Im August strömte der Geruch von Trauben wie eine warme Flut durch die Fenster. Doch sie reiften ungleichmäßig, harte grüne Kugeln durchzogen das Violett. Die Äpfel fielen zu früh und landeten knisternd im trockenen Gras – die Goldsommeräpfel matschig und braun, die sauren Winesaps rot mit weißem Fleisch. Der Bach hörte ganz auf zu fließen, und die Wälder waren voller toter Dinge – Blätterstaub und dorniger Reben, die zerbröselten, wenn man sie berührte. Frühmorgens war es manchmal kühl und still, doch dann kam die Hitze zurück, die Sonne knallend und erbarmungslos wie immer, und die roten Pflaumen prasselten wie Regen in das ausgedörrte Gras. An manchen Stellen ließen die Heuschrecken nur die weißen Gräten des Unkrauts übrig, selbst die blasse Haut war abgeschält, und die Maisstängel sahen aus wie gelbe Skelette. Der größte Teil des Gartens war verloren. Selbst die Kartoffeln so schwarz wie nach einem Frost oder Feuer. Die Gurken, eingerollt und runzlig. Verfaulende Tomaten mit heller, übel riechender Schale. Die Bohnen fahl und farblos.
Tag für Tag ging es so weiter. Heißer Wind, heiße Sonne, heiße Nächte und Tage, austrocknende Teiche und Flüsse; langsam, aber sicher wurde alles umgebracht, was sich traute, ein grünes Blatt oder einen Sprössling auszutreiben. Nur die Weiden lebten.
Es gab Zeiten, da wollte ich mich einrollen wie ein Stück Asche oder schreien. Es war unerträglich, sage ich euch! Tod im heißen Wind, im gleißenden Sonnenlicht und in der trockenen Luft. Die Felder weiß gesengt.
Ich sah die frühe Goldrute kraftlos blühen, als schwebten gelbe Pollen an den Zaunstreifen entlang, und erinnerte mich, dass es einmal eine Zeit gab – hundert Jahre schien es her zu sein –, als der Anblick von Goldrute genügt hatte, um zu leben und davon zu zehren. Doch in diesen Tagen war es nur ein verschwommener Eindruck jenseits des Gedankens an Kartoffeln und die ausgedörrten Felder und Kerrins zunehmende Geistesverlorenheit. Sie unterrichtete wieder, seit die Schule im August angefangen hatte, schien aber immer noch unsicher zu sein, was sie wollte, wütend und störrisch, weil sie nicht erreichen oder tun konnte, wovon sie selbst keine klare Vorstellung hatte.
Und dann, als es schien, uns könnte nichts Schlimmeres oder Schrecklicheres mehr zustoßen, passierte noch etwas.
Eines Morgens riefen uns die Huttons an. Fragten, ob wir in Kerrins Schule Bescheid sagen könnten, dass Whit Hutton nach Hause kommen solle. Sein Onkel sei tot, sagten sie. Der Heuaufzug sei gebrochen und auf ihn gestürzt. Nein, Ma’am, sonst gibt es nichts, was zu tun wäre. Nur Whit sagen, er solle sofort nach Hause kommen.
Es war ein langer Fußmarsch zur Schule, und unterwegs, im Staub der vielen Kilometer, jede Sekunde auf die Momente hinlebend, wenn ein Baum seinen dünnen trockenen Schatten warf, fragte ich mich, warum alle immer solche Eile hatten, eine Todesnachricht zu verbreiten. Warum sollten wir so schnell davon erfahren? Warum kämpfte ich mich hier durch die heiße Mittagssonne, bloß damit Whit ein paar Stunden früher von etwas erfuhr, was weder ihm noch sonst irgendeinem helfen würde? Immer wenn Menschen sterben, wird die bittere Nachricht eilends, noch bevor ihnen überhaupt jemand die Augen zugedrückt hat, jenen überbracht, die es am meisten betrifft, als missgönnten die Zeugen des Todes allen anderen auch nur eine halbe Stunde gnädiger Ahnungslosigkeit. Außerdem kannte ich Whit Huttons Onkel, und wenn ein Heuaufzug abgestürzt war und ihm den Kopf zu einem blutigen Brei zerquetscht hatte, dann lag das daran, dass er zu betrunken gewesen war, um zu merken, wo seine Füße standen, und wenigstens brauchte jetzt Stella einen weniger satt zu machen und nachts rauszuwerfen. Trotzdem würde es eine große Beerdigung geben, und Wallace, der sein Leben lang die Kirche gemieden und einen Bogen um sie gemacht hatte wie um einen Treibsandsumpf, würde mit den anderen Huttons unter ein scheußliches Familiengrabmal gelegt, dessen Schatten immer aussah wie ein monströser, über den Gräbern thronender Toiletteneimer.
