B
lut spritzt mir über das Gesicht und ich schreie, drehe den Kopf zur Seite, während ich wieder auf Hände und Knie falle.
Ich rieche Erbrochenes, Kugeln und Blut sowie diesen süßen Duft von Marshmallow-Pancakes, die schon lange gegessen sind.
Ein weiterer Schuss fällt und ich breche zusammen, liege auf dem Bauch. Meine Hand rutscht über etwas Nasses und Glitschiges. Ich schreie, und als mein Schrei verhallt und das Geräusch der Schüsse nur noch ein Echo ist, rolle ich mich auf den Rücken. Mein Kopf ist schwer, meine Sicht verblasst, als mir etwas klar wird. Das, was mir mehr als alles andere Angst macht.
Josh hat aufgehört zu schreien.
Der Gedanke daran, warum das so sein könnte, dreht mir den Magen um, und ich öffne den Mund, um zu schreien, aber das Geräusch, das herauskommt, ist kein menschliches. Es ist fürchterlich und heiser und klingt wie das eines verletzten Tieres. Eines sterbenden Tieres.
„Kat?“
Ich blinzle und sehe eine Bewegung über mir. Jemand berührt mich, dreht mich. Der Instinkt übernimmt und ich kämpfe. Ich kämpfe gegen ihn, aber er ist zu stark. Er umfasst
meine Handgelenke und drückt mir die Arme an meine Seiten.
Er murmelt einen Fluch. Ein weiterer Schatten bewegt sich über mir und ich werde vom Boden hochgehoben. Mein Kopf hängt nach unten, Arme und Beine sind nutzlos, als ich durch das Wohnzimmer getragen werde. Zwei Körper liegen auf dem Boden, aber ich kann nicht erkennen, wer sie sind.
„Lev.“
Blut befleckt jede Oberfläche, Wände und Möbel gleichermaßen, und kurz bevor die eisige Luft mich trifft, sehe ich diese schlammigen Stiefel. Andreis schlammige Stiefel.
Ich versuche, Kopf und Arme zu heben. Wurde ich angeschossen?
„Versuche einfach, dich zu entspannen, Kat.“
Ich werde auf den Rücksitz eines SUV gelegt. Mein Kopf fällt an die Lederpolster und es verlangt mir alles ab, die Augen offen zu halten. Die Tür schließt sich und ich spüre, wie ich nach unten, in die gegenüberliegende Ecke, rutsche.
Einen Moment später wird diese Tür geöffnet. Ich blinzle und öffne den Mund, um zu schreien, aber es ist Lev. Es ist Lev und ich möchte weinen.
„Schhhh. Es ist okay. Du wirst wieder gesund.“ Er wischt mir das Gesicht mit einem nassen Handtuch ab. „Ich muss Josh holen. Er wird Angst haben, Kat. Verstehst Du?“
„Josh.“
„Wir haben keine Zeit. Du musst mir jetzt helfen, okay? Du musst mir helfen, um Josh zu helfen.“
Ich nicke.
„Gut. Du musst dich ein bisschen sauber machen. Kannst du dich abwischen, während ich Josh hole?“
Ich nicke wieder, denn ich kann nicht sprechen. Ich nehme das Handtuch und schaue auf meine blutigen Hände. Ich wische sie ab, aber es ist unmöglich, alles wegzubekommen, und ich muss mein Gesicht nicht sehen, um zu wissen, wie es aussieht.
Lev ist weg, die Tür geschlossen, aber einen Moment später ist er wieder da, und Josh hält Wally fest und klammert sich an ihn, während er in seinen Armen schluchzt. Er hört auf zu weinen, als er den Kopf hebt und mich sieht, aber dann verzerrt sich sein Gesicht vor Entsetzen, und das bricht mir das Herz.
Seine Lippe zittert, als Lev ihn auf den Platz neben mir setzt, und ich glaube nicht, dass er sprechen kann. Er steht unter Schock.
„Es ist okay, Baby“, sage ich, um ihn zu trösten, aber meine Stimme klingt seltsam.
Lev schaut uns an, das Gesicht von tiefem Bedauern geprägt. „Ich muss Pasha holen.“
Er schließt die Tür, bevor ich fragen kann, ob es ihm gut geht.
