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ie nächsten anderthalb Tage bin ich krank vor Sorge. Gleb weiß, wo Lev ist. Zumindest weiß er etwas. Ich lerne, Glebs Körpersprache zu lesen. Die Art, wie sich seine Augen ein wenig nach links bewegen, wenn er mir etwas verschweigt, auch wenn er nicht direkt lügt.
Als ich ihn direkt fragte, hatte er mir gesagt, ‚diese Geschäfte‘ gingen eine Frau nichts an, was Blödsinn ist.
Ich schwanke zwischen Wut und lähmender Angst. Wut auf Gleb und Lev wegen ihrer Geheimniskrämerei, Angst, dass er einen weiteren Job erledigen muss. Denn was ist, wenn es noch einen und noch einen und noch einen gibt? Ich kann dieses Leben nicht leben. Ich kann Josh dieses Leben nicht zumuten.
Aus Frustration und Sorge bin ich um vier Uhr morgens in der Küche und schenke mir ein Glas Wodka ein. Ich stehe an den Glastüren und schaue hinaus in den riesigen Garten, auf die Bäume des Waldes, hinter dem sich eine fast vier Meter hohe massive Mauer mit Stacheldrahtkrone befindet.
Dieses Anwesen ist eine Festung.
Unser Haus wird eine Festung sein.
Aber, wenn es anzunehmen bedeutet, dass wir ein Teil dieses Lebens sind, dass ich irgendwie meinen Segen dazu gebe, dass Lev seine Arbeit fortsetzt, dann kann ich das nicht.
Dann gehe ich weg. Ich werde es tun müssen, koste es, was es wolle.
Ich frage mich, ob mich auch nur einer der beiden Männer gehen lassen würde.
Ein Geräusch veranlasst mich, mich dem Wohnzimmer zuzuwenden, durch das ich das Foyer sehen kann. Ich höre, wie sich die Eingangstür öffnet. Zwei Männer sprechen gedämpft russisch und ich atme aus. Gott sei dank.
Die Tür schließt sich. Leise Schritte gehen zur Treppe.
Ich stelle mein Glas auf den Tresen, und als er es hört, dreht er sich um. Ich sehe sein Gesicht im schwach beleuchteten Raum und merke, wie sehr ich ihn vermisst habe. Wie sehr ich ihn ständig vermisse.
Seitdem das alles passiert ist, hat er mich nicht mehr berührt. Ich weiß, er hat Angst, mir wehzutun, aber ich brauche ihn. Weiß er das nicht?
Nachdem er mich eine kleine Ewigkeit lang angesehen hat, geht Lev durch das Wohnzimmer und in die Küche. Er sieht mich an, spricht aber nicht. Er schaut meinen Drink an, nimmt ihn und schluckt den Rest davon.
„Was hast du getan?“, frage ich.
Er nimmt die Flasche und schenkt ein zweites Glas ein. Er sieht aus, als hätte er nicht geschlafen. Als solle er eine Tasse Kaffee trinken und nicht den Wodka, den er gerade vernichtet.
Ich lege meine Hand über seine, als er sich noch ein Glas einschenkt.
„Was hast du getan, Lev?“
„Ich habe die Vergangenheit begraben“, sagt er und leert auch dieses Glas. Als er es wieder hinstellt, ist er mit dem Wodka fertig und kommt um den Tresen herum auf mich zu.
Ich wende mich ihm zu, mit dem Rücken zum Tresen, als er seine Hände auf beide Seiten von mir legt, seinen Körper an meinen drückt.
Er braucht mich auch. Ich spüre sein Verlangen.
Er senkt den Kopf und küsst mich. Zuerst noch zögernd, aber als ich meine Hände um seine Schultern lege, um seine vertraute, tröstende Kraft, umklammert er meinen Hinterkopf, und der Kuss wird hungrig. Heiß und wild.
Er hebt mich hoch und küsst mich weiter, während ich meine Beine um ihn schlinge. Als er mich zum Küchentisch trägt, schiebt er den Stuhl lautstark aus dem Weg und setzt mich hin, unterbricht unseren Kuss nur für einen kurzen Moment, um das Seidennachthemd, das ich trage, zu zerreißen und meine Brüste freizulegen.
Er stöhnt, sieht sie an, dann senkt er den Kopf und schließt seinen hungrigen Mund über einer Brustwarze, saugt sie in den Mund, zieht sie mit den Zähnen heraus, während ich den Rücken durchdrücke und mich an die harte Länge seines Schwanzes presse.
