Unterwegs dachte ich viel an Grant und nahm nicht wahr, ob die drei Meilen lang waren oder nicht. Es hatte etwas schmerzlich Schönes, an sein Gesicht zu denken – die hagere Nase und seine klaren Augen, die viel mehr sahen als Vaters oder sogar Merles. Ich sah ihn vor mir, wie er sich, den Löffel wie einen Spaten in den großen Händen haltend, über die kochenden Kirschen beugte und davon kostete, um ihr eine Freude zu machen und sich selbst genauso; und Merle, das Gesicht vom Dampf feuerrot, wie sie ihre Augen plötzlich unnatürlich blau werden lassen konnte und ihn damit anfunkelte, ihn zur Kritik herausforderte, und ihr schallendes Gelächter angesichts seines gekräuselten, grimassierenden Munds. Ich fand es seltsam, dass sie nicht merkte, was ihm doch ins Gemüt und Gesicht geschrieben stand – und seltsam, dass sie ihn trotzdem nicht liebte. Ich wollte Merle keinen Mann unterwürfig lieben sehen, aber ich wünschte, sie würde ihm mehr schenken als diese beiläufige Zuneigung und mehr empfinden als das Bedürfnis nach jemandem zum Anlehnen. Bei allem, was er an Gefühlen in ihr auszulösen schien, hätte er auch einer von uns sein und seit Jahren hier leben können. Ich wünschte, sie würde es erkennen und ihm etwas zurückgeben, mochte mir nicht vorstellen, dass Grant irgendwann so leiden könnte, wie ich gelitten hatte – und dann und wann noch litt … Inmitten all der kleinlichen wimmelnden Gedanken gibt es immerhin etwas, wofür ich dankbar sein kann: Ich war nie eifersüchtig auf Merle, betete nie darum, dass Grant nichts für sie empfinden möge; manchmal habe ich sogar darauf hinzuwirken versucht, dass sie ihn besser verstand. Das ist nicht viel, aber es ist immerhin etwas.
Ich ritt durch das seltsame Geruchsgemisch aus Heu und Dunkelheit, Unkraut und Viehgehegen und später den schweren Malzgeruch der Haferfelder unten bei Ramsey. Und dachte bei mir – wenn mich irgendetwas wappnen könnte gegen all das, was kommen mochte (und es gab Zeiten, da hatte ich trotz einer immerwährenden Hoffnung das Gefühl, dass wir uns auf etwas Furchtbares, Endgültiges zubewegten), dann müssten es die kleinen, ewigen Dinge sein – das lang gezogene fließende Geheul der Klagenachtschatten in der Nähe der Höhle … die Umrisse junger Maultiere vor dem Kamm, die leichtfüßiger als Antilopen über die Weide liefen … Dinge wie der Chor der Zikaden und die am Abend rot gefleckten Teiche … Solange ich sehen kann, dachte ich, werde ich nie richtig schlimmen Hunger oder Durst leiden oder den Wunsch haben zu sterben … und all das dachte ich, weil ich ahnungslos war, weil ich immer noch die Hoffnung hatte, dass Grant nicht unerreichbar für mich war, und weil ich ihn wenigstens noch sehen und hören konnte. Aber ich hatte Angst und betete. Herr, lass mich mit den kleinen Dingen zufrieden sein. Mach, dass ich mich damit zufriedengebe, auf der Außenseite des Lebens zu leben. Gott, mach, dass ich die Rinde liebe!
Bei Ramseys war Licht, und ich hörte Ned brüllen: »Haut ab jetz’! – haut ab – lasst mich in Ruhe jetz’! Schieb dein’ Hintern aus mei’m Gesicht, Chahley«, und ich hörte ihren wilden, ungezähmten Gesang und Lucias Lache. Nur keinen Ton von Christian. »Ein schwermütiger Mann«, sagt Lucia. Und eine Seltenheit, ein schweigsamer, fast schon stummer Schwarzer, der das Land mehr liebte als jede Gesellschaft.
