Gebauer ging mit seinem Polizeiboot längsseits an der Kaimauer im Hafen Vitte. Einer von der Besatzung warf eine Leine über einen der Poller, aber ohne festzumachen.
Behm stemmte seinen Spurensicherungskoffer über den Kopf und rannte durch den Regen schnell zu Damps Polizeiwagen. Der hielt schon von innen die Tür auf, und der Kriminaltechniker stieg ein. Ein paar Leute beobachteten aus den Fenstern der Hafenklause, wie das Polizeiauto die Gaststätte umkurvte und dann davonraste. Das Wasserschutzboot legte sofort wieder ab und fuhr mit Blaulicht in hohem Tempo in Richtung Schaprode.
Behm schaute sich die Tür von Karin Knoops Haus an.
„Eingetreten!“ Er kniete sich hin, untersuchte das Türblatt und das zerstörte Schloss. „Stabil gebaut war die Tür zwar nicht, aber wer die aufgetreten hat, muss ziemliche Kraft haben. Das sieht nur nach einem Tritt aus. Sieh hier, die Zungen vom Schloss sind rausgebrochen.“
„Ob du da eine Schuhspur sichern kannst?“, fragte Damp unsicher.
„Ich kann es versuchen, aber viel Hoffnung mache ich dir nicht. Lass uns mal reingehen.“
Drinnen erschrak auch Behm über das angerichtete Chaos. Er versuchte sich erst einmal einen Überblick zu verschaffen. „Du hast nur von einem Einbruch gesprochen. Dafür brauche ich eigentlich meine ganze Mannschaft.“ Er kratzte sich am Kopf. „Ich fange mal mit den Griffen der Türen, Schubladen und Schränken an. Vielleicht finde ich da Fingerabdrücke.“
Behm klappte seinen Koffer auf und holte die notwendigen Utensilien heraus. Damp wusste nicht so recht, was er jetzt tun konnte. Sich einfach hinzusetzen und Behm bei der Arbeit zusehen, fand er blöd. Er kniete sich hin und begann die herumliegenden Zettel durchzusehen. Es handelte sich um Lieferlisten und Abrechnungen. Dazwischen fanden sich Briefe von der Bank, in denen Karin Knoop aufgefordert wurde, ihre Zahlungsrückstände für den Hauskredit auszugleichen. Dazu gab es wiederum Briefe, in denen sie darum bat, die Zahlungen zu stunden. Damp versuchte alles zu sortieren. Dabei fiel ihm auf, dass die Schreiben der Bank vor knapp drei Monaten endeten. Im letzten hieß es, man freue sich, dass es Frau Knoop gelungen sei, die Rückstände nachzuzahlen, um damit die Zwangsversteigerung abzuwenden. ‚Woher hatte sie das Geld?‘, fragte sich der Polizist. Plötzlich war in Damp die kriminalistische Neugier erwacht. Er kramte weiter. Wahrscheinlich könnten die Kontoauszüge Aufschluss geben. Im Nebenzimmer hörte er immer mal Behm fluchen, der bei seiner Spurensuche bisher weitgehend erfolglos war.
Nach einer halben Stunde traf auch Rieder ein. Am Hafen hatte er Gebauer noch gebeten, ein Auge darauf zu haben, ob auch Malte Fittkau mit seinem Kahn in Vitte ankam. Falls nicht, sollte er schauen, wo er abgeblieben war. Rieder ärgerte sich immer noch über seinen eigensinnigen Nachbarn. Der Regen hatte zwar aufgehört, aber der Sturm nicht.
Als Dora und er im Hafen von Schaprode an Bord von Gebauers Boot gingen, hatten sie gesehen, wie Malte Fittkau mit seinem Kahn auf den Bodden hinausfuhr. Kaum hatte er das offene Wasser erreicht, verschwand er immer wieder zwischen den Wellentälern. Das letzte Mal hatten sie ihn kurz vor Seehof gesichtet. Malte hatte steif am Ruder gesessen und das Boot zur Hiddenseer Fährinsel gesteuert. Wellen klatschten immer wieder über den Bug des kleinen Bootes. Wahrscheinlich war es schon ziemlich vollgelaufen. Das Einzige, was Rieder weitgehend beruhigt hatte, war die Gewissheit, dass der Bodden hier außerhalb der Fahrrinne oft nicht mehr als einen Meter tief war. Ertrinken war eigentlich eine Kunst. Aber was war, wenn Malte mit seinem Kahn kenterte?
