Sie starb in jener Nacht. Das war vor einem Monat, Anfang Oktober, als die Herbststürme einsetzten. Die ersten Regenfälle seit Februar. Einst dachte ich, es gäbe Worte für alles außer der Liebe und atemberaubender Schönheit. Jetzt weiß ich, dass es noch etwas drittes Unbeschreibbares gibt – das Gefühl des Verlusts. Es gibt keine Worte für den Tod.

Am Abend nach ihrer Beerdigung ging ich hinaus und lief kilometerweit durch die Dunkelheit. Es war kalt und feucht. Nebelkälte und Luft wie im winterlichen Sumpf. Laub, das nass in den Wagenspuren lag. Ich weiß nicht, wie weit ich ging – Stunden die dämmrigen Straßen entlang; doch diesmal vermochte die Dunkelheit die in mir aufgebrochene Leere nicht zuzudecken oder zu füllen. Ich konnte mir nichts mehr vormachen, nicht mehr hoffen oder blind an das Gute glauben. Es war alles verschwunden. Der Glaube weggefegt wie ein kleiner Grashaufen und nichts mehr da, wofür es noch zu leben, worauf es zu warten lohnte. Gott war nur ein Name, und der Sinn dieses Namens war ihr Leben gewesen. Jetzt war nichts mehr übrig … An einem Abend vor acht oder neun Jahren hatte sich zum ersten Mal ein Schatten dieses gewaltigen Verlusts und Zweifels gezeigt, das fiel mir jetzt ein, als ich durch die nutzlose Dunkelheit nach Hause stolperte. Ich hatte sie miteinander reden hören, Dad müde und gereizt, nachdem er seinen Mais für weniger als den Preis eines Pflugs losgeworden war. »Herrgott! Wollen die nicht, dass einer sein Land bestellt?«, sagte er. »Was glauben die denn, wo der Mais herkommen soll, wenn sie uns von unserm Land wegdrängen? Essen müssen sie doch weiß Gott auch!« Und dann Mutters Stimme in der Dunkelheit, heftig und halb weinend: »Sollen sie doch Alligatorkraut und Ackerrade essen! Die wachsen wild.« Ich hatte Angst vor dem Ton in ihrer Stimme. Als wär all ihr Vertrauen, all ihr Glauben weg und wir müssten mit Wind und Leere fertigwerden, und auch sie wie wir anderen wäre beim Hassen und Zweifeln angelangt. Ich wartete darauf, dass sie weiterreden und ihm sagen würde, es sei nicht so schlimm, nächstes Jahr würde es besser werden … Aber sie blieb still und sagte gar nichts mehr. Damals verstand ich nur ansatzweise, was mir jetzt, am Abend nach ihrer Beerdigung, vollends klar wurde – dass ich geglaubt hatte, weil sie glaubte, und wenn sie den Glauben verlor und zu uns in die Dunkelheit kam und dort in keinem helleren Licht herumtappte als ich, dann war mein ganzer blinder Glaube an das Gute dahin … Doch all das war nichts neben dem unerträglichen Gefühl des Verlusts.