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Lev
K ats Hand zuckt in meiner, und für eine Sekunde bewege ich meine Augen zu ihrem Gesicht hinauf, in einer Hoffnung, die ich seit Tagen nicht mehr gespürt habe. Aber unter den Verbänden und Drähten und den Monitoren, die um sie herum piepen, hat sich nichts geändert.
Als wir im Krankenhaus ankamen, wusste ich nicht, was auf mich zukam, als sie mich zwangen, sie ihnen zu übergeben. Ich sagte ihnen einfach, dass sie sie retten müssten. Es war das Einzige, was ich tun konnte. Nachdem das Personal sie weggebracht hatte, war es, als seien Tage vergangen, bis wir endlich eine Ärztin sahen. Alles, was sie uns sagen konnte, war, dass Kat ein schweres Schädeltrauma erlitten hätte, und jetzt versichert mir das gesamte Team immer wieder, dass dieses medizinisch indizierte Koma die Schwellung in ihrem Gehirn verringern und ihr die besten Überlebenschancen geben würde. Die besten, aber es gibt keine Garantie. Die geben sie nicht. Sie sagen nie viel, außer, dass wir warten müssen.
Neben mir sitzt Gleb wie ein Wächter, ruhig und nachdenklich. Er war die ganze Zeit hier, und auch, wenn wir es nicht geschafft haben, uns viel auszutauschen, reicht unsere gemeinsame Trauer. Ich bin dankbar für seine Anwesenheit, und in gewisser Weise finde ich sie tröstlich und seltsam. Ich kenne den Mann erst seit Kurzem, aber mir ist klar geworden, dass seine starke, beständige Präsenz einer Vaterfigur entspricht. Er war Vater, bevor er es überhaupt erfuhr. Und ich denke, auf eine seltsame Art und Weise ist er die Vaterfigur, nach der ich die Hälfte meines Lebens in Vasily gesucht habe.
Eine Sache, die ich nie bereuen werde, ist die, dass ich ihn und Kat zusammengebracht habe. Während ich hier saß und mich hilflos fühlte, hatte er jeden Spezialisten an der Ostküste angerufen, um sicherzustellen, dass Kat die bestmögliche Behandlung erhielt. Einige sind persönlich gekommen, während andere ihre Krankenakte einsahen und ihre Meinung dazu äußerten. Aber auch wenn ich nicht bezweifle, dass Gleb das beste medizinische Team der Nation zusammengestellt hat, ändert das nichts. Zeit. Das ist alles, was sie uns immer wieder sagen. Sie braucht einfach Zeit.
„Wenn das vorbei ist ...“ Seine Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. „Ich will, dass du sie aus dieser Welt schaffst, Lev. Ich will dieses Leben nicht für sie.“
Ich begegne seinem Blick, die Gewissheit in seinem Tonfall ist mir ein Trost, den ich bisher nicht gekannt habe. Wenn das vorbei ist. Nicht falls.
„Ich habe getan, was ich tun wollte“, antworte ich. „Ich habe alles erledigt. Wenn ich Kat nach Hause bringe, werde ich der langweiligste Kerl sein, den sie je in ihrem Leben getroffen hat. Ich werde Polohemden anziehen, zur Arbeit gehen, was auch immer nötig ist. Das ist mir egal. Ich lasse dieses Kapitel hinter mir und sie kommt mit mir.“
„Gut.“ Gleb nickt. „Aber geht nicht zu weit weg, okay? Ich habe sie gerade erst kennengelernt. Ich möchte euch sehen, vielleicht sogar meine Enkel aufwachsen sehen. Das wäre eine nette Abwechslung für mich.“
„Ich muss mit Kat darüber sprechen.“ Meine Stimme ist angespannt. „Aber ich glaube, das würde ihr auch gefallen.“
„Du solltest etwas essen“, grunzt er. „Oder geh duschen. Es wird ihr nichts nützen, wenn sie aufwacht und feststellt, dass du aussiehst wie die Hölle.“
„Ich kann sie nicht verlassen.“ Ich schlucke. „Nicht bevor ich weiß, dass es ihr gut gehen wird.“
„Es wird Zeit brauchen“, sagt er. „Erinnerst du dich daran, was die Ärzte gesagt haben?“
Das tue ich. Sie sagten uns, dass Kat im Koma liegt, aber sie würde wahrscheinlich ein bisschen was mitbekommen. Sie würde viel träumen und versuchen, die Ereignisse in ihrem Kopf zu sortieren. Und es sei sehr wahrscheinlich, dass sie uns gelegentlich hören kann, deshalb sage ich ihr jeden Tag, sie solle sich darauf konzentrieren, gesund zu werden. Sie solle sich keine Sorgen machen. Und ich weiß, dass Gleb recht hat. Wenn sie aufnahmefähig ist und uns zuhört, wie sie sagen, dann schreit sie mich wahrscheinlich an, weil ich mich nicht besser verhalte. Weil ich mich nicht um mich selbst kümmere. Zu Josh gehe. Ich versage auf der ganzen Linie, und das reißt mir das verdammte Herz heraus.
