XXXIII

Da hätte er auch selbst drauf kommen können, dachte sich Rieder. Einfach eins und eins zusammenzählen. Was hatten Karin Knoop und Pippi Langstrumpf gemeinsam? Die roten Haare.

Karin Knoop hatte also Peter Stein die SMS geschickt und ihn damit in eine tödliche Falle gelockt. ‚Aber warum?‘, fragte sich Rieder.

Er war schon allein zum Revier zurückgelaufen, während Damp noch die Aussage Andreas von Krenz’ aufnahm. Von einer Beziehung zwischen Karin Knoop und Peter Stein wollte der Hobbyfunker nichts gewusst haben. Er hatte geglaubt, Stein und Knoop hätten nur über den Verkauf ihres Hauses in Norderende verhandelt. Von Krenz konnte sich das auch gar nicht vorstellen, denn noch letzte Woche hätte er mit Karin Knoop zusammengesessen und an einem Aufruf gegen die „Ostseetherme Norderende“ gearbeitet, den sie auf der nächsten Gemeinderatssitzung vortragen wollten. Er hatte dann in einer Schublade die Unterlagen der Bürgerinitiative herausgeholt und sie Damp und Rieder zum Lesen gegeben. Der Aufruf enthielt heftige Vorwürfe der Vetternwirtschaft und Korruption gegen Stein und Bürgermeister Durk.

„Die Sachen mit Stein und Durk hat alle Karin reingeschrieben“, hatte von Krenz behauptet. „Sie war so wütend über die Pläne von Stein, hier alles platt zu machen. Die Wiesen, das Kino ... da kann ich mir nicht vorstellen, dass zwischen den beiden was gewesen sein soll.“

Rieder hatte vorsichtig, ohne zu viel preiszugeben und ohne die ‚Küstenschwalben‘ zu erwähnen, von Krenz auch noch nach Knoops Ausflügen nach Rügen gefragt. Ihm gegenüber hatte sie ihre Überfahrten zur Nachbarinsel immer mit einer pflegebedürftigen Verwandten begründet.

Diese Antwort kam so unvoreingenommen, dass Rieder keinen Zweifel hatte, dass ihr Nachbar und Freund wirklich nicht wusste, warum sie immer nach Rügen gefahren war.

Rieder saß an seinem Schreibtisch im Revier und grübelte. Draußen tobte noch immer der Sturm. Kein Mensch war unterwegs. Die Dämmerung war durch das herbstliche Wetter schon früher als üblich hereingebrochen. Ihm fiel ein, dass er von Gebauer immer noch keine Rückmeldung erhalten hatte, ob Malte Fittkau sicher mit seinem Boot in Vitte angekommen war. Er wählte Gebauers Nummer.

„Ach, entschuldige“, meldete sich der Kommandant des Polizeibootes. „Ich habe es vergessen. Dein Nachbar ist vor einer knappen halben Stunde rein. Er sah aus wie ein begossener Pudel. Sein Boot lag auch ganz schön tief. Das hat bestimmt tüchtig Wasser geschluckt. Wahnsinn, bei diesem Wetter mit so einem alten Kahn über den Bodden zu fahren.“ In seinen Worten schwang aber weniger Kritik als vielmehr Achtung mit.

Rieder war erleichtert. Er konnte sich wieder seinen kriminalistischen Gedankenspielen widmen. Wenn Damps Annahme stimmte, dass Stein der heimliche Finanzier von Karin Knoop gewesen war und ihre Schulden bezahlt hatte und auch seine eigene Vermutung stimmte, dass die beiden ein Paar gewesen waren und er nicht nur ihr Freier, gab es für ihn kein erkennbares Motiv für Karin Knoop, Peter Stein zu töten. Oder? Da waren allerdings diese letzten zwei Wochen, in denen zwischen beiden jedenfalls per Telefon Funkstille geherrscht hatte. War da etwas geschehen, dass Zuneigung, wenn nicht sogar Liebe in tödlichen Hass hatte umschlagen lassen? Der Sache müsste man auf den Grund gehen. Rieder glaubte nicht daran, dass es allein mit den Plänen für die „Ostseetherme Hiddensee“ zusammenhing. Dafür würde man keinen Mord begehen, auch wenn Fanatismus zuweilen keine Grenzen kannte.

