Am ersten Feiertag lag ich zwar nicht im Koma, aber Lilo und ich waren immer noch am Rumpudeln. Irgendwann, als es hell geworden ist, sind wir ins Bett gegangen und haben den ersten Weihnachtsfeiertag verpennt. Als das Fest vorbei war, hab ich gesagt: »Ich hab mir Klamotten bestellt, die müssen abgeholt werden. Ich kann ja nicht Silvester in der Badehose rumsitzen oder in den Sachen, mit denen ich vor zwei Jahren in den Knast reingegangen bin.« Das wurde dann mit Verständnis aufgenommen. Meine Maße waren ja bekannt bei dem Maßschneider Warner auf St. Pauli. In meiner Abwesenheit hatte ich einen maßgeschneiderten Anzug für Silvester geordert.
Auf jeden Fall war ich in ’ner teuflisch guten Rüstung, bevor ich überhaupt die »Ritze« betreten hab. Wenn man aus dem Knast kommt, hat man die Verpflichtung, dass man nicht aussieht, als wäre man der letzte Penner. Im Prinzip wurde man von den Jungs sofort entlarvt: Man kam von ’ner Beerdigung oder war auf dem Gericht, wenn man ’nen Anzug getragen hat. Das war ’ne Festlichkeit. Der Anlass war die Kleiderstruktur. Man trug ein Jackett, ’n bisschen eleganter in der Form, ein Hemd, gut, vielleicht auch ’nen Rollkragenpullover, was natürlich bei mir nicht geht, weil ich immer geschwitzt habe, wenn ich so was um den Hals hatte. Man war immer trendy. Man fiel an den Boxabenden auf, man schillerte mehr, man hatte auch das Geld für die ersten drei, vier Reihen.
Gleich nach Weihnachten hab ich in der »Ritze« Guten Tag gesagt. Das ging dann bis Silvester. Das war ganz wichtig für mich. Ich habe durchgesoffen ohne Schlaf, damit hab ich keine Probleme gehabt. Ohne Flachs. Ich dachte, ich versäume sonst was. Es gab die Möglichkeit, dass ich unten in der »Ritze« meine Klamotten ausgezogen hab, mich am Sandsack zum Schwitzen gebracht und geduscht hab. Natürlich hab ich zwischendurch Lilo angerufen.
Mit Hanne bin ich Richtung Rahlstedt in ’nen Puff gefahren, da haben wir weitergemacht, sind in den Whirlpool, haben uns wieder fit gemacht, und wenn wir keinen Kick mehr gekriegt haben, haben wir Jägermeister mit Matthaeus gesoffen. Dann zurück mit der Taxe. Wir haben unseren Spaß gehabt. Nach fünf Tagen ist Lilo dazugestoßen. Ich hab sie empfangen in ihrem Pelzmantel mit den großen Brüsten darunter. Ich saß neben ihr in der Eckbank, es war einfach schön. Wir haben in der »Ritze« Silvester gefeiert.
Es ging ruckzuck weiter. An mich ist man ja herangetreten, mich haben sie in der »Ritze« ein bisschen gefeiert.
Was ich mir überlegt hatte? Alle Straßen führen nach Rom. Ich konnte überall hingehen. Und ich hab das Angebot von Axel angenommen, von dem Axel, mit dem ich die letzten vier Wochen in der Zelle saß, als ich in Untersuchungshaft war.
Der hatte im »Eros-Center« eine Etage, als Partner von Diddi. Der Laden hieß »Salon Dick & Doof«. Ich hab gesagt: »Axel, wenn du mir ein Angebot machst, dann ändern wir als Erstes den Namen, weil du dick bist, aber ich bin nicht der Doofe.« Er hat gelacht und gesagt, ich könnte mit 60000 Mark einsteigen, wenn wir renovieren.
Axel war vier, fünf Jahre jünger als ich. Der war gedrungen, dick, lebenslustig, hat ’nen Ferrari BBI gefahren. Er war mit Puffs gut im Geschäft. Was ihm gefehlt hat, war eine Absicherung durch meine körperliche Stärke, und so hat er mich angesprochen: »Stefan, der Diddi hat während meines Urlaubs bei mir einbrechen lassen und hat die Teppiche genommen. Ich bin dahinter gekommen. Und jetzt will ich ihn aus dem Puff raushaben.« Ich kam natürlich gerade richtig. Er hat gesagt: »Wenn du mein Partner werden willst, mit 60 Mille sind wir kippe, und Diddi stecken wir den Finger in den Arsch.« Nur durch die Präsenz, dass ich da war. Das hat auch geklappt.
Axel und ich waren wie Schwarz und Weiß, nicht nur, dass er klein und ich groß war. Er war kein Sportler, ich schon. Er war kein Trinker, ich schon. Er war der Kaufmann. Wenn man zu ’ner Rüstung ’n Schild und ’n Schwert braucht, das war ich. Obwohl er so gut rechnen konnte, hatte er dummerweise ’ne Neigung zum Zocken. Ich nicht.
Der Maler Erich Ross hat den ganzen Puff renoviert. Wenn der van Gogh von St. Pauli so was macht, kann man natürlich was erwarten. Der hat jeden Raum fantastisch ausgestaltet, einen ganz geheimnisvoll in Blau, einen leuchtend hell in Creme, die anderen in verschiedenen Rottönen, von Goldrot bis zu ’nem schweren dunklen Kastanienrot, wie im Schloss von Ludwig XIV. Alle Zimmer bekamen speziell angefertigte Himmelbetten. Ich hab dem Ganzen den Namen »Salon Mademoiselle« gegeben. Mit vier Frauen haben wir angefangen, nach ein paar Monaten hatten wir 27.
Das Geld auf meinem Konto hatte ich nicht nur durch den Alkoholverkauf in Glasmoor, sondern auch vom Verkauf meiner Krügerrands, die ich zu Anfang meiner Knastzeit über Brillanten-Paul draußen angelegt hatte. Inzwischen war der Goldkurs gigantisch nach oben gestiegen. Jetzt hatte ich insgesamt ungefähr 120000 Mark. Selbst wenn ich mehr Geld gehabt hätte vor dem Antritt im Knast, das hätte ich Brillanten-Paul gegeben, dem hab ich blind vertraut, und das hat sich gelohnt.
Mit Reni bin ich nicht gerade sauber auseinandergekommen. Ich bin zu ihr nach Wandsbek gefahren. Sie empfing mich souverän und blieb das auch, bis ich ihr meine Regelung erklärte: »Du behältst unsere Möbel, den ganzen englischen Schrott für 80 Mille, und gibst mir dafür 25 Mille, dann hab ich ’nen guten Start, und damit ist es gut, Mädchen.« Ich hatte im »Mic Mac« ja auch reichlich verdient, und wir haben alles gemeinsam bezahlt, Möbel, Urlaub oder sonst was. Logisch hat sie mehr Geld verdient. Aber wenn ich aus dem Knast komme, kann ich ja nicht in der Nase popeln, ohne Möbel, ohne Stuhl, ohne Tisch. Sie hatte sieben Mille da, die gab sie mir gleich. Dann wurde sie komisch: »Mit welchem Recht willst du mehr?« Sie hat mich angebellt, als hätte ich sie angebettelt. Aber da war sie der Pudel und ich der Mastino. Ich hab gebrüllt und mit dem mir eigenen Instinkt den Braten gerochen: »Soll ich deinen blöden Anwalt an seiner geföhnten Welle aus deinem Schlafzimmer rausziehen?« Der saß da tatsächlich, mein früherer Anwalt. Da war sie entlarvt. Das war gemein von ihr. Das übrige Geld hat sie ein paar Tage später in der »Ritze« in einem Kuvert abgegeben.
Ich hatte ihr früher mal gesagt, sie solle nicht auf dem Kiez mit irgend so ’nem Hampelmann rummachen; das hat sie auch nicht gemacht. Ich hatte nicht von ihr verlangt, dass sie die zwei Jahre auf mich wartet. Der aus der Sauna hatte nichts mit meinem Milieu zu tun. Auf den hat sie sich dann eingelassen und ihn letztendlich geheiratet. Das war ein Mann mit zwei Kindern aus erster Ehe. Da muss wohl Liebe im Spiel gewesen sein.
Wie es mit Lilo und mir weitergehen sollte, da hatte ich schon einige Vorstellungen. Erst mal hab ich mit ihr in ihrer kleinen Wohnung in Eimsbüttel gelebt. Aber da wollte ich ums Verrecken nicht bleiben. Schließlich hatte ich mich in ein gutes Geschäft reingebeamt. Ich hab ihr die 60 000 Mark zu Hause auf den Tisch gelegt und gesagt: »So, jetzt bin ich Bordellbesitzer, und was kostet das, unser Leben noch mal neu zu machen?« Jetzt hatten wir die Möglichkeit, uns ein bisschen zu orientieren, wo wir hin wollten. Ich sag: »Ich muss hier weg aus diesem Arbeiterviertel. Auf jeden Fall. Hier krieg ich ’nen Kackreiz.« Drei oder vier Etagen hoch auf der Holztreppe, das brauchte ich nun wirklich nicht. Und nur Chaoten im Haus.
Am Stadtrand in Schneisen haben wir ein schönes Haus gefunden. Als ich das Haus gesehen hab, hat’s sofort geschnackelt. Ich dachte: »Hier bläst du dich richtig auf.« Ich wurde da vorstellig bei einer etwas älteren weißhaarigen Dame. Die war sehr elegant und nett. Ich sag: »Gnädige Frau, hier möchte ich ’nen Kamin reinmauern.« Ich hab da gleich auf die Kacke gehauen. Das hat ihr sehr gut gefallen. Ich sag: »Ich bin bereit, zu heiraten.« Lilo war angezogen, als wären wir gerade von der Alm aus dem Urlaub zurückgekommen: im Dirndldress. Sie hatte nichts Nuttiges an sich, aber die Titten konnte sie ja nicht einklemmen, das war klar. Eine Frau wird ja nicht schuldig gesprochen, wenn sie solche Brüste hat. Ich war sportlich gekleidet, mit Wildlederjacke, sehr seriös, so wie ich meinen Eltern meine Zukünftige vorgestellt hätte. Wir sind mit Lilos Renault vorgefahren, nicht mit meinem schwarzen Turbo-Porsche. Ich dachte mir, klein ist besser. Die Frau steht bestimmt nicht mit den Füßen in ’ner Steckdose. Man weiß ja, was einem in Schneisen passieren kann, bei den soliden Kackern.
Dann haben wir ein bisschen die Charmebälle ausgetauscht, und ich hab die Hütte gehabt.
Das war ein gelbes Klinkerhaus mit vier, fünf Stufen nach oben, Briefkasten, an der Tür stand in Goldlettern »Stefan und Lilo«, also wie im Märchen, sechseinhalb Zimmer, zwölf Meter Swimmingpool, 1500 Quadratmeter Grundstück. Ich hatte ’nen eigenen Gärtner, der hat ein bisschen Kosmetik gemacht. Mein Onkel durfte den Kamin einbauen. Ich hatte der Vermieterin einen Wertzuwachs versprochen. Ja, Prinzessin, das war die Hütte, in der dann Jahre später mein Freund und sein Wirtschafter erschossen werden sollten. Aber erst mal haben Lilo und ich unser neues Leben im Luxus genossen.
Durch das »Café Chérie« hatte ich die Vorstellung vom Edelbordell im Kopf, im »Eros-Center« galten andere Regeln. Ich musste mich umstellen und mit einer gegebenen Struktur wie im Brennglas alles in der Logistik klarmachen. In dem Riesenkasten mit der Riesenkonkurrenz musste man, wenn man Erfolg haben wollte, den Frauen die Möglichkeit geben, dass sie sich wohl fühlen, dass sie ihr Zimmer als ihr eigenes ansehen, auch wenn darin ein fliegender Wechsel stattfindet. Je mehr Frauen auf ein Zimmer kamen, desto besser war unser Geschäft.
Axel und ich haben immer Kippe gemacht, also 50:50. Nach meinem 60 000-Mark-Einstand in das Bordell hat uns Erwin Ross die Rechnung geschrieben, die war noch mal etwas mehr als 60 Mille. Ich musste schon was riskieren. Die anderen Bordelletagen, die den Frauen zugemutet wurden, waren versiffte Löcher. Ich hab gedacht, wenn die Frauen von dem kalten Kontakthof aus der mörderischen Konkurrenz von vielleicht 100 bildhübschen Weibern hochkommen, muss der Aufenthaltsraum schön warm sein und toll aussehen: ’n schöner Leuchter, die Essecke aus Eiche, ’ne Ledergarnitur. Das hab ich alles anschaffen lassen. Ne beständige Frau hat ihr persönliches Umfeld gehabt. Das hat sich rumgesprochen unter den Huren.
Das Zimmer kostete pro Nacht 120 Mark und dazu die Getränke, die die Frau mit ihren Gästen hatte. Dafür war der Wirtschafter da, der wurde von den Frauen bezahlt. Der kriegte seinen Tip und hat die bedient. Die Frauen kriegten eine Strichliste, was sie getrunken haben. Natürlich machten wir bei den Getränken unseren Schnitt. Aber den Frauen und ihren Gästen wurde keine billige Jauche zugemutet wie in anderen Etablissements, wo die Pfennigfuchser jeden Gewinn rauspressten. Im »Salon Mademoiselle« gab’s nur Getränke mit Stempel, also Markenware. Mein Hauptverdienst war die Miete, ich war also Bordellbesitzer. Ich kann auch Zimmervermieter sagen oder mich Hanseatischer Kaufmann nennen. Ich war im Rotlichtmilieu Bordellchef und basta. Ich hab mein Geld mit der Anzahl der Frauen verdient, die im »Salon Mademoiselle« eingeschrieben waren. Mich hat nicht interessiert, ob die da Geld verdienen oder nicht. Jede, die dort arbeitet, Brigitte, Susanne, Frieda, Domina, hat 120 Mark am Tag zu bezahlen. Ob sie Freier haben oder nicht, das ist doch nicht meine Arbeit. Wenn sie einen Gast gehabt haben, lass sie 500 oder 600 Mark verdient haben, wenn sie vier gehabt haben, vielleicht 1200 Mark. Vielleicht haben sie auch sieben Freier gehabt. Auf dem Hof beim Ansprechen bieten sie sich für 50 Mark an. Wenn die Freier auf dem Zimmer spezielle Wünsche haben, wird nachgekobert: »Komm, lieber Schatz, leg noch ’n Scheinchen drauf, wir machen uns das gemütlich.« Wenn der dann in ’ner Phase ist, wo er sich in seiner Geilheit auflöst, dann ist er bereit, tiefer ins Portmonee zu greifen. Im »Café Chérie« war so was nicht üblich. Da konnte der Gast zu Wilfrid Schulz gehen und sagen: »Die Alte hat mich über’n Leisten gezogen.« Dann musste das Geld zurückgezahlt werden.
