Es passiert in den Ausdehnungen der Stille, dass ich mich frage, ob sie ganz einfach tot ist.
Mein Fenster steht offen, die hölzernen Läden sind weit aufgerissen, um den Luftzug hereinzulassen, den es nicht gibt. Ich sauge die Luft ein, die schwer ist von all der Schwüle, und schaue hinauf in den nächtlichen Himmel. Tiefe Wolken, aber kein Regen.
Mutter Natur, du kannst so unfair sein.
Unsere ganze Stadt wartet auf Regen, dass er die Dürre beendet. Auf Regen, der den Schweiß wegspült, den Schweiß, der uns Tag für Tag am Körper klebt, sobald wir das Haus verlassen. Auf Regen, der auf die harte trockene Erde zwischen den verdorrenden Getreidehalmen der Felder trommelt. Regen ist Leben. Regen ist Vergebung.
Regen wäscht schneller sämtliche Sünden fort, als es ein Pfarrer je könnte.
Ich höre es erneut: ein tiefes Grummeln. Aber das täuscht, das ist kein Donner. Seine Stimme ist so laut wie die Stimme Gottes und so böse wie die des Teufels. Ich versuche, sie auszublenden, doch dann höre ich das leise Tappen kleiner Füße auf dem Teppich im Flur. Im nächsten Moment geht die Tür auf und die Mädchen kommen herein. Wir drei setzen uns unter das Fenster – die eine Schwester links, die andere rechts unter meinen Armen zusammengekauert.
Als ob ich sie beschützen könnte.
Meine Arme schlingen sich um ihre Schultern: »Alles gut«, flüstere ich, für sie und für mich.
Ein Schrei erfüllt das Haus. Das ist nicht Mom. Es ist der Anfangsschrei eines klassischen Rocksongs. Als die Bassdrum loswummert, erzittert die Tür zu meinem Zimmer.
Es ist eine Nacht mit voller Dröhnung.
Ein schwacher Lufthauch dringt durch das offene Fenster über uns. Die dünnen Muskelstränge in den Armen meiner Schwestern spannen sich vor Angst. Ich schaue hoch und sehe die dunkle Silhouette eines Vogels auf der gegenüberliegenden Zimmerwand.
»Ist nur Joe«, sage ich und löse mich aus ihrer Umklammerung. Ich drehe mich um und schaue in ein wildes, schimmerndes schwarzes Auge. Der Schnabel des Vogels wirkt aus dieser Nähe boshaft scharf. Gewöhnlich kommt er nicht bis ans Fenster. Gern hockt er auf unserem Briefkasten, dem Zaun bei der Bushaltestelle an der Ecke oder auf dem untersten Ast des Baums im Vorgarten. Joe ist einzigartig unter den anderen schwarzen Vögeln, er unterscheidet sich durch die grauen Federn an Bauch und Rücken. Und auch durch seinen Willen, in unserer Nähe zu sein – ständig.
Joe krächzt. Er schüttelt prahlerisch seine Flügel und dreht sich um.
»Tschüs, Joe«, sagt Juniper, als er davonfliegt.
Unten kracht etwas zu Boden.
»Mom«, sagt Campbell. Ich male mir aus, dass Mom verletzt ist. Und weint. Ich sehe Cam in die Augen und finde meine Angst in ihnen gespiegelt.
»Ich schau mal nach ihr.« Es hat keinen Sinn, bei der Musik zu flüstern, deshalb brülle ich fast. Ich drücke die knochigen Hände der zwei, ein einzelner Drumbeat der Beschwichtigung, und stehe auf.
Als ich die Treppe erreiche, spielt er die Greatest Hits von Guns N’ Roses so laut, dass es mir in den Zähnen wehtut, und trotzdem höre ich ihn. Ich werfe einen Blick übers Geländer und sehe, er ist in der Küche. Wenn ich es nicht wüsste, hätte ich Sorge, die dunkelrote Färbung seiner Haut deute auf einen medizinischen Notfall. Doch es ist Wut. Schiere, unkontrollierte Wut. Das Pulverfass heute Nacht war eine anstehende Hypothekenzahlung. Der zündende Funke eine Stromrechnung, doppelt so hoch wie sonst. Es war ein heißer August und die Klimaanlage hatte zu viel zu tun.
Ich kann das abgerundete graue Metall oben auf dem Kühlschrank nur gerade so eben erkennen. Er hat seine Pistole immer in Griffweite. Er sagt, sie nützt nichts, wenn er sie bei einem Überfall erst lange suchen muss, doch gerade in Momenten wie diesem denke ich an sie. Es ist immer dieselbe Frage, die in mir hochkommt. Ist es heute Abend so weit, dass er nach ihr greift?
