Jener Monat war unwirklich und schön. Kein Regen kam, aber das schien nicht weiter schlimm. Es kümmerte mich nicht mehr. Ich vergaß die Hypothek und die Zahlung, die nächsten Monat fällig war, vergaß, dass es etwas zu befürchten gab, und lebte in einer Art Nebel namenlosen Glücks, undefinierbar und ohne ersichtlichen Ursprung, wie ein Frühlingsduft im März, bevor auch nur ein Fitzelchen Blatt oder Blume zu sehen ist. Ich war glücklich ohne Entschuldigung oder Grund. Die Birnbäume schienen mir schöner als in allen anderen Jahren, mit einer starken Moschussüße, die der Wind herantrug. Doch selbst der Frühling war nur ein kleineres Wunder. Ich denke jetzt – fast ungläubig – an diese ersten paar Wochen, erinnere mich an die blinde Freude, die selbst die Sorge um Kerrin nicht trüben konnte. Auch Vater war eine Zeit lang heiterer als sonst, weil er jetzt jemand anders zum Reden hatte als uns, jemand, der so empfand wie er; dabei merkten wir von Anfang an, dass sie in ihrem Denken hektarweit auseinanderlagen und Grant ihm auf hunderterlei Weise voraus war. Grant mochte unseren Vater, mochte ihn so sehr, dass er ihn nie oder höchst selten vor uns bloßstellte, obwohl er es hätte tun können, wann immer wir uns miteinander unterhielten. Und nur wenn sie allein waren, entkräftete er Vaters Argumente, manchmal mit einem einzigen Satz oder Wort, indem er Tatsachen ins Feld führte, die Vater entweder übersehen hatte oder, öfter noch, gar nicht kannte. Ich hörte hier und da zufällig mit und staunte, nicht so sehr über alles, was Grant wusste und wie er die Dinge in ihrer Gesamtheit sah, sondern über seine Fähigkeit, Dads Gedankenpyramiden ins Wanken zu bringen, ja sogar zum Einsturz, ohne ihn zu verärgern. Und Dad hielt Grant vielleicht für leicht radikal oder freidenkerisch, aber doch für einen Mann mit vernünftigen Gründen für alles, was er vorzubringen hatte.
Grant war ein sanftmütiger Mann und weniger hart als seine Überzeugungen – Überzeugungen, die aus bitteren und salzigen Erfahrungen entstanden waren –, aber es gab eine steinerne Schicht in ihm. Manche Menschen sind weich wie Morast: Man berührt sie, greift tiefer hinein, tastet und drückt in einem Schlamm der Ungewissheit herum und findet nirgends auch nur ein kleines Kieselstück. In Grant dagegen gab es etwas Festes, nicht Arroganz, sondern ein Grundgestein des Glaubens. Und es war auch nicht Gottes Güte, an die er so fest glaubte, sondern etwas, was ihm besser diente. So stark auf irgendeine Sache zu vertrauen – und sei es das eigene Augenlicht – mag selbst eine Form von Blindheit sein; doch in der Blindheit liegt eine Antriebskraft. Es ist wohl die einzige Möglichkeit, überhaupt etwas zu erreichen: dem Geist große Scheuklappen anzulegen und nur die Straße vor sich zu sehen.
Dass er diese harte, fast zynische Haltung den Dingen gegenüber hatte und zugleich ein so gutes Herz, ließ mich eine an Schmerz grenzende Freude empfinden. Ich weiß noch, wie es mich jedes Mal mit Dankbarkeit erfüllte, wenn Dad etwas durcheinanderbrachte und uns am Tisch zu beweisen versuchte, dass er recht hatte, und Grant es ihm durchgehen ließ, obwohl er es besser wusste, ihn aber nicht lächerlich machen und Kerrins Spott aussetzen wollte.
Grant mochte Kerrin damals. Das war nicht schwer zu verstehen, und vielleicht hätte ich es auch getan, wenn ich er gewesen wäre. Hätte vielleicht sogar die Dinge geliebt, die ich an ihr hasste – ihre krasse Unberechenbarkeit und Wechselhaftigkeit, ja selbst ihren Egoismus. Sie kam inzwischen überhaupt nicht mehr zum Abendessen heim; das fand ich zunächst merkwürdig, weil Grant ja jeden Abend hier aß, aber nach einer Weile begann ich es zu verstehen – soweit man Kerrin überhaupt verstehen kann. Es hatte etwas mit dem Unterschied zwischen ihr und uns zu tun und war zum Teil dem Wunsch geschuldet, ihn nicht genauso zu nehmen und zu behandeln, wie wir es taten – als einen von uns. Auf eine verdrehte Art merkte sie auch, wie klar er die Dinge sah und dass er die rastlose, schlaue Grausamkeit in ihr, die ihn manchmal anzog, nicht immer entschuldigen würde. Ich wollte sie vergessen, wollte noch ein wenig länger so tun, als würde sie morgen – irgendwann – anders sein. Oder fort. Manchmal schien mir, als würde dieses Gefühl des Wartens, des angehaltenen, in einem engen Kreis eingeschlossenen Lebens mit ihr vergehen. Ich wusste, dass es nicht so war, dass nichts richtig beginnen würde, was seine Wurzeln nicht in uns selbst hatte, und konnte doch nicht umhin, sie für die Ursache dieses Erstickungsgefühls zu halten. Irgendetwas war in ihr – oder fehlte ihr –, was sie daran hinderte, außerhalb des verbogenen, monströsen »Ich« richtig zu sehen. Mir kam der Gedanke, dass sie tun würde, was immer sie wollte, weil sie falsch sah und keinen anderen Grund für ihr Handeln brauchte als ihre Wünsche. Was schließlich ist die menschliche Vernunft, wenn nicht die Beherrschung von Wahnsinn? Aber es muss noch mehr dazugehören, etwas Positives – das Einbeziehen von Liebe und das Absehen von sich selbst. Ich musste mich Gedanke für Gedanke mühsam zu Dingen vorkämpfen, die mir ein Leben lang bekannt und vertraut gewesen waren und die ich bis zu diesem Jahr doch nie begriffen hatte.
Bis zum Mai aber verbarg der erste Nebel des Glücks viel von alldem und stand zwischen mir und dem wirklichen Sehen.