass er zwei fadenscheinige Säcke dabeihatte, einer ausgebeult von etwas, was ihm bei jedem Schritt gegen den Rücken schlug. Seine Haut war gelb und leberfleckig, und er sah aus, als käme er gerade aus der Dunkelheit eines Kellers.
»Wo ist euer Dad, Mädchen?«, fragte er uns. Er hatte eine müde, unangenehme Stimme.
Ich zeigte zum Stall hinter uns, und Merle starrte ihn an. Sein Mantel war eng und um die Knie zu kurz, mit einem schwarzen Samtstück am Kragen, wie es Dad vor langer Zeit einmal getragen hatte. Seine Nase war rot und lief ununterbrochen, und er wischte sie sich am Ärmel ab. Vater kam heraus und fragte, was er wolle. Sprach mit ihm, als wäre er schon als Dieb ertappt und verhaftet worden.
»Könnt’n Sie Hilfe brauchen?«, wollte der Mann wissen. »Irgendwas noch nicht fertig gepflückt oder umgegraben? Kann ich irgendwas in Kisten packen und behalten, was übrig ist?« Er holte ein paar Süßkartoffeln hervor und zeigte sie ihm. Sie waren trocken und unförmig, mit schlechten Stellen, aber auch Stücken, die man essen konnte. »Sind von der letzten Farm«, sagte er. »Machen nicht viel her, was? Füllen aber ’n Teil vom Magen –«
»Was soll das?«, fragte Vater. »Was strolchen Sie hier rum?«
»Ihr Bauern kriegt immerhin was zwischen die Kiemen«, sagte der Mann. »Ich hab ’ne Familie. Wir müssen auch essen.«
Ich hatte Angst vor ihm, und er tat mir leid. Er sah räudig und wurmstichig aus und nicht so, als sei er ans Laufen gewöhnt. Ich wollte ihm sagen, dass er nicht so herausfordernd mit Dad reden solle, dass seine Art zu fragen ganz falsch war. Ich konnte sehen, wie Vater sich verhärtete, wie er kalt und steinern wurde. Was Vater hart gegen ihn werden ließ, war die Tatsache, dass der Mann so klang, als gäbe er etwas anderem die Schuld – dem Leben, den Menschen oder vielleicht Gott. Es war Blasphemie, fand er, die Schuld am eigenen Hunger woanders als bei sich selbst zu suchen. Ich wollte ihn warnen, konnte es aber nicht. Stand nur da und schaute, mit verschütteter Milch auf den Schuhen.
»Ich brauch keine Hilfe«, sagte Vater. »Ein Bauer hat genauso zu knapsen wie jeder andere. Wir ackern hier nicht aus Spaß am Verschenken.« Er blickte den Mann – oder was mal ein Mann gewesen sein mochte, jetzt aber nur mehr eine Scherbe von etwas Zerbrochenem war – feindselig an. Blickte ihn an und sagte: »Los – verschwinden Sie!« Ich glaube, er wollte ihn da nicht stehen sehen, so lumpig, mit seiner vergilbten Haut und verschleimten Nase, aus der Seele heraus krank und eine Erinnerung daran, was ihm selbst hätte passieren können, wenn es kein Land gegeben hätte, das uns rettete, ja was ihm immer noch passieren könnte. Der Mann fluchte, drehte sich um und schlich davon, weder Mensch noch Tier – eher wie eine kranke, schmutzige Fliege.
»Ein Lügner und Nichtstuer«, sagte Vater. Er wandte sich ab und ging wieder in den Stall.
