19
Kat
N achdem ich Josh am nächsten Morgen beim Anziehen geholfen habe, setze ich ihn auf einen Stuhl, um ihn sein Frühstück, bestehend aus Waffeln mit Früchten, essen zu lassen.
In Sirup getränkt.
Wenigstens sind Früchte dabei, sage ich mir. Und wenn wir nach Hause kommen, werde ich ihn wieder auf eine gesunde Diät setzen. Der Junge ist wirklich eine Naschkatze geworden.
Ich schaue nervös auf die Uhr, während Lev duscht. Gleb wird uns bald abholen, um diesen ‚Familientag‘ zu begehen. Er hat uns noch nicht gesagt, was er geplant hat, aber ich weiß, dass wir zu seinem Haus fahren, das ein wenig außerhalb der Stadt liegt. Ich habe Joshs Schwimmflügel und den Ball in eine Tasche gepackt, da es anscheinend sowohl einen Innen- als auch einen Außenpool hat. Seine Badehose ist noch feucht, also lasse ich sie im Badezimmer hängen, damit sie noch etwas trocknen kann.
Ich weiß nicht, was ich von dem Treffen mit Gleb erwartet hatte. Vielleicht, dass er einen DNA-Test will. Aber ich schätze, durch das Muttermal, meiner Ähnlichkeit mit meiner Mutter und meinem Alter war er überzeugt.
Er ist nicht verheiratet und hat keine weiteren Angehörigen, soweit ich weiß. Nur die Schwester, nach der ich benannt bin, aber sie ist tot, also ist er vielleicht einsam.
„Daddy singt“, sagt Josh, wobei er versucht zu kichern, während er den Kopf schüttelt und sich eine Erdbeere in den Mund schiebt.
Die Dusche geht aus, aber Lev singt immer noch.
„Er hat keine sehr gute Singstimme, oder?“, frage ich, während ich ihm Sirup vom Kinn wische und dabei die Nase rümpfe.
Josh schüttelt den Kopf, als sich die Badezimmertür öffnet.
„Macht ihr euch über meinen Gesang lustig?“, fragt Lev mit gespielt ernstem Gesichtsausdruck.
„Du kannst nicht singen, Daddy“, sagt Josh und dreht sich um, wobei er gerade noch sieht, wie ihm das Waffelstück vom Löffel auf den Teppich fällt. „Oh-oh.“
„Ich räume es weg. Du isst weiter. Wir müssen bald los.“
„Kannst du mir ein sauberes T-Shirt geben?“, fragt Lev.
Ich ziehe den Seesack auf und hole sein letztes weißes T-Shirt heraus. Das ist wie ein Markenzeichen. Dabei stelle ich fest, dass der Umschlag, den er gestern Morgen mitgenommen hat, wieder im Seesack ist.
„Hast du den nicht abgeschickt?“, frage ich und drehe mich um. Er trocknet sich die Haare mit einem Handtuch ab, während er über Joshs Schulter den Cartoon mit anschaut.
Er dreht sich zu mir um. „Das war eine Vorsichtsmaßnahme. Für den Fall, dass es schiefgeht.“
„Da bin ich aber froh. Hier.“ Ich gebe ihm das T-Shirt und hebe das Schwarze vom Boden auf. „Das ist nicht deins, oder?“ Es ist das T-Shirt, das er gestern Abend ausgezogen hat.
Er blickt es an, nimmt es und wirft es in den Mülleimer. „Ich habe es mir geliehen.“
Ich denke darüber nach und erinnere mich daran, was er über Andrei gesagt hat, aber ich frage nicht.
Sobald Lev angezogen ist, kämmt er sich die Haare und nimmt dann Josh mit ins Badezimmer, um ihm die Hände zu waschen. Ich beobachte sie vom Schlafzimmer aus. Er ist so natürlich, so entspannt, als wäre das schon immer so, als wäre er schon immer in unserem Leben.
Ein Klingeln signalisiert eine Nachricht auf Levs Handy, das auf dem Tisch liegt.
Gleb: Bin unten.
„Er ist da.“
Lev nimmt das Handy, während Josh sich hinsetzt, um sich die Schuhe anzuziehen.
„Bist du bereit für unseren ‘Familientag‘?“, fragt Lev mich.
„Natürlich.“ Ich lege meine Hand in seine und wir wenden uns Josh zu. Er versucht, seine Schnürsenkel zu binden, was er noch nicht kann. „Man sollte meinen, dass er sie wenigstens jedes zweite Mal auf den richtigen Fuß bringt“, sage ich, als ich bemerke, dass Joshs Schuhe wieder einmal falsch herum angezogen sind.
