Das Kind

Schützt du dich?

Olga hatte Laura verblüfft angeschaut. Natürlich schütze ich mich. Ein Kind wäre das letzte, was wir brauchen könnten in unserer Situation. Und außerdem will ich ganz gewiß kein Kind von einem Mann wie Claude, der kaum selber dem Kindesalter entwachsen ist.

Würdest du eines von David wollen?

Olga hatte Laura amüsiert übers Haar gestrichen. Von einem Mann, der in der Wüste siedeln möchte, vierhundert Meter unter dem Meeresspiegel? Oder irgendwo sonst, wo einst die alten Nabatäer Sturzflutenanbau betrieben? Kannst du dir vorstellen, unter welchen Bedingungen Kinder an solchen Orten aufwachsen?

Also würdest du dich auch bei David schützen, hatte Laura festgestellt.

Hör mal, mein Täubchen, ich habe mich immer geschützt, seit ich mit Männern zusammen bin. Was soll das?

Und wie?

Nun, so, wie sich Frauen schon seit langem schützen: mit Kondomen. Sie gehörten in jede Damenhandtasche, hatte Olga gesagt, damit man vorbereitet sei für alle Situationen. Und darüber könne man reden, müsse man reden. Auch öffentlich.

Öffentlich?

Ja, öffentlich, hatte Olga mit Nachdruck gesagt, auch wenn dazu viel Mut gehöre. Und diese Frau aus Hamburg, die dies getan habe, die in Vorträgen und mit Lichtbildern für die Aufklärung über Verhütungsmethoden aufgetreten sei, habe man deshalb zwar zu Gefängnis verurteilt und aus der Frauenbewegung ausgeschlossen, aber diese Frau habe sich nicht entmutigen lassen und sei weiterhin für die Sache eingetreten.

Das Gespräch hatte in Paris stattgefunden, vor sieben Jahren. Sie war eine durchgefallene Studentin ohne jede Männererfahrung und Olga die erfahrene Frau gewesen. Aber als sie mit Viktor in jener Nacht des Kometen in Heidelberg zusammengewesen war, war sie bereits eine Ärztin, die eine Praxis eröffnen wollte. Doch auf diese Situation in jener Nacht war sie nicht vorbereitet gewesen. Aber sie hatte sie gewollt. Und sie wußte genau, daß sie für einen Augenblick auch gedacht hatte, ein Kind, das sein Leben einer solchen Situation verdanke, müsse ein besonderes Kind sein. Und sie erinnerte sich auch an Rosas Sohn, den sie bei deren verschiedenen Besuchen stets liebevoll auf den Arm genommen und an sich gedrückt hatte. Der Wunsch nach einem Kind war über Jahre hinweg dagewesen, auch wenn sie sich das nicht hatte eingestehen wollen.

Reg dich nicht auf! hatte Flora versucht, sie zu trösten, als sie mit der Gewißheit, daß sie schwanger war, vom Arzt zurückgekehrt war. So etwas passiert Frauen seit Anbeginn der Welt. Und Theodor sei auch bereits unterwegs gewesen, als sie den ersten Mann geheiratet habe.

Es ist nicht »passiert«, sagte Laura. Sie habe es gewollt. Oder zumindest sei sie nicht dagegen gewesen.

Flora legte den Federhalter auf den Schreibtisch. Das gibt es nicht.

Und weshalb nicht?

Aha, also mal wieder Helene Stöcker mit ihrer »Neuen Ethik«.

Nein, Laura Hagemann.

Gut, Laura Hagemann, sagte Flora besänftigend. Aber sie glaube es trotzdem nicht. Nicht ganz zumindest. Und was nun?

Ja, was nun? Laura seufzte. Fast den Führerschein geschafft, fast ein Automobil gekauft, fast die komplette Einrichtung für die Praxis bestellt, längst den Umbau des Hauses mit dem Architekten besprochen.

Sie sehe nicht ein, weshalb nicht alles genauso weiterlaufen soll, wie es geplant war, sagte Flora nach einer Pause.

Und wie, bitte? Soll ich Kindern die Mandeln herausoperieren mit einem dicken Bauch, der nirgendwo Platz hat? Und das alles ohne einen Vater für dieses Kind?

Sei nicht albern, du hast einen Kindsvater.

Und wo ist dieser Vater, bitte schön, in diesem Augenblick? Sie wisse nicht einmal, welches berufliche Angebot Viktor nun angenommen habe, ob er nach Babylon oder nach Heidelberg gegangen sei. Und überhaupt. Solle sie Viktors Laufbahn durch ein Kind belasten?

Ach ja, sagte Flora spitz, natürlich. Klar, daß Viktor eine Laufbahn haben muß. Du hast selbstverständlich keine, oder?

Laura schwieg, zuckte mit den Achseln. Dazu werden wir Jahrzehnte brauchen, bis wir von dieser Denkweise abrükken.

Kannst du dir vorstellen, wie Viktor zu diesem Kind stehen wird?

Er wollte mich bereits vor sieben Jahren heiraten, und ich konnte mir damals gut vorstellen, immer mit ihm zusammenzusein. Allerdings ohne Heirat.

Wohin, hast du gesagt, wollte er? nahm Flora die Fährte wieder auf.

Nach Babylon oder nach Heidelberg, wiederholte Laura ungeduldig.

Babylon, sagte Flora sinnend, Babylon. Nun das sei gar nicht schlecht. Es sei weit genug entfernt.

Wofür »nicht schlecht«?