„Ich werde mir eine Tasse Kaffee holen“, sage ich zu Gleb, um ihn zu besänftigen. „Und rufe Josh an.“
Er nickt und ich verschwinde in den leeren Korridor. Der Geruch von Desinfektionsmittel und beschissenem Krankenhausessen brennt in meinen Nasenlöchern, während meine Schuhe über den Boden quietschen. Als ich in die Cafeteria komme und mir einen Kaffee hole, schenkt mir die Dame an der Kasse ein sympathisches Lächeln. Sie hat mich in der vergangenen Woche jeden Tag gesehen.
„Eines Tages sollten Sie auch das Essen probieren“, schlägt sie vor. „Wie ich höre, ist es ziemlich außergewöhnlich.“
„Danke.“ Ich nicke. „Ich werde darüber nachdenken.“
Ich setze mich ans Fenster und nehme den Deckel von meinem Becher ab, lasse den Dampf aufsteigen, während ich mein Handy nehme und Maxims Nummer wähle. Ich war dem alten Mann in meinem ganzen Leben noch nie so dankbar. Wenn er jetzt nicht gerade auf Josh aufpassen würde, wüsste ich nicht, wie ich bei Kat bleiben sollte.
„Hey“, antwortet er beim zweiten Klingeln. „Die Sonne scheint. Ich hoffe, das bedeutet, dass es heute gute Nachrichten gibt.“
„Noch nicht“, sage ich. „Wie läuft es bei euch?“
„Es geht uns sehr gut“, antwortet er. „Josh macht mich alle, aber es ist gut für einen alten Mann, wieder jung im Herzen zu sein. Willst du mit dem kleinen Kerl reden?“
„Bitte.“
Er ruft den Videochat auf, etwas, das Josh ihm zeigen musste, und ich zwinge mich zu einem Lächeln, als das Gesicht meines Jungen zu sehen ist. Etwas, das wie Blaubeere und Marshmallow aussieht, ist über seine Wange geschmiert, und ich kann mir nur vorstellen, was er diese Woche gegessen hat. Gleb hat ihm freie Hand gelassen, bei der Haushälterin zu bestellen, was er will, und es sieht so aus, als würde Josh das voll ausnutzen.
„Wie geht es dir, Kumpel?“, frage ich.
„Gut.“ Er lächelt. „Onkel Maxim und ich gehen heute wieder schwimmen. Er sagte, wenn ich ihn noch einmal im Pool schlage, bekomme ich ein Eis.“
„Onkel Maxim?“
Ich hebe eine Augenbraue und Maxim zuckt im Hintergrund mit den Schultern. „Es ist neu. Ich dachte –“
„Es ist perfekt“, sage ich. Wir mögen die abgefuckteste Familie der Welt haben, aber wir sind eine Familie. Letzte Woche hatte ich Josh erklärt, dass Gleb sein Großvater sei, und er hatte das mit einer einfachen Frage akzeptiert. Ob er dann die ganze Zeit bei Opa Gleb schwimmen gehen könne ?
„Also, Eiscreme, ja?“ Ich zwinge meine Stimme dazu, leichter zu werden, während ich Joshs fröhliches Gesicht ansehe. „Isst du auch ein bisschen Gemüse?“
„Er isst einige Karotten zum Mittagessen“, versichert mir Maxim.
Josh nickt. „Und Chicken Nuggets.“
„Nun, du hältst für mich die Stellung, okay, Kumpel? Ich werde weiter auf Mami aufpassen, aber ich verspreche, dass ich dich so bald wie möglich besuchen komme.“
„Geht es Mamis Aua besser?“, fragt er und Hoffnung leuchtet in seinen Augen.
Säure brennt in meiner Kehle, als ich nicke. „Sie ruht sich noch viel aus, damit sie das Aua loswird.“
„Kannst du sie für mich umarmen?“, fragt Josh. „Und ihr sagen, dass ich Onkel Maxim beim Schwimmen geschlagen habe?“
„Ich werd’s ihr sagen“, versichere ich ihm. „Ich liebe dich, Kumpel.“
Er grinst, blaue Lippen, die sich weit ausdehnen. „Ich liebe dich auch, Daddy.“
Maxim nimmt das Telefon vom Videochat und kommt wieder in die Leitung. „Bist du dir sicher, dass ich dir nichts bringen kann? Wechselklamotten? Etwas zu essen?“
„Nein, mir geht es gut. Ich bin so dankbar, dass du bei Josh bleibst. Ich fühle mich besser, wenn du dort bist.“
Auch wenn die Bedrohung verschwunden ist, bedeutet das nicht, dass ich mir keine Sorgen mache. Ich denke, wenn es um meine Familie geht, werde ich mir immer Sorgen machen.
„Pass auf dich auf, Junge“, sagt Maxim. „Und wenn du das nächste Mal anrufst, bring mir gute Nachrichten.“
„Ich versuche es, alter Mann.“
Wir verabschieden uns und trennen die Verbindung. Ich trinke schweigend meinen Kaffee und grüble über die Unsicherheiten der Zukunft nach. Ich weiß nicht, was mit Kat geschehen wird, aber ich weiß, dass die Ärzte mir gesagt haben, dass ich wieder Vater werde, wenn Kat die Schwangerschaft halten kann.
Unter anderen Umständen wäre ich überglücklich vor Stolz und Aufregung. Dieses Mal sollte es anders sein. Wir sollten es gemeinsam tun. Aber stattdessen ist die Realität so, dass ich es vielleicht alleine machen muss, wenn es überhaupt dazu kommt. Und nichts an diesem Szenario ist in Ordnung.