XXVII

Damp hatte bei Charlotte Dobbert die Akte Peter Steins zur „Ostseetherme“ abgeholt. Er hatte gehofft, dabei noch eine Tasse Kaffee und ein kleines Frühstück rauszuschlagen. Aber Charlotte hatte nur geöffnet, ihm die Ordner gereicht und hatte gleich wieder die Tür geschlossen.

Damp fand es nicht fair, dass er so auch Opfer des Streits zwischen Stefan Rieder und Charlotte Dobbert wurde.

Nun hockte er im Büro und überlegte, was er anfangen sollte. Durch Nachdenken verging immerhin auch die Zeit. Was könnte er tun? In Sachen Karin Knoop würde er erstmal nichts unternehmen. Das war Rieders Sache. Wenn Durk von dem Überfall auf die Mitbürgerin Knoop erfuhr, konnte er es schön auf seinen Kollegen schieben. Immerhin hatte ihn deshalb Bökemüller von dem Fall „Stein“ abgezogen und beiden Schweigen verordnet. Aus ermittlungstaktischen Gründen.

Eine weitere Möglichkeit wäre Abwarten. Irgendwann mussten die Ergebnisse von den DNA-Proben und den Spuren auf den Paddeln kommen. Bestätigten sie den Verdacht gegen Dora Ekkehard, müsste er nur noch den Abschlussbericht schreiben, ihn der Staatsanwaltschaft senden und fertig. Aber was, wenn sich der Verdacht gegen die Kinofrau nicht bestätigte? Dann müsste er diese Akten lesen. Keine angenehme Vorstellung. Damp stöhnte auf.

Aktenlesen war noch nie seine Stärke gewesen. Genausowenig wie Befragungen. Aber jetzt war er Revierleiter auf Hiddensee. Da kam er wohl um diese Dinge nicht mehr herum.

Vorsichtig klappte er den Ordner auf. Das waren bestimmt mehrere hundert Seiten. Bedächtig griff er den Papierstapel und ließ ihn durch seine Hand gleiten, Blatt für Blatt. Da gab es Briefe, Verträge, Listen. Rieder hatte dazu noch ein paar gelbe Notizzettel an einzelne Seiten geklebt. Wie sollte er sich darin zurechtfinden? Damp klappte den Aktendeckel wieder zu.

Er drehte sich mit seinem Stuhl hin und her. Plötzlich stoppte er. Sein Blick fiel wieder auf den Aktenordner. Er griff sich die Kladde und begann erneut darin zu blättern. Sein Blick fiel auf den ersten gelben Notizzettel, der an einem Brief an Peter Stein klebte. Darauf stand: „Andreas Krenz, Norderende. Verdächtig?“

Es hätte natürlich mehr hergemacht, wenn er bei von Krenz mit dem Polizeiwagen vorgefahren wäre, sagte sich Damp. Aber es waren nur zweihundert Meter bis zum roten einstöckigen Backsteinhaus mit dem Reetdach und den grünen Fensterläden, versteckt hinter welkenden Stockrosen. Die beiden Flügel der Eingangstür zur Diele standen auf. Damp klingelte trotzdem.

„Ich bin hinterm Haus“, rief jemand.

Dort stand ein grauhaariger Mann in einer roten Latzhose auf einer Leiter, die an einen Baum gelehnt war. In der Hand hatte er das Ende eines Drahtseils, das zu einem hohen Metallmast führte.

„Ach, Sie sind es.“ Er kletterte von der Leiter herab.

Damp salutierte beinahe, als er sich vorstellte: „Revierleiter Damp.“

„Ich weiß, ich weiß.“ Der Mann streckte dem Polizisten die Hand entgegen. „Andreas Krenz, eigentlich Andreas von Krenz, um genau zu sein. Aber hier auf der Insel im Osten lasse ich das ‚von‘ lieber weg.“

Damp schüttelte die Hand und schielte dabei zu dem Metallmast, der an mehreren Stellen in der Erde verankert war.

Krenz bemerkte den Blick. „Meine Antenne.“

„Antenne?“

„Ich bin Amateurfunker.“

„So etwas gibt’s noch? Geht doch alles mit Handy viel leichter. Wozu brauchen Sie das?“

Krenz wiegte den Kopf hin und her: „Das bringt einem die Welt ins Haus.“

Damp trat näher an die Antenne heran, rüttelte an den Seilen, die den Mast hielten.

„Alles genehmigt“, erklärte Krenz. „Ich weiß, dass Sie ein ganz Genauer sind. Ich kann Ihnen die Bescheinigung vom Amt Westrügen zeigen.“

„Was funken Sie so?“, fragte Damp.