Aber wer hatte dann Karin Knoop überfallen? War es aus Rache für den Mord an Peter Stein geschehen?

Jan Stein war am Dienstagabend auf Rügen gewesen. Wo war der eigentlich abgeblieben? Wie sollte er andererseits an das Auto gekommen sein, um Karin Knoop von Binz nach Seedorf zu bringen? Er hätte es natürlich klauen können.

Da stürmten Behm und Damp ins Büro und rissen ihn aus seinen Gedanken. Ihre Klamotten waren klatschnass. Auf dem kurzen Weg vom Parkplatz ins Rathaus hatte sie ein Regenguss überrascht. Damp schüttelte seine Lockenmähne wie ein Hund. Überall flogen kleine Wassertropfen herum. Rieder verzog das Gesicht, stand auf und ging in die Behördentoilette, um für die beiden Handtücher zu holen.

Nachdem sich Behm und Damp abgetrocknet hatten, berichtete der Kriminaltechniker, dass es eigentlich keine verwertbaren Spuren gegeben habe. „Der oder die Einbrecher haben Handschuhe getragen. Ich vermute, sie haben etwas gesucht.“

„Du gehst von mehreren Tätern aus?“, hakte Rieder nach.

Behm hob die Arme und schüttelte den Kopf. „Kann ich schwer sagen. Ich denke, die Zerstörung der ganzen Einrichtung, vor allem des ganzen Krams im Imbiss, der Teller, Tassen und Lebensmittel ist ein Ablenkungsmanöver gewesen. Da wurde nach etwas ganz konkret gesucht, sonst wären nicht auch die ganzen Papiere so zerfleddert worden.“

„Aber nach was haben die oder der gesucht?“, fragte Damp ratlos.

„Jungs! Ein bisschen müsst ihr eure Arbeit auch noch selbst machen.“ Behm verabschiedete sich und verschwand in Richtung Hafen. Gebauer hatte ihm versprochen, trotz des Wetters nach Stralsund zurückzufahren.

Als die beiden Inselpolizisten allein waren, fragte Rieder: „Haben Sie Durk schon über den Überfall auf Karin Knoop informiert? Und über den Einbruch in ihr Haus?“

Damp schüttelte den Kopf. Rieder wunderte sich: „Warum nicht?“

Sein Kollege druckste herum: „Ich hatte noch keine Zeit.“

Rieder schob heftig seinen Stuhl zurück: „Der macht uns doch wieder die Hölle heiß.“

„Ist das nicht eigentlich Ihr Fall?“, entgegnete Damp.

„Ich war die ganze Zeit unterwegs. Da hätten Sie mal bei ihm vorbeigehen können.“

„Um was zu sagen? Eine Hiddenseerin ist auf Rügen überfallen worden? Außerdem ist in ihr Haus hier in Norderende eingebrochen worden? Dann hätte er mich wie einen Schuljungen rundgemacht, weil ich nichts weiß.“

Da musste ihm Rieder Recht geben. Sie schwiegen sich eine Weile an. Rieder begann, Kreise auf ein Blatt Papier zu zeichnen. Plötzlich schaute er auf: „Ob Ulrike Stein von der Beziehung zwischen ihrem Ex-Mann und Karin Knoop wusste?“

Rieder klemmte sich Steins Akte unter den Arm, als er mit Damp das Revier verließ. „Wollen Sie die Sachen mit nach Neuendorf schleppen?“, fragte sein Kollege.

„Ich bin damit noch nicht durch.“

Sie wollten zu Ulrike Stein. Telefonisch hatten sie in ihrer Praxis erfahren, dass Steins Ex-Frau am Abend mit einer Gruppe im Gemeindehaus im südlichen Inselort Neuendorf zu einem Yoga-Kurs verabredet war.

Auf dem Flur trafen die beiden Polizisten Bürgermeister Durk. Er grüßte sie nur kurz und wollte in sein Büro.

„Herr Bürgermeister“, sprach ihn Rieder an, „wir haben da ein neues Problem.“

„Was ist denn jetzt schon wieder?“, fragte Durk genervt.

