Christian Ramsey kam an jenem Abend zu uns. Vater lag halb schlafend auf der Veranda und hatte noch kein Wort gesprochen, seit der Sturm vorübergezogen war. Auch Kerrin sagte so gut wie nichts, beobachtete nur Grant. Es war nicht mehr kühl, der Wind schon erstickt. Ich finde es seltsam, wie viel der Geist ertragen und dabei weiter an der Hülle der Vernunft festhalten kann. Löscht zu große Angst sich selbst aus? Beendet zu viel Krankheit den Schmerz? Eine furchtbare Geduld schien über uns zu kommen, eine Taubheit, die selbst eine Art Tod war.

Christian sah im Mondschein wie ein zerlumptes Skelett aus, seine Augen und Wangenknochen waren matte weiße Flecken. Merle weckte Vater, der Ramsey anstarrte, den Mann zuerst nicht erkannte. Ich schob ihm einen Stuhl hin, aber Ramsey blieb stehen und kratzte mit einer Hand am Verandageländer. Vater richtete sich auf und spähte durch die Dunkelheit zu ihm. »Was willst du hier, Ramsey?«, fragte er mit argwöhnisch harter Stimme, die am Ende erschöpft absackte.

»Wir müssen von der Farm weg«, sagte Ramsey. Er verschleifte die Wörter zu einem nervösen Murmeln, was Vater ärgerte, weil er sich anstrengen musste, alles zu verstehen. »Bin hier, weil die Ernte futsch ist. Lucia sagt, sie ist mit Sicherheit weg. Wir dachten, diesmal gibt’s Regen. Haben den ganzen Tag gewartet und dann nix.« Er zog etwas Kleines, Schrumpeliges aus der Hosentasche und hielt es hoch. »Hier, ’n Kartoffelstrunk. Sieht aber aus wie ’n vertrockneter alter Unkrautstängel!«

»Ist bei allen so«, sagte Vater. »Der Mais ist futsch. Alles kaputt. Ich kann dir nicht helfen.«

»Geht um die Pacht«, sagte Christian. »Sind ja keine Farm mehr, wenn wir nich’ zahlen können. Bin jetzt ’n ganzes Jahr hinterher. Ich dachte, vielleicht könnt ihr –«

»Fürchte, da hast du falsch gedacht, Christian«, sagte Vater und kehrte ihm den Rücken zu. »Ich würd dir ja helfen, wenn ich was hätte, hab ich aber nicht. Ich komm gerade so hin, für uns selber, aber ich hab keinen Cent über.«

»Bloß geliehen«, sagte Ramsey. »Wir würden’s nächstes Jahr zurückzahlen, vielleicht.« Er schien nicht glauben zu können, dass Vater sein Anliegen verstanden hatte und ihn trotzdem abwies.

»Wenn ich was hätte, würd ich’s dir leihen, Ramsey«, sagte Dad knapp und müde. »Hab ich aber nicht. Das ist alles.«

»Was soll ich denn jetzt machen?«, rief Christian verzweifelt aus. »Wir können ja nirgendwo anders hin! Lucia will nirgendwo anders leben. Wir wollen hierbleiben!«

»Habt ihr Verwandte?«, fragte Vater. »Kann dir nicht irgendeiner hier in der Gegend Geld leihen?«

Ramsey starrte auf den Boden und schüttelte den Kopf. »Bin schon überall gewesen. War auch beim Amt, aber die haben gesagt, solange ich kein Essen brauch, muss ich so klarkommen.«

Dad richtete sich wieder auf und wischte sich übers Gesicht. »Tut mir leid, Ramsey«, sagte er. »Aber ich kann nichts tun.« Er stand auf und wankte ins Haus, sein gebeugter Rücken ein Erdhügel.

Ramsey blickte ihm nach. Ich war froh, dass es dunkel war und wir sein Gesicht und den entsetzlich gequälten Ausdruck, der bestimmt darauf lag, nicht sehen konnten. Dann drehte er sich um und trollte sich, verwirrt vor sich hin redend, ein schwarzes, fassungsloses Gestammel.

Es gab nichts, was irgendjemand von uns tun konnte. Gar nichts. Dad hatte recht. Geld hatten wir keines übrig. Essen – aber mit Essen konnte man keine Pacht bezahlen. Wir hatten schon seit zwei Monaten nichts mehr eingekauft, nicht mal Einmachzucker. Ich konnte Merle weinen hören, als er gegangen war, und sogar Kerrin sah elend aus.