„Kommen Sie mal mit!“

Der Polizist folgte Krenz ins Haus. Sie stiegen eine schmale Treppe nach oben. Dort stand die Tür einer Kammer auf, in der sich Apparate türmten. Kleine Lichter blinkten. Grüne Skalen pulsierten auf einem Bildschirm. Aus den Lautsprechern kam ein Rauschen. Immer mal konnte man eine Stimme hören, die ganz weit weg zu sein schien. Krenz drehte an ein paar Knöpfen. Die Töne wurden klarer. Jetzt klang es wie eine Unterhaltung.

„Das ist der Funkverkehr zwischen den Schiffen draußen auf der Ostsee. Sie teilen sich gegenseitig ihre Positionen mit, denn da geht es ziemlich eng zu, auch wenn wir es von hier auf der Insel nicht sehen können. Sie haben doch sicher schon mal von der Kadetrinne gehört?“

Damp zuckte mit den Schultern.

„63.000 Schiffe fahren da genau vor unserer Nase auf der Ostsee jedes Jahr vorbei. Manchmal höre ich, wie knapp wir hier an einer Katastrophe vorbeischrammen, wenn die Kapitäne nicht richtig aufpassen.“

Damp sah ihn zweifelnd an. Von Krenz schlug einen Hefter auf. „Hier sind übrigens die Genehmigungen.“

Damp wurde es zu eng in dem kleinen Raum. Er bekam kaum noch Luft. Der Polizist drehte sich um und trat aus der Kammer: „Darum geht es mir nicht.“

Krenz folgte ihm: „Worum dann?“

„Um Peter Stein.“

Krenz sagte nichts.

„Sie hatten Probleme mit ihm.“

„Daher weht der Wind.“ Krenz pfiff durch seine Zähne. „Die Frage ist, wer das größere Problem mit wem hatte. Ich mit Peter Stein oder Peter Stein mit mir? Hat Sie sein treuer Paladin geschickt? Durk?“

‚Schon wieder Durk‘, dachte Damp bei sich. Laut antwortete er: „Nein. Wir haben in Steins Unterlagen Briefe von Ihnen gefunden, die Drohungen gegen Stein enthalten.“

„Na und? Ich habe ihm nicht mit Mord und Totschlag gedroht, sondern mit einer Klage. Der spinnt doch mit seinem blöden Spaßbad? Und ich sollte auch noch hübsch klein beigeben und ihm mein Haus überlassen. Was er mir als Kaufpreis geboten hat, war lachhaft. Aber der hätte sich gewundert. Wir hätten Stein seine Suppe schon schön vermasselt.“

Damp hatte seinen Notizblock aus der Brusttasche seiner Uniform gezogen und mitgeschrieben. „Wir?“

„Sie glauben doch nicht, dass wir tatenlos zusehen, wie Durk und Stein hier die Insel zerstören und sich die Taschen füllen. Es gibt eine Bürgerinitiative, die nur gewartet hat, bis Stein seine Karten auf den Tisch gelegt hätte, um ihm und seinem Diener Durk mal zu zeigen, wie Demokratie wirklich funktioniert.“

Von Krenz hatte sich in Rage geredet.

„Wer ist denn nun ‚wir‘? Wer gehört der Bürgerinitiative an?“, hakte Damp nach.

„Karin Knoop und ich.“

Damp hielt im Schreiben inne: „Sagen Sie das bitte nochmal.“

„Ja, schreiben Sie es ruhig für Ihren Herrn Durk auf. Karin Knoop und Andreas Krenz werden die Inselmafia das Fürchten lehren, weil wir die Hiddenseer mobilisieren werden, um sich zu wehren.“ Dabei hob er die geballte Faust.

Damp beeindruckte das nicht wirklich. Die Zugereisten sponnen immer ein bisschen. Das war er schon gewohnt. Sie kamen her, wollten die Hiddenseer Welt verändern und scheiterten.

„Herr von Krenz, wo waren Sie Montagabend zwischen 20 und 21 Uhr?“

„Hier!“

„Zeugen?“

„Keine.“

Damp schaute Krenz in die Augen, sagte aber nichts. Das verunsicherte den Mann: „Ich habe den Funkverkehr der Schiffe abgehört.“

Damp kratzte sich mit seinem Stift in seinem Lockenkopf.

„Nicht gerade ein Super-Alibi“, stellte er trocken fest.

Daraufhin schlug Krenz seine Funkerkladde auf und zeigte auf seine Mitschriften. Damp warf einen Blick hinein. „Und jetzt soll ich wohl bei ‚Rügen Radio‘ anrufen und fragen, ob das stimmt?“ Er klappte seinen Notizblock zusammen, steckte ihn in seine Brusttasche. „Wir sprechen uns noch. Halten Sie sich bereit!“

Er verließ das Haus. Draußen lobte er sich im Stillen: „War doch gar nicht so schlecht, Ole. Für den Anfang.“