Am anderen Morgen das Ritual.
Sie hatten beide gewußt, daß es kommen würde. Ein Ritual, das mit seinen bestimmten Elementen so gesetzmäßig ablief, daß man danach ohne weiteres hätte die Uhr stellen können. Allerdings hatten sie diesmal gedacht, es würde erst beim Mittagessen stattfinden, da an Sonntagen der Großvater morgens stets früher vom Frühstückstisch aufzustehen pflegte als die übrigen, um vor dem Kirchgang noch einen kleinen Spaziergang zu machen. Aber ganz offensichtlich war ihm diesmal die Angelegenheit so wichtig erschienen, daß er bereit war, auf Spaziergang wie auf Kirchgang zu verzichten. Sie hat zwar wunderschön gespielt, diese Olga Asanowski, aber du hast uns noch nicht verraten, wer ihre Eltern sind, sagte der Großvater und klopfte bedächtig sein Frühstücksei auf.
Laura warf Wilhelm einen triumphierenden Blick zu, da ihr Bruder vorhergesagt hatte: Wetten, diesmal trifft es mich, er kennt drei meiner Freunde nicht.
Sie geht in eine der teuersten Privatschulen, erklärte Laura bereitwillig, und ...
Er habe nicht nach der Schule gefragt, noch nicht, unterbrach sie der Großvater freundlich. Alles der Reihe nach! Also nochmals: die Eltern, bitte schön.
Die Eltern seien Mediziner, die Mutter Zahnärztin, der Vater Gynäkologe, soviel sie behalten habe.
Als der Großvater die Stirn runzelte, fügte Laura rasch hinzu, zumindest glaube ich das.
Wieso?
Was wieso?
Nun, wieso sie das glaube? Entweder wisse man eine Sache, dann sei sie wahr. Wenn man eine Sache glaube, könne sie ebensogut auch unwahr sein. In welchem Stadtteil diese Eltern ihre Praxis hätten, ob sie darüber gesprochen habe.
Ihre Eltern sind tot, sagte Wilhelm. Diesmal runzelte auch Laura die Stirn, und der Großvater zog die seine ein zweites Mal in Falten. Und es sei richtig, sie seien Mediziner gewesen, Olga habe es ihm erzählt.
Wilhelm sei nicht gefragt worden, noch nicht, sagte der Großvater mit Nachdruck, er habe Laura gefragt. Also, dann interessiere ihn, bei wem dieses Mädchen lebe, wenn die Eltern gestorben sind.
Bei einem Onkel, sagte Laura, dem Bruder ihres Vaters.
Bei einem Onkel? Allein?
Nun, da habe es noch eine Tante gegeben, aber die sei wohl auch gestorben, erklärte Laura verunsichert.
Vor kurzem. Dann sei also wohl eine Erzieherin oder sonst irgendwer in diesem Haus, mutmaßte der Großvater, der nicht in Erwägung zog, daß es sich möglicherweise lediglich um eine Wohnung handeln könne. Und selbstverständlich interessiere ihn auch die Wohngegend.
Laura hielt Wilhelm, der gerade Kaffee eingoß, ihre Tasse entgegen und seufzte. Sie kenne weder die Wohngegend, noch wisse sie, ob es ein Haus oder eine Wohnung sei, und sie habe auch keine Ahnung, wer sich um Olga kümmere.
Soll das heißen, du weißt mehr oder weniger gar nichts über dieses Mädchen, das du in mein Haus bringst? Nicht mal, unter wessen Obhut sie aufwächst? Und vermutlich weißt du dies alles nicht, weil sie dich noch nie zu sich eingeladen hat. Ob das richtig sei.
In mein Haus, sagte die Großmutter freundlich, die soeben verspätet zum Frühstück kam. Worum es denn gehe.
Der Großvater legte verärgert eine Scheibe Wurst auf sein Brot, auf das er bereits Honig gestrichen hatte, und schob anschließend das Ganze angeekelt zur Seite. Um diese Orgie, sagte er dann und schaute seine Frau kampflustig an. Um diese Orgie.
Orgie? Die Großmutter lachte auf. Eiei, wie spannend! Endlich etwas anderes als das ständige Diskutieren über Politik. Und endlich auch einmal ein Gesprächsstoff, der ihre Freundinnen interessieren dürfte. Also eine Orgie. Wo diese denn stattgefunden habe?