Dora hatte immer wieder auf die Uhr gesehen. Sie war fest entschlossen, heute noch das Kino wiederzueröffnen. Kaum hatte das Boot in Vitte am Hafen festgemacht, war sie von Bord gestürmt. Rieder versuchte ihr zu folgen, aber sie lief zu schnell. Sie stürmte den Deich hoch und rannte zum Henni-Lehmann-Haus. Dort gab es einen Schaukasten mit dem Kinoprogramm. Von weitem sah Rieder, wie sie den Aufkleber „Kinobetrieb vorübergehend eingestellt“ abriss. Dann war sie weitergelaufen zum Supermarkt, vor dem sich ein weiterer Aushang des Zeltkinos befand.
Von unterwegs hatte Rieder versucht, Nelly Blohm zu erreichen, war aber nur auf ihrer Mailbox gelandet.
Er hatte auch Polizeichef Bökemüller über den Stand der Dinge informiert. Sein Vorgesetzter war nicht besonders begeistert, dass sich der Verdacht gegen Dora Ekkehard nicht bestätigt hatte. Der Staatsanwalt hatte sich bereits bei ihm beschwert. Voller Skepsis hörte er Rieder zu und war nicht sofort bereit, seiner These zu folgen, dass zwischen den Fällen „Stein“ und „Knoop“ ein Zusammenhang bestehen müsste.
„Heil angekommen?“, fragte Behm, als er Rieder in der Tür vom „Gasthaus Norderende“ sah.
Rieder nickte: „Mannomann, die arme Frau Knoop.“
„Das kannste laut sagen. Wie geht es ihr?“
Rieder wiegte den Kopf hin und her. „Schwer zu sagen. Man muss abwarten.“
Damp kam aus dem Nebenraum. In der Hand hatte er einen Stapel Papiere.
„Das ist alles sehr merkwürdig, Herr Kollege“, verkündete er statt einer Begrüßung.
„Das finde ich auch“, gab Rieder Damp Recht.
Er berichtete seinen beiden Kollegen, was er über Karin Knoop in Erfahrung gebracht hatte.
„Die Knoop hatte ein Verhältnis mit Stein?“, fragte Damp ungläubig. Dann wurde er nachdenklich. „Das könnte einiges erklären.“
„Was meinen Sie damit?“
Damp verschwand kurz im Nebenzimmer und kam mit mehreren Stapeln Papier wieder. Er hatte alles zu Knoops Finanzen sortiert und erklärte Rieder, was er über die Geldnöte und den Geldsegen der Frau herausgefunden hatte. Rieder staunte nicht schlecht. „Vielleicht hat Stein ihr die Schulden bezahlt“, meinte Damp zum Schluss. „Als Nutte kann sie kaum so viel verdient haben.“
Rieder überlegte. „Das würde auch dafür sprechen, dass die beiden Geschichten zusammengehören.“
Behm beschäftigte mehr, dass keiner der Nachbarn etwas von dem Einbruch mitbekommen haben sollte. „Das muss doch ein Riesenkrach gewesen sein.“
„Bis zum nächsten Haus sind es schon ein paar Meter“, meinte Damp, „und da wohnt eine alte Dame, die nicht mehr ganz auf dem Posten ist.“
Rieder schaute aus dem Fenster: „Angeblich hat sich dieser von Krenz um Karin Knoop sehr bemüht, meint jedenfalls Dora Ekkehard. Vielleicht hat er was mitbekommen. Wir sollten nochmal mit ihm reden.“
Damp und Rieder hatten das „Gasthaus Norderende“ gerade verlassen, da kam Behm hinterhergerannt.
„Fast hätte ich es vergessen!“ Er kramte aus seinem Hemd einen Zettel hervor. „Also, wem das Telefon gehört, von dem die SMS an Stein geschickt wurde, habe ich noch nicht raus. Aber der Provider hat mir einen Verbindungsnachweis geschickt.“ Er reichte Rieder den Bogen. „Interessant ist, dass bis vor zwei Wochen immer wieder die Nummer von Peter Stein auftaucht und er auch von dem Anschluss angerufen wurde. Dann aber nicht mehr. Vierzehn Tage Funkstille. Dann kam die SMS, die Stein an den Strand lockte. Die anderen Nummern sind von der Sparkasse auf Rügen und einem Großhändler bei Stralsund. Nur noch ein Anschluss gehört nach Hiddensee.“
„Dann ist das ja klar.“ Behm wollte schon wieder weggehen, drehte sich aber dann wieder um. „Vielleicht noch wichtig: Das Telefon wurde hier auf der Insel genutzt. Es wurde immer durch den gleichen Einwahlpunkt hier auf der Insel registriert.“ Behm zeigte auf die Mobilfunkantenne im Hafen von Vitte. „Immer dort! Nur die SMS wurde von der Funkzelle in Dranske registriert.“
„Dranske? Auf Rügen?“, fragte Rieder verblüfft.
