Ich bin heute Morgen zu den Rathmans gegangen. Es ist acht Monate her, dass ich damals im Mai bei ihnen war, ein wenig neidisch und voll törichter Hoffnung. Aber jetzt ist weder Hoffnung noch Neid mehr übrig.

Lena benehme sich besser, erzählte mir die alte Dame. Aber sie wirkte nicht froh. »Komm rein und sag Papa guten Tag«, forderte sie mich auf. Der alte Rathman lag dort auf seiner roten Decke, verschrumpelt wie eine Schote. Seine Augen waren trüb und mit einer Haut überzogen, aber einen Moment lang wusste er, wer ich war. »Pop sieht dich immer mit der Post vorbeigehen«, sagte Mrs. Rathman. »Manchmal erkennt er dich, wenn er nicht ganz weggetreten ist.«

»Ich wollte ein paar Eier holen«, sagte ich zu ihm. »Unsere Hennen legen im Moment nur wenig. Die von andern auch.«

»Die von andern auch«, sagte er mir nach. »Niemand hat irgendwas. Aber du bist jung – nicht wie ich. Du kannst noch was tun. Liegst nicht bloß rum, alt wie ich … zu nichts nütze … ich kann nichts tun …« Er wiederholte es ein ums andere Mal, wie eine vor langer Zeit gelernte Lektion – vergaß, dass ich da war, und drehte den Kopf weg. Ich konnte ihn noch murmeln und sich hin und her wälzen hören, als wir aus dem Zimmer gingen.

»Manchmal ist er ganz klar«, sagte Mrs. Rathman. »Was Lena wütend macht, ist sein Gebrüll.« Sie holte mir die Eier, wollte aber kein Geld nehmen. »Bring mir einfach ein paar, wenn ihr welche habt.« Sie begleitete mich an die Tür, und ihr Lächeln war irgendwie grau, ihr rundes Gesicht geduldig und resigniert. »Vielleicht wird das nächste ein besseres Jahr. Es kommt ja nichts zweimal gleich …«

Dann war ich aus der heißen Küche draußen und wieder auf der Straße. Die jaulenden, an ihren Ketten reißenden Hunde mochten dieselben sein wie die, vor denen wir als Kinder Angst gehabt hatten. Alles hätte dasselbe sein können wie zu jener Zeit – die weißen Gänse und die Jagdhunde … die in den Furchen versunkenen Kohlköpfe … Max’ Wagen, lang, grau und sinnlos groß … die in der Laube zum Verkauf ausgelegten Kürbisse, auf einer Bank, aber ohne Schild. Eine Katze kam aus den verwelkten Fliederbüschen und versteckte sich unter der Veranda. Ich sah uns wieder die Straße entlanggehen auf dem Weg zur Post, Kerrin wie ein langer roter Kranich voraus, die schwarzen Strümpfe faltig verrutscht und schmutzig, den langen Hals vorgereckt, ein wildes, wehmütiges Lied singend; und Merle und ich hinter ihr, ohne Eile, mit dem Fuß Steine vor uns her stoßend und dann und wann stehen bleibend, um getrocknete Distelsamen auszustreuen, sie sorgfältig und ohne bösen Willen auf der herbstgepflügten Erde zu verteilen. Und wie wir dann schnell und mit mulmigem Gefühl an dem Haus vorbeiliefen vor Angst, dass der alte Mann uns sehen und aufhalten würde, um mit uns zu reden, und Sachen sagen würde, die wir nicht verstanden oder nicht schnell genug beantworten konnten, auch seinen spöttischen Blick und sein Geschnatter fürchtend …

Als ich zurückkam, saß Vater noch genauso da wie vorher, Walnussberge auf dem Hackklotz vor ihm. Er drehte sich zu mir um und beäugte mich mit diesem argwöhnischen Blick, als wollte er etwas bestreiten, was noch gar nicht gesagt worden war, und lächelte auf eine freudlose, starre Weise.

»Knöpf deinen Mantel zu, Marget«, sagte er. »Es ist kälter, als du meinst. Feuchtkalt.« Er sah wesentlich älter aus in dem Licht, so sehr gealtert, dass er fast Rathman glich, wie er da mit seinen arthritischen Händen die schwarzen Schalen aufbrach.

Ich hüllte mich fester in den Mantel, obwohl die Luft mild wirkte, irgendwie dumpf und weich. »Merle wird dir einen Kuchen damit machen«, sagte ich. »Sie wird sich freuen, wenn sie sieht, dass sie schon geknackt sind.«

»Soll sie wohl«, sagte Dad. »Ist ziemlich harte Arbeit … ziemlich harte Arbeit …« Er murmelte es immer weiter vor sich hin, so wie Rathman es getan hatte – eine lebendige Parodie jenes anderen alten Mannes, der nutzlos in seinem Bett lag. Und ich sah mit furchtbarer Klarheit, wie Vater bald sein würde. Alt und quengelig und zu nichts weiter fähig, als in der Sonne Bohnen zu schälen. Und ich sah, wie es dann allein an Merle und mir wäre, die Schulden zu tragen – wie viele Jahre, wusste ich nicht, aber eine lange und ungemessene Zeit. Vielleicht ein Leben lang … Ich ging an ihm vorbei und auf den Hügel, von dessen Rand aus wir früher immer auf den Obstgarten hinabgeschaut hatten, im Frühling, wenn er aussah wie eine Wolkenschlucht. Jetzt waren da nur die trockenen, grau-orangenen Äste, die wie Büsche im Wind hin und her geweht wurden und doch noch schön aussahen, sauber und scharf umrissen wie alles Winterliche. Und da war das kalte Feuer der Eichen, deren Laub noch nicht gefallen war, und eine Art eisiges Rot entlang dem Wald.

Die Liebe und der alte Glaube sind vergangen. Der Glaube mit Mutter gestorben. Grant fortgegangen. Aber das Verlangen und die Sehnsucht sind geblieben, und aus diesen Hügeln kehren auch die Liebe und der Glaube vielleicht einmal zurück. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass dies das Ende ist. Noch kann ich glauben, dass der Tod mehr ist als die Blindheit der Lebenden. Und sollte das nur der Trost eines Herzens in Not oder jener bequeme, aus Verzweiflung geborene Glaube sein, ist es einerlei, denn es gibt uns den Mut, irgendwie dem Morgen ins Gesicht zu sehen. Und mehr kann ein Herz bisweilen nicht verlangen.