Lev zuckt mit den Schultern und bückt sich, um Josh zu helfen, während ich unsere Jacken, die Tasche mit den Badesachen und meine Handtasche hole. Lev stoppt, als wir den Flur betreten, kehrt nochmals um, kommt einen Augenblick später mit dem Umschlag in der Hand zurück, und schon fahren wir mit dem Aufzug nach unten, wobei wir drei an den Spiegelwänden wie eine ganz normale Familie aussehen.
Die Lobby ist belebt, ähnlich wie am Tag zuvor. Ich beobachte Lev, wie er beiläufig – oder zumindest den Anschein von Beiläufigkeit erweckend – die Lobby im Auge behält, während wir sie durchqueren. Ich sehe Glebs Entourage durch die Glastüren am Eingang, noch bevor wir draußen sind. Drei riesige schwarze SUVs, deren Fenster alle so dunkel getönt sind, dass man nicht hindurch blicken kann.
„Oh, Mist.“ Ich bleibe stehen.
„Was ist los?“, fragt Lev.
„Ich habe Joshs Badehose vergessen. Sie ist noch im Bad zum Trocknen. Ich laufe hoch.“
„Ich gehe. Du gehst nach draußen.“
„Nein, es ist okay. Ich weiß, wo sie ist. Es dauert nur eine Minute“, sage ich und gehe schnell zu den Aufzügen zurück. Sobald ich dort ankomme, öffnet sich einer, und ich steige ein und drücke den Knopf für unsere Etage.
„Tschüss, Mami“, ruft Josh.
Ich höre ihn und schaue von meiner Handtasche auf, wo ich nach dem Schlüssel suche, und schaffe es, seinem kleinen lächelnden Gesicht zuzuwinken, kurz bevor sich die Türen schließen. Ich halte den Schlüssel in der Hand und schaue auf die Zahlen, während sie aufwärts zählen, und spüre, wie still es ist. Wie seltsam es sich anfühlt, wenn Lev und Josh nicht bei mir sind.
In sehr kurzer Zeit sind wir zu einer Familie herangewachsen. Und es gefällt mir nicht, von ihnen getrennt zu sein.
Das Gefühl von gestern Abend überkommt mich wieder. Diese Angst, die wie ein Knoten in meinem Bauch sitzt.
Als der Aufzug in unserem Stockwerk klingelt, erschrecke ich. Ich eile den Flur hinunter, komme am Wagen einer Putzfrau vorbei und höre den Staubsauger laufen. Das Leben geht hier ganz normal weiter, während ich dabei bin, mit meinem Sohn und Lev ins Haus meines Mafiaboss-Vaters zu fahren und etwas Familienzeit mit ihm zu verbringen. Sehr seltsam.
Daran denke ich, als ich meinen Schlüssel in das Schloss schiebe. Zuerst funktioniert es nicht, die Lampe blinkt zweimal rot. Ich will gerade die Haushälterin bitten, mich hineinzulassen, als ich beim dritten Mal ein Klicken höre und sich die Tür öffnet.
Ich gehe ins Badezimmer, um die Badehose zu holen, und hoffe, dass sie trocken ist, oder zumindest trocken genug.
Da fühle ich es.
Das kribbelnde Gefühl, dass mich jemand beobachtet.
Ich erinnere mich an den Mann im Wald bei der Schule zu Hause. Das war Lev gewesen. Josh hatte ihn auch gesehen. Es ist jetzt das gleiche Gefühl – aber nicht ganz.
Dieses hier ist bösartiger.
Und dann höre ich ein Geräusch, das mir in den letzten Tagen nur allzu vertraut geworden ist.
Das Sichern oder Entsichern einer Waffe.
Und als ich mich umdrehe, sehe ich einen Mann, den ich nicht kenne, der mir aber trotzdem schrecklich vertraut vorkommt. Es ist Andreis Gesicht an einem älteren Mann. Das Schimmern in den Augen. Der Hass in den Augen.
„Erwartest du deinen Freund?“, fragt er, und, noch bevor ich den Mund aufmachen und schreien kann, hebt er die Pistole und knallt sie mir gegen die Schläfe.
Der Schmerz kommt augenblicklich und allumfassend. Ich falle nach vorne, fange mich fast auf dem Waschbecken ab, stürze aber gegen den Spiegel und zerbreche ihn. Ein weiterer Schlag trifft mich am Hinterkopf, und dieses Mal verspüre ich keinen Schmerz. Nicht, als er mich trifft. Nicht, als mein Mund auf den Rand des Waschbeckens knallt, während ich zu Boden gehe. Nicht, als ich mein eigenes Blut schmecke, während Vasily mir in die Rippen tritt, kurz bevor ich ohnmächtig werde.