A
m nächsten Morgen beobachte ich Josh, wie er die Pancakes vernichtet, die Lev ihm vom McDonald’s die Straße hinunter mitgebracht hat. Er isst sie mit unersättlichem Appetit und ich erinnere mich daran, dass wir gestern Abend im Haus von Levs Cousin nicht mehr als einen Snack gegessen haben.
„McDonald’s ist eine Ausnahme für ihn“, sage ich zu Lev, der ihn mit dem gleichen Ausdruck von Ehrfurcht und Stolz wie ich beobachtet. Und gerade jetzt, mit einem leicht verzogenen Gesicht, als Josh ein klebriges Stück Pancake, vor Sirup triefend, in seinen Mund manövriert und es nicht direkt ans Ziel bringt, da es ihm auf die offene Handfläche fällt, die er unter seine Plastikgabel hält.
„Wow“, sagt Lev.
Ich muss kichern, als er Josh betrachtet, der sich den Sirup von der Handfläche leckt.
„Macht es dich verrückt?“, frage ich, während ich diesen Moment der Entspannung genieße. Er ist von fast normaler Leichtigkeit. „Ich meine, du bist irgendwie ein Ordnungsfanatiker.“
Er dreht sich zu mir um. „Ein bisschen, aber er ist süß. Und ich bin kein Ordnungsfanatiker. Ich mag es nur, wenn alles organisiert und an seinem Platz ist.“
„Nun, willkommen in der Vaterschaft.“
Vaterschaft.
Wir erstarren beide bei meiner Bemerkung und sehen uns nur an.
Lev streckt eine Hand aus und streicht mir die Haare aus der Stirn, wobei er den Bluterguss dort berührt.
„Ich würde alles so beibehalten, wenn es um euch beide geht. Ich meine, um uns. Unsere Familie.“
Ich richte meinen Blick auf die Tasse Kaffee in meinen Händen und lächle, weil ich genauso fühle. Aber gleichzeitig weiß ich, dass es noch den anderen Teil gibt. Den Teil mit der russischen Mafia.
Wie aufs Stichwort klingelt sein Telefon. Wir verwenden beide die neuen, die sein Cousin Alexei für uns besorgt hat. Ich kenne Alexei nicht, und tief drinnen frage ich mich, ob wir ihm trauen können. Ob er nicht die Möglichkeit hat, diese Telefone zu orten und Vasily unseren Standort zu verraten. Aber Lev vertraut ihm, und so beschissen seine Familie auch ist, ich sehe das Maß an Vertrauen zwischen ihm und Alexei. Ich habe es auch bei Pasha gesehen.
Ich vertraue sehr wenigen Menschen. Nina war diejenige, die am meisten über mich wusste, aber auch sie wusste nicht alles.
Joshua wusste es. Joshua durchlebte es mit mir. Aber er starb, und nach seinem Tod lernte ich, meine Geheimnisse für mich zu behalten.
Aber ich erzählte es Lev. Ich verriet ihm mehr, als ich jemals jemandem erzählt habe, und es fühlte sich wie selbstverständlich an. Es fühlte sich gut an, einige dieser Dinge laut auszusprechen.
Geheimnisse haben Macht, und wenn man sie laut ausspricht und sie einem anderen Menschen erzählt, bekommt man in gewisser Weise die Macht zurück. Das wurde mir erst neulich Abend klar.
Ich schaue zu Lev hoch. Er ist abgelenkt, sein Gesichtsausdruck ernst, als er auf Russisch ins Telefon spricht. Und als ich zu ihm gehe und ihn umarme, ist er überrascht. Ich weiß es, da er kurz stockt. Er zögert einen Moment, bevor er seinen Arm um mich legt. Ich sehe es daran, wie er mich ansieht, als ich mich zurückziehe.
„Mami?“ Josh steht hinter mir und hält die Hände mit der Handfläche nach oben. „Ich bin klebrig.“
Ich beobachte Lev, wie er in den kleinen Wohnzimmerteil unserer Unterkunft hin- und hergeht.
„Überraschend“, sage ich, stelle meinen Kaffee ab und gehe mit ihm ins Badezimmer, um ihm die Hände zu waschen. Er kommt noch nicht an das Waschbecken, also hebe ich ihn hoch, nachdem ich ihm die Ärmel hochgekrempelt habe, und balanciere ihn auf einem Bein, während ich ihm seine kleinen Hände wasche.
„Können wir jetzt nach Hause gehen?“, fragt er.