Alle haben ihre Miete zu bezahlen, und wenn sie nicht zahlen können an einem Tag, dann haben sie 120 Mark Blockschulden. Am nächsten Tag verdienen die wieder nichts, dann haben sie 240 Mark Blockschulden. Die müssen dann eben irgendwann abgearbeitet werden. Wenn das nicht klappt, setzt man sich mal mit deren Jungen in Verbindung: »Du, deine Frau sitzt hier nur nun und verdient nichts. Du musst mal mit ihr sprechen.« Man macht das ja auf ’ne nette Art. Jedenfalls bezahlten bald über 20 Frauen 120 Mark am Tag an uns, das ist doch toll.
Auf St. Pauli spricht sich nichts so schnell rum, wie wenn einer gestorben ist oder jemandem was passiert ist, also auch unsere Renovierung vom »Salon Mademoiselle«. Willi Bartels, der Erbauer des »Eros-Center«, ist gekommen. Der Multimillionär war der Kopf der seriösen Abteilung, die das Rotlicht abgemolken hat. Im »Eros-Center« haben viele Parteien Geld verdient, die Nutella-Bande oder die GMBH oder die vom »Salon Bei Ami«, die haben alle Miete bezahlt. Das waren horrende Mieten, ob es uns dreckig ging oder nicht. Wir mussten jeden Monat acht Mille, später elf Mille, an Willi Bartels abdrücken. Die Zahlungen liefen über den üblichen Bankverkehr. Wir, die das Geschäft an der Front organisierten, hatten nicht so ’nen tollen Ruf. Aber der Bartels konnte sich als König von St. Pauli sonnen.
Als er sich die Ehre gab, bei uns reinzuschauen, hab ich gedacht: »Mensch, wie viel Geld zahl ich diesem Mann.« Axel war mit ihm im verbalen Bereich beschäftigt. Ich hab ihm meine Anständigkeit bewiesen und die Räumlichkeiten irgendwann verlassen, um nicht dumm rumzustehen. Ich bin in die »Ritze« gegangen. Ich war da eben anders als mein Partner. Das ist ja auch die Einsamkeit, man macht da den Tapferen.
Willi Bartels Frau Erika hab ich zweimal mit Bartels zusammen gesehen und einmal alleine. Sie ist mir von Axel vorgestellt worden. Ich hab mich anständig verhalten, wie sich das gehört. Wenn man sie auf ’ner Eröffnung sah, hatte man das Gefühl, die Sektflaschen dürfen nicht zerbrechen. Ich hab mit solcher Kultur nichts zu tun. Axel hat sie mit den Mietzahlungen nie enttäuscht.
Die Frauen im »Salon Mademoiselle« hatten unterschiedliche Charaktere, das ist ja klar. Wenn Alkohol geflossen war, waren die zusammen wie ’ne große Familie. Mit ihren Familien hatten viele von ihnen einen großen Verlust, glaube ich. Ihre Zimmer sahen für mich immer spielerisch übertrieben aus. Eine hatte ’ne Nonnenpuppe mit Strapsen, eine andere Plüschtiere, das war irgendwie eine kleine versunkene Welt. Nicht dass sie mir Leid taten, das waren bildhübsche Frauen, mir tat keine von ihnen Leid. Ich hatte ja auch eine Position, dass die Frauen kamen: »Kann ich dich mal sprechen?« Dann sind wir in mein Büro gegangen. »Mein Mann schlägt mich.« Ich wusste aber: »Um Gottes willen, wenn du da jetzt reinspringst, dann verlierst du die.« Ich hab dann doch den Typen angerufen. Auch das war mein Job in der Zeit. Irgendwie hab ich meistens ein gesundes Mittelmaß gefunden, vielleicht weil ich ’ne Waage bin.
Die Frauen haben gewechselt. Vor Beginn der Schicht hat jede sich mit ihrer Schminke erdenkliche Mühe gegeben vor ihrem kleinen Spiegel an dem Tisch, wo sie alle saßen. Einige waren schon fertig und haben sich auf die Zimmer zurückgezogen. Um acht Uhr waren sie alle unten im Hof. Die eine hatte ’nen roten Tanga an, eine andere ein kleines Höschen oder vielleicht ’nen kleinen Rock, wo man die Arschbacken sehen konnte. Die eine hat sich nicht geschämt, wenn links und rechts die Schamhaare wie ’n Schnurrbart rausgeguckt haben, eine andere war rasiert. Die Schuhe waren unterschiedlich. Wenn die Frauen mit dem, was sie anhatten, nach zwei Stunden keinen Freier gemacht haben, sind sie hoch und haben sich umgezogen: »Die bringen keinen Bock, die Klamotten.«
Wenn sich eine Frau auf dem Hof anbietet, liegt darin eine Demutshaltung. Das ist zwar ihre Geschäftsmethode, aber sie ist in dieser Situation auch besonders verletzlich. Das Verquere ist mir erst allmählich klar geworden. Trotzdem hat mich immer geärgert, wenn ich mit angehört habe, wie eine Frau einen Freier auf dem Hof ankeift und wüst beschimpft: »Hau ab, du schwule Sau, wichs dir selber einen, Drecksack mit deinen perversen Gedanken.« Der ist dann mit hochgeschlagenem Mantelkragen vom Hof geschlichen. So was wollte ich nicht, und ich bin dem nachgegangen. Immer das Gleiche: Sie steht da in ihrer Demutshaltung, sie gibt ihren ganzen Charme und greift an. Der Freier sieht aus wie ein Penner, will den Preis drücken und kommt auch noch mit den letzten Wünschen, ohne Gummi und so. Da kippt die Demut weg, und sie rastet aus. Wenn die Frauen dann ihren ersten Gast hatten, waren sie wieder happy.
Etwa zu 70 Prozent läuft das Geschäft in ’ner Harmonie ab. Zwischen Hure und Freier stellt sich eine Art Partnerschaftsverhältnis ein. Viele Männer wollen sich ausheulen, wollen ein Lauschohr haben, die Fotos von ihren Kindern zeigen, eben ihr Leben durchsülzen.
Je mehr Frauen arbeiten, desto mehr Bewegung gibt es. Zwei oder drei haben einen Gast, kommen hoch. Die Frauen haben oft ’n Faible für ein bestimmtes Zimmer. Das Serviettchen wird vom Wirtschafter sauber gemacht, dann kommt der Nächste, manchmal ist das Zimmer auch besetzt. Dann wartet der Freier im Salon. Und ich wollte keinen abgerückten Salon, sondern einen klassischen, in dem sich jeder wohl fühlen konnte. Ich hatte auch keine Lust darauf, dass da aus Dusseligkeit Zigaretten in den Eichentisch reinbrennen.
Im Salon hab ich schon mitgekriegt, ob eine Frau ihr Geschäft sachlich ausgebufft abgewickelt hat oder mit Gefühl, was oft verschwiegen wird. Es kommt schon vor, dass eine so animiert ankommt und gar nicht anders kann als zu reden: »Eben hab ich ein Schnuckelchen gehabt, das war ein ganz Süßer, stark gebaut der Hahn, sieht man ihm gar nicht an.« Oder eine andere muss ihren Frust loswerden: »Eklig durchgesoffen hat der gestunken.« Aber er hatte gerade zwei Pferde verkauft, und es lohnte sich, wie sie gewittert hatte. Die Frauen haben ja dieses Einfühlungsvermögen, sonst wären sie keine Huren.
Über einen jungen Hahn freut sich jede. Wenn der gerade über die 18 rübergeturnt ist und der eigenen Mutter was abgeluchst hat, dann nehmen sie den gerne mit. Der wird auf der humanen Ebene eingeführt. Der Frischling kommt, wann die Hure es bestimmt. Wenn sie merkt, dass Brei im Löffel ist, also noch mehr zu holen, kobert sie gnadenlos nach, gibt sich aber weiterhin Mühe. Dagegen wird ein armseliger Typ mit einer Kriegskasse auf dem Rücken ruckzuck abgezockt. Wenn eine Frau einen Freier hat, der ihr gefällt, 1,85 groß, gutes Tuch, dann ist sie befleißigt, ihn am Salon vorbeizuschieben, um ihn den anderen, den Konkurrentinnen, bloß nicht zu zeigen. Sie braucht länger, kommt zwischendurch zwei, drei Mal in den Salon, um Getränke zu holen, und jammert: »So ein schwieriger Typ. Der kommt überhaupt nicht. Ich hab schon keine Kraft mehr in den Fingern. Der nervt.« Was die Frau mit so einem Getue kaschiert, kriegte ich nicht nur einmal mit, wenn ich den Kippschalter von der Sicherheitsanlage umlegte. Da konnte man in das Zimmer reinhören. Das machte ich eigentlich nur in Notfällen, wenn ich den Verdacht hatte, dass ein Freier renitent werden könnte. Aber gelegentlich machte ich mir den Spaß auch in ganz anderen Fällen. Neugier und Leidenschaft sind, wie gesagt, die Quelle sexueller Potenz, und was ich da zu hören bekam, war ein kolossales Theater. Der Kerl ging ab wie Schmidts Kater, der kriegte es besorgt, dass ihm der Quark aus den Ohren rauskam, und die Kleine quietschte gehörig. Dass die Mutter auch was davon hatte, das war es, was sie lieber kaschieren wollte.
Durch meine Hörbühne kriegte ich auch mit, wie traumwandlerisch eine gute Hure erkennt, auf welcher Welle ihr Freier drauf ist. Wie mit einem Wellenbrett springt sie auf und reitet sie. Geilen ihn kindische Sauereien auf, stachelt die Hure ihn an: »Dreh dich um, kleines Schwein«; »Soll ich dem Ferkelchen auf den Popo klatschen?«; »Komm, geh mal runter, ich will von dir so geleckt werden, zeig mal deine Zunge, ob sie mir gefällt, komm, zeig sie mir.« Keine Spur mehr von ihrer Demutshaltung, die Sache lief nun umgekehrt. Und wenn er noch 150 Mark in der Reserve hatte – sie wusste, wie sie ihn nehmen musste. Der Hirsch, der sich als Platzhirsch fühlt, geht leer in der Birne und barfuß raus. Wir Männer sind ja Opfer: Wenn wir auf eine Rüstung, eine bestimmte Art anspringen, sind wir geifernde Kerle und lassen uns nur noch über den Schwanz regieren. Süffisant führt uns die Meisterhure aufs Eis, bis wir mit allen Emotionen einbrechen.
Natürlich hab ich im Puff nie gearbeitet. Ich hatte ’nen Wirtschafter, was sollte ich denn da machen? Ich hab im Salon gesessen, in Abständen, und hab kontrolliert, ob sie alle pünktlich waren und dass keine maust. Die Schicht ging um 20 Uhr los. Mal waren es 17 Mädels, mal 24, eine haut mal ab, zwei sind krank, das ist wie in der freien Wirtschaft. Pünktlichkeit hatte im »Salon Mademoiselle« ’nen großen Stellenwert, eben so, wie ich erzogen wurde, Scheiß drauf. Das habe ich durchgesetzt. Genauso war morgens um fünf Feierabend. Das haben die Männer auch gerne gemocht. Es war Klartext angesagt. Ich meine, wenn noch ’n Freier auf dem Turm war, haben die auch mal bis morgens um elf da gewühlt. Dann hab ich nachgeguckt. Das hat den Frauen tierisch Spaß gemacht, wenn sie da so ’nem Heini die Eier abgebunden oder mit Gewichten beschwert haben.
Wenn Frauen von einem Jungen zu ’nem anderen übergegangen sind, und der wollte sie woanders unterbringen, hab ich gesagt: »Ihr habt genau nach drei Monaten tschüs zu sagen und nicht binnen ein paar Stunden, weil ihr euch in so ’nen Arsch verliebt habt. Da sagt ihr mir rechtzeitig Bescheid, und in drei Monaten dürft ihr Schichtwechsel machen in ’nen anderen Salon rüber. Das haltet ihr gefälligst ein. Dann kann ich mich darauf einrichten, dass ein Platz frei wird.«
Trotzdem bin ich wahrscheinlich einer der humansten Chefs gewesen. Ich hab nicht fünf Mark verlangt, weil die das Fenster nicht zugemacht haben auf dem Zimmer. Gebissen wie ein Geier, das haben andere, ich nicht. Ich bin ausgeflippt, wenn die Frauen mal ’nen Kaffee wollten, und der Wirtschafter war gerade beschäftigt und sagt: »Mach selber.« Zu der Frau hab ich gesagt: »Du machst nichts hier selber.« Die Frauen haben größte Priorität gehabt, weil die ja unten im Kontakthof gearbeitet haben. Das war nicht gerade leicht. Die standen da wie auf ’nem alten Fußballfeld. Meistens zog es wie Hechtsuppe. Oder es war kalt. Darm drängten sie sich unter den paar Wärmeröhren und mussten auch noch gut dabei aussehen. Wenn sie dann endlich ’nen Gast angesprochen hatten, konnten sie in ihr Etablissement gehen und den leichteren Teil ihrer Arbeit verrichten.
Der Zulauf wächst ja nicht nur durch die Frauen. Da gab es auch Mundpropaganda unter den Freiern. Unser Hit waren die Tagesfrauen. Für die helle Schicht hab ich die alte Wirtschafterin von oben abgeworben, die Elfi mit ihrem Muttertouch. Die war über 70. Mamas Hand hat gleich zwei Bräute mit runtergezogen. Da war ich ihr dankbar. Fünf Jahre war die Elfi im Salon tagsüber am Telefon. Man hätte sie auch nachts zu Hause anrufen können, die hätte sich gemeldet mit »Salon Mademoiselle«. In ihrer Art hatte die Elfi eine kleine Machtposition gegenüber wirklich gestandenen älteren Huren wie Marita oder Dédé aus Sri Lanka. Die haben die ganze Tagesschicht voll gemacht und andere nachgezogen. Es war wunderbar.