Es gab keinen Grund zur Eile. Wally konnte nirgends mehr hin. Zeit genug, viele Stunden Zeit für Whit, den zerschmetterten Schädel seines Onkels zu sehen und sich die Ohren damit vollstopfen zu lassen, wie es passiert war, und das auf verschiedene Weisen, mal leise, mal schrill. Damals, als Wally noch lebte und ein in Gin getränktes schalldichtes Schutzschild zwischen sich und die harte Notwendigkeit des Denkens gehalten hatte – damals wäre Eile geboten gewesen. Aber erst ein Mann mit blau gequetschtem Schädel, dessen schlampiges Herz für immer stehen geblieben war, setzte irgendeinen in Trab. Ich fragte mich, was es für Whit bedeuten würde – einen freien Tag und eine Art Berühmtheit bei den anderen, eine Extrascheibe Brot am Morgen, jetzt, wo der dicke alte Wally seinen Appetit verloren hatte. Guter Mulch für ein Maisfeld, hatte Grant einmal von ihm gesagt. Ereignisse treffen plötzlich ein. Nicht, wenn wir sie am meisten fürchten oder um sie beten, aber auch nicht ohne Ursache oder Zusammenhang, wenn wir nur den unsichtbaren Plan verfolgen könnten. War das tatsächlich so? Angenommen, Grant würde sterben. Wo wäre da das Muster? Ich konnte nicht weiter über diese Dinge nachdenken – nicht, wenn es mir wirklich wichtig war, nicht, wenn beim bloßen Gedanken mein Herz verdorrte wie Erde.
In den Wäldern gab es kein Laub und kein Unterholz mehr. Die Johannisbrotbäume dünn und dornig, von Heuschreckenmäulern weiß genagt, die Klettertrompeten nackt, ohne Blätter. Die Maisfelder sahen aus wie im späten November.
Der Schulhofrasen war staubig, an manchen Stellen kahl gewetzt wie ein Hühnerhof, und die schattenlosen Fenster waren von Fingerabdrücken verschmiert. Ich ging leise zur Tür und blieb dort stehen. Seit Kerrins Schule dieses Jahr wieder geöffnet hatte, war niemand von uns dort gewesen. Es war zu schwierig, sich einen Grund dafür auszudenken, der nicht wie Schnüffelei wirken würde. Nichts wäre eindeutiger oder verdächtiger gewesen, als wenn eine von uns einfach zur Schule gekommen wäre, um sie unterrichten zu hören. Aber ihr Zustand hatte sich in diesem Monat noch verschlechtert, und wir machten uns Sorgen, fragten uns, wie sie wohl unterrichtete und was in der Schule vor sich ging. Anfang August war sie rastloser gewesen denn je und hatte Grant manchmal nach Union begleitet, wenn er die Milch dorthin fuhr. Aber sie merkte sich nie, was wir ihr auftrugen, und zögerte Grants Rückkehr hinaus. Auch schien sie keinen Deut glücklicher, mal eine Weile von der Farm fort gewesen zu sein; nichts in Union, sagte sie, unterscheide sich wesentlich davon, wie es hier in den Ställen sei. Zunächst hatte es den Anschein gehabt, als wäre sie froh, wieder in der Schule zu sein, auch wenn sie seltsam widerwillig von ihrem Unterricht erzählte. Sie redete viel von den Aufführungen, die sie mit den Kindern machen würde, und saß mit dunklem, konzentriertem Gesicht da, als entstünden all die Theaterstücke und Darbietungen gerade in ihrem Kopf. »Ich muss planen«, sagte sie immer wieder, starrte in die Luft und vergaß alles. Sie weigerte sich, uns zu erzählen, wie es lief, was die Kinder sagten oder taten. »Sie lernen. Ich sehe schon, dass sie etwas lernen. Was gibt es da noch zu sagen? Was wollt ihr denn wissen? Wie es in dem Raum gerochen hat? Wer wen getreten hat? Wie dumm Huttons Kinder sein können? Vielleicht hättet ihr gern ein Diagramm von ihrem Schmutz!