Mom taucht in meinem Blickfeld auf. Ihre langen roten Haare hängen lose und zerzaust herab. Sie ist auf dem Weg zur Stereoanlage.
Er rennt hinter ihr her, jeder Schritt ein winziges Beben in dem alten Haus. Er selbst ist eine schwere Abrissbirne und prescht durch den Raum, Mom hinterher, als ihre Hand den Lautstärkeregler berührt.
Er stößt sie gegen die Tür des Hi-Fi-Schranks, die mit voller Wucht nach hinten gegen die Wand fliegt. Ein Stück Putz löst sich dort, wo sie einschlägt. Mom reibt sich die Schulter, sagt aber nichts.
Meine Angst sitzt gefangen in meinem Brustkorb. Sie schlägt mit ihren nutzlosen, verängstigten Flügeln, während ich wieder zurück nach oben schleiche.
»Sie ist okay«, erkläre ich den Mädchen. »Aber ich muss die Polizei rufen.«
»Das Telefon ist tot«, erinnert mich Campbell. Wenn die Ausbrüche losgehen, reißt er das Kabel aus der Wand. Er platziert es auf dem Küchentisch – gut sichtbar, aber nutzlos.
»Ich muss Hilfe holen.« Ich werfe einen Blick zum Fenster. Cam merkt es.
»Ist das nicht zu hoch?«, fragt sie. Falls sie Angst hat, hört man es ihrer Stimme zumindest nicht an. Mit ihren dreizehn Jahren ist Campbell ein Musterbeispiel für Ruhe und Gelassenheit. Sie begreift die Gefahr, in der wir sind. Und sie weiß auch, wann es besser ist, dies vor Juniper zu verbergen.
»Überhaupt nicht.« Ich klettere aus dem Fenster hinaus auf das Dach über unserer Veranda. Die Luft ist immer noch schwer von Feuchtigkeit getränkt, belastet von Dingen, die sie nicht allzu lange mehr tragen kann. Ich weiß nur zu gut, wie sich das anfühlt. Bald wird der Himmel aufbrechen.
Als ich draußen bin, warte ich einen Moment und checke die Lage. Vielleicht wird er sie hier draußen nicht finden. Zumindest nicht gleich.
»Kommt raus«, sage ich zu ihnen und deute auf das andere Ende des Dachs, wo es auf das Haus trifft und einen kleinen Winkel bildet. »Alles gut. Das wird ein Abenteuer.«
Campbell schwingt sofort ihre Beine über die Fensterbank und kriecht in den Winkel, aber Juniper zögert.
»Ich hab Angst, Leighton«, sagt sie. Ein verschrobener kleiner Teil in meinem Kopf ist dankbar, dass Juniper Angst hat. Dass sie mit ihren neun Jahren schon so viele Nächte in Schatten wie diesem versteckt zugebracht hat und immer noch weiß, es ist nicht normal.
»Hey, Schatz, schau mich an. Alles ist gut. Du kuschelst dich einfach an Campbell. Warte, nimm Ava-Bär mit.«
Ich greife ins Zimmer, baumele über der Fensterbank und taste nach meinem Bettende. Etwas, das weich ist wie Flaum, erfüllt meine Hand, als ich den Teddy erreiche. Ich beuge mich zurück aus dem Fenster und strecke Juniper meinen geliebten Stoffbären entgegen.
Junie schüttelt ablehnend den Kopf.
Etwas grollt von unten und ist nicht die Musik. Mein Magen zieht sich zusammen. Er ist so wütend an diesem Abend.
Ich lasse den Teddy fallen, hocke mich an das Fenster und sehe die Tränen in Junipers dunklen Augen.
»Wie groß ist dein Mut?«, frage ich sie.
Ich habe den Satz geklaut, direkt aus unserer Vergangenheit. Ich habe ihn aus meiner schöneren frühen Kindheit herausgeschnitten, aus der Zeit, als Mom ihn zu mir sagte, um mich auf ein Fahrrad oder ein Karussell zu locken. Und ich habe ihn hierhergebracht, in diese schreckliche Nacht. Doch ich brauche den Satz – für Juniper.
»So groß«, sagt Juniper und klettert aus dem Fenster. Ich führe sie zu Cammy hinüber.
Der Baum in unserem Garten schwankt, obwohl kein Wind geht.
Krähen.