Als ich von seinen Händen aufblicke, finde ich seine Augen im Spiegel auf mir, und in ihnen sehe ich die Reste der Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden.
„Noch nicht, Schätzchen. Wir werden erst mit Lev in den Urlaub fahren.“ Ich will ihn nicht anlügen, aber ich möchte, dass er sich weiterhin sicher und geborgen fühlt. Zumindest so weit wie möglich.
„Aber ich will nach Hause.“
Ich drehe das Wasser ab und beschäftige mich damit, ihm die Hände abzutrocknen, dann hocke ich mich hin, um mit ihm zu reden.
„Du hattest gestern Angst, nicht wahr?“
Seine Augen werden feucht und er nickt.
„Dieser Mann war ein böser Mann, Josh, aber jetzt ist er weg, und er kann dir nicht mehr wehtun, okay?“
Er berührt mein Gesicht, die Stelle auf meiner Stirn, von der ich dachte, ich hätte sie sehr gut mit den Haaren überdeckt.
„Was ist mit dir? Kann er dir wehtun?“
Ich nehme seine Hand, küsse ihn auf die Handfläche und umarme ihn dann. „Nein, Liebling, er kann nie wieder jemandem wehtun.“
Lev klopft an die Tür, die ich angelehnt hatte, und drückt sie ganz auf.
Ich richte mich auf, halte Joshs Hand fest und beobachte Lev, wie er das Gesehene verarbeitet. Ich betrachte ihn und sehe, wie sehr seine Zähne zusammengebissen sind und wie tief die Furche zwischen seinen Augenbrauen ist.
„Pasha geht es gut“, sagt er und wendet sich dann an Josh. „Er sagt, dass er dir bald wieder Marshmallow-Pancakes machen wird.“
Ich schaue nach unten, sehe Josh lächeln, und er ist wieder ein ganz normales kleines Kind. „Ich liebe Marshmallow-Pancakes.“
Wir gehen wieder hinaus ins Schlafzimmer, wo Lev einen Zeichentrickfilm für Josh einschaltet.
„Pasha geht es wirklich gut?“, frage ich.
„Ja. Er wollte sichergehen, dass du es erfährst, und er entschuldigt sich auch.“
„Entschuldigen? Wofür entschuldigen? Er wäre fast für uns gestorben.“
„Er wollte, dass du weißt, dass er sich schlecht fühlt, weil er dich und Josh verlassen hat, um in den Baumarkt zu fahren.“
„Ich hoffe, du hast ihm gesagt, er soll nicht albern sein.“
„Das habe ich. Aber er hat recht. Er hätte dich nicht alleinlassen sollen.“
„Lev–“
„Wir müssen aber noch andere Dinge diskutieren.“ Sein Gesichtsausdruck wird dunkel. „Wo ist dein neues Handy?“
„In meiner Handtasche“, sage ich und hole es aus meiner Tasche. Ich hatte es noch nicht einmal angeschaut. Es ist das, das Alexei Lev gegeben hat. „Hier.“ Ich gebe es ihm.
Lev nimmt es, tippt mit den Fingern schnell etwas ein und hält es mir dann hin. „Ich habe dir Alexeis Privatnummer eingespeichert.“ Er zeigt mir den Kontakt unter AX. „Wenn mir etwas zustößt–“
„Was?“
„Wenn mir etwas zustößt, oder wir getrennt werden, oder du mich aus irgendeinem Grund nicht erreichen kannst, ruf ihn an. Er ist der Einzige, den du anrufst. Verstehst du das?“
„Wir werden nicht getrennt werden. Dir wird nichts passieren.“
„Schhh.“ Er wirft einen Blick auf Josh. „Ich will nicht, dass Josh sich aufregt.“
„Aber–“
„Nur eine Vorsichtsmaßnahme. Das ist alles. Mir wird nichts passieren, Kat.“
Ich nehme das Handy und stecke es in meine Gesäßtasche.
„Ist alles in Ordnung? Ist etwas passiert? Gibt es etwas Neues und–“
„Wir müssen uns auf den Weg machen. Ich möchte mehr Distanz zwischen uns und Vasily bringen. Ich werde einkaufen fahren und einige Sachen besorgen, die wir brauchen.“ Er deutet auf mein Haar. „Du musst dir die Haare färben. Die sind zu auffällig.“
Ich berühre meine Haare. „Josh kennt es nicht anders. Ich denke nicht, dass ich das ändern sollte ...“
„Das Wichtigste ist, dass Josh in Sicherheit ist, und das bedeutet, dass wir nicht gesehen werden dürfen. Wir werden einen Weg finden, ihm das zu erklären.“
„Er will nach Hause.“
„Ja, nun, das kann er im Moment nicht, und du auch nicht, also bleib konzentriert, Katerina.“ Das ist eine andere Seite von Lev, nicht die zärtliche von gestern Abend und die väterliche von heute Morgen. Das ist die schärfere, kantigere Seite. Und mir wird etwas klar. Etwas, das ich die ganze Zeit
wusste, aber nie bewusst wahrgenommen habe.