In un ... in deinem Garten! sagte der Großvater grimmig. Und er mache sich schon darauf gefaßt, daß die Nachbarn sich beschweren werden.
Wegen dem bißchen Klaviermusik? zweifelte die Großmutter.
Bißchen Klaviermusik! brauste der Großvater auf. Er verstehe zwar nicht soviel von Musik wie sie, aber sie seien zu dritt gewesen.
Das sei schön, sagte die Großmutter befriedigt, wenn er ein so gutes Gehör habe, könnten sie ja wieder einmal ins Konzert gehen.
Treib es nicht zu weit, Auguste! sagte der Großvater mit starrem Gesicht. Und es sei für ihn nicht nachvollziehbar, wie seine eigene Frau mitten in der Nacht mit einem Haufen junger Leute im Freien Cello spielen könne. Nachts um zwei!
Ach, so spät war es da schon? wunderte sich die Großmutter. Sie habe gedacht, es sei gerade elf, als man sie aus dem Bad geholt habe.
Man habe was?
Die Großmutter schaute Laura an, dann Wilhelm, die beide zu Boden blickten, um das Lachen zu unterdrücken.
Also, sie habe soeben im Bad Nachttoilette gemacht, da sei Laura gekommen und habe sie im Auftrag der Gäste gebeten, noch einmal in den Garten zu kommen, um dort gemeinsam zu musizieren.
Der Großvater starrte seine Frau an. Willst du etwa sagen, daß du die Erlaubnis gegeben hast, den Flügel in den Garten zu schleppen?
Aber nicht doch! wehrte die Großmutter ab. Doch nicht den Bechstein! Nur das alte Klavier, du weißt ja, das von meinem Vater, das seit Jahren im Keller steht. Und zugegebenermaßen sei es verstimmt gewesen, aber immerhin ...
... war es wunderbar, sagte Laura lachend und küßte die Großmutter. Aber jetzt, sagte sie dann, müsse sie gehen, sie sei mit einer Freundin verabredet, sie wollten in eine Ausstellung.
Wilhelm erhob sich ebenfalls. Auch er habe eine Verabredung, erklärte er hastig.
Ihr bleibt beide sitzen! ordnete der Großvater lautstark an. Hubert kann euch nachher mit der Chaise fahren, wohin ihr wollt.
Wie vornehm, sagte die Großmutter bewundernd. Endlich fahren unsere Enkel standesgemäß durch die Gegend und zockeln nicht auf irgendwelchen Fahrrädern, die sie kaum beherrschen, durch die Straßen. Die Nachbarschaft wird das bewundernd zur Kenntnis nehmen.
Der Großvater riß sich die Serviette aus dem Kragen und warf sie zornig auf den Tisch. Barfuß seien sie gewesen, barfuß hätten sie im Gras getanzt, Männlein und Weiblein. Und das nachts um zwei. Man habe in Musik baden wollen, wie einer lautstark gesagt habe. Baden! Und das sei so gegangen bis um drei. Er habe nicht schlafen können, und alles sei vermutlich am Rande der Unzüchtigkeit verlaufen.
Nicht solange ich dabei war, erwiderte die Großmutter sanft und biß genüßlich in eine Honigstulle. Nicht solange sie anwesend gewesen sei.
Dann eben danach.
War es das, Kinder? fragte die Großmutter mit betont strengem Blick.
Nein, sagten Laura und Wilhelm gleichzeitig mit Nachdruck, das war es nicht.
Nun, versuchte die Großmutter zu vermitteln, weshalb dann solch ein Lamento wegen nichts und wieder nichts. Es seien doch junge Menschen, und sie hätten lediglich ...
... jaja, den Flügel in den Garten geschleppt.
Das Klavier, korrigierte die Großmutter und lachte. Den Flügel können sechs Leute kaum heben.
Ob Klavier oder Flügel sei egal, sagte der Großvater voller Zorn, auf jeden Fall hätten sie die gleiche Melodie etwa zehnmal hintereinander gespielt, so daß sie einem zu den Ohren herausgekommen sei, und als das Cello fehlte, habe jemand den Part mit der Querflöte übernommen.
Die Großmutter lachte. Das sei originell, aber keinesfalls kriminell. Und sie könne sich allenfalls darüber aufregen, daß irgendwann das Fis fast auf das F gerutscht sei in der kühlen Nachtluft. Sicher müsse man das Klavier, falls man wieder einmal so fröhlich sein wolle, stimmen lassen – nach solch einer Orgie!