Vögel hocken dicht an dicht auf den Ästen. Es müssen fast hundert sein. Mehr. Junipers leises Gewimmer drängt die Krähen aus meinem Kopf. Ich schwinge die Beine über die Dachkante und lasse mich fallen, bevor ich es mir doch noch anders überlege. Es ist ein kurzer Fall, doch ich schlage hart auf und verliere das Gleichgewicht. Meine Hände streifen den Gehweg, auf dem ich mich fange. Sie bluten. Ich schaue nach oben und sehe, wie Campbell herabspäht. »Alles okay«, zisch ich ihr zu. »Geh zurück!« Ich verschwimme mit dem Dunkel des Gartens, wohin das Verandalicht nicht reicht – gerade als er am Küchenfenster vorbeikommt.
Als er sich umdreht, renne ich los. Es gibt nur ein weiteres Haus an unserer Straße. Wenn wir uns je sicher in unserem Haus fühlen würden, könnte man sagen, es ist malerisch hier, mit den Bergen im Hintergrund und nichts als der endlosen Weite idyllischer Felder.
Aber wir fühlen uns nicht sicher, weshalb ich das Haus eher abgelegen nennen würde. Isoliert.
Alcatraz.
Doch es gibt eine Nachbarin. Die alte Mrs Stieg. Höchstens hundert Meter entfernt in einem Farmhaus, das locker ein halbes Jahrhundert älter ist als unser Haus, aber perfekt instand gehalten. Während ich die Straße entlangjage, schaue ich kurz zurück. Ich suche nach zwei Schatten auf dem Verandadach, doch mein Blick wird weiter nach oben gezogen.
Krähen bedecken unser Hausdach. Dunkle Schindeln, verhüllt von noch dunkleren Federn.
Als ich das Haus unserer Nachbarin erreiche, schließe ich die Finger über der noch vom Sturz brennenden Handfläche und schlage mit der Faust gegen die Tür. Oben flackert ein Licht auf und in mir schwillt die Hoffnung an.
Das Licht geht wieder aus.
Ich klopfe fester, doch ich weiß schon, sie wird nicht kommen.
Angst krampft sich in meiner Brust zusammen, will raus. Niemand sonst wohnt in der Nähe. Ich kann meine Schwestern nicht so lange allein lassen, um ein paar Meilen bis in die Stadt zu laufen. Ich überquere wieder die Straße. Als ich zurück in unserem Garten bin, versuche ich den Dutzenden Krähen auf unserem Rasen auszuweichen. Genau in dem Moment fliegt die Haustür auf.
»Verdammte Scheiße, was soll das?« Er füllt den gesamten Türrahmen aus. Gute zweihundert Pfund Wut, die jetzt auf mich gerichtet sind. Ich überlege mir mögliche Antworten, spiele, so schnell ich nur kann, im Kopf ihre Folgen durch. Welche Antwort ist die sicherste?
»Ich hab die Polizei gerufen«, lüge ich und es ist eine große Lüge. In ein paar Minuten wird er wissen, dass es nicht stimmt.
Einen Moment lang starrt er mich nieder, als wenn er mich zwingen wollte, die Wahrheit zu sagen. Dann kehrt er ins Haus zurück. Endlich setzt die Musik aus, die plötzliche Stille wirkt irreal. So als wenn alles vorher ein Albtraum war und ich gerade aufgewacht bin.
Wenn es nur so wäre.
Ich beobachte, wie er in der Küche auf und ab läuft. Vögel staksen um mich herum und krächzen leise. Oder vielleicht auch laut und es wirkt nur leise im Kontrast zu dem Lärm der Musik gerade eben.
»Nach allem, was ich für euch Mädchen tue«, sagt er, während er sich seine wesentlichsten Dinge schnappt: Portemonnaie, Schlüssel, Pistole. »So verflucht undankbar.«
Er geht zu seinem Wagen und knallt die Tür zu. Sekunden später verschwindet er und ich weiß, warum. Es gefällt ihm, herumzubrüllen und uns Angst zu machen, aber er achtet darauf, sich nicht selbst ins Gefängnis zu bringen. Es ist ein schmaler Grat, doch er beherrscht ihn gut.
Ich gehe den Gartenweg entlang, durch das Gras, und bleibe am Straßenrand stehen. Morgen wird er zurückkommen, doch für heute Nacht sind wir in Sicherheit. Ich stehe da, bis er um die Kurve biegt und ich ihn nicht mehr sehen kann. Und genau in diesem Moment bricht der Himmel über mir auf.
Regen strömt herab und jagt die Krähen in der Dunkelheit auseinander.