Ich weiß nicht, wie es sonst für uns weitergegangen oder was gewesen wäre, aber jener Abend war Ende und Anfang von mehr, als ich ertragen zu können geglaubt hatte.
Kerrin bemerkte das Feuer unten beim Südfeld. Sie war noch spät draußen unterwegs gewesen und in der Nähe der Ställe herumgewandert, als sie sah, wie es die Buscheichenreihe verschleierte, und es im Wind roch. Sie kam zurück und rief uns, halb wild vor Aufregung, aus dem Schlaf. »Es ist da!«, rief sie. Hämmerte gegen Grants Tür und schüttelte Merle, die seit Stunden schwer im Schlaf versunken war. Vater wankte aus dem Bett, und ich verstand erst einmal nichts, sah sie dann kreischend dort im Mondlicht stehen, selbst das Rot ihrer Haare deutlich erkennbar – so verblüffend klar war die Nacht. »Steht auf, ihr armen Dummköpfe!«, rief sie und wirkte fast unbändig froh, auf eine hämische Art. Grant kam heraus, noch dabei, sich seine Sachen überzuziehen; grimmig und müde, mit verstrubbeltem Haar. Jetzt sahen auch wir das rote Licht, eine breite Flut entlang dem Feldrand, die sich den Ställen näherte. Grant lief als Erster los und dann Vater, stolpernd und fluchend, sein Gesicht ein furchtbares Durcheinander aus Angst und Wut.
»Jetzt kannst du’s nie und nimmer mehr aufhalten!«, rief Kerrin; plötzlich – und verblüffend für sie – griff sie nach Mutter und versuchte sie zurückzuhalten. »Geh nicht!«, sagte sie.
»Wir müssen«, sagte Mutter. »Es kommt schnell.« Sie zerrte einen Haufen Säcke herunter, und Kerrin half ihr. Wir tränkten sie in unserem letzten Fass, und es schmerzte, Wasser auf den Boden spritzen zu sehen.
Die Hitze war entsetzlich. Wir bekämpften das Feuer am Rand, wo die Büsche niedrig waren, doch der Rauch stach wie Wespen und hüllte uns in dichte Wolken, und unsere Haut wurde wund. Ich schaute einmal zu Merle hinüber, die mit ihrem Sack auf die Flammen einschlug, und der Dampf wirbelte um sie herum, als wäre sie selbst eine Fackel. Die Hitze hätte man noch ertragen können, so gewaltig und siedend sie auch war, aber der Rauch gab uns erst gar keine Chance. Eine Tortur, zu heimtückisch, um dagegen anzukommen. Kerrin lief zurück, die Hand über den Augen, und schrie; und ich erinnere mich jetzt, wie schrecklich ihr dürres, panisches Stolpern im Mondlicht aussah, auch wenn ich wegen der Tränen, die mir in den Augen brannten, kaum etwas erkennen konnte; ich schlug blind aufs Gras ein, spürte dabei den heißen Boden unter meinen Füßen und hörte überall um mich herum das stetige Gebrüll des Waldrands, dort, wo das Feuer über das trockene Eichenlaub raste und das tote Unterholz ein Flammenmeer war. »Lasst es nicht bis zum Maisfeld kommen!«, rief Dad immer wieder. Er und Grant machten sich hilflos mit ihren Spaten zu schaffen, versuchten, einen Pfad auszuheben, den die Flammen nicht überspringen könnten, doch hinter ihnen, ein Stück weiter unten, schweifte das Feuer aus und kam in einem großen Bogen auf uns zu. Wir hatten keine Zeit für irgendwelche Gedanken, keine Zeit für Angst. Es war schrecklich, und wir waren zu dicht dran, um auch nur ansatzweise zu begreifen, was es bedeutete.
Dann plötzlich – ich weiß nicht, wie, es sei denn, sie stolperte und taumelte seitlich ins brennende Unkraut – fiel Mutter hin und wurde von den Flammen umspült, bevor sie sich aufrappeln oder schreien konnte. Grant sah es und rannte über das halbe Feld, warf seinen Spaten weg und rief durch das Tosen und den Rauch hindurch laut nach uns, und als wir bei ihnen ankamen, hatte er sie schon aus dem Feuer gezogen und die Flammen mit den Händen und dem Sack, den sie bei sich hatte, erstickt – doch zu spät, um zu verhindern, dass sie Verbrennungen erlitt.