Der Großvater stand auf und zog Wilhelm energisch am Kragen hoch.
Woher kommt dieser junge Mann mit den schwarzen Haaren? fragte er abrupt.
Mit den schwarzen Haaren? Meinst du etwa Raimund? fragte Wilhelm verblüfft.
Ich weiß nicht, wie er heißt. Aber ich will wissen, wer er ist und woher er kommt.
Mit schwarzen Haaren gibt’s nur Raimund, sagte Wilhelm. Kommt er aus Steglitz? wollte der Großvater wissen.
Kennst du ihn? fragte Wilhelm erfreut.
Er besucht doch ein Gymnasium in Steglitz, oder? fragte der Großvater mit verkniffenem Gesicht.
Ja, sagte Wilhelm verwundert. Es sei ein sehr gutes Gymnasium, und er sehe nicht ...
Egal wie gut dieses Gymnasium ist, sagte der Großvater und ging zur Tür, ich will diesen Burschen nicht mehr in meinem Hause sehen. Nicht diesen und auch keine anderen Burschen aus diesem Gymnasium, an dem es vermutlich noch mehr von der Sorte gibt. Leute, die mit Spirituskocher, Erbswurst und Lodenpelerinen durch die Lande ziehen und im Freien nächtigen wie die Vagabunden. Und anschließend ihren Eltern nichts als Ärger ins Haus bringen mit ihrer Wanderei und ihren aufrührerischen Ideen und sonderbaren Worten. Wandervögel! Was nichts anderes bedeutet als Widerstand gegen Schule und Elternhaus, gegen Religion und Patriotismus.
Was soll das? wollte Laura von ihrem Bruder wissen, als Hubert sie anschließend durch die Stadt fuhr. Wer ist dieser Raimund?
Nicht einmal ein Freund, sagte Wilhelm störrisch, nur jemand, den Franz mitgebracht hat, weil er ein interessanter und amüsanter Mensch ist. Und er könne sich nicht vorstellen, was der Großvater meine. Wandern! Tausende von Menschen wanderten am Sonntag an den Müggelsee, an die Krumme Lanke, durch den Grunewald und weiß Gott wohin. Er habe noch nie gehört, daß dies ein Verbrechen sei. Vermutlich nehmen sie dazu keine Spirituskocher mit und auch keine Erbswurst, sagte Laura lachend. Reg dich nicht auf! Ich frage mich nur, wie er überhaupt auf so etwas Abwegiges kommt.
Sobald ich die Lehre abgeschlossen habe, gehe ich, sagte Wilhelm entschieden. Er wolle nicht in diesem Haus versauern und seine Jugend versäumen wie in einem Gefängnis.
Ich denke, es gibt schlimmere Gefängnisse, wandte Laura ein. Und eine Großmutter, die ihre Nachthaube mit Schwung vom Kopfe wirft und im Freien mit einer Horde junger Menschen nach Mitternacht noch Cello spielt, die könne man suchen.
Am Nachmittag – Laura war soeben dabei, einen alten Hut mit einer neuen Federgarnitur zu verschönern – stürzte Grete ins Zimmer, nahezu ohne anzuklopfen. Wilhelm sei verschwunden, sagte sie atemlos.
Laura ließ Federn und Hut sinken. Wilhelm verschwunden? Heute morgen habe sie in seinem Zimmer einen Koffer gesehen, ereiferte sich Grete, halb gepackt, er habe mit einer Ecke unter dem Bett vorgeschaut, und weil sie habe putzen wollen, habe sie ihn hervorgezogen. Nicht hineingeschaut freilich, nur hervorgezogen.
Und?
Dieser Koffer sei nun weg. Und von Wilhelm keine Spur. Sie habe überall gesucht.
Überall? hakte Laura nach, ohne sich übermäßig aufzuregen, da sie sicher war, daß ihr Bruder niemals das Haus verlassen würde, ohne ihr Bescheid zu sagen.
Fast überall, korrigierte sich Grete.
Nun, wir werden sehen, sagte Laura ruhig und legte ihre Arbeit zur Seite. Sie ging ans Fenster, schob den Vorhang zur Seite und winkte Grete zu sich. In der Dämmerung sahen sie, wie über den Bäumen eine Blume emporstieg, für einen Augenblick am Himmel stehenblieb und dann verlöschte.