« Und damit ließ sie uns stehen, wollte nicht weiter mit uns reden. Mutter wirkte seit einiger Zeit angestrengt und bedrückt, als wäre ihr etwas verloren gegangen und Frieden zu finden immer schwerer für sie. Sie beobachtete Kerrin, wusste sie doch, wie zwecklos es war, das Gespräch mit ihr zu suchen oder auch nur dem Rand der Wahrheit nahe zu kommen, wenn Kerrin sich nicht unbewusst verriet. »Du müsstest irgendwann mal zur Schule gehen und sie dort sehen«, sagte sie zu mir. »Denk dir einen Grund aus, hinzugehen, während sie arbeitet.«
Doch bis jetzt war mir kein Vorwand eingefallen. Und hinterher wünschte ich manchmal, bei Gott, es hätte nie einen Grund gegeben. Kerrin saß am Pult, sah mich aber nicht. Sie blickte auf ihr Buch hinunter und murmelte Fragen in die Klasse. Die Temperatur unter dem Dach grenzte an Ofenhitze, und ihre Haare waren feucht, klebten ihr flach am Kopf wie schwerer Schlamm. Sie stellte die Fragen schnell, ohne aufzuschauen und ohne irgendwelche Antworten abzuwarten. »Richtig«, sagte sie und ging zur nächsten Frage über. Die Kinder rekelten sich oder schliefen auf ihren Stühlen, doch niemand flüsterte. Es war sonderbar – dass sie so still waren und dass Kerrin nicht aufschaute. Selbst hier, im schattenlosen Licht der prallen Sonne, wurde mir aus irgendeinem Grund kalt und elend. Dann begriff ich, dass sie Angst hatten zu sprechen. Sie waren an dieses Verhalten von ihr gewöhnt!
Fünf Minuten lang ratterte sie weiter ihre Fragen herunter, dann knallte sie das Buch zu. Sie blickte auf und sah mich, ohne gleich zu erkennen, wer da war. Dann stieg ihr wellenartig das Blut ins Gesicht und verebbte wieder, sodass nur die angeschmutzte, verbrannte Farbe ihrer Haut blieb. Sie war wütend und nervös, als wäre sie bei etwas Bösem ertappt worden. »Wann bist du hier reingeschlichen? Wer hat dich geschickt?«, fragte sie ein ums andere Mal, bevor ich die Chance hatte, es ihr zu sagen. Sie kam zur Tür, und in dem grellen Licht sah ihr mageres Gesicht verfleckt und hässlich aus. Selbst als ich ihr erklärte, warum ich gekommen war, und sie Whit zu sich rief, beschäftigte sie die Empörung über meine Anwesenheit mehr als die Nachricht vom Tod des alten Wally. »Wer hat dich geschickt?«, fragte sie. »Wieso hast du dich hier reingeschlichen? Warum sind sie nicht selbst gekommen?«
Als Whit bei uns war, sagte sie ihm, er solle nach Hause gehen. »Deine Eltern haben angerufen. Du musst nach Hause.« Der Junge wirkte ängstlich und muffelig und schien ihr nicht zu glauben. »Dein Onkel ist tot«, sagte sie. »Der Heuaufzug hat ihn zur Strecke gebracht.« Sie schien fast ein boshaftes Vergnügen daran zu finden, es ihm auf diese Weise mitzuteilen. Whit starrte uns an und schoss dann wie ein irres Kaninchen auf die Straße. Ich rief ihm hinterher, er solle nicht rennen, in der heißen Sonne könne er sterben, aber er hörte es nicht.