Dédé, dunkelhäutig, blauschwarze Haare, war eine angelebte Dame. Obwohl sie pummelig war oder gerade deswegen, sah sie erotisch aus. Sie sprach nur eine bestimmte Sorte gesetzter Herren an. Besonders ihre großen Arschbacken waren ein Auslöser. Mit sich und ihrem Serviettchen war sie peinlich sauber. Dédé arbeitete lautlos und effizient, angenehm die Dame.
Um die Marita hat es ’nen Kampf gegeben, als die noch nicht bei mir war. Die war verheiratet, aber da gab’s ’ne Krise. Ihr Mann hat den letzten Gehversuch gemacht, sie über ’ne besprochene Kassette zurückzugewinnen. Marita hat die Kassette im Salon abgespielt, damit wir alles mithören konnten. Da hab ich gedacht: »Okay, die ist schlechter, als die Nacht finster wird. Da hab ich keine Skrupel, die hole ich mir.« Und die hab ich mir wirklich geholt.
Marita, große Brüste, war eine Erscheinung, eine Diva wie Marlene Dietrich. Wenn sie unten auf dem Hof stand, zeigte sie wie der Kilimandscharo nur die Eisspitze. »Ich warte nur auf den einen, dafür stehe ich hier.« Gigantisch, wie sie das rüberbringen konnte und wie das wirkte. Mit drei bis vier Freiern am Tag hatte sie die Tasche voll. Sie nahm nur Männer aus den oberen Etagen, keinen Haubentaucher oder Protestarsch. Ihre Art, ihr durchlebtes Leben brachte ihr goldene Handschuhe, aber im Gegensatz zu mir verachtete sie Geld. Sie suchte was Wärmeres.
Ab und zu hab ich mich mit ihr in einem feinen Café in Pöseldorf verabredet. Einmal bin ich mir vorgekommen, als ob ich in einem alten Ufa-Film sitze: Sie erscheint, ganz in Gelb, elegantes Kostüm, ein schräg sitzendes Hütchen mit Schleier, eine hinreißende Figur aus den Dreißigerjahren. Ach Marita, was für ein jämmerliches Ende hast du genommen.
Mit den Huren aus meinem Puff hab ich der Reihe nach was angefangen, so wie ich es brauchte. Natürlich nicht mit denen, die in festen Händen waren. Das war Vertrauenssache ihren Jungs gegenüber. Zu uns kamen auch Huren aus anderen Städten, die waren alleine da. Die haben einen sehr stabilen Charakter ausgeschult und sahen dufte aus. Trotzdem kam ich da als Puffchef an. Gegen den Axel mit seinem Ferrari, ’nen Kopf kleiner als ich und dickbäuchig, war ich ’n Turbobursche, 1,82 groß, gut gebaut, immer braun gebrannt, tolle Wurst. Da hab ich eben den Schickimicki gemacht und abgekürt. Ich find’s heute lächerlich, aber ich hab so gelebt, verdammt noch mal.
Von der Kuppe haben die Frauen nichts abgegeben. Davon haben sie die Miete und manchmal auch ihre Mietschulden bezahlt. Man greift ihnen nicht jeden Tag das Fett ab. Wenn irgendwie ’ne Harmonie da war, dann ist man gerne hingefahren, um ’nen kleinen Hügel mitzunehmen.
Axel und ich haben uns sehr gut ergänzt, und das Etablissement lief. Bald haben wir den Puff in der Etage über uns übernommen. Wir haben uns ausgebreitet. Wir wurden sogar Partner im »Salon Bei Ami«, in dem später das Blut zentimeterhoch stehen sollte.
Axels Partnerin arbeitete als Hure immer da, wo er ’n Geschäft hatte. Dazu hatte ich nie Lust. Wo ich Chef bin, darf nie ’ne Frau von mir rein.
Lilo war mittlerweile so weit, dass ich sie ins »Café Lausen« bringen konnte. Das war zuerst furchtbar. Ich sagte: »Was willst du weiter zum Friseur latschen. Tu mir ’nen Gefallen, ich hab ’n Bordell. Guck mal, ich hab jetzt mit diesen Mädels zu tun. Ich will nicht, dass du jetzt im ›Eros-Center‹ stehst. Bitte Lilo, versuch’s doch mal, setz dich mal rein ins ›Café Lausen‹, das wird dir doch nicht so schwer fallen. Den anderen kommen doch die Augen raus wie Weinbergschnecken, wenn sie dich sehen, wenn du was Kurzes anhast. Ich leide ja auch darunter. Setz dich doch mal hin ins ›Lausen‹, ich sag dem Chef Bescheid.« Kurze Rede, langer Sinn, sie hat’s getan.
Lilo kam abends nach Hause und hat rumgeflennt: »Meinst du, mir gefällt das mit Freiern? Die Schuppen da auf dem Rücken, und denen soll ich dann noch den ungewaschenen Schwanz anfassen.« Ich sag: »Gut, gut, alles klar. Bleib zu Hause, mach hier die Königin in der Bienenwabe. Aber bitte, ich hab zu tun, rund um die Uhr.«
Dann hatte ich das Vergnügen, meinen Geburtstag bei mir im »Eros-Center« zu feiern. Du musst dir vorstellen, der Puffchef hat Geburtstag. Es sind natürlich viele Jungs da, und die dürfen sich im Salon nicht aufhalten. Da gibt es zwar kein Gesetz, aber das Geschäft mit der Prostitution ist rechtlich in ’ner Riesengrauzone angesiedelt, dass man das Wohlwollen der Polizei braucht. Man muss eben ’nen Diener machen, das gehört sich so bei deren Machtspielchen. Tarzan, der Stärkste von der Davidwache, dem Polizeirevier an der Reeperbahn, kommt mit seinen Gefolgsleuten rein und bläst sich ein bisschen auf. Er sagt zu einem der Jungs: »Was machen Sie denn hier?« Der antwortet: »Ich hab hier Blumen abgegeben.« Das war fast schon komisch, dass man gelogen hat. Mich kann er nicht rausschmeißen, mir gehört ja der Puff. Tarzan sagt zu mir: »Herr Hentschel, wir möchten, dass die Jungs hier Ihren Salon verlassen.« Ein Zivilfahnder, wegen seiner roten Haare »der Rotfuchs« genannt, sagt: »Ich bin der Einzige, der Ihnen die Bewährung vermasseln kann.« Ich sag: »Eher grab ich dich ein.« Der Rotfuchs und sein Kompagnon, genannt »der Läufer«, die hatten nichts anderes vor, als mich zu beschatten und mir ’nen Knüppel zwischen die Beine zu wichsen, egal wie und wo das war. Die waren von einer Missgunst beseelt, dass kannst du dir nicht vorstellen. Der Einzige, der ein bisschen Einvernehmen mit mir hatte, war Tarzan, dem ich mich einfach entgegengestellt hab: »Mensch, seid doch nicht so. Ich hab heute Geburtstag. Ich bin verantwortlich dafür, dass hier nichts passiert.« Er sagt: »Herr Hentschel, das ist ein Wort.« Und hat sich umgedreht und ist gegangen. Das war okay.
Madame Lilo kam sturzbesoffen rein und zurechtgemacht: »Passt das jetzt richtig?« Ich sag: »Ja, aber nicht hier bei mir im Laden.« Sie: »Du hast ja Geburtstag.« Da saßen die ganzen Weiber. Ihr Anblick war natürlich für Lilo ’n rotes Tuch: »Jetzt weiß ich, warum er nicht nach Hause kommt.« Sie sieht diese große Anzahl von Hühnern, jede rüscht sich auf, maximal ’ne Viertelstunde bevor sie runtergeht, und zieht sich dreimal um. Lilo war sehr eifersüchtig. Das eskalierte dann, sie wurde immer besoffener.
Nach ihrem Auftritt bei meinem Geburtstag hab ich ihr gesagt: »Das möchte ich nie wieder erleben.« Sie hat sich vor Eifersucht zerfressen, ich würde alle Weiber durchpimpern. Ich hab gesagt: »Komm, ich zieh dir den Zahn, dann hätte ich den Puff schon leer. Du bist ’ne Stussmutter, wenn du mit mir so redest. Ich fick da nicht alle Weiber, ich pass auf sie auf. Ich hab ihnen da das Ding gebaut und basta. Da bin ich nicht als Fickfrosch unterwegs. Das ist nicht mein Job, und ich werd ’nen Deubel tun, mir ’nen schlechten Namen bei den Jungs zu machen.« Das stimmte ja auch zu ’nem großen Teil, aber nicht ganz. Natürlich kam es mal vor, dass ich nicht nein sagen konnte, wenn die Mädels frech waren, mir ihr Höschen in die Tasche taten oder ’ne Lippe riskierten: »Ich hab Bock auf dich, komm mal her.« Da möchte ich den mal sehen, der seinen Arsch nicht bewegt.
Jedenfalls hat Lilo den Braten gerochen und nach meinem Geburtstag den Wettbewerb angenommen, hat sich geil angezogen, ist ins »Lausen« gegangen und hat da ’ne Mördermark verdient, logisch. Wenn du die Frau ins Abendkleid zwängst, da fällt dir kein Ei aus der Hose, du spritzt schon beim Sehen ab. Im »Café Lausen« war wie im »Café Chérie« Abendkleidung angesagt, nicht so ’n Flatterkram oder Tangas wie bei mir im »Eros-Center«. Für mich war klar: Meine Frau hat nicht so rumzulaufen. Du kannst mir in den Hals schießen, Prinzessin, ich weiß nicht, warum. Das ging nicht, weil ich auch ihre Mentalität kannte. Da hätte ich Magengeschwüre gekriegt. Mir sind zwar mit der Zeit die Haare ausgefallen und alles Mögliche, aber ’n Bypass und Magengeschwüre brauch ich nicht.
Josefa war oben an der Bar im »Café Lausen«, Lilo saß unten. Natürlich würden die sich übern Weg laufen. Die wussten anfangs nichts voneinander. Die Geschichte mit Josefa war aber schon abgeebbt. Josefa hat irgendwann mitgekriegt, dass Lilo zu mir gehört. Sie hat das zähneknirschend mit ihrem Knochenbrechergebiss hingenommen. Mit der Josefa hab ich ja nie zusammengewohnt. Die Frau, mit der ich zusammengewohnt hab, das war immer meine Frau. Das muss man sehr scharf auseinanderhalten.
Ob mich das gestört hat, Prinzessin, dass Lilo mit anderen Männern geschlafen hat? Meine Güte, du bist nach Hause gekommen und hast dir den Kopf voll geknallt, verdammt noch mal. Du unterlagst doch letztendlich auch einem Betrug an deiner Seele. Die war irgendwie verwanzt, nachher. Prinzessin, du fragst mich das alles heute. Ich hab das damals vielleicht spielerischer gesehen. Vielleicht lief das anders, vielleicht ging mir das anders von der Zunge. Wenn jemand gesagt hätte, meine Tochter ist im Puff, dann hätte ich sie da rausgeholt und jeden, der mich hindern wollte, erschossen. Der Sinneswandel, der ist schizophren.
Ich wusste schon im Vorfeld, dass Lilo ihren Job machen kann. Das Gequake macht jede Frau am Anfang. Das ist einfach so: »Du liebst mich nicht, wenn du mich auf den Strich schickst. Du kannst mich gar nicht lieben.« Das ist das typische Verhalten von Frauen, die als Hure geeignet sind, weil ihnen der Vater schon in der Mose rumgealbert hat, als sie zwölf waren. Irgendwann kriegst du das mit, wenn du dich vertiefst in die Mädels, sie haben alle diese Erfahrung machen müssen.
Von Lilo hab ich das erfahren, als ich mit ihr an Weihnachten bei ihren Eltern in Bramfeld war. Sie hat zwei Schwestern und vier Brüder, die Töchter sind wie die Mutter dominant. Die Brüder sind alles Fünf-Mark-Abholer am Tag für die Mama. Lilos Vater musste auf den Balkon, wenn er mal ’ne Zigarette durchziehen wollte, damit die Gardinen nicht schwarz werden: »Geh mal auf den Balkon, wenn du rauchen möchtest.« Ne Genussfähigkeit in der Kälte. Vielleicht noch ’ne angefrorene Dose Bier dazu. Das war nun das Letzte, da hätte ich mich kastriert, wenn das ’ne Frau mit mir machen würde. Ohne Flachs.
Das war am zweiten Weihnachtsfeiertag: »Komm, wir fahren zu meinen Eltern.« Also das Schöne, was man so gerne hat. Wir kamen mit dem Porsche vorgefahren in Bramfeld, Sozialbauten. Du kannst dir ja vorstellen, wie die angegeben haben: »Meine Tochter hat’s geschafft, die hat ’nen reichen Kerl gefunden.« Es hat fast jeder mit ’ner Plattnase am Fenster gehangen. Dass wir kamen, hörte man ja schon am Sound. Ich hab ein bisschen auf die Kacke gehauen, hab einen Bruder mal im Porsche mitgenommen und all so ’ne Rotze.
Wir hatten die dritte Flasche Rum ausgesoffen, und da fängt die Lilo an: »Ja, und Papa, was ich noch sagen wollte, früher bei Hoppe-Hoppe-Reiter, da bist du immer mit deinen dicken Schlachterfingern bei mir rein.« Die Mutter natürlich, weil sie die Dominante war: »Ey, Lilo, hörst du auf! Jetzt hältst du den Mund, du hast zu viel Rum gesoffen. Erzähl nicht so ’ne Scheiße hier.« Ich denk, mir fällt das Getränk aus dem Hals. Da ist was abgegangen. Ich hab das gehört und verstanden, aber ich habe auch den Vater gesehen, wie der in seinem Sessel zur Mickymaus wurde. Als würdest du ’ner Luftmatratze die Luft rauslassen. Ich komm ja auch aus ’nem Dreckhaufen von Familie. Und nun kann ich mir vorstellen, dass es in so ’ner Vielfalt-Familie noch schlimmer war. Die hatten sieben Kinder, und die Eltern waren zu zweit. Sie blieben immer in der Gosse von Bramfeld. Ich kenn das ja alles. Ob der Vater mit den Schwestern auch solche Sauereien gemacht hat, weiß ich nicht. Es geht mich auch nichts an.
Lilo hat das gnadenlos auf den Tisch gefeuert. Da hab ich natürlich Schluckbeschwerden gehabt. Ich rüste mich auf für den zweiten Feiertag, und dann kommt so was.