„Auf Rügen gab es einen Überfall auf Karin Knoop.“

„Die Imbissbesitzerin vom ‚Gasthaus Norderende‘? Auf Rügen überfallen?“

„Ja, genau. Sie ist schwer verletzt worden und liegt jetzt im Krankenhaus Bergen auf der Intensivstation.“

„Mein Gott! Wünschen Sie ihr auch in meinem Namen gute Besserung.“ Durk drückte schon die Klinke seiner Bürotür herunter, aber Rieder hielt ihn noch zurück.

„Es wurde auch in ihr Haus eingebrochen.“

Der Bürgermeister schien verwirrt. „Eingebrochen auch noch? Dann machen Sie Ihre Arbeit. Ich habe jetzt wirklich andere Sorgen. Der Gemeinderat tritt zu einer Sondersitzung zusammen. Irgendwie ist das mit den Plänen für die, Ostseetherme‘ in Norderende bekanntgeworden. Die wollen eine Stellungnahme von mir.“

Damit verschwand der Bürgermeister in seinem Büro.

„Da bekommt einer richtig Dampf“, meinte Rieder zu seinem Kollegen.

Am Gemeindehaus in Neuendorf klebte ein Zettel: „Für Nachzügler! Die Yoga-Gruppe ist am kleinen Leuchtturm.“ Südlich von Neuendorf stand mitten im Strandwald auf den Dünen das kleine Leuchtfeuer Gellen. Bevor alle kleinen und großen Schiffe mit GPS ausgestattet waren, hatte sein Signal für eine sichere Einfahrt in den Strelasund sorgen sollen, der Enge zwischen dem vorpommerschen Festland und Hiddensee.

Damp fluchte. Beinahe wäre er mit dem Polizeiwagen steckengeblieben. Der Regen hatte die Piste zwischen Neuendorf und Leuchtturm völlig aufgeweicht. Die Reifen drehten öfter durch. Rieder fürchtete schon, irgendwann aussteigen und im Schlamm das Auto anschieben zu müssen. Aber Damp bekam immer wieder festen Boden unter die Räder. „Die sollten uns mal einen Jeep stellen. Wie oft habe ich den Gemeindearbeitern gesagt, sie sollen hier frisches Stroh streuen. Die denken, der Sommer ist vorbei, und sie können sich am warmen Herd wärmen. Die werde ich mir morgen zur Brust nehmen.“ Im Sommer wurde auf den Sandweg hinter dem Deich von Neuendorf immer Stroh ausgestreut, damit die Urlauber mit ihren Fahrrädern bis zum Leuchtturm fahren konnten. Auch Rieder hatte auf seinen regelmäßigen Patrouillen über die Insel schon gemerkt, dass sich mit dem nahen Saisonende die Gemeinde immer weniger um solche Dinge kümmerte.

In einem Kreis aus Fackeln standen fünf Frauen und ein Mann am Strand. Sie ahmten die Übungen nach, die ihnen Ulrike Stein vormachte. Sie hatten die Arme über den Kopf gestreckt und die Handflächen dabei zu einer Spitze geformt. Sie verharrten einige Momente in dieser Haltung, bevor sie versuchten, ein Bein anzuwinkeln, ohne dabei das Gleichgewicht zu verlieren. Als Damp und Rieder auf der Düne auftauchten, kippten eine Frau und der Mann um und fielen hin. Ulrike Stein wandte sich um und sah die Polizisten ärgerlich an.

„Sie stören!“, erklärte sie.

„Wir haben ein paar Fragen“, entschuldigte sich Rieder.

„Die hätten keine Zeit gehabt, bis ich zuhause bin?“, schimpfte sie weiter. „Die Leute haben für den Kurs bezahlt. Ich würde ihnen gern dafür die Leistung bieten, die sie gebucht haben. Es wird bald dunkel, und Sie stören mit Ihrem Auftritt auch unsere Konzentration.“

Das konnte Rieder verstehen. Er gab Damp ein Zeichen, sich zurückzuziehen. „Wir warten im Auto am Leuchtturm.“

Eine Viertelstunde später trotteten die Teilnehmer des Yoga-Kurses an den wartenden Polizisten vorbei. Am Ende der Gruppe kam Ulrike Stein.

„Warum machen Sie den Kurs bei dem Wetter hier draußen und nicht im Gemeindehaus oder in Ihrer Praxis?“ Das Wetter hatte sich zwar beruhigt, trotzdem war es empfindlich kühl.