Nun, es sei einerseits klar, daß sie das Kind nicht hier zur Welt bringen könne. Eine hochschwangere unverheiratete Frau, die eine Praxis eröffne, sei einfach undenkbar. Der familiäre Hintergrund müsse in Ordnung sein, sonst komme keine Mutter in die Praxis. Aber sie sehe andrerseits nicht ein, weshalb ein Kind eine Berufsentscheidung zunichte machen solle.

Und was schlägst du vor?

Nun, du bringst das Kind woanders zur Welt, dann kommst du zu uns mit dem Kind, und wir erzählen den Leuten, daß sein Vater gestorben ist und du Witwe bist.

Laura versteifte sich. Das sei unmöglich.

Weshalb?

Sie könne den Vater ihres Kindes nicht für tot erklären lassen, da sträube sich in ihr alles.

Dann lassen wir ihn irgendwo weit weg sein, schlug Flora vor, und deshalb sei dieses Babylon schlechtweg ideal, da die meisten Leute gar nicht wüßten, wo es genau liegt. Oder wir sagen, er sei Handelskaufmann, habe irgendwo im Fernen Osten eine Niederlassung, von der er nicht weg kann, und du solltest später nachkommen. Wenn dir das nicht gefällt, können wir ihn auch einen Ingenieur sein lassen. Ja, laß ihn Brücken bauen, Staudämme! Aber dieses Babylon sei gewiß nicht schlecht.

Ich bin völlig ungeeignet zum Lügen, sagte Laura.

Weißt du, sagte Flora bedächtig, vielleicht konntest du dir es in deinem Leben bisher leisten, ohne Lügen durchzukommen. Ich konnte es nicht. Und schließlich willst du doch diese Praxis.

Jaja. Sie wolle die Praxis, wolle das Kind, wolle Viktor. Aber nicht die Lüge.

Bagdadbahn, sagte Flora nach einer Weile, wäre das nichts? Seit 1897 bauen Deutsche an dieser Bagdadbahn. Ein männlicher Beruf, ein abenteuerlicher Beruf.

Sie könne Viktor nicht auch noch einen anderen Beruf verpassen, wenn sie schon lügen solle, sagte Laura. Dann lieber Babylon.

Was ist es eigentlich, was sie dort ausgraben? erkundigte sich Flora, mit ihren Gedanken bereits beim Ausschmücken des komplizierten Gebäudes, in dem sich Laura nicht verfangen durfte.

Die Stadt Nebukadnezars, sagte Laura. Aber so genau wisse sie es auch nicht.

Flora nahm ein Stück Papier zur Hand und entwarf das Gerüst einer Biographie für den Menschen, von dem ihre Schwägerin ein Kind erwartete, vor dem sie aber die Vaterschaft geheimhalten wollte.

Du bist dir ganz sicher, daß du ihm nichts sagen willst? fragte Flora schließlich.

Wie denn? An den Archäologen Viktor Berendsen in Babylon? Da braucht ein Briefträger hundert Jahre, falls es dort überhaupt einen Briefträger gibt.

Du kannst mir nicht weismachen, daß du es nicht herausfinden würdest, falls du es willst. Ein Anruf bei der Orient-Gesellschaft, und du hast die Anschrift. Wenn du willst.

Ja, wenn ich will, gab Laura zu. Aber sie wolle nun mal nicht. Zumindest nicht jetzt.

Na schön. Ich würde anders handeln, sagte Flora.

Hör zu, die Vorstellung, daß Viktor der Vater dieses Kindes ist, stimmt mich froh. Aber ich werde ihn gewiß nicht belasten mit einem Kind, nicht zu diesem Zeitpunkt, an dem nicht mal klar ist, wo das Kind zur Welt kommen soll. Oder hast du etwa dafür auch schon eine Idee?

In der Mark, sagte Flora rasch. Wir haben dort ein kleines Jagdhaus an einem See.

Allein in der Mark? fragte Laura entsetzt. Vielleicht noch an einem Ort am Ende der Welt wie das Gut des Hauptmanns, wo die Leute noch wie im vergangenen Jahrhundert tief im Aberglauben leben und mich am liebsten am nächsten Baum aufknüpfen möchten, weil ich Kinder gegen Pocken impfe?

Du könntest eine Freundin dorthin mitnehmen, überging Flora den Einwand. Hast du eine?

München, sagte Laura plötzlich. Es wird München sein.

München? Eine Großstadt? Ohne Freundin?

Eine Großstadt. Mit Gynäkologenfreundin, sagte Laura und küßte Flora.

Als Flora Laura einige Tage später mit ihrem Mercedes zum Bahnhof brachte, drückte sie ihr ein winziges Päckchen in die Hand. Nimm das! Es wird dir helfen.

Laura befühlte das Päckchen und sagte: Es fühlt sich hart an. Es ist der Ehering meiner verstorbenen Mutter. Trag ihn, du wirst es leichter haben! So weit sind wir noch nicht, daß man überall eine Mutter ohne Trauschein akzeptiert. Bis du wiederkommst, sind wir mit dem Umbau fertig, und dann kannst du mit der Praxis in das Parterre einziehen und im ersten Stock wohnen. Für läppische zweihundertneunzig Mark im Jahr.

Da verdienst du aber nicht eben viel an mir, sagte Laura lächelnd. Soweit ich informiert bin, zahlt man das schon in Moabit im dritten Hinterhof.

Ich hol’s mir an anderer Stelle wieder rein, sagte Flora lachend. Und im übrigen, meine Aktien steigen gerade. Wenn du wiederkommst, wirst du dich wundern, was sich bis dahin hier alles verändert hat.