Es ist bei einer Vielzahl von Mädels vorgekommen, dass nach Jahren die böse Erinnerung an den Vater durchschlägt, immer bei einer Festlichkeit, und ich bin dabei: Was läuft da für’n Film ab? In den Erzählungen war der Vater immer einer, dem sie das Ventil wie bei ’ner Luftmatratze aufgemacht haben. Die Mutter war immer eine, die elendig reagiert, wenn ’ne Tochter kommt und sagt: »Der Vater macht mit mir rum.« Das lässt die nicht zu. Das hab ich so oft gehört in den ganzen Jahren, so viele Finger hab ich gar nicht an der Hand. Die Mädels haben auch ihre Plüschtiere gehabt. Und dann ist da ’ne Anlehnschulter, wenn man die Bereitschaft hat zuzuhören. Das ist ’ne Tugend, die heute gar nicht mehr in dem Umfeld vorhanden ist.
Lilo hat sich im »Lausen« profiliert, sie hat ihr Ding immer besser verstanden, weil sie außergewöhnlich gewesen ist. Sie hatte ein sehr schönes Gesicht, dann diese Riesenbrüste und ihre langen Beine und die langen Haare. Das hat sie auch irgendwie genossen. Sie hat sehr viel Geld verdient, 1000 Mark pro Tag mit Sicherheit. Nicht so viel wie Reni im »Chérie«, das hatte ’nen anderen Touch. Im »Lausen« saßen auch ’n paar Lodels rum, es war ein bisschen halbseiden. Davon war auch einige TV-Prominenz angeturnt, eben die ganzen Patienten, die zu Hause nicht klarkamen.
Wie Lilo und ich zusammenlebten? Ich hab mit der Frau viele Turbulenzen und große Katastrophen erleben dürfen. Aber wir haben uns auch tierisch geliebt. Eigentlich hätten wir beim Ficken Helme tragen müssen. Wir sind ja öffentlich auch so aufgetreten, nicht wie Bonny und Clyde. Aber sie neigte zu Demonstrationen, mit offenem Pelzmantel, die Titten raus: »Das ist mein Mann.« Sie hatte einen hellen Fuchs, Abendkleider, körperbetont, Schlitz bis oben. Sie konnte diesen chinesischen Trippelgang machen, wie eine lebendige Porzellanpuppe mit gebundenen Füßen: Stolzierende Zartheit durch und durch. Darm wieder hat sie die Arschbacken rausgereckt, dass man darauf ’ne Flasche Bier absetzen wollte.
Du unterliegst natürlich Schwankungen. Wenn ’ne Frau Erlebnisse mit ’nem Gast, sprich Freier, gehabt hat und kommt morgens um sieben nach Hause und ist stockbesoffen, da musst du höllisch aufpassen. Wenn du dann auch besoffen bist, und das trifft meistens zu, weil du ja auch unzufrieden bist, das ist der Übergang, wo du anfängst, zwischen ihren Titten diesen Talggeruch von Präsern zu riechen. Auf einmal macht’s dich geil, dass da vorher schon jemand dran war. Das ist ein Übergang, das kann man nicht erklären. Das sind Momente, die muss man erlebt haben. Einsame Genüsse. Wie Zigarrenrauchen. Da brauch ich niemanden.
Natürlich hab ich sie gefragt: »Wo ist denn das Geld?« – »Ja, das liegt oben in der Schublade links.« Ich sagte: »Ja, dann behalten wir das bei. Dann brauch ich nicht mehr fragen.« Dann ist da Geld reingelegt worden. Ich hab mein Geld immer versucht so anzulegen, dass ich nicht blöde aussehe, also in Klamotten. Ich hab mir Autos gekauft, die 150 000 Mark gekostet haben zu der Zeit.
Wenn wir Gäste hatten, einkaufen mussten, Urlaub, es gab keine Probleme mit dem Geld zwischen uns. Was liegt in der Schublade? Ich hab was draufgegeben, mal die Hälfte, mal mehr, mal weniger. Das ist gar kein Thema gewesen. Ohne Flachs. Ich bin kein Frauenboxer.
Den Tag habe ich zu Hause in Schneisen verbracht. Nach dem Aufstehen hab ich mir ’nen Kaffee gemacht. Die Madame hab ich schlafen lassen, die ist auch erst morgens nach Hause gekommen. Ich ja auch, aber meistens liegt das in der Natur der Frauen, dass sie etwas länger brauchen, auch beim Schlafen. Ich musste raus, sobald die Sonne schien. Wenn nicht, bin ich zu Hause geblieben. Wenn es das Wetter zugelassen hat, hab ich meinen Garten genossen. Ich hab mit meinem Hund gespielt, meinem Sammy. Ein American Pitbull. Die Rasse war noch nicht in Verruf gekommen.
Ich hab viel Sport getrieben, ging Boxen, um meinen Turbo vollzumachen. Oft bin ich nach Timmendorf an die Ostsee geblasen. Das »Café Wichtig«, wo alle sitzen, hab ich immer gemieden. Ich bin ins »Terrassencafé«. Da gibt es fantastischen Kuchen, die Bedienung ist nett, und dort sind die Insider, die in Timmendorf Grundstücke haben.
Oder ich hab in Cafés am Gänsemarkt in der Hamburger Innenstadt gesessen. Oder ich bin mit ’ner Frau shoppen gegangen, wenn sie Lust hatte, ’n paar neue Klamotten zu kaufen. Keine Frau aus meinem Puff, da muss man Distanz halten, weil sie ihre eigenen Männer hatten. Um Gottes willen, das wäre Krieg und Frieden gewesen. Das geht gar nicht, da muss man feinfühlig sein. Man kann nicht einer ’nen Seidenschal umhängen, wenn die mit jemandem zusammen ist. Mir haben ja auch Männer, die in den Knast gegangen sind, Frauen anvertraut, dass ich auf sie aufpasse. Das hab ich auch getan. Das war dann ein Zeitraum von ein paar Jahren, dafür hab ich mein Wort gegeben, weil ich einen guten, gesunden Background hatte. Das fand ich auch viel stärker, als mit der Mutter irgendwo unter der Presse zu liegen, weil sie alleine war.
Auf jeden Fall war ich abends um zwanzig vor acht bei mir oben im Salon.
Am Wochenende bin ich immer zu meiner Großmutter gegangen, mit ’nem Riechbesen, also Blumenstrauß. Ich lauf mit so ’nem Ding eigentlich nicht über die Straße, aber für meine Großmutter hatte ich da keine Hemmschwelle. Dass ich ’nen Puff hatte, wusste sie natürlich. Ich war nicht in der Bereitschaft, meine Großmutter zu belügen.
Sie unterlag von sich selber aus einer guten und stabilen Neugierde. Ich hab ein bisschen jongliert und das so’n bisschen spaßig erzählt. Sie war eigentlich mehr um mich besorgt: »Pass auf, in St. Pauli sind gefährliche Leute.« Wie halt ’ne Großmutter so ist. Den Zahn hab ich ihr ein bisschen gezogen. Da wuchs ihre Neugierde, und ich hab ihr das ein bisschen verklickert. Ich hab ihr erzählt, dass die Frauen da unten stehen und fremde Kerle ansprechen und oben die Zimmer bezahlen. Bei meinem nächsten Besuch hat sie gesagt: »Alles das weeß isch, mein Gutster, isch bin keene doofe Frau. Die laufen da so halb nackt rum und sprechen fremde Männer an, gehen mit ihnen aufs Laken und kriegen viel Geld dafür. Das weiß ich alles. Aber was ich nicht begreife: Warum sie dir das Geld abgeben.« Da musste ich richtig lachen. Ich hab gesagt: »Oma, du bist ja nicht der Typ Frau, den ich auf den Strich schicken würde.« Dann wollte sie wissen: »Wie alt sind denn die?« Ich sag: »Die dürfen mit 18 da stehen, aber die sind meistens 25, 27. Manche über 30 sind da schon sieben Jahre, die haben schöne Häuser. Ich kann dir die Bräute vorführen, Omi.« Sie hat dann in ihrer Art gesagt: »Na ja, wenn du das Materielle siehst. Wenn die das mit sich machen lassen, das sind ja keine Kinder. Meinst du, du kannst mich mal mit in den Puff nehmen?« Ich sag: »Ich hak dich ein, und dann latscht du mit mir nach oben.« Das hat sich aber nicht mehr ergeben, weil sie schwächer wurde. Aber wir haben immer wieder über meinen Job gesprochen, ganz locker aus der Hüfte, Prinzessin. Es gab für mich keinen Anlass, meine Großmutter zu belügen, wenn ich auch versucht habe, das etwas zu ummanteln.
Geschafft hat sie noch, mal mit mir Chinesisch essen zu gehen auf St. Pauli, das war ein Traum von ihr. Wir sitzen in dem Restaurant, und sie fächert durch die Karte und guckt so hoch. Der Kellner steht da und wartet auf die Bestellung der weißhaarigen Frau. Sie fragt ihn: »Haben Sie auch ’ne Bockwurscht da?« Bockwurscht beim Chinesen. So was Verrücktes rauszusabbeln, da fiel mir nichts mehr ein. Ich sag: »Mensch, Omi, bestell dir Haifischflossensuppe.« Sie sagt: »Haifisch, das ist doch zäh.« Aber wir haben dann doch schön Chinesisch gegessen, und es hat ihr geschmeckt.
Ihr größter Traum war immer, auf der Reeperbahn ’ne Wohnung zu haben mit ’nem Fenster und Kissen, von wo aus sie alles beobachten könnte. Rotlicht hat sie fasziniert wie überhaupt alles Dramatische. Sie war auch ein festlicher Mensch, immer sehr freundlich. Sie hat ihre Umwelt in einer gesunden menschlichen Art gesehen. Für sich hat sie entschieden: »Nach Sepp kommt kein Mann mehr.« Und sie hat auch nie mehr was mit ’nem Mann gehabt, das weiß ich ganz genau. Eigentlich war sie ’ne Moralistin, gnadenlos.
Einmal ist mir meine Großmutter ganz komisch gekommen. Ich musste ihr schwören, dass ich keine Pissmark an irgendwelchen weißen Sachen verdienen will. Sie hat darauf bestanden: kein Heroin, kein Kokain.
Was sie nicht wusste war, dass Lilo auch im Puff arbeitete. Meine Großmutter war zu der Zeit nicht mehr so oft bei uns zu Hause wie zu der Zeit mit Reni. Sie war älter und hinfälliger geworden, ihre Lebenslust ließ nach, als ihre Sehkraft abnahm. Das war schlimm für sie, denn sie war eine belesene Frau. Bei ihr lagen keine Romanstapel rum: Oberarzt Dr. Paul. Sie hat keinen Kitsch verschlungen, sie stand auf Weltliteratur und war immer mit ’nem dicken Wälzer zugange, in dem ein handgesticktes Lesezeichen lag. Das hatte seine Ordnung. Das Buch wurde weggelegt, wenn ich kam. Als sie nicht mehr gut lesen konnte, war Fernsehen nicht wirklich ihr Ersatzding.
Ich hab mir über das, was links und rechts von mir war, keine großen Gedanken gemacht. Aber es ist nicht ausgeblieben, dass ich nach und nach mitkriegte, wie die Claims auf diesem Goldgräberfeld von St. Pauli abgesteckt waren. Der Axel und ich saßen als Einzelkämpfer zwischen drei Machtkartellen: der GMBH, der Nutella-Bande und Ringos Leuten von der anderen Seite der Reeperbahn. Die haben sich alle im »Top Ten« getroffen, ’ner damals angesagten Disco, zum Defilieren. Man hat da seine Maskerade abgezogen. Da hat sich alles zugespitzt zwischen den Großen, den Wichtigtuern, den kleinen Pissern und den Heiermann-Luden, die mit den Frauen schlecht umgegangen sind. Da haben die sich taxiert, da haben sie Witze gerissen, sich aufgespielt und klein gemacht. Da haben sie gebalzt und Weiber aufgerissen.
Für mich war das ein riesiges Kasperletheater. Ich hab da nicht den Max gemacht, ich bin da auch nicht auf die Tanzfläche gegangen. Das »Top Ten« ist nicht mein Maß aller Dinge gewesen. Ich hab mich nur um mich gekümmert und gesoffen. Ich war froh, in den Morgenstunden noch den Aal zu wässern, die Alte blöd zu machen und mich gut feiern zu lassen. Das hat man genossen, es war ’ne hektische Zeit.
Nach dem »Top Ten« bin ich nach Hause, oder ich bin noch ins »Domino« gegangen, wo es bis mittags ging. Da hab ich auf den Hotelzimmern rumgefickt mit irgendeiner zurückgelassenen Alten, die geil auf mich war, die mir schon ins Ohr die Arschfickerei reingesäuselt hat. So was ist dir passiert. Wenn du dasitzt mit 2,4 Promille, und dir sagt ’ne Alte so was in die Ohrmuschel rein, dann explodierst du dementsprechend.
Wenn ich wieder nüchtern geworden bin, hab ich schon gesehen, dass man in so ’ner Lage zwischen drei Machtkartellen zerrieben werden kann. Dass aber mit mir nicht zu spaßen ist, hat sich seit dem Theater mit Aqua rumgesprochen. Das war ’n Perser, Ringer in der Olympischen Auswahl, tierisch stark. Der wollte sich hier und da wichtig machen mit Schutzgeld und ging manchen Leuten auf den Sack. Im »Lausen« hat der das Leben von seiner Hure schwer gemacht und das von dem Barkeeper auch ’n bisschen. Der Aqua war gefährlich. Man wusste: Der ist Waffenträger. Wir sind auf St. Pauli nicht mit so ’nem Scheiß rumgelaufen, der aber.
Eines Tages erzählt mir Lilo, dass der Aqua am Vortag bei ihr so ’nen Vermittlungskursus versucht hatte und ihr ’nen Freier aufs Auge drücken wollte: »Mit dem gehst du aufs Zimmer.« Sie wollte aber mit dem Freier nicht mitgehen. Da hat der Aqua den Häuptling raushängen lassen. Zwingen konnte er sie nicht, sie hatte schon ihren stabilen Charakter. Als die mir das erzählt, denk ich, ich hör nicht richtig. Ich bin ins »Lausen« und hab den Aqua zusammengebrüllt, das konnte man bis auf die Straße hören. Plötzlich hält der mir das Rohr an den Kopf. Ich dreh mich um, krieg die Waffe zu fassen und werf die dem Barkeeper zu. Das Ringerschwein geht mir an die Oberschenkel und hebt mich hoch. Da bin ich goldrichtig in der Position, seinen Kopf wegzudrehen. Ich donnere ihm eins aufs Ohr, und das Weichei ist erledigt. Dann hab ich am Fenster geruckelt. Leider konnte man das nicht aufmachen, nur aufklappen. Sonst hätte ich ihn rausgeschmissen.
