Der Mai war ein eigenartiger Monat. Der Anfang des Verstehens. Ein kalter, trockener Monat. Faulig-süßer Alraunengeruch in der Luft, die meisten Dinge dagegen fast zu gekühlt, um zu blühen. Kein Regen und hinter dem Pflug aufwirbelnder Staub. Kalter Staub ist etwas Unheilvolles, und Vater begann sich Sorgen zu machen wegen des verlandenden Teichs. Diese Dinge passten auf bittere Weise zum Ende des Monats, und doch begann er mit stiller Ekstase und Glück.

Am Ersten des Monats ging ich zu den Rathmans hinüber, um das Saatgut zu holen. Max hatte da schon ein neues Auto, dank seines Lohns vom Straßenbau, auch wenn es noch nicht abbezahlt war. Er fuhr öfter in die Stadt als Vater und brachte uns Sachen aus Union mit, sagte aber, unser Land sei zu tief gefurcht, als dass er mit seinem Auto dort entlangfahren könne, und ließ daher alles, was er für uns besorgt hatte, bei ihnen im Haus – das war typisch für Max, und mittlerweile nahmen wir es als gegeben hin. Ich freute mich sogar, dass ich einen Grund hatte, zu ihnen zu gehen. Sie machten einen so soliden und abgesicherten Eindruck und brauchten so wenig. Der alte Rathman hatte einen guten Markt für seine Trauben, und aus dem, was übrig blieb, machte er Wein. Er wusste, wo er seine Sachen verkaufen konnte, und lieferte sie mit dem Laster bis an die Tür. Ihr Land war ihres und nicht verschuldet. Was immer darauf wuchs, gehörte ihnen, kein unsichtbarer Besitzer musste davon bezahlt werden, und der Garten drang bis zur Haustür vor, mit Kohlrabis, die fast die Treppe untergruben. Alles alt und satt wie die Erde.

Ihr Land war geschützter als unseres, flach und am Fuße eines Hügels gelegen. Der alte Rathman hatte es seit zehn Jahren nicht verlassen, während Karl nach Bailey gezogen war und dort geheiratet hatte und Max sich beim Straßenbau verdingte. Von den dreien war nur Aaron noch da, um ihm zu helfen. Ich glaube, der alte Mann war froh, ihnen zeigen zu können, dass er allein genauso gut zurechtkam. Er rastete nie, und mit seinem Hut auf dem Kopf sah er wie ein verschrobener alter Gnom aus.

An diesem Tag war er nicht so selbstsicher, wenn auch noch nicht ängstlich. »Ein ganzer Hektar Erdbeeren verwelkt wie Blätter«, sagte er mit seinem deutschen Akzent. »Hart … trocken … Kein Regen! Soll man denn mit der Hand wässern? Nein! Dann verschrumpeln sie eben! Die gottverfluchten kleinen Masern!« Er grinste und suchte aus der oberen Kistenschicht ein paar für mich heraus. Die Beeren obenauf waren alle groß, die schrumpeligen lagen darunter. »Gib ihr ’ne Kiste davon, Frau«, sagte er zu Mrs. Rathman und zeigte auf die schlaffen Spinatblätter. »Wir können die Dingsens ja gar nicht alle essen.« Ich versuchte ihm klarzumachen, dass bei uns drüben ein halber Hektar von diesen Dingsens welkte, aber er wollte nichts davon hören.

Seine Frau hatte Redebedarf und erzählte mir von den Süßkartoffeln, die Max letzten Herbst eigens für sich angebaut, dann aber nicht erkannt habe, als sie sie ihm gekocht vorsetzte. Und von Lena Hone, die jetzt Max’ Freundin sei … »butterweich, in ihrer Art zu sprechen … schwarze Augen und Haare … aber nicht besonders hübsch … erinnert mich irgendwie an dich …« Sie hoffe, Max werde bald heiraten und sich in der Nähe niederlassen. Karls Mary habe noch keine Kinder bekommen. Vielleicht habe Max mit Lena ja mehr Glück. Ob ich noch länger bliebe? Nein? Na ja, dann ein Glas Apfelkraut …

Sie musste einmal schön gewesen sein; ihr Haar war inzwischen weiß, aber ihre blanken Augen unverändert und die Wangen von einer Art tiefgründigem Humor gerunzelt. Ich fragte mich, wie es wohl war, in Sicherheit zu leben. Schuldenfrei. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie ihre eigenen brüchigen Stellen hatten, irgendetwas, was unter all der weiß wirkenden Behaglichkeit faul geworden war. Und damals gab es das auch nicht.