Ich brauche ihn. Ich brauche ihn in mir.
„Lev.“ Ich greife nach seiner Gürtelschnalle und öffne sie.
Er schiebt meine Hände weg, während er mich nach hinten drückt, um meiner anderen Brust die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken. Seine Zähne an meiner Brustwarze sind härter als noch vor einem Augenblick und es fühlt sich gut an.
Ich muss kommen.
Ich brauche ihn in mir und muss kommen.
„Kat.“ Er stöhnt an meinem Mund, als er mich wieder küsst. Er schiebt die Reste meines Nachthemds hoch und zerreißt in der Eile mein Höschen.
Dann senkt er den Kopf, um mich zu schmecken.
„Verdammt. Das hat mir gefehlt. Das hat mir so verdammt sehr gefehlt.“
Ich atme schnell, will seinen Mund auf mir haben, will, dass er hart an meiner Klitoris saugt und mich zum Kommen bringt, aber noch mehr will ich ihn in mir haben. Ich schiebe meine Hand in den Hosenbund seiner Jeans und ziehe ihn näher heran, wobei ich die steinharten Muskeln seines Bauches
spüre.
Er küsst mich und schiebt meine ungeschickten Hände weg, dann zieht er sich Jeans und Boxershorts aus.
„Ich will dir nicht wehtun“, beginnt er und ich sehe ihm zu, wie er seinen Schwanz in die Hand nimmt. Er will es. Ich sehe es. Ich fühle es. Er will es genauso sehr wie ich.
„Ich brauche dich. Ich will, dass du mich hart fickst, Lev. Ich muss wissen, dass ich wieder dir gehöre.“
Er hält inne, schaut mich verwirrt an, dann umklammert er mit einer Hand meinen Hinterkopf und bringt meinen Mund zu seinem, küsst mich, während er seinen Schwanz zu meinem Eingang führt.
„Wann dachtest du, dass du nicht mir gehörst?“, fragt er und schiebt sich in mich, zunächst vorsichtig, wie beim ersten Kuss, aber ich kann das Verlangen unter dieser Rücksicht spüren.
„Was hat in dir den Eindruck erweckt, dass du nicht mir gehörst?“ Er stößt hart zu.
Ich schnappe nach Luft, als sein Körper an meinem liegt, sein Schwanz tief in mir vergraben ist. Es tut weh. Es ist schon so lange her, zu lange, aber das ist genau das, was ich brauche.
„Zeig es mir“, sage ich. „Zeig mir, dass ich dir gehöre.“
„Scheiße, Kat.“ Er stöhnt an meinem Mund, bewegt sich in mir, fickt mich, aber ich weiß, dass er sich immer noch zurückhält.
„Hart, Lev. Ich brauche es. So wie früher. Keine Samthandschuhe mehr.“
Er hört auf, legt die Hand an meine Wange. Das Haar klebt ihm an der Stirn und seine Augen brennen schwarz. Die Finger an meiner Wange sind rau. Er nickt einmal und seine Hand gleitet an meinen Hinterkopf. Als er an meinen Haaren zieht, gebe ich einen Laut von mir, ein Grunzen, da er meinen Kopf nach hinten drückt und mich auf die Kehle küsst, dann eine Hand auf meine Schulter legt und mich hält, während er mit
schnellen, kurzen Bewegungen in mich stößt, wobei seine brennenden Augen meine nie verlassen.
Als ich komme, komme ich hart.
Er zieht an meinen Haaren und ich schreie auf. Er stößt ein letztes Mal zu, gibt ein animalisches Geräusch von sich und als er still wird, spüre ich, wie er in mir pulsiert. Wir sehen einander an. Wir sind hier, aber gleichzeitig nicht hier. Gemeinsam ringen wir um Atem, und als es vorbei ist, bin ich erschöpft. Kraftlos. Wir lehnen beide am Tisch, atmen tief durch, der Schweiß tropft von seiner Stirn auf meine Wange.
„Zweifle nie daran, dass du mir gehörst“, krächzt er, als könne er nicht mehr sagen. „Du wirst immer mir gehören.“
Als ich am
nächsten Morgen aufwache, sehe ich, wie Lev sich auf einen Ellbogen stützt, mich anlächelt und mir die Haare aus dem Gesicht streicht.