Als Aqua es wagte, auf das goldmetallicfarbene Mercedescoupe von dem Paten mit ’nem Küchenbeil einzuhacken, hatte der bei Wilfrid Verschissen. Dakota-Uwe hat ihm ’nen Denkzettel verpasst und ihm ins Bein geschossen. Das hab ich selber gesehen. Dabei hat der Pate seit den Sechzigerjahren den Kodex hochgehalten: »Ohne Waffen.« Aber bei Aqua ging das nicht anders. Dass ich die Ringerratte mit bloßen Händen geschafft habe, hat mir einigen Respekt eingebracht. Sogar von Ringo. Der saß mit seinen Boys auf der anderen Seite der Reeperbahn, im »Chikago« am Hans-Albers-Platz. Oben war ’n Puff, unten gab’s Live-Musik-Veranstaltungen ab vier Uhr morgens. Ich war ein paar Mal mit dem Paten und Dakota-Uwe da. Der Kiez, die Huren, die Jungs und was da kreucht und fleucht aus der gehobenen Ganovenwelt, tanzte Seite an Seite mit Hamburger Prominenz, eine unglaublich gemischte Gesellschaft.
Engere Kontakte zur anderen Seite hab ich gemieden, aus irgendeinem Gefühl heraus. Die andere Seite war für mich der Wilde Westen. Es war nicht mein Ding. Schon deshalb nicht, weil ich kein Spieler war. Im »Chikago« saßen die Zocker. Ich hab auch erfahren dürfen, wie mein Partner Axel um 60 000 Mark leichter gemacht wurde. Ich sag: »Versprich mir, dass du da nicht mehr rüber gehst. Ich riech den Busch, das ist Müll. Du wirst über den Leisten gezogen.« Mit meinem bescheidenen animalischen Instinkt hab ich ihm den Rüssel geöffnet und die Eier korrigiert. Er hat mir nachher die Hände geküsst.
Von der anderen Seite kam auch das weiße Pulver, in eher kleinen Partien. Aber man wusste, dass die Gang vom Hans-Albers-Platz das große Geschäft mit Kokain machen wollte, und man wusste, dass es da einen V-Mann gab. Ich hab immer mit Vorsicht agiert und gesagt: »Tut mir einen Gefallen, ihr wollt ein großes Geschäft machen. Was wir wissen, das muss die Schmiere auch wissen. Da möchte ich an so einer Scheiße nicht ums Verrecken ’ne Mark dran verdienen.« Die weiße Dame in der Nase, die hat die Leute brisant gefährlich gemacht. Da ist eine Gier über dem Kiez aufgeschienen, wie ’ne neue Sonne. Wenn Frauen auf Koks abfahren, dann sind die zehnmal so kirre wie Männer. Die Huren haben den Freiern das Koks schon beim Ficken angeboten. Da kannst du dir ja vorstellen, was da für Festivalleichen rumlagen. Früher haben die Frauen noch Wert darauf gelegt, dass die Männer sich ’n Gummi rüberziehen. Das entschärft sich, die Frauen orientieren sich nur noch am Fett, weil das, was sie ausgeben möchten, auch immer mehr wird.
Ich hab immer ein Maß gehalten. Ich hab primär in der »Ritze« mein Bier gesoffen. Natürlich lief da mal irgendeiner rum, da hab ich meinen Rüssel reingehalten, und dann hieß es: »Der Hentschel ist wieder drauf.« Das war das Tolle. Ich wurde immer gleich erwischt, wie schon im Knast.
Es hat also gute Gründe gegeben, dass ich den Ringo abblitzen lasse, als der mich in der »Ritze« anspricht: »Mensch, den Aqua hast du platt gehauen. Du hättest uns ja was sagen können, wenn du jemanden brauchst…«Ich sag: »Du, ich brauch niemanden.«
Zu dem Ringo hab ich keinen Strahl gehabt, auch nicht zu dem Kuddel oder Kalle, dem Schneemarx oder dem Wiener Peter oder all dem anderen Zocker-Gezockel in seinem Gefolge. Weißt du, Prinzessin, meine eigenen Antennen sind für mich wichtig. Ich spür, wer mir gut gesonnen ist. Natürlich nicht immer. Dann kriegt man sein eigenes K.o. und hat wieder ’n Stückchen gelernt. Meistens hab ich im Ansatz gut selektieren können: Also damit will ich nichts zu tun haben, wie mit der anderen Seite. Der »Chikago«-Clan war von den drei Machtgruppierungen das düstere Imperium. Dagegen war die GMBH ’ne strahlende Firma, die einzige, die keine richtige GmbH war, sondern ’n Joke aus den Anfangsbuchstaben von den vier Bossen.
Die GMBH hatte ihren Höhepunkt schon hinter sich, war aber immer noch ’n einflussreiches Ludenkartell. Dazu gehörten vielleicht 100 Jungs, vielleicht ’n paar mehr, vielleicht ’n paar weniger und natürlich die entsprechenden Frauen. Die Bosse waren der G, der M, der B und der H. Gerd, der G, war ein Brillenträger, der mal Europameister im Karate war, Typ Geschäftsmann. Der hat sich mir gegenüber immer korrekt verhalten. Dass der schon damals die Buchhaltung per Computer gemacht hat, hab ich ein bisschen bewundert. Wirklich, ein sehr vernünftiger Mann.
M, der Schöne Mischa, hat für die Firma mit gigantischem Erfolg die Weiber aufgerissen. Wenn der zu Axel in den »Salon Mademoiselle« hochkam und ich ihn mir aus der Nähe reinziehen durfte, hab ich gedacht: Wie kann bloß ’ne Frau so bescheuert sein und auf diesen halbseidenen Wichser reinfallen. Für mich war der Schöne Mischa ein blumenreicher Kasper. Der hat seinen cremefarbenen Rolls-Royce gebraucht, damit er sich nicht in Zuckerwatte auflösen musste. Den Rolly hat der immer auf dem Fußweg geparkt, da blieben dann die Leute stehen und guckten.
Der B war der Beatle, der so hieß wegen seiner schulterlangen Haare. Der war früher mal ’n Kölner Taxifahrer gewesen. Mit seinem langen Schwanz hat der sich wichtig gemacht, so in der Art: Ich muss auffallen, wenn ich meinen Ludenschwanz aus dem Auto heb, deshalb muss ich ’ne Metallfarbe haben.
Hinter dem H stand der Hundertjährige Harry, der war mal ’ne Kanone im Sechs-Tage-Radrennen. Der war von oben bis unten tätowiert. Ich weiß nicht, wie der Frauen aufreißen konnte. Für mich sah der aus wie ’n Gespenst. Aber der hat sein Ding durchgezogen. Immer hatte der einen geilen Spruch drauf. Er konnte abenteuerliche Geschichten erzählen. Jeder kannte ihn.
Zu tun hatte ich mit der GMBH eigentlich nichts. Für mich waren das liebe Kerlchen mit den besten Autos. Die haben letztendlich immer um Freundschaften gerungen. Manche von den Jungs, die zur GMBH gehörten, sind mir auch aus dem Weg gegangen. Da hat es Begegnungen in der »Ritze« gegeben, die haben sich mit anderen geprügelt, und ich bin dabei gewesen, hab denen aber nicht geholfen. Was bei den Sitzungen der GMBH in ihrem Clublokal an der Silbersackstraße anlag, da hat St. Pauli drüber gefeixt und ’nen Spottreim gemacht: »Autos, Uhren, Frauen, wer hat wen weggehauen?«
Die GMBH war ein Machtfaktor, aber sie hatte entschiedene Konkurrenz gekriegt von der Nutella-Bande. Das waren für mich aufstrebende Jungs. Dass die sich den Namen nach ’nem Brotaufstrich geben konnten, war mir gänzlich fremd. Wie viele Jungs das waren, hab ich nicht gezählt. Ob die 200 Mädels kontrollierten oder ob das angeberisches Geschwätz war, ging mir am Arsch vorbei, mir ging’s ja gut. Unter uns in der Etage hatte die Nutella vielleicht 30 oder 40 Frauen drin, aber die hatten noch anderswo was.
Der Oberpoussierer bei der Nutella, der schimpfte sich auch Vorstandsherr, war der Schöne Klaus, der wirklich einigermaßen aussah, wie der Junge von der Barbiepuppe. Der ist ins »Corner« gegangen und mit vier Frauen wieder rausgekommen. Die passten nicht alle in seinen Lamborghini. Vielleicht ist der auch zweimal gefahren. Oder der Schöne Klaus hat zu seinen Mädels gesagt: »Kauft euch ’n Strüsschen, Vater möchte ’nen Blumenstrauß haben.« Dann ging im »Corner« die Tür auf, und die kamen alle mit Blumen reingetrippelt, vielleicht sieben Frauen, und der Schöne Klaus wurde gefeiert. Das war ein Joke von ihm, alle sollten den Spannmeister machen. Das halbsolide Volk tuschelte: »Was ist denn los?« Dann hieß es: »Das sind alle seine Mädels aus seinem Puff.« Da gab es einen Wirtschafter, der Goldie hieß. Der hatte Plateauschuhe an, die aus Eidechsenleder waren. Wenn er damit die Frauen getreten hat, die dafür geackert hatten, haben die gesagt: »Goldie, pass auf deine Stiefel auf.« Ich hab das nicht selber gesehen, ich hätte es auch nicht zugelassen. Mit der Story brüstet Goldie sich im »Club 88«, und wir haben uns natürlich alle totgefeixt, wir Armutsköppe.
Für die Abteilung Stress hat die Nutella-Bande sich Karate-Tommy geholt. Der war Deutscher Meister im Karate gewesen, auch noch Europameister im Kickboxen. Und der hatte Abitur, was ihn aber von einigen späteren Blödheiten nicht abhalten konnte. Mir gegenüber war der bei der ersten Berührung ziemlich vernünftig, und das kam so: Eine gut gehende Frau, ich weiß ihren Namen nicht mehr, sie war ’n hübsches Mädchen, die hatte im »Salon Mademoiselle« viele Gäste und kriegte auch dementsprechend viele Getränke. An den Getränken wurde ihr Umsatz hochgerechnet, und der war schön. Auf einmal ist so eine Frau bei Nacht und Nebel weg. Da macht man sich Gedanken. Dann gehe ich unten durch den Kontakthof, weil ich in meinen Laden will, da steht die da. Ich geh hin und sag Hallo, und die hat auf einmal ein ganz verändertes Gesicht. Ich frag: »Bist du immer noch nicht auf dem Damm, Kleene?« – »Ja, ich bin jetzt bei der Nutella-Bande.« Da hab ich das erste Mal über die Konkurrenz nachgedacht, das war ein wirklich ernst zu nehmendes Ding. Wir waren ja meistens überbelegt und hielten uns an die Abmachung mit den Frauen. Das hatte wirklich ’ne gewisse Aufrichtigkeit. Und dann ist die auf einmal über Nacht weg. Zu so ’nem Stussarsch, der besser ficken konnte und zur Nutella gehörte, mit so ’nem großen Imperium. Ich sag: »Wo bist du? Ist ja wunderbar, dass ich das erfahre. Du kennst unsere Regelung. Pass mal auf, du ziehst dich jetzt an und gehst zur Nutella-Bande und machst dich vom Hof. Ich bin oben im Salon, die sollen sich melden. Ganz schnell. Du stehst jetzt nicht hier für die Nutella.«
Ich bin hoch. Axel steht da und hat sein Whiskyglas mit viel Eis in der Hand. Er hat immer viel Eis gebraucht, weil er ’nen Zwölf-Zylinder-Ferrari BBI gefahren hat. Da hat der mit dem Arsch wie auf den Kolben gesessen. Wenn er im Puff angekommen ist, hat er von dem Geräusch immer Kopfschmerzen gehabt. Er ist ja von draußen aus dem Grünen gekommen. Axel lässt sein Eis klirren und sagt: »Ich bin mal gespannt, Stefan. Hoffentlich lohnt sich das. Hoffentlich hast du da keinen Fehler gemacht. Ich weiß nicht, ob die Alte das wert ist.« Ich sag: »Es geht nicht um die Alte. Ich hab ihr gesagt, die sollen sich bei mir melden.« Wenn die abhaut, muss schon ein Hügel rüberkommen. Wenn so was nur einmal gehen soll und nicht zweimal, muss man laut bellen.
Es dauert gar nicht lang, zehn Minuten, und das Telefon klingelt: »Ich bin’s, Tommy von der Nutella.« Ich sag: »Wunderbar. Dass wir gleich zur Sache kommen – ich kann das überhaupt nicht ab. Ich latsch durch den Laden unten, und da ist ’ne Frau von uns. Und jede Frau, die hier bei uns arbeitet, weiß genau, dass sie drei Monate Kündigungszeit hat. Das weiß jede, schon wenn sie reinkommt oder reinkommen darf. Entweder sie hält ihre Kündigungszeit ein, oder es wird für drei Monate jeden Tag die Miete gezahlt.« Das ging dann noch ’n bisschen hin und her, und dann haben sie die Miete übernommen: an die 10 000 Mark. Es war mit mir auch nicht anders gegangen.
Mit dem Chinesen-Fritz ist das ganz anders gelaufen. Der sah mit seinen schlitzigen Augen wirklich aus wie ein Chinese. Er war mal Briefträger gewesen und irgendwie an zwei Frauen geraten. Die hat der bei dem Wiener Peter eingebracht. Das war so Standard: Wenn man jemandem, der ’nen Namen hatte – und das hatte der Wiener Peter von den »Chikago«-Leuten –, zwei Frauen in den Puff stellte, dann war man auf einmal ein guter Junge wie der Chinesen-Fritz. Wenn man natürlich hinter die Fassade geguckt hat, hat man gemerkt, dass die Zoff hatten. Chinesen-Fritz soll mit dem Schönen Mischa gesprochen haben, um seine Mädels bei der GMBH unterzubringen. Deswegen hat ihn der Wiener Peter in die »Ritze« bestellt. Es steht ganz außer Frage: Der Wiener Peter ist machtgeil gewesen.