Nun, sagte Laura lächelnd, es stehe ja wohl fest, daß Wilhelm nicht verschwunden sei. Niemand außer ihm experimentiere mit Blumen.
Aber der Großvater hat recht, sagte Grete störrisch, er hat völlig recht.
Womit?
Nun, mit seinem Ärger über diese Wandervögel.
Laura umarmte Grete liebevoll, aber Grete schob sie von sich. Es sei ihr ernst damit. Und sie wisse, wovon sie rede.
Und wovon, bitte, rede sie, fragte Laura amüsiert.
Ihre Schwester diene in eben diesem Steglitz bei einem Kommerzienrat, und dort sei derselbe Zirkus mit den Kindern. Die hätten drei von der Sorte.
Von welcher Sorte? fragte Laura irritiert.
Von der mit der Erbswurst. Drei Kinder, zwei Mädchen und ein Junge. Die fahren sonntags mit den Fahrrädern irgendwohin, irgendwohin, wiederholte Grete empört. Ich meine, so wohin, wo kein Erwachsener dabei ist und dort ...
Ja, was machen sie dort?
Nun, sie kochen diese Erbswurst, stieß Grete hervor. Und von dem anderen Drum und Dran wisse sie nichts. Es stehe ihr auch nicht zu, darüber zu urteilen. Aber sie sei sicher, daß diese Leute dort auch Anhänger der Reformkleidung seien, sagte sie dann empört.
Laura lachte. Sie trage auch Reformkleider, erwiderte sie, zumindest manchmal, und sie möge auch kein Korsett.
Das sei wider die Natur, sagte Grete steif, eine Frau, die kein Korsett trage, sei fahrlässig. Und nicht nur das – es sei gefährlich.
Gefährlich? Reformkleider?
Nein, das andere selbstverständlich.
Laura setzte die Elemente Fahrrad, Erbswurst und Reformkleider in ihrem Kopf zusammen und vermutete, daß besonders das »Drum und Dran« Gretes Phantasie angeheizt haben mußte und daß sie gerade »ihre« Kinder, die sie schließlich mit aufziehen geholfen hatte, vor dergleichen bewahren wollte.
Wir sind erwachsen, sagte Laura behutsam, oder zumindest fast. Und es sei unmöglich, Kinder ein Leben lang vor Gefahren zu bewahren.
Grete nickte, schwankte wohl zwischen dem Bedürfnis, weitere Ratschläge zu erteilen, und der Gewißheit, daß diese Kinder irgendwann nicht mehr »ihre« Kinder sein würden, dann ging sie in die Küche zurück.
Wenn du’s genau wissen willst, Schwesterlein, sagte Wilhelm später, als Laura ihm von Gretes Ängsten erzählte, der Koffer bringt mich am nächsten Sonntag zum ersten Autorennen der Welt: Paris-Rouen. Ich wollte ihn heimlich pakken, damit sich nicht wieder die ganze Familie darüber aufregt. Aber wenn ich eines Tages das Haus Hals über Kopf verlasse, erfährst du es ganz gewiß als erste.
Als Laura abends ins Wohnzimmer kam, saß Tante Minchen über ihre Stickarbeit geneigt, nebenbei hörte sie Grammophonmusik.
Für wen machst du das? wollte Laura wissen und beugte sich über das rote Vivatband, in das Minchen soeben mit goldenen Fäden die letzten Buchstaben eines Spruchs stickte: »Denn aus Pulverdampf und Blitzen und dem Krachen der Haubitzen ward geboren Deutschlands Mach ...«
Für Erwin, sagte Tante Minchen leicht verlegen, zu seinem Geburtstag.
Naja, das wird Onkel Erwin höllisch freuen, und Onkel Heinz kann wieder einmal seinen ganzen Spott über dich ausschütten.
Deswegen mache sie es ja auch nur, wenn Heinz nicht da sei. Übrigens – sie schnitt einen Goldfaden ab und fädelte umständlich die Nadel ein, dann sah sie hoch, sichtlich unbehaglich –, dein Großvater hat mich gebeten, dich noch etwas zu fragen, du weißt schon, wegen heute morgen. Er hat da noch etwas vergessen.
Das heißt, er war zu feige dazu, sagte Laura verärgert. Was will er noch wissen?
Nun, er will wissen, wo nun die Eltern dieser Olga ihre Praxis gehabt hätten. In welchem Stadtteil, fügte Tante Minchen leicht unbehaglich hinzu.