Lucia wuchtete sich hoch und zündete eine Kerze an, und die Kinder kamen vorsichtig hinterher, schüchtern, untereinander kichernd. Sie zogen Grimassen und rannten kreischend weg außer Henry, der dastand und schaute, halb hinter Lucias gewaltigem Arm versteckt. »Henry ist wie Chrishun«, sagte Lucia. »Läuft ihm überall stumm nach.«
»Hab ich gehört«, platzte Henry laut heraus und verschwand schamgepeinigt hinter ihrem Rock. Christian saß krumm und angespannt auf seinem Stuhl. Im Kerzenschein sah sein Gesicht wie ein geschnitzter schwarzer Schädel aus, und in seinen gefleckten Augäpfeln spiegelte sich das Feuer. Er grübelte, schien von etwas absorbiert zu sein, das uns nicht betraf, und so übernahm Lucia das Reden, ihre Stimme ein tiefes, tröstliches Dröhnen.
Das Haus hatte zwei Räume (einer war eine Art Stall für die Hunde und Hühner), und in den Ecken um uns herum zeichneten sich undeutlich Betten und Sackleinen ab. Es gab einen Herd und einen Tisch, und der Geruch war eine schwere Mischung aus stickiger, verbrauchter Luft, abgestandenem Kaffee und Suppe. Die Wände waren mit Bildern bedeckt: verschlissenen Bibelillustrationen – Der gute Hirte und Das Scherflein der armen Witwe – und Reklame für Lebermedizin. In den Ecken waren alte Zeitungen für den Herd gestapelt, darunter bündelweise Kleinholz, das Christian von seinen Fahrten zur Stadt mitgebracht hatte. Schwül war es hier drinnen, und Mücken jammerten durch die zerrissenen Fliegengitter herein und wieder hinaus, doch Lucia saß sanft schaukelnd da und schien von deren Stichen nichts zu merken. Runde Silberschweißkügelchen standen in ihrem Gesicht und rannen an ihren glatten Wangen hinunter wie friedliche Tränen.
Seit zehn Jahren pachtete Ramsey Land und rechnete damit, es zu kaufen, aber er schaffte nie mehr, als die Pacht zu verdienen und die Hälfte der Ernte zu speichern, um über den Winter zu kommen. In fünf Jahren hatten sie fünfzig Dollar gespart und sie dann für ein neues Gespann ausgeben müssen. Aber jeden Frühling wieder verkündete Lucia, dies sei das Jahr, in dem sie es schaffen würden. Ramsey murmelte dann auch etwas in der Art, und doch konnten sie immer wieder nur die Pacht aufbringen … Als ich sagte, dass ich gekommen sei, um sie um Hilfe zu bitten, wirkten sie überrascht, und auf einmal dämmerte mir, dass wir ihnen so vorkamen wir die Rathman uns. Abgesichert. Gut gestellt. Einen Anschein von Reichtum erweckend, mit unserem Milchbetrieb und dem Mais und den Hühnern, unseren Rindern, dem Pferdegespann und den Obstbäumen – obwohl jedes Einzelne kaum genug einbrachte, um sich selbst zu erhalten. Ich erzählte ihnen von dem wund gescheuerten Pferd, und Lucia schaute abwartend zu Christian. Ginge es nach ihr, hätte sie uns beide Maultiere gegeben und auch sonst alles, was sie in die Finger bekommen konnte.
Christian starrte auf seine Hände und antwortete langsam und nuschelnd, als strengte ihn das Sprechen an. »Könnt beide haben«, sagte er. »Einzeln zieh’n sie nich’ gut. Braucht im Herbst nich’ helfen kommen.«
»Chrishun glaubt nicht, dass wir dann noch hier sind, zur Maisernte«, sagte Lucia. »Wir können Turner die Pacht nicht mehr zahlen. Der will Bargeld und die halbe Ernte, und Bargeld haben wir dies Jahr keins. Aber der kriegt uns hier trotzdem nicht mit den Wurzeln rausgerissen! Ich beweg mich kein Stück weg! Da muss Turner schon mächtig ziehen, wenn er diese große schwarze Zecke aus seinem alten Hundeohr rauskriegen will!«
»Koven wird uns nix mehr leih’n«, murmelte Christian. »Der hat jetzt selbst nix mehr.«
»Grant Koven arbeitet doch jetzt für euch, oder?«, fragte Lucia mich.