Am 28. September 1981, zwei Tage vor meinem Geburtstag, kam ich mit Axel aus dem »Top Ten«. Draußen vor der »Ritze« gab es einen Auflauf. Wir sind reingegangen und haben den Wiener Peter gesehen, der war ganz bleich: »Stefan, der Fritz ist erschossen worden!« Hinten in der »Ritze« lag der Chinesen-Fritz in einer Blutlache. Der Killer hat seinen Revolver weggeschmissen und ist durch die Hintertür raus. Man weiß ja, dass man solche Leute anheuern kann, und wenn die Schmiere zu ermitteln anfängt, sind die längst raus aus der Stadt. Axel und ich sehen uns an, drehen uns auf dem Absatz um und sind wieder draußen. Mit der transparenten Scheiße wollten wir nichts zu tun haben.
An diesem Bluttag ist der Kodex »Ohne Waffen« zerbrochen, der Kodex, den der Pate so lange in St. Pauli hochgehalten hatte. Es hat eine Spirale der Gewalt begonnen, von der noch Legenden zehren werden. Damals hab ich das persönlich nicht empfinden können. Natürlich war ich hautnah am Geschehen: Im Auge des Tornados, drumherum rast die Zerstörung, und du stehst in der Stille, Prinzessin. Oder stell es dir alltäglich vor, so wie in einem vollen Bus: Du hältst dich fest, wenn gebremst wird, aber auf die Fahrt, die Beschleunigung und das Krachen an irgendein Hindernis hast du keinen Einfluss. Man konnte natürlich vorsichtig sein. Aber das war nicht mein Ding, noch nicht.
Vom Boxen kannte ich Alexander, der war Geschäftsführer in einer Discothek am Stadtrand. Der hatte Protest mit den Rockern dort. Ich hab ihm gesagt, dass ich mal mitkomme. Das war der Vorlauf. Ich hatte einen marinefarbenen Overall an, wie Rambo, mit ausgeschnittenen Armen. Das hat mir gefallen, war aber sicherlich vom Erscheinungsbild her provozierend. Wie in den alten Wildwestfilmen: Die Schwingtür geht auf, und es kommt einer rein mit tief hängendem Colt und bringt so eine Aura mit sich. Damit hab ich vielleicht ein bisschen zu dick aufgetragen. Das weiß ich heute, damals hab ich da ’ne Clownnummer draus gemacht. Dafür bin ich richtig bestraft worden.
Ich hab mich da hingesetzt und ’ne Flasche Johnny Walker getrunken. Hinter mir tanzten welche mit Stirnband, das war die Rockergruppe. Ich war besoffen. Ein Wort gab das andere. Dem einen hab ich aufs Fressbrett gehauen, der lag ausgeknockt am Boden. Auf einmal lief ich aus wie so ’ne Milchkanne. Die hatten mich mit Messern gestochen, die Einstiche spürst du nicht. Ich hatte ja schon richtig gesoffen. Mit vier Mann haben die mich aufgepikst. Du merkst auf einmal, deine Klamotten werden klebrig, du fasst dich an, deine Hände sind blutig, und dann merkst du, was los ist.
Alexander hatte ’ne Gipshand, der konnte mir nicht helfen. Ich bin raus auf die Straße, die Rocker hinter mir her. Das erste Auto war ’ne Taxe, ich hab gewunken, der Fahrer hat gebremst, und dann saß ich in der Taxe und hab gesagt: »Ich bin am Sterben, fahren Sie mich bitte ins nächste Krankenhaus.« Da konnte ich aus der Taxe nur noch in einen Rollstuhl rein, ich hatte so viel Blut verloren, fast drei Liter, ich saß in meinem eigenen Blut.
Nach vier Tagen auf der Intensivstation bin ich verlegt worden. Dann kam der Rückschlag. Abends um 16 Uhr 30 bekam ich Schüttelfrost und hatte fast 42 Fieber. Ich war schwer infiziert. In mir waren ja vier verschiedene Messer drin, in der Bauchdecke, im Thorax. Jeder behandelt sein Messer anders, der eine macht seine Fingernägel sauber, der andere macht ’ne Fischdose auf. All die Bakterien hatte ich dann im Körper, und die bellten in mir. Über dem Bett hatte ich ’ne Drehangel, da hab ich mich hochgehangelt und gebrüllt: »Lieber Gott, ich bin zu jung, ich will nicht sterben!« Ich wusste, dass es über den Jordan geht, aber ich wollte nicht. Da hab ich ein Zwiegespräch mit dem Großen Uhrmacher gehabt.
Ich hab 13 Kilo im Bett abgenommen. Etliche Frauen haben mich besucht, nicht nur Lilo. Ich hab den sterbenden Schwan gemacht, bis der Docht wieder stand. Da wusste ich, dass alles wieder in Ordnung ist und ich über’n Berg bin. Ich hab den Schwestern gesagt: »Weg mit der Apparatur.« Ich hing ja am Tropf, weil ich innere Verletzungen hatte, die mussten innerlich heilen. Ich hab zu dem Arzt gesagt: »Herr Professor, ich mag die Schläuche nicht mehr sehen, wenn der Saft aus meinem Körper läuft, ekel ich mich.« Nachdem die alles aus mir rausgezogen hatten, war ich die erste Nacht fieberfrei. Nach gut drei Wochen bin ich auf eigene Verantwortung rausgekommen.
Die Discothek ist später bis auf die Grundmauern abgebrannt. Aber dafür konnte ich nichts.
Nachdem ich außer Lebensgefahr war, hat mich das Glück gleich noch mal gepudert. Der Schöne Mischa ist nach Gran Canaria abgehauen, weil eine seiner Frauen ihn angezeigt hat. Ich hab Gran Canaria gemieden und lieber auf der Nachbarinsel Fuerteventura Urlaub gemacht. Auf dem Kiez hatte sich rumgesprochen, dass der Schöne Mischa auf Gran Canaria lebt wie Napoleon. Selbst eine GMBH-Flagge hat er gehisst. Er hat sich ein eigenes Haus gemietet und seinen Rolls-Royce rüberschiffen lassen. Mit Champagner hat er sich am Pool die Haare gewaschen. Als ich das gehört hab, kam mir das Bild von Polizeichef Albero hoch, und ich hab gedacht: »Junge, das kann nicht gut gehen.«
Ich sitze also auf Fuerteventura mit Lilo gelangweilt am Pool, und auf einmal hören wir im deutschen Radiosender von 16 Verhaftungen. Natürlich hat sich Albero den Schönen Mischa und sein ganzes Rudel gegriffen. Auch Russen-Mischa war verhaftet worden. Mir tat das in der Seele Leid. Ich war froh, dass ich auf Fuerteventura war. Ich hatte noch drei Jahre Bewährung. Wenn ich dabeigesessen hätte, ich hätte keine Chance gehabt. Das wäre wieder ein Knastabschnitt für mein kleines Leben gewesen. Die sind alle für Monate festgemacht worden. Ich glaub, dass der Schöne Mischa im Knast richtig aufgebockt worden ist, das hat ihn bestimmt sehr viel Männlichkeit gekostet. Er war in ’nem miserablen Zustand. Er hatte ’ne abgelegte Frau von Beatle, Mira, die hat mir das erzählt. Mira war ein Begriff. Die hat selbst nicht mehr gearbeitet, sie hat die Frauen um Punkt acht in die Davidstraße auf den Strich runtergejagt. Wenn eine nicht pünktlich war, die hat sie in den Arsch geboxt.
Von Mira hab ich erfahren, dass der Schöne Mischa zurück in Deutschland ist. Er hat angefangen, seine Sachen zu verschenken, seine Lederjacke und andere Designerklamotten. Er war in einer sehr melancholischen Stimmung, wie mir berichtet wurde. Die anderen drei Bosse von der GMBH haben ihr M fallengelassen. Das wird seine Richtigkeit gehabt haben. Für mich hat der überzogen, den großen Zampano gemacht. Die GMBH musste den rauskaufen aus der Hölle von Telde, und er hat ihr kein Geld mehr gebracht. Seinen ersten Knacks muss er in dem spanischen Knast gekriegt haben, da haben sie ihn umfunktioniert, da hat ihm dann was an Männlichkeit gefehlt, als er den GMBH-Leuten gegenübertreten musste. Und dass er keine Freunde mehr hat, weil er zu viel abgefeiert hatte, dass hat ihm den Rest gegeben. Er hat sich auch ’ne Übernase Koks geleistet. Dass er sich ’nen Strick genommen hat und vom Hochsitz in einem Wald gehüpft ist, hat mich nicht besonders berührt, sein Ende ist mir irgendwie folgerichtig vorgekommen.
Seine Beerdigung war gigantisch. Jeder konnte sein eigenes Ego ein bisschen zur Schau stellen. Dunkle Anzüge, dunkle Wagen, das hat alles gepasst. Dunkle Ferrari, dunkle Porsche, dunkle Lamborghini. Es sind ein paar hundert Mann da hin gebrettert und haben ihre Gesichtsmimiken gezeigt, viele mit dunklen Brillen. Ich war im Anzug da. Die aus dem süddeutschen Raum hatten Pelzmäntel an, die wollten prall auffallen. Es sind viele von auswärts gekommen, die ihre Anteilnahme der GMBH gezollt haben. Mischas Freundin Manu trug ’nen Pelzmantel und spielte die Trauernde. Überall hörte man das Surren der Kameras von den Polizisten. Die hatten sich als Undercover-Agenten getarnt, fielen aber tierisch auf. Das war fast lächerlich. Aber man hat das irgendwie genossen.
In der Kapelle auf dem Ohlsdorfer Friedhof war ein Blumenmeer, sie haben ihm sogar einen Rolls-Royce aus 3000 Nelken gemacht. Auf einem Kissen aus Nelken stand »Aloha«. Eine Bluesband spielte was Klassisches und Sinatras Song »I did it my way«. Der Sarg wurde von Leuten mit Stehkragen rausgetragen und zur Erde gelassen. Jeder musste ein bisschen schaufeln. Das taten die Bosse der GMBH scheinheilig. Einer kam mit ’ner Blume, ein anderer mit ’ner Rolls-Royce-Figur. Das ganze Szenario wäre ’n geiler Hollywoodstreifen gewesen. Danach gab es den Leichenschmaus in einem gemieteten Raum in Ohlsdorf. Da wurde schon wieder derbe gelacht, da haben sich Geschäfte angebahnt, da war ja ’ne überregionale Gesellschaft zusammengekommen.
Manu ist zu dem Beerdigungsunternehmer übergelaufen. Das wurde mit einigem Stolz präsentiert: Die Frau ist dahin gegangen, wo Geld ist. Ich fand das ’n bisschen unschick. Es wurde aber akzeptiert. Mich hat es ja persönlich nicht betroffen, aber ich hab da ein Defizit an Menschlichkeit erkennen dürfen. Mir war das suspekt. Auf der Beerdigung sah es noch so aus, als würde ihr der Beerdigungsunternehmer zur Seite stehen. Dabei war der erste Schritt getan.
In den paar Tagen zwischen dem Selbstmord vom Schönen Mischa und seiner Beerdigung passierte die Sache im »Salon Bei Ami«, der im Parterre des »Eros-Center« lag. Zu dem Zeitpunkt war ich mit Axel zusammen beim Italiener essen. Auf St. Pauli sind die Nachrichten in Windeseile rumgegangen. Wir haben also über unseren Spaghetti gesessen und gehört, dass es ’n paar Tote gegeben hat. Na ja, haben wir gedacht, vielleicht haben sich welche geschnitten, aber es hat leider gestimmt, es waren zwei Tote.
Die Scheiße ist durch ’ne Frau ausgelöst worden, die kannte ich aber nicht, höchstens vom Sehen. Die gehörte zur Nutella-Bande und hat sich auf dem Kontakthof mit einer Frau aus dem »Salon Bei Ami« gezofft, dabei hat sie ’n blaues Auge abgekriegt. Mit dem ist sie flennend zu ihrem Mann Angie gelaufen. Der ist in den »Salon Bei Ami« und hat 2000 Mark Schmerzensgeld gefordert. Die Jungs, das waren unsere Kompagnons, haben den ausgelacht. Der Angie hat dann was Dummes gesagt und denen gedroht, dass er mit Karate-Tommy und SS-Klaus wiederkommt. »Dann stampfen wir eure Frauen ein und für euch gibt’s die Kugel«, soll der Schwachkopf gesagt haben. Der SS-Klaus war als Waffenfanatiker bekannt, ’n ehemaliger Soldat, der immer geprahlt hat, dass er als Einzelkämpfer die ganze Ostsee gegen die Russen verteidigen könnte. Dem Karate-Tommy eilte ja sowieso ein besonderer Ruf voraus.
Bei unseren Kompagnons hat es eine Substanz und einen Stolz gegeben. Die wollten die Puff-Chefs raushängen lassen, Siegi, der Fallschirmspringer, Wolfgang, der Zocker, und Karl-Heinz, der Poussierer. Jetzt waren die irgendwie angeschlagen. Männer, die einer gewissen Instabilität unterliegen, sind wie die Ratten. Wenn die in die Enge getrieben werden, dann beißen sie, Prinzessin, so musst du dir das vorstellen. Ich würde mich früher wehren, wenn mich jemand verletzt. Ich würde nicht das Licht mit dem Dimmer runterdrehen und in ’ner dunklen Ecke mit dem Schießeisen auf dem Schoß warten, das ist geistlos. Das haben die aber gemacht, die haben so im »Bei Ami« gesessen und gewartet, stundenlang, bis nach Mitternacht. Vielleicht hatten die auch die Weiße Dame in der Nase.
Es war dann wie im Western. Die Nutella trat an mit Angie, SS-Klaus und Karate-Tommy. Irrwitzigerweise hatten die keine Schießeisen, das Gedröhn war nichts als heiße Luft gewesen. Aber die Jungs im »Bei Ami« haben natürlich erwartet, dass die Nutellas schwer bewaffnet ankommen. »Guten Abend«, hat der Erste gesagt. Keine Antwort. »Guten Abend, hab ich gesagt«, das war Karate-Tommy. Und dann gab’s Feuer. Dem SS-Klaus wurde das halbe Hirn weggeschossen. Der Angie kriegte ’n ganzes Magazin ab. Nur Karate-Tommy hatte Glück mit ’nem Schuss seitlich durch die Bauchdecke.