Der alte Rathman hielt mich auf, bevor ich ging, und fragte nach Grant. »Und wie findet Pop nu seinen neuen Burschen? Besser als Max vielleicht?«

Ich sagte, Grant mache seine Sache ganz gut, und dann erkundigte er sich noch, ob ich von Ramseys Darlehen wisse. Ob ich wisse, dass »dieser Farbige, Ramsey« (so sprach Rathman immer von ihm, nicht mit Abscheu oder Argwohn, sondern als wäre er ein Wesen aus einer anderen Welt oder wie man vielleicht von einem Buschmann oder einer Giraffe sprechen mochte) – ob ich wisse, dass der letztes Jahr fast von seinem Hof gejagt worden wäre? Nein, sagte ich, und er erzählte mir, dass Ramsey zu ihm gekommen sei und ihn um Geld für seine Pacht gebeten habe. »›Aber ich hab kein Geld‹, hab ich ihm gesagt. ›Land und Gemüse schon, aber kein Geld!‹ Hätt ihm vielleicht Kohlrabi geben sollen, dass er seine Pacht damit begleicht! Die Frau hat ihm ein Glas Eingemachtes gegeben, aber kein Geld.«

Dann entnahm ich seinen weitschweifigen Reden, dass Ramsey zu Koven gegangen war und das Geld dort bekommen hatte. Rathman wusste das, weil er Koven selbst gefragt hatte. Demnach hatte Grant ihm zunächst geraten, nicht zu zahlen – die Pacht sei sowieso zu hoch. »Sollen sie doch versuchen, dich zu vertreiben, und dann warte ab, was passiert«, habe er gesagt. Aber Christian hatte Angst und wollte es nicht riskieren. »Du kommst vielleicht mit so was durch«, hatte er zu Grant gesagt, »du bist nich’ schwarz. Du hast keine Frau und keine sieben Kinder. Wenn du schwarz bist, kannst du nich’ abwarten und mal seh’n, was passiert. Du weißt, was passiert!«

Da hatte ihm Grant das Geld geliehen und hätte es ihm auch schon früher gegeben, wenn es ihm nicht so gegen den Strich gegangen wäre, Turner Geld in den Rachen zu schmeißen, der es nicht brauchte und die Schulden über Christians Kopf baumeln ließ, bis der so mürbe geworden war, wie ein Schwarzer nur werden konnte. Turner zu bezahlen sei Grant vorgekommen, wie Perlen vor die Säue zu werfen oder einen wurmstichigen alten Schuppen mit guten neuen Pfählen abzustützen, aber wenigstens besser, als das Dach über Ramseys Kopf einstürzen zu lassen. Man konnte nicht dabeistehen und nichts tun, bloß weil man es falsch fand, dass ein anderer derart in der Falle saß.

»Noch mal wird Grant ihm wohl nichts leihen«, sagte Rathman. »Koven ist zwei Jahre mit seinen Steuern hinterher.«

So krochen wir also alle durch die Ackerfurchen, dachte ich, und schoben unsere Schulden vor uns her wie Mistkäfer ihre Kugel. Noch schlechter dran als die Käfer, die ihre Last ja vergraben können und sie dann los sind. Wir alle außer den Rathmans jedenfalls. Sie sind in Sicherheit, dachte ich, abgepolstert gegen die Angst. Sie brauchen nur für das Jetzt zu arbeiten und nicht für die hinter ihnen liegenden Jahre zu bezahlen.

Ich ging durch ihre Obstplantage zurück, wo die ersten Apfelbäume blühten, weiß und dicht wie ein Schneesturm, und die lang gebogenen Äste bis zum Boden reichten. Lieber Gott, waren sie schön! Ich stand ein paar Minuten unter einem von ihnen, der mir wie das Innere einer großen, weißen Schüssel vorkam. Meisen pickten in der schuppigen Rinde nach Blattläusen und veranstalteten ein anhaltendes lärmiges Geklacker. Ich fühlte mich leicht und auf eine närrische Weise froh – die Ramseys, die Hypothek und Kerrin waren vergessen und nur mehr Schatten. Und ich wusste, dass es zum Teil an dem heißen Blumenduft lag, mehr noch aber daran, dass der alte Rathman mit mir über Grant gesprochen und ich seinen Namen gehört hatte.