Ich ziehe Josh an meine Seite und er drückt sich an mich, klammert sich an Wally unter seinem Arm, den Daumen im Mund, die andere Hand um eine Haarlocke, und ich glaube, er wird Blut an sich haben. Ich sollte vielleicht nicht zulassen, dass er mich berührt.
Scheiße!
„Es geht uns gut, Baby.“ Ich bemühe mich um eine beruhigende Stimme, während ich ihm über den Kopf streichle und er die Augen schließt. „Es ist alles in Ordnung.“
Die Tür auf der Beifahrerseite öffnet sich, und Lev hilft Pasha hinein. An der Art, wie er geht, sehe ich, dass er verletzt ist, aber es gelingt ihm, den Rückspiegel herunterzuklappen und uns zu betrachten.
„Ist Josh verletzt?“, fragt er.
Ich schüttle den Kopf.
„Ich hätte nicht ... gehen sollen.“ Ich sehe, wie sehr es ihn anstrengt, überhaupt zu sprechen.
„Uns geht es gut.“ Geht es nicht. Nicht einmal annähernd.
Lev setzt sich auf den Fahrersitz und er fährt rückwärts aus
der Einfahrt. Sobald wir auf der Straße sind, telefoniert er. Es ist ein Videoanruf, was mich überrascht.
Das Gesicht eines Mannes erscheint auf dem Display und ich weiß nicht, wie Lev so gefasst, so ruhig klingen kann. Ich denke nicht, dass der Mann uns sehen kann, aber ich höre zu, und ich glaube, Lev erklärt, was passiert ist.
Einen Augenblick später nimmt ihm Pasha das Telefon aus der Hand und ich glaube, er versucht, einen Witz zu machen, aber ich höre, dass er Schmerzen hat.
Andrei muss ihn getroffen haben.
Andrei.
Was ist mit Andrei passiert?
Lev beendet den Anruf und dreht an der nächsten Ampel um, obwohl es verboten ist. Er blickt zu Josh und mir, die Stirn sorgenvoll gerunzelt.
„Schläft er?“, fragt er und schaut halb auf die Straße, halb auf mich im Rückspiegel.
Ich nicke.
„Du bist verletzt.“
„Das wird schon werden.“
„Es tut mir leid, Kat. Ich hätte dich nicht verlassen sollen.“
„Was ist mit Andrei passiert?“
„Ich habe meine Waffe in ihn geleert“, sagt er durch zusammengebissene Zähne.
„Er ist dein Cousin?“ Ich erinnere mich an ihn, an die erste Nacht im Club, aber ich wusste nicht, dass sie Cousins sind. Und diese Sache zwischen den beiden? Sie geht darüber hinaus. Sie ist persönlich.
„Er war
Vasilys Sohn. Er hat meine Mutter ermordet. Auf Befehl meines Onkels.“ Levs Fingerknöchel werden weiß, als er auf die Autobahn nach Norden einbiegt. Ich erinnere mich an das Gespräch, das er mit Andrei geführt hatte. Ich wusste, dass er Zeit gewinnen wollte, aber sie sprachen russisch, also verstand ich nicht, was er sagte. Aber das muss es gewesen sein. Hatte er es erst jetzt herausgefunden?
„Andrei ist Vasilys Sohn?“, frage ich, nur um die Bestätigung zu bekommen.
Lev nickt.
Was Andrei zu einem Blutsverwandten macht. Vasily ist Levs Onkel und, soweit ich weiß, sein Chef. Er ist auch der Mann, von dem Ninas Vater den USB-Stick gestohlen hatte, dessen Inhalt ich gesehen habe.
Neue Panik überkommt mich.
Wir sind nicht sicher. Wir sind nirgendwo sicher. Und der gestohlene USB-Stick, mit dem das alles begann? Das ist nichts im Vergleich zu dem hier. Im Vergleich dazu, dass Lev Vasilys Sohn getötet hat.
„Was machen wir jetzt?“
Lev atmet tief ein, die Augen auf die Straße gerichtet.
„Wir fahren nach Boston. Pasha braucht einen Arzt. Einen, dem wir vertrauen können. Dann ... werden wir sehen.“