Die Schießerei hab ich aufgenommen wie ’ne Verlustmeldung, ohne Emotionen. Es sind ja keine Freunde von mir gestorben. Mit Erschütterung kann ich nicht dienen. Die haben sich eben mit ihrer Hahnbalzerei über ’ne Stussmutter zur Sau machen lassen und mit ihrem Leben bezahlt. Soll ich da ’nen Kackreiz kriegen? Nein. Ein bisschen dumm gelaufen, das Ganze.
Siegi, Karl-Heinz und Wolfgang sind erst getürmt, haben sich aber dann mit ’nem Anwalt gestellt. In der ersten Instanz kriegten sie acht Jahre, in der zweiten wurden sie freigesprochen, wegen Putativnotwehr: Das ist ’n schweres Wort für den Fall, dass man denkt, man wird angegriffen und wehrt sich, obwohl man nicht wirklich angegriffen wird. Die Anwälte, die das fertiggekriegt haben, die hätte ich haben sollen, dann war ich nicht einen Tag in den Knast gegangen.
Nach der Schießerei, dem roten Oktober 1982, haben sich in St. Pauli viele aufgerüstet. Ich nicht. Die Pistole aus der »Mic Mac«-Zeit hatte ich nicht mehr. Das war sowieso ’ne Kasperpistole, die Handschuhfach-Abteilung, die war so ’n bisschen wie ein verlängerter Schwanz. Den Schuss hätte ich mit dem Mund aufgefangen, damit konnte man niemanden umlegen.
Ich wollte keine neue Pistole, weil ich mich kenne, ich hab ’nen anderen Blutdruck. Wenn ich so was trage, benutze ich das, Prinzessin. Ich war nur geistig bewaffnet. Das reichte. Ne Waffe brauchte ich erst ’n paar Jahre später, als ein Kopfgeld von 60 Mille auf mich ausgesetzt war.
Ende 1982 gab’s ’ne Razzia in 100 Lokalen in einer Nacht: das Ende von Wilfrid Schulz. Der Pate fuhr mit 18 Personen in den Knast ein. Ich als Bewährungsmännlein war froh, dass ich selber nicht am Arsch gekriegt worden bin.
Dass die Ära Wilfrid zu Ende ging, das hat man natürlich schon vor der Verhaftung gemerkt. Man hat das Zurücknehmen seiner Person mitgekriegt, andere tauchten auf. Ich hab auch seinen körperlichen Verfall gesehen, über seinen Krebs hat der neue Mercedes und auch die Sonnenbräune nicht hinwegtäuschen können: Diese welke Haut, wenn man nicht verzichten mag, das Hemd noch mit dem zweiten Knopf offen zu tragen und die Cartierkette zu zeigen. Aber man sieht trotzdem die zurückliegenden Augen, darin sitzt der Tod schon auf Abruf.
Ich wusste, dass sich der Pate mit der Cosa Nostra eingelassen hatte, mit der Zocker- und der Würfel-Abteilung. Ich hab nie zu den Glücksspielern gehört. Ich hab mal irgendwann 500 Mark im Roulette auf Schwarz gesetzt, und es kam dreizehnmal hintereinander Rot. Das werd ich nie vergessen.
Bald war auch die GMBH am Ende. Die haben sie mit der Steuerfahndung aufgerollt. Ich hab mich nicht großartig damit auseinandergesetzt, mir aber im Hintersrübchen vorgenommen, solange das geht, noch ’n paar Mark zu greifen. Natürlich merkst du das: Bergab geht’s schneller. Das merkst du auch an deinem eigenen Geschäft.
Noch konnten wir uns ’nen Luxusurlaub leisten. Lilo hatte sich ausgesucht: Jamaika, Karibik. Na wunderbar, das hörte sich gut an, drei Wochen für 22000 DM, Montego Bay. Fabelhaft, das beste Hotel. Das ging mir nach dem dritten Tag richtig auf den Schlauch. Das Gemüse zum Frühstück mit roten Melonen, aber nicht das Richtige, was ich brauch. Dann diese weißen Handschuhe von den Kellnern: »A cup of coffee, Sir«. Man ist nur bedient worden. Toll. Die Engländer spielten am Flügel rum und sangen ohne Hemmungen ihr Liedchen. Die Klimaanlage im Zimmer war zu laut. Also alles Mögliche hat mir nicht gepasst. Die Leute in dem Hotel waren furchtbar, wenn du die gesehen hättest, überwiegend natürlich Engländer. Die Insel gehörte ja früher zum englischen Commonwealth. Vom Frühstück angefangen war man in der Anlage eingesperrt, das funktionierte nicht, da wollte ich nicht so viel Zeit verbringen. Der tropische Strand war schön, selbst wenn es geregnet hat, angenehm warme Tropfen. Da sind diese verpimpelten Leute ins Hotel geflüchtet und haben sich noch den Kopf bedeckt. Für mich gehörten die da eingeschlossen. Von Jamaika wusste ich ja nichts, ich hatte das beste Hotel genommen und saß da voll tief drin.
Irgendwann hab ich mich in den eigenen Socken auf den Weg gemacht, nicht übers Hotel und deren Sicherheitsleute. Ich bin ein bisschen ins Land der Einheimischen gelatscht. Da haben Männer am Beach gesessen und Figuren geschnitzt, Eulen. Ich hab mich dazugesetzt und nach Ganja gefragt, so heißt in Jamaika der Shit. Sie haben gelacht, übers ganze Gesicht gelacht, und wir haben zusammen ’ne Tüte geraucht. Ich war so angebraten. Ich hab mir das Meer angeguckt. Da ist ’ne Freundschaft gewachsen. Am nächsten Tag saßen vier oder fünf dort. Dann hab ich den Spaß aufleben lassen und ’nen Kasten Bier geholt. Einer hat Musik gemacht. Das war für kleines Geld viel Freude. Abends kam ich mit sechs, sieben Schwarten, die durften gar nicht ins Hotel. Ich hab denen gesagt: »Ich komme wieder.« Lilo war stinksauer. Ich war nur mit den Schwatten zusammen, welcher Frau gefällt denn das?
In dem Hotel war es auch üblich, dass eine Tanzgruppe kam. Es wurde Feuer gemacht und Latten wurden gelegt, unter die man sich im Tiefgang schieben konnte. Jeder sah schön aus. Auch die Männer waren hübsch und muskulös. Bei den Tänzerinnen war eine Überlange die ausschlaggebende Frau in der Gruppe. Ich lernte die kennen, aber es ist zu nichts gekommen. Ich war ja mit Lilo da. Einmal hatte ich die Möglichkeit, mit ihr allein zu sprechen. Sie konnte komischerweise gut Deutsch und Englisch sehr gut, mein Englisch war nicht so richtig auf der Höhe. Es war, als hätte jeder von uns ’nen Angelhaken im Arsch: Egal, wo du dich hindrehst, du wirst gezogen. Ich wollte sie Wiedersehen. Sie hieß Tanja.
An einer Straße hat ein Blinder Mundharmonika gespielt, die hab ich gar nicht gesehen, weil die so klein war. Ich hab gesagt: »Ich komm wieder nach Jamaika und bring dir ’ne große Mundharmonika mit.« Er hat gelacht und sich gefreut. Aber geglaubt hat er mir wohl nicht.
Ich war in Kingston und hab ein Getränk gesoffen, das war ätzend wie Nagellack. Ich war in Ocheria und hab da Rastamen kennen gelernt, die mit ihren Messern geklappert und den Touris Angst gemacht haben. Freundschaft geschlossen habe ich mit Tanga, einem von den Holzschnitzern, dem habe ich mich anvertraut, gleich über den ersten Blick.
Vor der Abreise habe ich zur Feier des Tages eine Ziege schlachten lassen. Für Tanga, seine Familie, Mutter, Oma, Freunde, alles Schwarze. Die Frauen waren damit beschäftigt, dass sie lachten oder kochten. Die Stimmung: gigantisch. Ich hab gesagt: »Ich komme wieder.« Tanga hat mir als Abschiedsgeschenk einen Stock geschnitzt. Oben der Knauf war meine rechte Hand, den hab ich mit nach Deutschland genommen. Leider hat das Holz unser Klima nicht ausgehalten und ist gespleißt.
Nach vier oder fünf Monaten bin ich zusammen mit Lullah, meinem Freund aus dem Gefängnis, wieder nach Jamaika geflogen. Wir haben Seesäcke mitgehabt, US-Militärklamotten und ’n Nasazelt. Ich wollte nicht mehr in so ’n affiges Hotel, das hatte ich Lullah von Anfang an gesagt: »Ich will an den Beach, mit Lagerfeuer. Ich hab das auskundschaftet, ich hab da Freunde.«
Am Flughafen wollten sie Lullah, den Iraner, nicht ins Land lassen. Zu der Zeit muss Krieg gewesen sein im Iran. Belastend kam noch dazu, dass die uns in unserer Aufmachung für Söldner gehalten haben. Aber freundliche Worte und Dollars haben Lullah dann doch reingebracht. Meine schwarzen Freunde haben mich mit lauter Reggae-Musik am Flughafen abgeholt, mit ’nem alten verkommenen Bus. Keiner von denen hatte sich vorgestellt, dass ich, dieser weiße Sir aus dem Luxushotel, ’nen iranischen Freund mitbring. Zuerst sind wir in ’ne Kneipe gefahren, da hing nur ’ne Glühbirne an der Decke, wir haben warmes Guinness-Bier gesoffen.
Meine Freunde hatten gedacht, ich will ein Häuschen. Tanga hatte für mich ein tolles Häuschen am Wasser für ein paar Jamaika-Dollar gefunden und eine kräftige Mahlzeit kochen lassen. Aber ich hatte nicht vor, da einzuziehen. Wir haben uns in der Nacht noch einen Schlafplatz gesucht. Es war mondhell, hinter uns ’ne Schlaufe von Menschen und Jungs, die uns mit Fackeln begleitet haben. Die staunten nicht schlecht, als wir unsere Seesäcke aufmachten, unsere Luftmatratzen rausholten, aufbliesen und uns schlafen legten. Der Sternenhimmel war unser Zeltdach.
Als ich morgens wach werde und in den Himmel gucke: um mich herum nur Kuhköppe. Ich hatte in der Nacht die Jamaikaner nicht verstanden, warum wir uns da nicht hinlegen sollten. Ich hab gesagt: »Hier ist der Boden gut, Lullah.« Wir hatten auf ’ner Kuhweide gepennt. In mein Tagebuch, das meine Großmutter sich über die Jamaikareise gewünscht hat, hab ich geschrieben: »So möchte ich jeden Tag aufwachen.« Die Landschaft sah natürlich malerisch aus wie auf ’ner Postkarte.
Wir haben uns ein anderes Plätzchen ausgesucht und ein Camp aufgebaut. Um uns herum haben sich vier Schwarte niedergelassen. Die haben ein Lagerfeuer gemacht und es wochenlang nicht ausgehen lassen. Tag und Nacht sah ich ’nen schwarzen Schatten springen und neues Holz auflegen, das war gar nicht unsere Aufgabe. Das Fischen hab ich dort gelernt: Über ’ne Colaflasche die Sehne legen, rauswerfen, das Gewicht an so ’ner Mutter. Du spürst Widerstand, wie die Sehne durch die Finger rillt. Dann holst du ’nen Weißfisch raus, wie zu Kolumbus’ Zeiten, auch wie der am offenen Feuer gegart wird. Tanga ist der Boss von dem Team. Seine Leute sind permanent beschäftigt. Sie halten Wache und passen auf, dass nichts wegkommt. Wollte uns hier jemand ans Leben, sie wären sofort bereit zum Killen. Das zu wissen, ist ein beruhigendes Gefühl. Sie machen für uns das Essen und bedienen uns mit einer Zuneigung, dass wir uns, ja ehrlich, wie weiße Herren fühlen, die geschätzt werden.
Zum Frühstück gibt es Obst, Fleisch und Kaffee. Dann bringen sie uns Ganja zu rauchen. Wir kiffen unter freiem Himmel mit ’nem satten Gefühl. Wenn wir wieder auftauchen, kommt der Sport. Wir trainieren täglich. Immer wenn das Meer ebbt, ziehen wir uns nackt aus, reiben uns mit dem Schlick ein, suchen uns ein geeignetes Plätzchen auf dem Meeresboden und meditieren lange im Schneidersitz. Mittags verziehen wir uns mit T-Shirt und Hut auf dem Kopf ins Meer. Lullah und ich liegen stundenlang im seichten Wasser und quatschen. Tanga schickt uns Guinness-Bier ins Meer, so lässt es sich in der Hitze aushalten. Die Mahlzeiten werden uns dahin gebracht, wo wir gerade sind, selbst ins Wasser. Dort speisen wir auf unseren Luftmatratzen. Einmal stell ich mich so dämlich an, dass mein Topf voller Köstlichkeiten ins Wasser abrutscht. Dass Lullah so höllisch darüber lacht, kommt mir nicht gerade angemessen vor.
Abends legen wir Kartoffeln ins Feuer und essen sie dann mit Butter und Salz. Voll gefressen legen wir uns aufs gemachte Lager. Man bringt uns was zu rauchen und was von dem Rumtopf, den ich mit Früchten aus der Karibik, rotem Sirup und reichlich weißem Rum angesetzt habe. Wir lachen und lachen, immer in minutenlangen Abschnitten, bis wir vor lauter Lachen müde werden. Man hört das Meer, man sieht die Sterne und den Mond, man riecht das Holzfeuer. Friede, Freiheit. Scheiß Mücken.
Unser Camp wird größer. Sogar Tangas sechs Wochen alter Sohn ist bei uns. Ein junger Jamaikaner mit Namen Junior saust täglich affenähnlich die zehn bis fünfzehn Meter hohen Palmen rauf und wirft uns Kokosnüsse runter. Er fängt für uns einen Barrakuda, eine Delikatesse. Vier-Pfund-Hummer werden für uns zubereitet.
Einmal haben wir uns, ohne Tanga Bescheid zu sagen, mit einem anderen Jamaikaner aus dem Lager entfernt und sind erst abends zurückgekehrt. Die haben sich wie die Tiere angebrüllt. Tanga war eifersüchtig. Ich musste dazwischenspringen, um Übleres zu vermeiden. Eifersucht und Neid kommen hier auf, weil wir Geld haben. Sonst leben sie unter gleichen Bedingungen friedlich miteinander. Sie respektieren eine Rangordnung wie in einem Wolfsrudel.