»Gegen Verpflegung und Halbpacht«, sagte ich. »Vater kann ihm nicht viel zahlen. Der alte Koven lebt von den Rindern und seinen Ersparnissen. Hat gerade genug für sie selbst, aber nichts drüber.«
»Grant ist zur Schule gegangen«, sagte Lucia, »und Mister Koven ist Pfarrer. Grant ist ’n guter Mann.«
Es gefiel mir, dort zu sitzen und über Grant zu reden, mit diesen Leuten, die nicht hellhörig werden oder mir auf die Schliche kommen würden, von den Dingen zu sprechen, die ich an ihm mochte. »Grant arbeitet hart«, sagte ich. »Härter als irgendwer, den ich kenne, außer meinem Vater. Scheint ihm ganz gut dabei zu gehen. Liest abends. Und wird nie so hitzig wie Dad.«
»Dein Pop is’ ’n guter Mann!«, rief Christian plötzlich aus.
Er warf mir mit seinen gefleckten runden Augen einen strengen Blick zu und versank dann wieder in seinen Grübeleien.
»Chrishun mag’s nicht, wenn man über deinen Dad redet«, sagte Lucia. »Den meisten würde er seine Maultiere nicht geben!«
Sie kam mit mir zur Tür, blendete mit ihrem stattlichen Körper das Licht hinter ihr aus und sog die Luft ein. Dann schaute sie zu den Sternen, die jetzt immer viel zu klar waren, nie wechselnd oder bedeckt. »Könnte morgen regnen«, sagte sie. »Fühlt sich jedenfalls nicht wie Frost an.« Die Kinder kicherten, und Christian stieß ein gereiztes Lachen aus. »Hol besser schon mal deine Arche raus, Lucia«, sagte er.
Lucia grinste. »Chrishun hat ’nen sauren Magen«, sagte sie. »Deshalb kommen seine Wörter alle so gallig raus. Sag deinem Pop, er kann die Maultiere gern haben, soll nur zusehen, dass sie sich nicht erkälten.«
Der Rückweg kam mir lang vor. Ich war froh, die Maultiere bekommen zu haben, aber mir war auch beklommen zumute, weil wir uns vielleicht nie würden erkenntlich zeigen können – wir hatten schon Schulden genug, ohne noch die Last der Gefälligkeit draufzurechnen. Trotzdem konnte ich an nicht viel anderes denken als daran, wie erleichternd es sein würde, nach Hause zu kommen und bald schlafend im Bett zu liegen. Schon der Gedanke ans Absatteln des Pferds war anstrengend, und ich versuchte, meine Müdigkeit zu unterdrücken, indem ich mir einbildete, Grant würde auf mich warten und es für mich tun. Dann ließ ich auch das sein, und es blieb nichts als das Schwanken und Stolpern des Pferds und die Qual der Müdigkeit, die mir wie ein Stein auf der Lunge lag. Die Sterne waren dumme, schmerzende Stecknadelstiche, und ich fragte mich, ob ich erst die Erbsen oder erst den Spinat verbrauchen sollte und wie schnell beides so oder so vertrocknen würde und ob Kerrin dran denken würde, dass sie den Hühnerstall ausmisten sollte – oder es tun würde, falls sie dran dachte –, und wie Dad es aufnehmen würde, wenn er herausfand, dass Streichhölzer anderthalb Cent teurer geworden waren.
Neben dem Stall stand ein Licht, als ich zurückkam, und kurz dachte ich, Grant hätte vielleicht wirklich gewartet, und vor törichter Hoffnung zitterten mir die Hände an den Zügeln. Dann trat Merle aus den Eichenschatten heraus und half mir, den Sattel abzustreifen, und führte Cairn zur Tränke.
»Alle schlafen«, sagte sie, »vor allem Grant. Hat nicht mal gemerkt, wie grau das Geschirr war, das er abgetrocknet hat, und sich gerade mal das Gesicht gewaschen. Abgerackert wie ein altes Maultier.«
Ich fragte, ob Kerrin schon zurück sei, und Merle sagte, sie schlafe auch. »Vielleicht kriegen wir sie zur Abwechslung ja mal ein bisschen zum Arbeiten«, sagte sie, aber ihre Stimme passte nicht zu ihren Worten.