»Wally läuft schon nicht weg!«, rief Kerrin. »Der wartet – kein Grund zur Eile!« Sie brach in Gelächter aus und wandte sich dann wieder mir zu. »Die Show ist zu Ende«, sagte sie. »Kein Grund, hier noch länger rumzulungern. Oder denkst du dir vielleicht noch einen anderen Grund aus?«
»Nein, das war alles«, sagte ich. »Ich muss zurück. Ich hätte ja damit gewartet, aber sie wären ärgerlich gewesen – empört –, wenn er die Nachricht nicht sofort erhalten hätte. Was ist so schlimm daran, dass ich hier bin, Kerrin?« Ich wusste, dass es zwecklos war, sie das zu fragen – dass Fragen sie nicht mehr erreichten –, aber ich konnte nicht widerstehen, konnte diesen letzten Versuch nicht unterdrücken, sie so zu behandeln, als wäre sie vernünftigen Gedanken zugänglich. Allerdings machte es sie nur noch wütender.
»Du wolltest bloß sehen, ob ich hier bin, wolltest einen Vorwand haben, mich unterrichten zu sehen! Whit hätte warten können. Du wolltest bloß herkommen und mich beobachten. Was anderes als Leute beobachten und ihnen nachspionieren machst du doch sowieso nie. Du hast Angst, selbst irgendwas zu tun! Was hast du jemals getan, was schwierig gewesen wäre? Was kennst du denn außer deinem ewigen Gebacke und deinen Büchern? Deinen süßen kleinen Blättern und Gräsern!« Ihre Stimme wurde immer lauter, bis sie beinahe brüllte. Laut und närrisch da draußen auf dem staubigen Hof. Dann, bevor ich antworten konnte, kehrte sie mir den Rücken zu und schloss die Tür.
Auf dem Rückweg vergaß ich sogar den Staub und die Hitze. Jetzt erinnere ich mich an das staubige Grau der jungen Ulmen und die nackten Ranken, aber damals konnte ich an nichts anderes denken als an Kerrin.
Als ich Mutter erzählte, was ich gesehen hatte, sagte sie zuerst nichts, sondern setzte sich nur auf die Veranda, zu müde und belastet, um länger zu stehen. Es war sechs Uhr und die Sonne noch so heiß wie am Mittag, die Ranken an den Säulen tot – nichts als Schnüre mit ein paar trockenen Blättern daran. Wenn sich die Kühe in der Nähe des Stalls bewegten, flog der Staub in dicken Wolken auf und setzte sich dann knöcheltief in ihren Hufspuren ab.
»Wir müssen ihnen gleich Bescheid geben«, sagte Mutter schließlich. »Wenn sie ihre Kinder nicht unterrichtet. Wenn sie nicht mehr verantwortungsvoll ist.«
»Das finden sie noch früh genug raus«, sagte ich. »Und sie wird sowieso nicht auf uns hören. Es gibt nichts, was wir tun oder sagen könnten. Sie werden es von den Kindern erfahren und ihr kündigen.« So in Worte gefasst, klang es grob und gleichgültig. Es war die Wahrheit, aber die Wahrheit ohne all die darunterliegende Angst und Bedeutung und Sorge. Wir konnten so viel fühlen, aber nur in kargen, simplen Worten miteinander reden. Kurz sah ich vor mir, wie unerträglich es sein würde, wenn Kerrin wieder den ganzen Tag zu Hause wäre, schlimmer denn je nach der Demütigung, entlassen worden zu sein. Mir war auch nicht klar, wie wir ohne ihr Geld zurechtkommen würden. Der arme Dad, ohnehin schon von Schulden und Dürre geplagt, würde einen Ersatz für ihren zwar missmutig geleisteten, aber willkommenen Beitrag finden müssen. Es gab doch schon genug Hass, genug Angst – ein Übel folgte auf das andere, bis es unmöglich schien, noch mehr zu leiden. Ich erinnerte mich an die schrecklichen Worte in Lear: »’s ist nicht das Schlimmste, solang man sagen kann: dies ist das Schlimmste.« In diesem Jahr hatte ich schon unzählige Male gerufen: Es ist genug!, und das Ende war nie gekommen.
»Morgen musst du zum Schulamt gehen«, sagte Mutter. »Sie müssen jemand anders für sie finden.«
Ich wünschte, es würde nie morgen werden.