Ich habe sie nie danach gefragt, erklärte Laura. Olga erzählte mir irgendwann einmal etwas von Dahlem, aber ich kann mich nicht mehr erinnern, ob das im Zusammenhang mit den Praxen ihrer Eltern gewesen war. Aber selbst wenn sie in Kreuzberg oder Moabit oder Wedding ihren Beruf ausgeübt hätten, so seien sie doch immerhin Mediziner gewesen und hätten ein Studium absolviert, was in ihrer Familie ja nun niemand getan habe.
Gutgut, reg dich nicht auf! sagte Tante Minchen besänftigend. Er will ja nur wissen, wer in seinem Haus aus und ein geht.
Ist das Verhör damit endgültig beendet? fragte Laura spottend und erhob sich. Sie habe jetzt wohl genug Fragen beantwortet.
Kind, ich bin es doch nicht, die fragt! sagte Tante Minchen besorgt. Er ist es.
Das Verhör war auch am nächsten Tag noch nicht beendet. Kaum daß Laura nach der Schule das Haus betreten hatte, sagte Tine, der alte Herr erwarte sie in der Bibliothek.
Laura stellte ihre Schultasche an der Garderobe ab. Vor dem Mittagessen? fragte sie mißtrauisch.
Tine zuckte mit den Achseln. Er hat gesagt, Sie sollen zu ihm kommen, sofort. Es wird heute später gegessen, da alle noch außer Haus sind.
Wir essen später? fragte Laura verblüfft. Ich denke, er muß nachmittags bald zu irgendeiner Sitzung.
Tine zuckte wieder mit den Achseln. Essen gebe es heute um zwei.
Also wusch Laura sich die Hände, brachte die Schultasche in ihr Zimmer, dann stieg sie die Treppe wieder hinunter und klopfte an die Tür der Bibliothek.
Komm nur herein! rief der Großvater freundlich und öffnete die Tür. Ich habe schon auf dich gewartet. Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch, ließ sie gegenüber Platz nehmen und schob ihr dann ein Adreßbuch hin. Ich nehme an, du weißt, was ein Adreßbuch ist?
Laura nickte irritiert. Natürlich wisse sie, was ein Adreßbuch sei.
Nun, dieses hier ist von 1890, da müßten Olgas Eltern noch gelebt haben. Aber sie sind nicht drin zu finden.
Was das solle, wollte Laura wissen und stand auf. Wieso soll ich Olgas Eltern in einem Adreßbuch suchen?
Weil sie drinstehen müßten. Genauso wie in einem – er griff hinter sich und legte ein zweites Buch vor sie hin –, in einem Telephonverzeichnis. Dieses sei ebenfalls von 1890. Ein Arzt müsse ja wohl ein Telephon haben. Aber Olgas Vater habe zu diesem Zeitpunkt keinen Anschluß gehabt. Er sei weder in diesem Verzeichnis noch im Adreßbuch genannt, noch kenne ihn irgend jemand bei der Ärztekammer.
Laura sprang auf. Du spionierst meiner Freundin nach, sagte sie dann, hochrot im Gesicht.
Aber nein, Kind, sagte der Großvater freundlich. Ich möchte lediglich wissen, wer in unserem Haus aus und ein geht. Um deinetwillen, auch um Wilhelms willen, der ja schließlich mit dieser Olga getanzt hat.
Laura schluckte. Das ist ungeheuerlich! flüsterte sie dann.
Ja, das finde ich auch. Der Großvater nickte. Die Eltern deiner Freundin gab es hier in Berlin nicht, nicht zu dieser Zeit. Und deine Freundin wohnt vermutlich auch nicht in Berlin. Der Onkel trage als Bruder ihres Vaters den gleichen Namen und sei ebenfalls in keinem Adreßbuch zu entdecken.
Wie bitte?
Ich sage, sie wohnt nicht in Berlin, sagte der Großvater mit Nachdruck. Du darfst es mir glauben.
Und wo soll sie dann wohnen?
Woher er das wissen sollte, fragte der Großvater achselzukkend. Schließlich sei nicht er mit diesem Mädchen befreundet, sondern sie. Sie müsse doch wissen, an welcher Station dieses Mädchen aus der Pferde- oder Hochbahn steige, wenn sie sich treffen.
