Als es Juni wurde, war vieles schrumpelig braun geworden, aber noch nicht alles vertrocknet und hässlich. Schlimmer als die Hitze und Trockenheit war die Angst davor, was sie anrichten würden. Ich stellte mir vor, wie das Fortdauern der Dürre eine furchtbare Faszination ausüben könnte, die verdrehte Perfektion, mit der sie langsam alles vernichtete. Wir hätten uns wundern und ausrufen können, so etwas habe es noch nie gegeben, nie etwas Schlimmeres, hätten uns zum Vergleich mit düsterem Vergnügen an all die anderen Jahre erinnern und den Kopf schütteln können. Doch das war denen vorbehalten, für die es wie ein Spiel war, etwas, was sich vergessen ließ, sobald es vorbei war. Für uns gab es keinen letzten, segensreichen Vorhang – höchstens den Tod. Es war zu real.
Doch selbst in diesem Jahr war die Schönheit mancher Stunden und Orte so ungeheuerlich, dass sich mein Herz verkrampfte und mir die Worte fehlten. Es gab Abende mit einem fast überirdischen Geruch, in dem sich wilder Wein und Trompetenbaumsüße mit gerade erblühendem Geißblatt und anderen Blütendüften vermischten, und nachts wachte ich im blendenden Mondschein auf und hörte die Klage einer Spottdrossel in den Feuerbüschen. Auf den schwarzen Marschfeldern wimmelte es von Glühwürmchen, die sekundenlang in der Luft zu stehen schienen. Die Erde war überschwemmt von Schönheit und wusste nichts davon, und mir wollte das Herz bersten von ihrer unerträglich lieblichen Pracht.
Für Merle war eine Art Herrlichkeit in allen Dingen, als hätte ihr Blick einen Heiligenschein – ich weiß nicht, wie ich es sonst beschreiben soll –, nicht nur in den pfauenblauen und braunen Häuten der Eidechsen oder dem ins Auge springenden, nahezu blendenden Weiß der Gänseblümchenfelder, sondern in allem, was sie sah und tat. Im Entsteinen der Kirschen und den Säureflecken, die sie in ihrer Haut hinterließen, in der Hitze und Hektik ihres Einmachens … dem rasenden Herd, zu heiß, um in seine Nähe zu kommen, und dem Dampf aus den kochenden Gläsern … der satten Sirupröte, in der sich die Kirschen auflösten. Sie stürmte zwischen den Kesseln hin und her, kostete und kleckerte – rief Huh! und Hah!, wenn die Kirschen überschwappten, tropfte mit einer Hand das Wachs, während sie mit der anderen rührte, inhalierte den starken Geruch von verbranntem Saft, der schwarz wurde, wo die Masse überkochte. Ich wusste nicht, was es war – schlicht Gesundheit vielleicht, zu viel, um sie in sich zu bergen, nach außen abstrahlend wie ihre überheizten Öfen. Und dann wieder konnte sie ganz still sein, bis zur Stummheit erschüttert vom Anblick Hunderter Hektar Weizenfelder, rot-orange und schön wie im Wind wehendes Fell.
Trotz der Dürre waren die Kirschen in diesem Jahr prall, und Grant brachte ihr die Früchte, wenn sie selbst keine Zeit fand; entsteinte am Abend sogar welche für sie und blieb spät auf, wenn sie sie noch einmachen wollte. Er tat das, sagte er, weil er so gern Torten aß und befürchtete, dass Merle einschlafen und Gott weiß was in die Gläser füllen würde. Der Geruch von kochenden Kirschen war süß, mit einer guten, säuerlichen Note, und ich dachte immer wieder an die dahinschwindenden Zuckervorräte und wünschte, Merle würde weniger hineintun und schauen, ob sie nicht auch so haltbar blieben. Ich fragte mich, was uns all das Obst nützen würde, wenn wir bald nicht mal mehr die Weckringe bezahlen könnten. Es gab mehr Früchte, als wir selbst verbrauchen konnten, aber nicht genug, um sie zu verkaufen, denn zum Expedieren waren es zu wenige und die Märkte von Union schon überschwemmt. Es schmerzte, Dinge verderben zu sehen, und manchmal luden wir sie zusammen mit der Milch auf den Wagen.
»Gebt sie doch weg«, sagte Mutter. »Besser als die Häher und Würmer zu mästen. Irgendwer wird sie schon nehmen, wenn sie nichts kosten.«
»Nächstes Jahr verschwenden wir kein Spritzmittel mehr darauf«, murmelte Vater. »Man kann nichts verschenken, wenn niemand einem was wiedergibt. Man kann nicht ohne Profit arbeiten, wenn’s rundherum keiner macht. Ich würde sie kostenlos abgeben, wenn ich was umsonst dafür wiederbekäme.«
»Irgendwer muss anfangen«, sagte Grant. Es war das einzige Mal, dass ich mitbekam, wie er Dad in zwecklose Wut versetzte.
»Nicht bloß irgendwer!«, brüllte Vater. »Nicht bloß ich oder du oder wir! Alle müssen das machen. Man kann nicht Milch und Schweine und Zeit verschenken, wenn man Pflug und Öl bezahlen muss – und einen Mann, der einem hilft!«
»Ist aber so ungefähr das, was Sie machen«, sagte Grant.
Vater hieb mit der Faust auf den Tisch. »Kann schon sein«, fauchte er, »kann sein, aber richtig nenn ich das trotzdem nicht!«
Ich saß dabei und dachte, dass ich das schon tausendmal gehört hatte. Es war so neu und alt und abgestanden und wichtig wie das Wetter.
Danach hatte sich Vater mir zugewandt, froh, das Thema zu wechseln, und mich gebeten, am Abend zu Ramsey zu reiten und ihn zu fragen, ob er sich am nächsten Tag dessen Maultier ausborgen könne, und falls ja, würden wir ihm im September bei der Maisernte helfen. Grant sah Vater an, als wisse er nicht, wo wir die Zeit hernehmen sollten, und mir war es auch nicht klar. Ich fragte mich außerdem, ob Christian uns sein Maultier ohne Gegenleistung borgen würde.
»Vielleicht habt ihr im September keine Zeit«, sagte Kerrin. »Da haben wir unseren eigenen Mais zu ernten.«
»Dad wird schon Zeit finden«, warf Mutter rasch ein. »Das hat er in anderen Jahren auch geschafft. Ramsey hat mehr Mais gepflanzt als wir. Er wird Hilfe brauchen.«
»Mit einem durchgerittenen Pferd kann ich nichts anfangen«, sagte Vater zu Kerrin. »Ich brauch eins von Ramseys Maultieren. Wer soll denn was dafür zahlen?« Er sah sie scharf an und wartete.
Da machte sie einen Rückzieher. »Na schön«, sagte sie zu ihm. »Nur zu. Es wird dir noch leidtun.«
Dad grinste auf seine hilflose, gereizte Art und wandte sich dann wieder mir zu. »Geh du«, sagte er. »Merle würde zu lange brauchen – sie redet zu viel. Du wirst nicht so viel Zeit verschwenden wie sie.«
»Lucia wird mit Marget genauso viel reden – die würde sogar auf einen Zaunpfahl einreden«, hörte ich Kerrin sagen, nicht laut, aber für meine Ohren bestimmt – und ich ging schnell hinaus, damit es schien, als hätte ich es nicht gehört.
Es wurde schon dunkel, und Grant sattelte das Pferd für mich. »Ramsey wird ihm das Maultier schon borgen«, sagte er. »Sieh zu, dass Lucia dir nicht noch die ganze Farm dazugibt.«