Er ist ein ausgebildeter Killer.
Er beobachtet mich, während ich das denke, und ich bin mir sicher, dass er weiß, was in meinem Kopf vorgeht. Ich sehe es ihm am Gesicht an. Aber er versucht nicht, mich zu beruhigen oder meinen Kopf mit schönen, bedeutungslosen Worten zu füllen. Es ist die Realität. Wir wissen es beide.
„Hast du nur mit Pasha gesprochen?“ Ich weiß, dass es nicht so gewesen war. Ich hatte gehört, wie er den Namen Alexei sagte, und ich habe das Gefühl, dass er etwas gehört hat, was ihm nicht gefiel.
„Nein, ich habe auch mit meinem Cousin gesprochen.“
„Ist noch etwas passiert? Du wirkst besorgt.“
„Natürlich bin ich beunruhigt, Kat. Was erwartest du, wie es mir geht?“, schnappt er, fängt sich dann aber wieder und schüttelt den Kopf. „Es tut mir leid.“
„Was hat er dir erzählt?“
„Was soll ich für Josh kaufen?“, fragt er, anstatt meine Frage zu beantworten, und etwas in seinem Gesichtsausdruck sagt mir, dass ich auf der richtigen Spur bin.
„Ähm … Er hat einige Klamotten von Talia bekommen, aber wahrscheinlich braucht er noch mehr, Jeans und Pullover, Unterwäsche, Socken. Und vielleicht ein paar Spielsachen? Nur ein paar Lastwagen oder Spielzeugautos. Weißt du noch, welche Cornflakes er mag?“
Lev nickt. „Was ist mit dir? Was brauchst du?“
„Mir fällt nichts ein. Nun, vielleicht ... können wir nicht mitkommen?“
„Es ist besser, wenn ihr hierbleibt. Sie werden nach uns dreien suchen.“
Scheiße! Ich wusste es, nicht wahr?
„Was soll ich dir mitbringen?“
„Tampons.“
Er nickt, und wenn er sich unwohl fühlt, lässt er es sich nicht
anmerken. Stattdessen führt er mich ins Badezimmer und schließt die Tür. Aus dem hinteren Hosenbund seiner Jeans und unter seinem Hemd zieht er eine kleine Pistole hervor und hält sie in der Handfläche.
Ich trete einen Schritt zurück und schüttle den Kopf.
„Es ist nicht genau dasselbe Modell, mit dem du mich bedroht hast, aber sehr ähnlich.“
„Ich will sie nicht.“
Er kommt näher, legt die Pistole auf den Tresen hinter mir und zieht mich zu sich heran, wobei er meine Arme reibt.
„Du wirst sie nicht brauchen“, sagt er, „Aber ich würde mich besser fühlen, wenn du sie hättest, solange ich nicht hier bin.“
Mein Herz rast. „Das gefällt mir nicht.“
„Ich mag es noch weniger, aber wenn du sie benutzen musst, tue es. Zögere nicht. Hast du mich verstanden?“
„Ich–“
„Du hast bei mir gezögert. Es dauert nur den Bruchteil einer Sekunde, bis ein Mann dich überwältigt hat. Du weißt das. Zögere nicht. Hast du das verstanden?“
Ich nicke.
Er nimmt die Pistole und gibt mir eine kurze Einweisung, aber es ist fast genau dieselbe wie die, die ich hatte. Dann steckt er sie hinten in meine Jeans und zieht den Pullover darüber, um sie zu verbergen.
„Ich werde so schnell machen, wie ich kann. Zwei Blocks weiter gibt es einen Laden. Du schließt die Tür hinter mir ab. Niemand weiß, dass wir hier sind. Sobald ich zurück bin, färbst du dir die Haare, und dann sind wir weg.“
„Wohin fahren wir?“
„New York City.“
„New York City? Aber ist das nicht näher an Vasily, wenn er in Philadelphia ist? Sind wir dort nicht in größerer Gefahr?“
Er seufzt. „Ich werde es dir später erklären. Lass mich in den Laden gehen. Je eher wir von hier verschwinden, desto
besser.“