»Was machen wir bloß mit ihr?«, brach es aus mir heraus. »Es geht ihr ja nie mehr gut – sie sieht aus wie das Gespenst von einem Menschen. Es ist furchtbar, zu sehen, wie sie sich zugrunde richtet! Es ist furchtbar, sie so unglücklich zu sehen!«
»Da kann man nichts machen«, sagte Merle. »Sie war immer schon so. Sie gehört nicht hierher, und woanders kann sie auch nicht hin. Sie hat Grant heute Abend gebeten, wieder zu singen, aber stattdessen ist er eingeschlafen. Auf seinem Stuhl zusammengesackt wie ein Toter.«
Wir gingen hinein und sahen, dass in Kerrins Zimmer Licht brannte, schwach und unstet wie von einer Kerze, und schauten uns an. Es war still und heiß im Haus, und die Mücken kamen durch die zerrissenen Stellen in den Fliegengittern, auch da, wo Merle sie mit Papier zugeklebt hatte. Wir gingen ins Bett, und Merle schlief reglos, so tief und fest, als wäre sie noch sieben und das Bewusstsein bloß ein Schuh oder eine Anstecknadel, etwas, was man trägt, wenn man es braucht, und genauso mühelos wieder ablegt. Ich selber war noch lange Zeit wach und dachte darüber nach, was passieren würde, wenn nicht bald Regen käme, und wie Dad seine Steuern begleichen sollte. Ich dachte daran, dass jetzt Juni war, und begann den Wert all dessen auszurechnen, was wir besaßen, und zu überlegen, ob der neue Stall für die Pferde eine so gute Idee gewesen war, auch wenn Grant ihn uns gratis gebaut und der alte vor sich hin gegammelt hatte wie Eichen im Sumpf. Ich dachte, wir hätten vielleicht bis Juli warten und nichts, nicht mal zehn Cent zu den Abgaben hinzufügen sollen, die uns ohnehin blühten. Mir fiel ein, dass ich am nächsten Tag mit Kochen dran war, und ich vergeudete viel Zeit damit, mir zu überlegen, wie ich einen Kuchen ohne Zucker backen könnte, der so schmeckte, als wäre welcher drin – und dann ging bei Kerrin das Licht aus, und ich hörte, wie sie sich in ihrem Bett bewegte, und die alte, quälende Angst war wieder da, eine Art dunkler Fleck auf allen anderen Gedanken. Wir lagen hier wie in uns selbst eingesperrt und begraben, und nur Merle schien noch frei zu sein von der Liebe, dem Hass oder der Angst, die in uns verschlossen waren. Und während ich so im Dunkeln lag, wollte mir scheinen, dass das Leben umso bedrückender und vor lauter Möglichkeiten nur immer verworrener wurde, je mehr ich nachdachte, las oder sah. Nicht das tägliche Leben vielleicht, aber sein gesamter Plan, sein Muster. Das Leben zu bestreiten war einfach genug, wenn die Tage zum Nachdenken zu voll waren und die Kleider sich schnell bis auf unsere Knochen abnutzten und den Dreck aufsaugten wie Schwämme. Die Frage war nicht, was zu tun war, wenn es zwei Stunden dauerte, um ein Essen zuzubereiten, das in fünfzehn Minuten vertilgt war, und man sich außer zwischen Rettich und Bohnen nicht groß zu entscheiden hatte. Aber die Bedeutung all dieser offensichtlichen Dinge, die blieb nach wie vor verborgen. Jeder neue Gedanke schien eine Tür zu öffnen, doch wenn der Verstand vorpreschte, um einzutreten, wurde die Tür zugeschlagen, und er stand benommen draußen. Ich hatte oft das Gefühl, ein wichtiges, erhellendes Licht zum Greifen nah vor mir zu sehen, eine Antwort auf mehr als die offensichtlichen Dinge; und dann wurde es ausgeblendet. Es musste doch einen Grund geben, dachte ich, warum wir Jahr für Jahr weitermachen sollten mit diesem Schuldenbrocken und die Erde bis aufs Gestein herunterackerten und so viel gaben und nichts dafür bekamen. Es musste doch einen Grund geben, warum ich still, schlicht und langsam gemacht war und dann diesen Stein der Liebe zu knabbern bekam. Die Liebe war ein Stein!
Und auf einmal wünschte ich bei Gott, Grant wäre niemals hierhergekommen.