Ich bin erschöpft, beantworte aber sein Lächeln mit meinem.
„Wie sind wir nach oben gekommen?“
„Du erinnerst dich nicht?“, fragt er, hebt die Augenbrauen und gleitet mit den Fingerspitzen über die Länge meiner nackten Schulter.
Aber dann fällt es mir wieder ein und eine Röte brennt auf meinen Wangen, als ich mich daran erinnere, was
wir taten, bevor wir nach oben kamen.
„Da haben wir’s.“ Er setzt sich auf und ich tue dasselbe, wobei ich die Decke über mich ziehe.
„Wie spät ist es? Warum ist Josh noch nicht hier?“
„Es ist zehn und ich glaube, Gleb beschäftigt ihn.“
Ich sehe Lev an und mein Gesicht ist wieder ernst, während ich ihn studiere. Keine Schnitte oder Blutergüsse. Aber ich erinnere mich an die Frage von gestern Abend, die er nicht
beantwortet hat.
„Was hast du getan, Lev? Wo warst du? Du musst es mir sagen.“
Er steht aus dem Bett auf und zieht sich die Jeans an.
Während er das tut, greife ich nach seinem ausrangierten T-Shirt und ziehe es mir über den Kopf. Dann schaue ich ihm dabei zu, wie er seine Lederjacke aufhebt.
Früher hatte er auch so eine. Die und die weißen T-Shirts, die er immer noch trägt. Ich erinnere mich noch, wie ich bei unserer ersten Begegnung an ihn gefallen bin und magentafarbenen Lippenstift auf dieses makellos weiße T-Shirt geschmiert habe. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Ein anderes Leben.
„Ich habe deine Sachen geholt“, beginnt er. „Die aus der Wohnung, in der du mit Rachel gewohnt hast.“
„Was?“
„Ich holte sie in der Nacht, als du verschwandst.“
Ich erinnere mich daran, dass Rachel mir das erzählt hat.
„Sie sind in meinem Auto.“
Er kommt mit der Jacke in der Hand zu mir, nimmt zwei Dinge aus einer Tasche, legt die Jacke beiseite und setzt sich hin.
„Erinnerst du dich an das, was ich dir vor langer Zeit versprochen habe?“, fängt er an und verbirgt immer noch, was er in der Hand hält. Stattdessen nimmt er meinen Arm und dreht ihn um, um die vernarbte Haut nachzuzeichnen, die Erinnerung an Mrs. George und wie sie mich gezwungen hat, die von Joshua und mir geführten Tagebücher über den Missbrauch zu verbrennen.
Ich spüre, wie das Blut mein Gesicht entweicht und sich mein Magen zusammenzieht.
„Was hast du getan, Lev?“
„Ich hatte dir versprochen, dass ich sie bestrafen werde. Und ich verspreche, jeden zu bestrafen, der jemals wieder
versucht, dir oder unserer Familie zu schaden.“
„Lev?“
„Sie hat deine Tränen nicht verdient. Sie hat bezahlt. Und jetzt ist sie weg.“
Er öffnet seine Hand und lässt das, was er darin hält, fallen. Mein Bauch zieht sich zusammen, als ich die Kette erkenne. Das schreckliche Kreuz, das daran baumelt.
Eine Hand liegt auf meinem Mund und ich drehe mich weg, während meine Augen auf dieses Ding gerichtet sind. Dieses Kreuz, das sie immer umklammerte. Ich kann fast ihre Stimme hören, höre ihre Gebete, während sie zusah, wie er tat, was er mit uns tat.
„Hey.“ Lev schließt die Finger darum, die Augen auf meine gerichtet, als ich meine zu seinen hebe. „Ich dachte ... Scheiße, ich weiß nicht, was ich dachte. Ich werfe es weg.“
Er dreht sich um, um wegzugehen, aber ich halte seinen Arm fest.
„Nein. Es ist nicht ... Du hast nichts falsch gemacht. Ich habe es nur ... Es wiederzusehen ...“ Ich schlucke den Klumpen in meiner Kehle und stähle meine Wirbelsäule. „Gib es mir.“ Ich strecke die Hand aus.
„Ich werde mich darum kümmern. Werde es los.“
Ich schüttle den Kopf. „Das muss ich tun. Ich muss es begraben.“
Er studiert mich lange Zeit und steckt das Ding dann ein.