„Wo gibt’s denn noch ein Dranske außer auf Rügen?“ entgegnete Behm.
Damp war in Gedanken versunken. Die Hiddenseer Nummer kam ihm bekannt vor. Er hatte sie schon einmal gesehen. Vor gar nicht langer Zeit! Heute war das gewesen! „Die Hiddenseer Nummer gehört Andreas von Krenz!“, platzte er heraus.
Von Krenz war überrascht, die beiden Polizisten zu sehen. „Sie schon wieder“, wandte er sich an Damp, „und gleich mit Verstärkung?“
Er bat die beiden Männer herein.
Damp berichtete dem Mann von dem Einbruch in das Haus von Karin Knoop. Von Krenz war entsetzt, hatte aber auch nichts gehört oder gesehen. Er sei wegen des Wetters noch gar nicht aus dem Haus gekommen.
Rieder holte Behms Zettel hervor. „Sehen Sie, das ist der Verbindungsnachweis eines Handys, dessen Besitzer wir bisher nicht identifizieren konnten. Wir haben nun entdeckt, dass Sie von diesem Telefon sehr oft angerufen wurden. Vielleicht können Sie uns sagen, wem dieses Telefon oder der Anschluss gehört?“
Krenz sah die Polizisten ungläubig an. „Sie wollen mir bitte im Zeitalter aller möglichen Anti-Terror-Gesetze nicht erzählen, dass Sie nicht eine Telefonnummer entschlüsseln können? Ich bitte Sie!“
„Wenn sich der Besitzer unter falschem Namen anmeldet, wird es schwierig“, widersprach Rieder.
„Glauben Sie im Ernst, dass sich Terroristen unter ihrem richtigen Namen anmelden würden? Meine Herren, zerstören Sie bitte nicht meinen letzten Glauben an den Rechtsstaat.“
„Krenz reicht, ohne ‚von‘.“
„Gut. Herr Krenz, darüber können wir gern ein anderes Mal debattieren. Wir müssten dringend wissen, wem diese Nummer gehört?“
Krenz schaute auf die elf Ziffern.
„Würden Sie mir verraten, warum Sie das wissen wollen?“
Rieder schüttelte den Kopf. Krenz ging ein paar Schritte, stellte sich dann an ein Fenster und schaute hinaus. Nach einiger Zeit wandte er sich wieder zu den Polizisten um.
„Sie bürden mir eine ziemliche Last auf. Wenn ich mich recht erinnere, geht es im Fall ‚Stein‘ um Mord. Ich würde die- oder denjenigen möglicherweise schwer belasten.“
„Wie kommen Sie darauf, dass Sie die Person belasten. Es kann auch um einen Zeugen gehen?“
„Meine Herren, ich bin vielleicht alt, aber nicht blöd. Ich habe gelernt, querzulesen und auch die andere Nummer auf der Liste erkannt. Es ist die Nummer von Peter Stein. Da liegt doch wohl der Schluss nahe, dass Sie glauben, der Besitzer der gesuchten Nummer ist vielleicht auch der gesuchte Mörder. Oder?“
Damp riss der Geduldsfaden. „Herr Krenz, wir haben keine Zeit für solche Spielchen. Sagen Sie uns jetzt, wem die Nummer gehört!“
„Ich verbitte mir diesen Ton!“, empörte sich Krenz. „Sie wissen wohl nicht, wen sie vor sich haben.“
„Einen Hiddenseer Bürger wie jeden anderen“, meldete sich wieder Rieder. „Ich möchte nicht das Wort der Mitwisserschaft bemühen, Herr Krenz. Aber Sie machen sich durch Ihr Verhalten verdächtig.“
Krenz räusperte sich. „Die Nummer ...“, er machte noch mal eine Pause. „Die Nummer gehört Karin Knoop.“ Er hatte jedes einzelne Wort herausgepresst, als sei es eine immense Kraftanstrengung, den Namen zu nennen.
„Karin Knoop?“, riefen Rieder und Damp im Chor.
„Ja, Karin Knoop.“