Am letzten Juliabend saßen wir still auf der Veranda, während Vater auf der Suche nach Augustniederschlägen im Almanach blätterte. Grant kam irgendwann dazu, stellte seine Kübel ab und ging zum Barometer, so wie Merle es jeden Abend machte, als wäre das kaputte alte Ding irgendwie in der Lage, Regen zu bringen, anstatt immer nur ›klar und trocken‹ anzuzeigen. Mitunter hatte sie es geschüttelt, aber der Zeiger regte sich nicht. Grant sah, dass ich ihn beobachtete, und grinste, weil er wusste, dass ich ihn erst vor einer Stunde hatte nachschauen sehen, als er die Eimer holen gekommen war. »Es hätte sich was ändern können – man weiß nie«, sagte er. Er war ausgebrannt, von der Hitze ausgehöhlt, aber immer noch groß, sein Gesicht zerfurcht, die Wangenknochen breiter geworden und vorstehend, wo das Fleisch geschwunden war. »Geh an die Arbeit«, sagte er. »Schnüffle nicht anderer Leute Fehler aus! Immerhin hab ich eine Art Dunst bemerkt –« Ich wusste, dass es nur Staub war, und er wusste es auch, aber mein Verstand war zu stark geschrumpft, um mir eine Antwort einzugeben, und er erwartete keine Erwiderung mehr von mir, wie sie Merle eingefallen wäre, und tat so, als wolle er auch keine.

Er setzte sich neben mich, und wir starrten ins Grau des Tals. Nach und nach flutete ein mattes Violett dessen Wände, und die Farbe des einzigen noch übrig gebliebenen Tümpels war stumpfes Messing. Entlang der Felsvorsprünge lag noch ein spätes rotes Licht auf den Steinen. Wir saßen dort zusammen, aber Welten voneinander entfernt, seine Gedanken wie immer bei Merle, und ich wusste, ich brauchte nur zu warten und er würde etwas über sie sagen. Und ich fragte mich, ob ich in meinem Leben noch einmal frei sein würde von diesem vertrauten Schmerz, der uralt war wie das Leben – Liebe ohne Erwiderung oder Hoffnung, aber von keiner Veränderung berührt … Er saß vornübergebeugt da, als hätte er festgestellt, wie viel schwerer der Widerstand die Dinge macht, die ohnehin unvermeidlich sind, und ich merkte ihm jene fast beschämende Erschöpfung an, die von der Hitze und nicht von der Arbeit kommt. Doch als er sich wegdrehte und aufstand, sah ich, dass ich mich geirrt hatte und all die stille Auflehnung und Anspannung noch in ihm war. Stocksteif und stumm, weigerte er sich starrsinnig, das Leben zu dessen Bedingungen zu akzeptieren und einen tristen Frieden damit zu schließen. Eine Zeit lang würde er es nehmen, wie es war – aber nicht ewig.

Eine leichte Brise kam auf, bewegte die toten Blätter eines Rebstocks – in der trockenen Stille war es beinahe kühl – und erstarb. »Die Brise kommt wieder«, sagte Dad. »Ist mehr, als die Farmer im Tal haben. Da unten in der Niederung gibt’s überhaupt keinen Wind.« Er nahm den Hut ab und legte ihn auf die Treppe, wischte sich über das nasse, dünn werdende Haar und den roten Schädel, der feucht darunter durchschimmerte. Er wirkte irgendwie heiterer, wie ein Mann, der am Boden angekommen war, nachdem er so viel durchgemacht hatte, dass mehr nicht möglich schien, und nun zu hoffen begann.

Kein Geräusch war zu hören. Nur einmal in weiter Ferne, irgendwo in Rathmans Richtung, das trockene Brüllen eines durstigen Stiers. Die Brise kam wieder auf, bewegte Grants feuchtes Haar. »Die Abende sind nicht mehr so heiß«, sagte Dad. »Ist fast kalt unten am Fluss.«

»Das nächste Jahr wird anders«, sagte Mutter. »Drei Jahre Dürre hintereinander habe ich noch nie erlebt. Der Mais dürfte bei der Knappheit mehr einbringen.«

»Könnte er«, sagte Dad. Nach diesen zehn Jahren war er so weit, dass er sich nicht mehr festlegte oder Vorhersagen machte. Wir sagten meistens »dürfte« oder »könnte«, selten »wird«. Dennoch war da eine Hoffnung, wenn auch schwach und weit entfernt, und sie ließ die Hitze und das Sterben um uns herum weniger schlimm erscheinen, und langsam, zögernd kam etwas Abkühlung in die Luft. Der violette Nebel kroch bis zu den Felsvorsprüngen hinauf und löschte das Flussbett und die Fichten aus. Nächstes Jahr … gepachtete Hoffnung … die Chance gar, etwas beiseitezulegen, wenn es eine Gewinnspanne gäbe. Diese Dürre hatte sich schon ereignet. Sie war da und konnte sich kein zweites Mal ereignen. Die Erde würde irgendeinen Ausgleich schaffen für diese trockene Hölle und Verwüstung.

Plötzlich stand Grant auf und ging ein Stück in den Hof. Er blickte gen Süden, die Straße hinunter, und wir sahen zwei Maultiere vor einem Wagen, von ihrem eigenen Staub verschleiert und quälend langsam vorankommend.

»Ramseys Maultiere«, sagte Grant.