Ich bin wieder mal splitternackt, Lullah auch, wir sind in unserer Meditationsphase. Auf einmal schreit jemand von ganz weit: »Stefan!« Ich denk, das kann ja nicht angehen: Zwei schwarze Frauen, die lange Tänzerin mit ’ner Freundin. Es hatte sich auf der Insel rumgesprochen, dass wir da sind. Ich hab natürlich auch das Hotel besucht und hab abends mal gefragt: »Gibt es die Große noch? Ich bin wieder da.« Jetzt ist sie gekommen: Tanja. Als Erstes hab ich keusch die Hose angezogen. Sie ist dageblieben, und abends, als sich alle mit dem Kochen beschäftigt haben, ist sie dabei. Ohne das Tanzkostüm, die Haare straff zurückgehalten, hat sie ganz anders ausgesehen. Sie war wie eine Gazelle. Die ist mit am Kochen und bewegt immer ihr Hinterteil. Da kommt der Tanga zu mir: »Ey, catch as you can.« Ich soll angreifen. »Die zeigt dir den Arsch. Woran liegt das?« Ich sag: »Bist du nicht ganz dicht?« Na ja, sie guckt immer so rüber, ich guck zurück, und da verstehn wir uns. Es läuft wie in ’nem alten Tarzanstreifen. Sie kommt ins Zelt, und es passiert. Gigantisch, tropisch.
Auch den Blinden mit der kleinen Mundharmonika hab ich wiedergesehen. Ich hab dem ’ne Mundharmonika mitgebracht, die hat mich vielleicht 24 Mark gekostet. Und dann bringst du ihm die, und du siehst, wie er so ’ne richtig große, nicht so ’ne kleine, so ’n Pissding wie ’ne Schiedsrichterpfeife, sondern eine richtige Mundharmonika spielt. Und der flennt vor dir ab, er spielt, und aus seinem blinden Auge kommt ein Tröpfchen Freude – das ist doch wie ’ne Geburt. So ’n alter Mann, schon weit über 70.
Braun gebrannt, unrasiert und fern der Heimat, ein geiles Dasein. Der Inbegriff von Freiheit lässt sich nicht beschreiben, ich darf erleben, wie sich der anfühlt. Draußen am Beach ist das Leben reine Männersache. Die braune Haut ist von Insekten jeglicher Art zerbissen und zerstochen. Lullah und ich sind uns einig, wir wollen uns hier niederlassen. Auf dieser Insel lässt sich das Leben auf dieser beschissenen Welt noch ein bisschen lebenswert gestalten.
Die schöne Zeit ist nach ungefähr einem Monat zu Ende gegangen. Wir haben das Zelt und unser Zeug verschenkt. Tanga und seine Leute haben sich riesig gefreut. Ich glaub, wir hatten noch 500 US-Dollar. Tanja hat nur geflennt, was ich in Germany will, es ist doch wunderbar im Zelt. Sie hat mit uns in der Taxe gesessen, zweieinhalb Stunden bis zum Airport. Ich habe mich von ihr verabschiedet, aber sie ist mit Drückernase an der Scheibe kleben geblieben und will mich unbedingt wegfliegen sehen. Ich danke dem lieben Gott, dass es so gewesen ist. Lullah und ich stehen am Flughafenschalter, die erste Ansage: »No flight to Europe.« Das sagt der kleine Schisser vor mir. Die Airline ist in dem Monat pleite gegangen. Als wir das begriffen haben, hat Lullah die beiden Tickets zerrissen. Wir haben gefragt, wie es weitergeht. »Maybe one week, two weeks.« Das Erste, was ich gemacht hab: Ich hab zur Scheibe geguckt.
Dann wieder zurück ins Gewesene, alles verschenkt, nur noch 500 US-Dollar. Aber ich habe mein schwarzes Glück gehabt. 200 US-Dollar haben wir in Jamaika-Dollar gewechselt. Dann ist Tanja einkaufen gegangen. Sie hat uns ’ne Hütte beschafft, wieder am Meer, große Terrasse, zwei Schlafzimmer, Küche, Wohnstube. Sie hat gekocht für uns, mit ’ner Che-Guevara-Mütze und ’ner Zigarette im Maul, ein Essen gekocht, das fantastisch geschmeckt hat. Wieder in einem Bett zu liegen, ist ein feines Wohlbefinden gewesen. Leider ist die himmlische Ruhe durch eine handtellergroße Spinne gestört worden. Bevor ich sie totschlagen konnte, ist sie in einem Luftschacht verschwunden. Wir haben vorsichtshalber unser Bett in die Raummitte geschoben, eine richtige Schutzmaßnahme: Am andern Morgen haben wir erfahren, dass diese Spinnen äußerst giftig sind.
Als wir nach ein paar Tagen ’nen Flug kriegen sollten, hat uns ’ne Taxe abgeholt, ein großer amerikanischer Schlitten. Nach ’ner halben Stunde hat der Motor beim Überholen plötzlich ausgesetzt. Kabelbrand. Rechts und links von der Straße ’ne Art jamaikanischer Urwald. Unser Fahrer stoppt ’n anderes Auto, weg ist er. Als wir so dastehen und die Situation begreifen, fangen wir tierisch zu lachen an. Das glaubt uns keiner.
Nach endlos langen 30 Minuten kommt der Fahrer zurück, fängt sofort an zu werkeln, alles klappt, und weiter geht’s mit Vollgas. Wir schaffen es gerade noch, wir kriegen die zwei versprochenen Plätze nach Europa.
Auch Huren gehen wie Sekretärinnen oder Lehrerinnen mal nach Feierabend wohin und sprechen über ihre Berufsangelegenheiten. In so ’nem Kollegenkreis wird Lilo gefragt: »Warum bist du nicht in der Herbertstraße? Was machst du im ›Lausen‹ auf wichtig und wartest in dem versifften Samtladen auf irgendeinen Arschlochfreier? Wenn überhaupt einer kommt. Wenn du dich ins Fenster stellst, dann gehen hier in der Herbertstraße die Lichter an.«
Wer die Herbertstraße nicht kennt, muss sie sehen: Das ist eine Straße, die hat den Charme von ’ner Antiquität mit ihren kleinen Häusern; die ist noch mit Kopfstein gepflastert. Vorne, wenn du ’ne Tür siehst, ist das keine, das sind versetzte Wände wie ’ne Schleuse, da musst du durchgehen. Dann kommst du rein und siehst links und rechts in unterschiedlichem Licht gehaltene Fenster. Eine eigenartige Atmosphäre. Die animierenden Lämpchen beleuchten die verschiedensten Frauen. Hinter den Glasscheiben wirken sie irgendwie kostbar. Wie ’ne aussterbende seltene Art, die geschützt werden muss. Aber wenn du anklopfst, kannst du sie gleich haben. Die Straße hat sich seit 100 Jahren nicht verändert. Die Frauen schon, die im Fenster sitzen. Vielleicht findest du das, was du siehst oder sehen möchtest, gut ausgeleuchtet. Du gehst kein Risiko ein, du siehst ja genau, was für ein Körper es ist, den du anfassen könntest, wenn du nur willst. Am Fenster wird dir ein Versprechen gemacht. Vielleicht denkst du, das Angebot ist günstig und nimmst an. Sie macht die Tür auf, und schon bist du ihr Gewinn.
Eine gute Hure zeichnet es aus, dass sie dem Freier ans Geld will. Je erlesener ihre Höflichkeit ist, desto mehr erreicht sie. Sie geht vor ihm langsam die Stiege hoch mit gekonntem Arschwackeln. Routiniert, weil oft geübt, achtet sie darauf, dass seine Nase genau auf der Höhe ihrer Poritze ist. Wenn er oben ankommt, ist er schon ganz schön wuschig. Er sollte der Besteller seiner Wünsche sein, und wahrscheinlich meint er noch immer, er wäre es. Er merkt nicht, dass er geführt wird wie ein Ochse am Nasenring. Die Macht über sein Ich geht an die Frau über. Sie wärmt ihn in der fremden Umgebung durch ihr Gespräch auf. Vielleicht wurde er mit 50 Euro angekobert, und am Ende tut er 250 Euro raus, weil sie für jede Verrichtung, auf die er anspringt und von der er mehr will, etwa von den süßen kleinen Bissen in sein Ohrläppchen, den Preis erhöht, was ihn wiederum anturnt, weil ihm ihre Leistung noch kostbarer, noch erlesener vorkommt.
Kleinliche Beamtenköppe, die Teil von ihren Mappen sind, die sie an sich gepresst mitführen, Buchhalternaturen ohne erotische Fantasie, kommen relativ preiswert weg, erleben aber auch nicht viel. Es gibt auch erfahrene Puffgänger, die mit Kennerblick auf Frischfleisch aus sind, das die Tricks mit dem Nachkobern noch nicht richtig beherrscht. Die haben eine preiswerte halbe Stunde, mehr nicht.
300, 350 Euro sind schon drin für den ultimativen Kick, von dem ein solider Appel zehren kann, wenn er als Schlafmittel zur guten Nacht seine angetraute Äppelin besteigt. Die Fantasie über die Hure, an der er sich aufgeilen kann, amortisiert sich über die Jahre.
Einen glatten Fünfhunderter und mehr wird einer los, der auf bestimmte Spezialitäten der Herbertstraße erpicht ist. Er liegt dann mit ’ner Ledermaske, eingeschnürt von Lederfesseln, drei oder acht Stunden auf dem Zimmer, wird körperlich gezüchtigt und seelisch gedemütigt. Ich bin ein paar Mal zu solchen Sitzungen gebeten worden. Der Kerl ist inkognito durch die Maske. Der Männerkörper sieht nicht schlecht aus. Die Domina stellt ihn mir vor: »Guck mal, was da für ein Würstchen liegt, das bezahlt dafür.« Der Kunde stöhnt. Sie führt ihn mir vor: »Spiel mal mit dem Schwanz und zeig, was du für einer bist.« Er macht, was sie sagt. Sie kommandiert, dass er ihr die Hacken lecken soll. Er tut’s. Ich sag: »Dreh dich rum, du liegst hier wie ’n krummer Hund.« Unter dem eindeutigen Befehl wimmert und zittert er wie ’ne kleine Fickamsel.
Ich fand’s zum Kotzen, für mich ist so einer krank, aber die 200 Mark für meine Anwesenheit hab ich gerne eingesteckt.
Du siehst, Prinzessin, die Herbertstraße ist voller Möglichkeiten. Aber eine Frau wie du karm da nicht rein. Die Huren lassen sich nicht von Nichthuren begaffen und reagieren äußerst kiebich.
Irgendwann kommt also Lilo und fragt mich: »Was hältst du von der Herbertstraße?« Ich sag: »Mach, was du willst.« Sie ist so weit, dass sie ’n bisschen dieses Ding als Chefin rauskehren will. Das muss man ’ne Frau dann auch lassen, das ist okay. Sie will also experimentieren, na gut, jeder verwirklicht sich auf seine Art. Sie kauft sich in den Frauen-Club der Herbertstraße 7b ein. Das einzige Haus der Straße, das ein bisschen zurückliegt und an dem die männlichen Bordellbetreiber kein Interesse hatten. Daher konnte sich da die einzige Frauengruppe vom Kiez festsetzen. Es kostet um die 45 Mille. Das ist viel Geld, aber sie hat bestimmt 27 Mille im Monat.
Die 7b ist ein kleines Haus, ein bisschen zurückversetzt, das macht neugierig. Die Ellen ist da drin mit ihrem Kabinett, da hat sie ’ne Streckbank und ’nen Strafbock, ’ne Sammlung von Peitschen, Rohrstöcken, Gerten, auch Spezialfesseln und Ledermasken. Eben alles, was sie für ihre Domina-Spezialität braucht: Entspannung durch Schmerz. Nicht gerade mein Fall, aber auf ihrem Gebiet ist sie ’n Ass mit hohem Bekanntheitsgrad, außerdem gebildet. Der Star in der 7b ist zu der Zeit Domenica. Der »Ritze«-Wirt Hanne Kleine hat sie angebracht. Ein berühmter Dichter bedichtet sie, ’n berühmter Maler malt sie. Durch ein Fotobuch und ’nen Fernsehauftritt wird sie die berühmteste Hure der Republik. Die 7b hat in den Achtzigerjahren Kultstatus.
Na klar, dass meine Lilo in den ganz besonderen Club reingewollt hat. Zuerst hat sie natürlich ’nen Schock gekriegt, als sie im Fenster gesessen hat. Das ist ja normal.
Und dann, weißt du, was ich mir dann angehört hab? »Warum bist du nicht auf die Idee gekommen, mich gleich in diesem Kostüm in die Herbertstraße ans Fenster zu stellen?« Korsage, Strapse, die langen Federn, also die langen Haare. Dazu ihr Puppengesicht und dann noch die Marmortitten hochgeschnürt: Die Kerle haben wie beim Zahnarzt gewartet.
Sie hat verdient, was sie wollte in ihrer Rüstung. Die Freier hat sie auf ihre Art selektiert. Die haben schon ’nen Piccolo ausgegeben und nicht als Prämisse das Ficken angesehen. Ihre Freier sollten schon ’ne Würde und ’n Alter haben, andere hat sie meistens nicht an sich rangelassen.
Wenn einer an ’ne Frau Ansprüche hat und stellt sie und hat ’n dickes Portmonee, dann überlegt ’ne gute Hure schon, was sie zu bieten hat und dreht auf. In jeder Hinsicht, das heißt, dass sie sich auch verbal hingibt und den Sex in einen Dialog einbettet. Das ist die feine Hurenkunst.
Domenica und Lilo haben noch ’ne spezielle Fantasie entfaltet und als Mutter und Tochter abgekürt. Marmortitten haben sie ja beide gehabt, nur dass die von Lilo noch jünger und frischer gewesen sind. Jedenfalls sind sie zusammen ein sagenhaftes Gespann gewesen, das bei Männern die geheimsten Wünsche geweckt hat.
Stell dir vor, ein Geschäftsmann, der in der Gegend Häuser aufgekauft hat, ist so heiß auf Lilo gewesen, dass er ihr 100000 Mark geboten hat. Damit sollte sie abgesteckt werden, aber ich hab sie zu der Zeit noch geliebt, da hat es keinen Preis gegeben. Der Typ, ’n namhafter Mann, hat sich dann über meine Person schlau gemacht, und da ist ihm wohl die Angst über den Arsch gekrochen. Die Sache ist dann im Sande verlaufen.