„Das Gemeindehaus ist nur der Treffpunkt. Auf dem Weg hierher gebe ich eine Einführung. Das ist eine besondere Form des Yoga. Baum-Yoga. Wir verbinden die Energie der Bäume mit unserer eigenen inneren Energie. Dazu brauchen wir die Natur, die Nähe zu den Bäumen. Aber wenn Sie mehr darüber wissen wollen, buchen Sie einen Kurs!“ Sie schaute auf die Uhr.

Rieder verstand die Geste. „Wussten Sie, dass Ihr Mann eine Freundin hatte?“

Ihr Kopf flog herum: „Wer?“

„Karin Knoop.“

„Karin?“ Sie nestelte aus der Hosentasche eine Schachtel Zigaretten.

„Hier ist Rauchen verboten, Frau Stein“, mischte sich Damp ein. Sie schaute kurz auf die Packung und steckte sie dann wieder weg.

„Frau Stein? Ich habe Sie etwas gefragt“, erinnerte Rieder die Frau.

„Nein, das wusste ich nicht.“ Sie versuchte, Rieders Blick auszuweichen. „Die Karin? Sie spielte doch nach dem Tod ihres Mannes immer die trauernde Witwe.“

„Das scheint Sie doch mehr zu berühren. Ich dachte, Sie und Ihr Mann lebten getrennt?“

Ulrike Stein steckte die Hände in die Taschen und versuchte, ihre Körperhaltung zu entspannen. „Es überrascht mich. Aber klar. Er ist ein Mann. Irgendwann musste es passieren. Mir war klar, dass er sein Leben nicht wie ein Mönch führen würde. Hat sie ihn umgebracht?“

„Wir ermitteln noch“ wich Rieder aus. „Auf alle Fälle wurde Frau Knoop gestern Abend auf Rügen überfallen ...“

„Ist sie tot?“, fragte Ulrike Stein mit tonloser Stimme.

„Nein, schwer verletzt.“

„Wo waren Sie gestern Abend?“

Sie fixierte Rieder mit einem stechenden Blick. „Was soll die Frage? Soll ich Karin überfallen haben?“

„Eifersucht kommt öfter als Motiv für einen Mord vor. Selbst auf Hiddensee.“

„Ich war zuhause. Ich habe versucht, mich in die Unterlagen der Firma einzuarbeiten.“

„Zeugen?“

„Keine“, giftete sie Rieder an. „Ich lebe allein ...“

„Aber Ihre Freunde sind doch auf der Insel“, entgegnete er. „Die wollen auch mal einen Abend ohne mich verbringen und umgekehrt.“

„Haben Sie eigentlich einen Freund oder eine neue Beziehung?“

Keine Antwort.

„Frau Stein, es geht hier um ...“

„Ich weiß schon, was kommt. Ach, lassen Sie mich mit Ihrem Mord-Gequatsche in Ruhe!“ Mit einem Fuß kickte sie einen Kiefernzapfen weg. Damp konnte gerade noch den Kopf einziehen, sonst hätte ihn das Geschoss getroffen. „Ich habe meinen Mann nicht umgebracht und damit basta. Das andere ist meine Privatsache und hat nichts mit Peter zu tun.“

Wieder einmal musste Rieder einsehen, dass dieser Frau nicht so leicht beizukommen war. Er versuchte einen Umweg.

„Warum haben Sie sich eigentlich von Peter getrennt?“

„Weil es nicht mehr ging. Weil ich nicht das schöne Beiwerk für den lieben Peter sein wollte. Ich wollte ein eigenes Leben, nachdem ich seine Mutter ertragen und gepflegt habe. Für die gab es nur: Peter hier, Peter da. Ich aber war ihr nicht gut genug. Ich war ja nur Krankenschwester, hatte nicht studiert. Warum? Weil ich mich mitten im Abi vom lieben Peter hab’ schwängern lassen und dann das Kind verloren habe. Er hat einen Unfall gebaut. Ich saß auf dem Beifahrersitz. Notoperation und die Erkenntnis, nie wieder den Gedanken an eigene Kinder haben zu dürfen.“ Sie machte eine Pause, bevor sie leise weitersprach. „Was ich Peter immer hoch angerechnet habe, ist, dass er bei mir geblieben ist. Aber er hat nie den Mumm gehabt, mal klar Schiff zu machen und seiner Mutter nach dem Tod seines Vaters die Meinung zu sagen. Nach ihrem Tod dachte Peter, das geht so weiter mit uns. Ich das Puttchen am Herd und er der Unternehmer. Da bin ich gegangen oder vielmehr er, weil ich das nicht mehr wollte.“

Ulrike Stein rannen nun Tränen über die Wangen. „Na, ist auch egal. Dann kommen Sie noch mit Ihren Verdächtigungen. Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Der Tod von Peter, die Praxis, die Firma ...“ Sie holte ein Taschentuch heraus, rieb die Tränen aus ihrem Gesicht.