Dad spähte durch seine staubige Brille und fragte, wo Ramsey zu dieser Stunde wohl hinwolle. »Kann nicht stimmen, Grant«, sagte er. »Ramsey hat keine Zeit, durch die Gegend zu fahren – keinen Grund an einem Wochentag.«

»Der hat jetzt ganz viel Zeit«, sagte Grant. »Mehr, als er je brauchen wird.« Aber Dad verstand ihn nicht.

Der Wagen kam näher, und wir sahen, dass es Christian war, der die Zügel in den Händen hielt, vornübergebeugt, als wäre er halb eingeschlafen. Lucia saß aufrecht neben ihm, wuchtig, über den Sitz quellend, mit dem schlafenden schmutzigen Mac im Arm. Die anderen Kinder waren hinten im Wagen, zwischen Kisten und anderen Sachen eingequetscht, Feuerholz vielleicht oder Stühlen. Niedergedrückt blickten sie uns an, Henrys Gesicht verquollen und ausgezehrt vom Weinen. Eins der kleinen Mädchen winkte. Sie hielten am Tor, den Maultieren lief der Schweiß aus dem Fell, die Haare auf ihren Gesichtern, unter den Augenhöhlen, waren feuchtschwarz. Am Rumpf des einen war eine wunde Stelle vom Gurtzeug sichtbar, groß wie eine Hand, an den Rändern schwarz, aber rot da, wo die Fliegen hockten.

»Turner hat ihn also rausgeworfen«, sagte Grant. »Er konnte die Pacht nicht auftreiben.«

Dad sah ihn an und sagte: »Ach so«, als ob er es weder glaubte noch begriff, aber wollte, dass wir das dachten. Es traf ihn wie ein Schock, obwohl Ramsey ihm nichts bedeutete.

Grant ging mit mir zum Tor. Die Kinder waren verlegen und ernst, und selbst Lucia wirkte alt. »Der gottverdammte alte Alligator hat uns rausgeschmissen, Mister Koven. Hat seinen Kerl zu uns geschickt und gesagt, wir sollen keinen Ärger machen. Ist nicht mal selbst gekommen, sonst hätt ich ihm den Ofen übern Kopf gezogen. Das wusste er auch!« Henry kletterte über das Rad und schob seine Hand in die von Grant. Er blickte ernst zu ihm hoch und bohrte in der Nase. Grant fragte, ob sie wüssten, wohin, aber Ramsey schüttelte den Kopf. »Irgendwo in Union. Lucia kann vielleicht Arbeit in ’ner Fabrik finden.« Er schaute die ganze Zeit auf die Maultiere hinunter und drehte den Kopf nicht zu uns, um uns anzusehen; trübsinnig und hoffnungslos, sodass alles, was wir sagten, hohl klang. »Wir haben noch den alten Muuh«, flüsterte Henry und zeigte auf Moores Geisterkörper, der mit einer schmutzigen Schnur an ein Rad gebunden war. »Er wollte ihn totmachen, aber Mom hat gesagt, nee, den behältst du für die Kinder!«

Ramsey hob die Zügel und richtete sich auf, schnalzte und schalt mit Henry. Nicht ärgerlich, eher so, als käme es auf nichts mehr sonderlich an, und ihn zu rüffeln wäre ihm nur aus alter Gewohnheit eingefallen. Grant nahm Henry hoch und zwängte ihn neben das rostige Bett. Der Wagen war voller Zeugs, das aussah wie die Restbestände eines Schrotthändlers. Paula saß auf einem Haufen rostiger Dosen und hielt einen alten aufgeplatzten und durchlöcherten Radschlauch in den Armen. »Schuhflicken«, erklärte Henry. Unter den Säcken und Möbeln war die Ladefläche mit Maiskolben übersät.

»Die haben wir mitgenommen«, sagte Lucia. »Chrishun schuldet Mister Turner alles, also haben wir so viel geklaut, wie in den Wagen gepasst hat. Er kommt die Maultiere holen, wenn wir geschnappt werden, aber den Wagen will er nicht, hat er gesagt. Das hier ist der ganze Mais, der schon reif war.«

»Wollt ihr den verkaufen?«, fragte Grant sie. »Habt ja nichts mehr, woran ihr ihn verfüttern könnt.«

Lucia grinste. »Den behalten wir, Mister Koven. Mais hält sich lange. Bringt uns vielleicht mal ein paar Hühner und ’n Schwein ein. Dann haben wir was, woran wir ihn verfüttern können.« Sie wirkte zuversichtlich und gelassen. »Sag deinen Leuten Lebewohl, Miss Marget. Und du auch, leb wohl. Sie auch, Mister Koven!«

Christian ruckte an den Zügeln, und sie zuckelten wieder los. Henry, im Wagen stehend, winkte ungestüm und beugte sich über den Rand. Die Kinder schrien ihr Lebewohl, und Lucia winkte mit einer Hand. Groß und schwarz, das Gesicht unter plötzlich strömenden Tränen verzerrt.

Die Maultiere krochen am verdorrten Maisfeld um die Kurve und waren außer Sicht.

Das wird uns auch noch passieren, dachte ich. Wir werden uns genauso von hier fortschleichen, wie wir hergekommen sind.

»Arme alte Lucia!«, sagte Grant. »Ich wünschte, sie hätte ihre Chance bekommen, Turner eins überzuziehen!«