„Lev–“
„Wir machen es zusammen.“
„Aber–“
„Da ist noch etwas anderes. Etwas viel Wichtigeres, Kat.“
Er wird mir noch eine andere Sache zeigen und mein Herz hämmert in Erwartung dessen, mit welchem weiteren Stück Vergangenheit ich konfrontiert werde.
„Ich weiß, dass du deinen Schal verloren hast. Den, den Joshua dir geschenkt hat. Ich weiß, wie wichtig er dir war.“
Bei dem Gedanken wird mein Gesicht traurig. Nach dem, was mit Vasily geschehen war, hat das Hotel unser Zimmer geräumt, aber als Lev die Sachen abholte, war der Schal nicht dabei gewesen. Ich war nicht überrascht. Er war so zerlumpt, dass sie ihn wahrscheinlich für Müll hielten.
„Es ist okay, Lev. Ich ...“
„Ich habe das hier gefunden. Es ist nicht dasselbe, aber ich dachte, du würdest es haben wollen.“
Ich habe Angst, nach unten zu blicken, als er sie umdreht und mir das Ding entgegenhält, aber ich tue es, und diesmal drückt etwas mein Herz zusammen. Ich strecke die Hand aus, um das zerknitterte alte Foto zu nehmen.
Joshua und ich. Cassie nahm das Bild mit einer dieser Sofortbildkameras auf. Das Foto ist verblasst, aber ich kann es immer noch erkennen.
„Wir können es restaurieren lassen“, sagt er.
Ich kann ihm nicht antworten. Ich habe einen Klumpen im Hals, durch den ich nicht richtig atmen kann, und ich wische eine Träne weg.
Joshua und ich in Halloween-Kostümen. Wir sind beide Skelette. Das waren wir alle drei. Die Georges wollten uns durch die Stadt führen, ihre Wohltätigkeitsfälle.
„Sie hatte es neben ihrem Bett stehen. Eingerahmt, wenn du das glauben kannst“, sagt Lev.
Auf dem Foto lächle ich und lehne meinen Kopf an Joshuas Schulter. Er nimmt einen Bissen von einem riesigen Snickers- Riegel und lacht. Ich halte eine Kürbislaterne in der Hand, in der wir unsere Süßigkeiten trugen.
Wir hatten an diesem Abend Spaß gehabt.
„Kat? Geht’s dir gut? Scheiße, wieder eine schlechte Idee?“
Ich schüttle den Kopf und schaue zu ihm hoch, umarme ihn und erlaube mir einen Moment lang zu weinen, da er mich nicht sehen kann. Ich erlaube mir noch einmal zu trauern.
„Das ist jetzt Vergangenheit. Wenn ich ihn zurückbringen
könnte, würde ich es tun, aber ich kann es nicht, und der Rest ist erledigt. Sie ist tot. Es ist vorbei. Begrab es, Kat. Lass uns eine Zukunft haben.“
Er zieht sich zurück, holt etwas aus seiner Tasche. Es ist eine kleine Schachtel. Ich erkenne dieses besondere, fröhliche Blau.
Ich schaue zu ihm hoch und er beobachtet mich. Er nimmt meine beiden Hände in seine und berührt nur den Ring seiner Mutter, den ich immer noch am rechten Ringfinger trage.
„Es ist an der Zeit, es offiziell zu machen“, sagt er.
„Was hast du getan?“, frage ich, aber mein Tonfall ist anders als beim letzten Mal, als ich die gleiche Frage stellte.
Er öffnet die Schachtel und dreht sie zu mir, und ich versuche, mir Lev in einem Tiffany-Laden vorzustellen, und das bringt mich zum Lachen. Ich weiß es nicht. Vielleicht bin ich einfach nur nervös, aber ich kann nicht anders.
„Das ist nicht gerade die Reaktion, die ich erwartet habe.“
Ich schaue von dem Verlobungsring auf. Der Platinring hat einen einzelnen, perfekten Diamanten in der Mitte. Schlicht und elegant und ...
„Ich finde ihn wunderschön.“ Ich werfe meine Arme um seine Schultern und umarme ihn fest. Er erwidert die Umarmung, lässt dabei die Schachtel auf das Bett fallen und hält mich fest.
Ich frage mich, wie ich so lange überlebt habe, bevor er uns gefunden hat. Wie ich überlebt habe, als er nicht da war, um mich so zu halten.
Er zieht sich zurück und es liegt eine Wärme in der Luft, und nur für uns.
„Willst du mich heiraten, Katya?“