»Wir hätten ihm etwas geben sollen«, sagte Merle, und ich dachte an all die gebunkerten Kartoffeln und die Haufen von verschrumpelnden Karotten. Ich hatte Angst vor ihm, konnte aber den Klumpen Mitleid, der mir die Kehle verstopfte, nicht ertragen. Ich konnte es nicht ertragen, ihn so weggehen zu sehen mit dem schlaffen Sack, in dem die zwei halb verschimmelten Kartoffeln steckten. »Wir können übers Feld laufen und ihn an der Straße einholen«, sagte ich. »Wir können was unter meinem Pullover verstecken.« Merle fürchtete sich. Sie hatte Angst, dass er uns bestehlen oder umbringen würde, glaube ich. Und ich auch. Wir schlichen in den Keller und nahmen uns ein paar von den Kartoffeln. Merle nahm auch Karotten und einen Apfel. Wir kletterten über den Zaun und liefen übers Feld. Es war matschig und schwerer, als durch tiefen Schnee zu stapfen. Merle fiel zweimal hin und machte sich das ganze Gesicht schmutzig. Sie weinte und war zu sehr außer Atem, um zu rufen. Da sahen wir den Mann, wie er um die Biegung kam, vor sich hin redend und fluchend, seine schwindsüchtige Gestalt eng in den vom Wind verzerrten Mantel gehüllt. »Mister!«, rief ich. Doch er konnte mich nicht hören; zu schwach war meine Stimme, wie der Ruf eines Menschen im Traum. Ich stand da, verlegen und keuchend, die Kartoffeln mit beiden Armen an den Bauch gedrückt, und hätte vor Angst und Scham kein zweites Mal rufen können. Dann bog er um die Ecke und war nicht mehr zu sehen.
Ich hatte sein gemeines, abgehärmtes Gesicht nie vergessen und auch das Mitleid nicht, das ich mit dem Mann empfand; und die Angst vor dem, was er für uns verkörpert hatte, kehrte manchmal mit einer solchen Schärfe zurück, als hätten wir ihn erst gestern im Wind davongehen sehen. »Herrgott!«, sagte ich wie im Gebet, ohne zu merken, dass ich es laut aussprach.
Merle wandte das rote Gesicht von den kochenden Karotten ab. »Was ist los?«, fragte sie, schien es aber auch so schon zu wissen. Sie schüttelte den Topf heftig über der Flamme und knallte den Deckel darauf. »Die Kartoffeln waren schlecht in dem Jahr. Wir hatten selbst nicht viele!« Sie sagte es trotzig, aber es war keine Entschuldigung, an die sie glaubte; sie wusste, dass es nur ein abgenutztes altes Argument war, das man um des eigenen Friedens willen anführte. Kleine Erlebnisse saßen tief und schmerzten sie, aber sie konnte auch leicht vergessen, und so verdarben sie ihr nicht die Momente des Glücks. Ich hätte mir gewünscht, auch so schnell von einer Wetterlage zur nächsten wechseln zu können, damit die alten Ängste sich nicht ausbreiteten und sogar auf die Dinge abfärbten, die ich liebte.
Merle öffnete ein Glas Mais und nahm widerwillig, aber aufgeregt den Deckel ab. Sie hatte den Mann schon vergessen und schnupperte mit einem breiten Grinsen im Gesicht den süßen Maisduft. Die Körner waren noch golden und schwammen in ihrem milchigen Saft. »Fünfzehneinhalb Kolben«, verkündete sie. »Alle für ein kleines Glas. Wenn ich die Würmer mit reingetan hätte, wär’s schneller gefüllt gewesen. Groß und milchweiß waren die und fett!« Sie probierte einen Löffel und schüttete den Rest in die Pfanne. »Da soll er mal schön dankbar sein. So bald machen wir kein weiteres Glas auf.«
»Es gibt keins mehr aufzumachen«, sagte ich. »Das ist das letzte.«
»Wir haben ja nicht jeden Tag einen neuen Mann hier«, sagte Mutter schnell. »Und einmal musste es sein.« Sie wirkte froh darüber, einen Gast zu haben, und jung. Es war seltsam, wie wenig sie sich in jenen Jahren verändert hatte, trotz all des Haushaltens und der Arbeit und der Enttäuschungen. Ich glaube, es lag daran, dass sie das Leben langsam anging und auf etwas vertraute, was man weder fühlen noch sehen konnte, sondern wusste.
»Nicht jeden Tag einen neuen Mann, Gott sei Dank!«, murmelte Merle. »Dieser Topf wird ihn kaum bis zur Ferse satt machen, vom Rest ganz zu schweigen. So riesige Männer sollten lernen, irgendwas Billigeres zu essen, irgendwas, das man tonnen- oder säckeweise kaufen kann, wie Lehm oder Heu. Gott hätte geiziger mit seinen Knochen sein sollen, aber jetzt ist es zu spät.«