Sie kommt weder mit dem Pferdeomnibus noch mit der Hochbahn, sie kommt immer zu Fuß.
Das heißt, egal, wo ihr euch trefft, sie kommt stets zu Fuß? Ist dir das nie merkwürdig vorgekommen? Berlin ist doch keine Kleinstadt!
Weshalb ihr das merkwürdig vorkommen solle, fragte Laura langsam, jedoch mit einer Spur von Unsicherheit in der Stimme, sie gehe ja auch manchmal zu Fuß.
Das schon, aber deine Freundin läuft quer durch Berlin zu Fuß, benutzt weder einen Kremser noch eine Droschke oder sonst was. Dann suche mir zumindest ihren Namen im neuesten Adreßbuch! sagte der Großvater hartnäckig. Schlag nach unter Asanowski!
Sie zog das Adreßbuch zu sich heran, öffnete es, blätterte mit zittrigen Fingern, aber es war ihr bereits beim Umschlagen der Seiten klar, daß der Großvater recht haben würde. Sie schloß das Buch, schob es zu dem Großvater zurück.
Kind, es gibt niemand in Berlin, der so heißt, wie du gesagt hast. Und falls diese Olga Dahlem erwähnt habe, so sei das schlichtweg gelogen.
Mein Gott, Tante Minchen hat das verdreht, sagte Laura unglücklich, und in diesem Kuddelmuddel von Mutmaßungen und Verdrehungen kenne sich ja kein Mensch mehr aus.
Wenn ihr euch in der Bibliothek getroffen habt, dann muß dieses Mädchen doch anschließend irgendwohin gegangen sein, sie kann sich doch nicht in Luft aufgelöst haben.
Sie hat gesagt, sie gehe nach Hause, erwiderte Laura müde. Sie hat gesagt, sie mache gern Spaziergänge. Als Kind habe sie schwache Beine gehabt, und ihre Eltern hätten sie dazu erzogen, viel zu laufen.
Wozu gibt es Franzbranntwein? fragte der Großvater grob. Diese Mediziner hätten ihr Kind mit Franzbranntwein behandeln sollen, das habe ihm als Kind geholfen.
Franzbranntwein? fragte Laura verständnislos. Wieso sie jetzt über Franzbranntwein diskutieren müsse.
Weil ein Mädchen aus gutem Haus größere Strecken nun mal mit der Kutsche fahre.
Vielleicht hat sie kein Geld für eine Kutsche.
Kein Geld für eine Kutsche, wenn sie diese teure Privatschule besucht?
Laura stand auf und ging zur Tür. Wenn sie ihm nicht die nötigen Auskünfte über das Mädchen beschaffen könne, sagte der Großvater, dann werde er in dieser Schule anfragen.
Laura starrte ihn ungläubig an. Du willst in dieser Schule anrufen und Olgas Namen in Zweifel ziehen?
Nein, sagte der Großvater freundlich, das wolle er eben nicht, und deswegen erwarte er von ihr, daß sie herausfinde, was es mit dieser Olga auf sich habe. Sie verheimlicht uns irgend etwas. Ich weiß nicht, weshalb, aber es ist so. Und du weißt ja nicht einmal, wo sie wohnt.
Weil mich das noch nie interessiert hat, sagte Laura heftig. Ich weiß auch nicht, wo Alma wohnt oder Agathe. Beide haben mich auch noch nie zu sich eingeladen.
Aber wir wissen, wo sie wohnen, sagte der Großvater ruhig. Alma wohnt im Bachstelzenweg in Dahlem, ihr Vater habe eine Spitzenhandlung und ihr Bruder studiere Jura. Agathe wohnt in der Badenallee in Charlottenburg bei einer reichen Tante, die keine Kinder hat, und sie wird dort so lange bleiben, bis sie die Schule beendet hat und wieder in die Mark zurück kann, wo ihre Eltern ein Gut besitzen; nicht sehr groß, aber es ist nun mal ein Gut. Und Nelly wohnt in der Nähe des Botanischen Gartens, ebenfalls in Dahlem.
Eine Weile war Stille, dann sagte Laura entsetzt: Du überwachst alle meine Freundinnen?
Aber gewiß doch, das tun andere Leute auch. Deine Mutter lebt nicht mehr, und dein Vater kümmert sich kaum um solche Dinge. Ihn interessieren nur seine Raketen, alles andere auf der Welt existiert nicht für ihn. Also müssen wir uns um dich kümmern.