„Nur eins noch“, meinte Rieder. „Was wussten Sie eigentlich vom ‚Projekt Norderende‘ und den Plänen für die, Ostseetherme‘ hier auf der Insel?“

„Peter hat mir davon erzählt. Ich fand es gut. Bringt mehr Leben auf die Insel.“

„Waren Sie daran beteiligt?“

„Nicht direkt.“

„Was heißt ‚nicht direkt‘?“

„Peter hat mich gefragt, ob er einige unserer Häuser auf der Insel verkaufen könne. Er wollte mir aber dann meinen Anteil nicht in Geld, sondern in Anteilen an der, Ostseetherme‘ auszahlen.“

„Und?“

„Soweit ist es nicht mehr gekommen. Wir hätten erst verkauft, wenn auch die Baugenehmigung vorgelegen hätte. Sicher wären mit Blick auf die Therme die Preise für unsere Immobilien auch noch etwas gestiegen. Noch war aber alles nur eine Planung.“

Rieder dankte Ulrike Stein für die Auskünfte. Da nun doch wieder leichter Regen eingesetzt hatte, bot er ihr an, sie im Polizeiwagen nach Kloster zu fahren. Er übersah dabei, wie Damp das Gesicht verzog, der so schnell wie möglich Feierabend machen wollte und keine Lust mehr hatte, über die ganze Insel zu kutschieren.

„Bis Neuendorf reicht mir.“

Als sich Ulrike Stein auf die Rückbank des Polizeiwagens setzte, fiel ihr Blick auf die Akte zur, Ostseetherme‘. „Wenn Sie die Firmenakten meines Mannes nur herumfahren, können Sie sie mir auch zurückgeben.“

„Ich fahre sie nicht herum. Ich lese sie“, entgegnete Rieder. „Und wie Sie mir gerade erzählt haben, steht das mit der, Ostseetherme‘ jetzt nicht an, weil Ihnen die Genehmigungen fehlen.“

Dabei beobachtete er Ulrike Stein im Spiegel seiner Sonnenblende. Sie wirkte gleichgültig. „Aber Peter hatte schon mit einigen Vorbereitungen angefangen, zum Beispiel weitere Grundstücke in Norderende erworben. Wenn ich die Firma ‚Inselbau‘ erhalten will, brauche ich diesen Auftrag. So viel wird auf Hiddensee nicht mehr gebaut.“

„Ist das nicht eine Nummer zu groß für die ‚Inselbau Hiddensee‘?“, wandte Rieder ein.

„Das lassen Sie mal meine Sorge sein. Sie können mich hier absetzen.“ Damp hielt am Deich am Ortseingang zu Neuendorf. Das aus Felssteinen gemauerte Bauwerk sollte die Siedlung gegen eine Sturmflut schützen.

„Da ist doch auch gleich das Strandcafé Ihrer Freundin Charlotte Dobbert“, bemerkte Ulrike Stein beim Aussteigen. „Sie war doch auch interessiert an einer Pension mit Restaurant in der Nähe der, Ostseetherme‘. Vielleicht wäre ein zweites Objekt auf der Insel für sie auch etwas zu groß gewesen?“

Ulrike Stein ging auf dem Deich in Richtung Hafen. Rieder fragte sich, wie sie jetzt nach Kloster kommen wollte. Der Inselbus fuhr nicht mehr. Das späte Schiff aus Stralsund, mit dem man von Neuendorf auch nach Kloster fahren konnte, hatte seinen Betrieb schon im September eingestellt.

„Was hat das nun gebracht?“, fragte Damp.

„Nicht viel. Auf alle Fälle wissen wir, dass sie auch einen Freund oder Liebhaber hatte. Außerdem hat sie die Trennung von ihrem Mann mehr verletzt, als sie zugeben möchte.“