Grant und Kerrin trugen sie zurück, während Dad auf dem Feld blieb und peitschte und schaufelte wie ein Riese und Merle mit ihm. Ich lief zum Haus, weil ich wusste, dass Kerrin nur weinen und beten und keine Ahnung haben würde, wo irgendetwas zu finden wäre, auch wenn mir selbst in dem Augenblick nicht ganz klar war, was ich tun oder finden sollte, um zu helfen. Ich schickte Kerrin zu Rathmans und tat mit den Dingen, die wir hatten, mein Möglichstes, aber nichts schien genug, um all die furchtbaren Brandwunden zu bedecken, und es war nur wenig Salbe im Regal, die ich auf ihrem Gesicht und ihren Händen verteilen konnte.
Die Luft war voller Rauch und im Lampenschein wie Nebel. Man konnte nur schwer atmen, und Mutter schrie manchmal auf.
»Geh du zurück«, sagte ich zu Grant. Es gab nichts, was er tun konnte – keine Möglichkeit für irgendeinen, sich zwischen sie und ihr Leiden zu stellen –, und unterdessen kam das Feuer die ganze Zeit näher. Buscheichen und Sträucher auf dem weiten Feld, die jäh zu Fackeln wurden, auflodernde Zaunpfähle und lautes Gebrüll, wenn Äste zu Boden krachten. Grant ging hinaus, und ich blieb allein, konnte nichts tun, außer zu beten und laut zu rufen nach irgendetwas oder gegen alles und jeden – Herrgott, bitte!
Es war furchtbar – entsetzlich –, sie leiden zu sehen. Ich glaube, ich würde lieber gefoltert werden, als diese Nacht noch einmal durchzumachen. Das rot gleißende, in den Fensterscheiben gespiegelte Licht, die beißende Luft, Mutter, die dort auf dem Bett lag, rot gefleckt und halb wahnsinnig vor Schmerzen … Dann kam Kerrin mit etwas Salbe zurück und sagte, sie hätten einen Arzt gerufen, und stand weinend da und schlug die Hände zusammen – ging sogar neben dem Bett auf die Knie und sagte immer wieder: O Gott, bitte nimm es fort! Nimm es fort! Mrs. Rathman sah sie an, verständnislos und von ihrer Heftigkeit verängstigt, und die ganze Zeit wurde der Rauch im Zimmer stärker und ätzender, bis Mutter anfing, nach Atem zu ringen. Auch Max kam, und Kerrin stand auf und ging mit ihm hinaus, um den Graben rund ums Maisfeld fertig zu schachten. Der ganze Wald war jetzt praktisch dahin und auch der Heuhaufen, der dem Zaun am nächsten war, und wir hörten das Zischen und Lecken des Feuers zwischen den Weizenstoppeln, während es quer über die nordwestliche Ecke des Feldes züngelte.
»Geh du auch«, sagte Mrs. Rathman. Sie verteilte ihre schmierige braune Salbe auf Mutters Hals und wirkte verlässlich und beruhigend, voller Zuversicht, jetzt, da Kerrin nicht mehr da war. Ich ging also wieder nach draußen und rannte zum Feld, sah sie alle gegen das Feuer angehen wie aufgebrachte schwarze Ameisen, Merle, immer noch peitschend und schlagend, die Männer, wild wie Tiere in der Erde scharrend. Dad hatte nicht genug Luft zum Sprechen, schaute aber, als ich ankam, mit wütendem und schmerzverzerrtem Gesicht zu mir hoch und stach dann weiter mit dem Spaten auf das Gras ein.
»Mrs. Rathman ist hier«, sagte ich, »und der Arzt kommt.« Es war leichter, die Hitze und den Qualm des Rauchs auszuhalten, als sie leiden zu sehen, und ich schlug auf das flache Gras ein, bis es eine Qual war, Luft zu holen.
Als die Flammen den ausgescharrten Graben erreichten, hielten sie inne, leckten und flackerten und gingen aus, sprangen nur an manchen Stellen doch noch hinüber, griffen nach den haarigen Disteln, erneut vorwärtsschießend und sich ausbreitend. Es war wie ein schrecklicher Albtraum vom Ende der Welt … Dann erstarb plötzlich der Wind, die Flammen erlahmten, und der Rauch trieb nach oben anstatt in blinden Wolken auf uns zu. Der Mond wurde blasser, das Licht gräulich. Es war die Stunde vor der Dämmerung, wenn der Wind sich in solchen Nächten stets zu legen pflegte; und endlich kam eine leichte Kühle in die Luft. Als die Geräusche allmählich nachließen, hörten wir die Hähne krähen, schriller als sonst, unheimlich und alarmierend wie von einer anderen Welt.
Wir schlugen die letzten Flammen aus, und Merle häufte Erde auf einen glühenden Zaunpfahl. Die Drähte lagen quer über dem Feld, und die verkohlten Pfähle dazwischen glichen verbrannten Krähen, die sich in den Stacheln verfangen hatten.