Draußen waren Stimmen zu hören. Der Großvater stand auf und ging auf den Flur. Ich erwarte dich heute abend in meinem Zimmer, sagte er zu Wilhelm, der soeben die Treppe herunterkam. Er schaute auf seine Uhr und sagte dann: Sagen wir um sechs Uhr. Bis dahin bin ich wieder im Hause. Ich möchte mit dir dann über verschiedene Dinge reden.
Worüber? wollte Wilhelm wissen.
Das wirst du zu gegebener Zeit erfahren.
Wilhelm kniff die Augen zusammen. Am Abend treffe er sich mit den Freunden, die vorgestern bei der Geburtstagsfeier hier gewesen seien.
Und wo geht ihr hin?
Wilhelm machte eine vage Bewegung und fragte dann aufsässig, er sei vorgestern sechzehn geworden, ob er darüber in Zukunft immer noch Auskunft geben müsse.
Bis du volljährig bist, denke ich schon.
Laura versuchte, sich am Großvater vorbeizudrängen. Du wirst dieses Mädchen also bei eurem nächsten Treffen all das fragen, was ich wissen möchte, sagte der Großvater.
Das werde ich nie tun, sagte Laura störrisch. Das werde ich gewiß nicht tun.
Dann wirst du genauso gewiß dieses Mädchen nicht mehr sehen. Und falls Wilhelm sich möglicherweise ebenfalls mit ihr treffen wollte – schließlich habe ich die beiden barfuß auf dem Rasen tanzen sehen –, wird auch er sich fügen müssen. Für einige Augenblicke schauten sie alle drei stumm von einem zum anderen, dann hob der Großvater die Schultern. Ich will nichts anderes als dieses Mädchen kennenlernen, versteht ihr?
Dann lade sie doch ein! schlug Wilhelm vor.
Das ist eine gute Idee, sagte der Großvater nach einigem Nachdenken, eine sehr gute Idee sogar. Wann siehst du sie wieder? wollte er dann von Laura wissen.
Am Donnerstag, sagte Laura.
Dann lade sie für Freitag zum Abendessen ein.
Sie kann Freitag abend nicht.
Dann lade sie für den Samstagnachmittag ein. Zu einem Picknick im Grunewald. Dann haben wir alle Gelegenheit, uns näher kennenzulernen.
Samstags? fragte Laura mißtrauisch. Der Samstagnachmittag sei für ein Picknick ein schlechter Zeitpunkt, da sei ganz Berlin in den Wäldern. Außerdem habe Olga samstags erst am Abend Zeit. Die Geburtstagsfeier sei eine Ausnahme gewesen.
Und weshalb hat sie samstags nie Zeit?
Laura zuckte mit den Achseln. Sie hat eben keine Zeit. Wahrscheinlich muß sie sich um den Haushalt kümmern oder so etwas.
Gutgut, ist schon in Ordnung, sagte der Großvater nachdenklich. Frag sie trotzdem, vielleicht kann sie ihre Hausarbeit ja verschieben!
Die Woche verstrich, und am Donnerstag, als Laura sich eigentlich schon entschieden hatte, Olga nicht auszufragen, rannte ihr Wilhelm nach, als sie das Haus soeben verlassen wollte.
Du triffst dich mit ... Olga? fragte er stockend.
Ja, natürlich, sagte sie gereizt, da sie annahm, daß nun auch noch Wilhelm sie zu irgend etwas zwingen wolle. Hast du etwa auch noch Fragen, die ich stellen soll?
Es wäre mir lieb, wenn du sie das fragen würdest, was Großvater wissen will, sagte Wilhelm langsam.
Sie starrte ihn fassungslos an. Wieso? fragte sie dann empört.
Ich glaube, ich würde sie gern wiedersehen, sagte Wilhelm stockend.
Laura lachte erleichtert. Mein Bruder verliebt sich in meine Freundin! Stimmt das?
Das sei maßlos übertrieben, wehrte Wilhelm ab, aber sie habe ihm mit ihrem Klavierspiel sehr imponiert. Und dieser Satz auf Viktors Frage, daß sie für jemanden spiele, den es noch gar nicht gebe, der habe ihm ganz einfach gefallen.
Laura nickte. Gut, ich werde sie einem hochnotpeinlichen Verhör unterwerfen, damit ihr endlich alle zufrieden seid.