Die Krähen hören nicht auf zu kommen. Ich spüre, wie uns ihre glänzenden Augen beobachten, wo immer wir hingehen. Und jeden Tag multiplizieren sie sich: mal zwei, mal zwei, mal zwei, bis das Verdoppeln zu Tausenden führt. Sie hocken auf Zäunen. Sie krallen sich in die Bäume. Sie beobachten von den Dachrinnen, von den Kirchtürmen und den kaputten Wetterfahnen, die sich auf den Scheunen drehen. Die rostigen Hähne drehen sich nicht vom Wind, sondern vom wechselnden Gewicht der Federn.
Eines Nachmittags erscheinen sie wie eine schwarze Wolke über Auburn, Tausende auf einmal.
Ich höre, wie überall flüsternd geklagt wird – in der Schlange im Supermarkt und unter den Frauen im Schulsekretariat. Ein Chaos. Eine Plage. Wieso verschwinden sie nicht? Und vielleicht liegt es daran, dass wir schon Joe hatten, dass das Fremde des Vogels immer in unserem Leben gegenwärtig war, dass mir klar wird: Ich mag die Vögel. Mir gefallen ihr Krächzen und ihre wachsamen Augen. Mir gefällt, wie sie die Einwohner Auburns wahrnehmen.
Joe bemerkte ich das erste Mal im Herbst vor zwei Jahren. Ich erinnere mich so genau, weil wir gerade Opa beerdigt hatten, und auch wenn sich unser Blick nicht verändert hatte, nahmen wir doch auf einmal alles anders wahr. Bis dahin waren wir ständig bei unseren Großeltern gewesen. Ihre Farm war unser zweites Zuhause, unser sicherer Rückzugsort vor der Wut meines Vaters. Es lief immer im Kreis – die Wut, die Entschuldigungen, ein paar Wochen oder auch nur Tage der Ruhe und dann baute sich alles von Neuem auf. Und Mom war gewöhnlich gut darin, die Anzeichen zu erkennen, und schlug dann beiläufig vor, dass wir für ein, zwei Nächte bei ihren Eltern schlafen sollten. Doch ab und zu übersah auch sie die Zeichen und wir hatten keine Ahnung von dem drohenden Gewitter, bis es direkt über uns stand und Mom uns nur schnell in ihren Wagen schob, angurtete und mitten in der Nacht vor dem Haus meiner Großeltern aufkreuzte. Manchmal kamen wir weinend dort an, noch immer verängstigt, doch die meisten Erinnerungen an unseren Gang, dicht aneinandergedrängt auf das Haus zu, sind bei mir von Stille geprägt. Von einem wortlosen Verstehen zwischen den Erwachsenen und einer vertrauten Akzeptanz gegenüber uns Kindern. Außerdem fühlten wir uns, wenn wir bei ihnen ankamen, sicher.
Doch dann, vor zwei Jahren, zerstörte ein Herzinfarkt das sorgsam austarierte Gleichgewicht. Grandpa war weg und Nana verfiel schnell. Ohne Grandpa im Haus, der die Gedächtnislücken schloss, merkten wir, dass Nana allein nicht mehr zurechtkam. Also wurde ihr Haus verkauft, um damit das Heim für betreutes Wohnen zu finanzieren. Damals habe ich Mom angebettelt, ihn zu verlassen. Dass wir bei Nana einziehen und für sie sorgen könnten.
Als sie es ablehnte, haben wir einen Monat lang nicht miteinander gesprochen.
Alle paar Wochen besuchen wir Nana, doch ich versuche, diese Besuche noch zu ergänzen. Dann erzähle ich Mom, dass ich länger in der Schule bleiben muss, und warte an der Ecke auf den Bus, der dreißig Minuten in die Nachbarstadt Lincoln braucht, wo Nanas Wohnheim liegt. Heute ist alles grau auf der anderen Seite der Scheibe, der Himmel genauso wie das Gebäude, in dem sie lebt. Plötzlich sehe ich ganz kurz ein Grauschwarz auf dem Schild am Gebäude aufblitzen. Joe. Es ist nicht das erste Mal, dass er mir hierher gefolgt ist.
Ich trete aus dem Grau in ein Gelb. Die Wände haben die Farbe von Goldrute und im Warteraum steht ein altes zitronengelbes Sofa – an den Rändern blank gerieben und verblichen, wo der Stoff durchgesessen ist. Ich trage mich in die Besucherliste ein und die Frau am Empfang winkt mich durch, als sie mich erkennt.
Nana begrüßt mich mit einer langen Umarmung. »Leighton! Was für eine schöne Überraschung. Es ist ja Wochen her, dass du mich besucht hast.«
»Hi, Nana. Tut mir leid, Schule hat wieder angefangen.«
»Du musst dich nicht entschuldigen. Komm, trinken wir einen Tee. Wann fährt dein Bus?«
Ich setze den Kessel für den Tee auf und öffne die Fenster, um frische Luft reinzulassen.
»In einer Stunde«, antworte ich und setze mich in den Sessel ihr gegenüber. An manchen Tagen ist sie noch ganz die Frau, wie ich sie immer gekannt hab. Und heute ist so ein Tag. Scharfer Verstand und lückenloses Gedächtnis. »Mom weiß nicht, dass ich bei dir bin.«
Sie nickt. Unser Verständigungslaut. Sie weiß, dass ich heimlich komme.
»Und die Mädchen?«
»Wie immer«, antworte ich.
»Und deine Mom?«
»Auch.« Doch meine Stimme klingt heiser. Es ist alles wie immer.
Obwohl, eigentlich stimmt das nicht mehr, es ist schlimmer.
Aber davon sage ich Nana nichts.
»Erzähl mir von der Schule«, sagt sie und unsere Unterhaltung ist leicht und voll Wärme. Es gibt viel, was ich aus dem alten Farmhaus vermisse – und vor allem natürlich Grandpa, doch die letzten zwei Jahre haben auch Nana und mich enger zusammengebracht. Es herrscht eine Unbeschwertheit in unserem Verständnis gegenüber den Dingen zu Hause und gegenüber meinen Eltern. Ich muss mich nicht zurückhalten in dem, was ich ausspreche. Es ist so, wie ich mir vorstelle, dass es sich anfühlen würde, mit Mom zu reden, wenn nicht mein Vater wie ein Keil zwischen uns stünde und uns zwänge, um den heißen Brei herumzueiern, um das Entscheidende, das, worüber wir nicht reden können. Doch bei Nana gibt es nichts, was wir als Thema meiden.
Eine Stunde ist viel zu schnell vorüber.
Ich spüle unsere Becher und räume ihre Kochnische wieder auf. Ich schließe die Fenster. Es ist nur ein Ausschnitt von dem, was wir in ihrem alten Zuhause hatten, doch es gibt immer noch die gleiche Wärme. Die gleichen Gerüche. Ein Hauch von ihrem Lieblingsparfüm über allem.
»Es wird sich bessern«, sagt sie, während sie mich zum Abschied umarmt.
»Ich weiß«, antworte ich. Es ist eine einfache Lüge für uns beide.
»Bevor dein Grandpa gestorben ist, habe ich jeden Abend zu Gott gebetet, dass ihr Mädchen zu uns kommen würdet. Wo ihr in Sicherheit wärt.«
»Und nachdem Grandpa starb? Hast du da nicht mehr gebetet?«
»Ich bete seitdem zu deinem Grandpa. Ich hoffe, er hat da oben ein bisschen Einfluss. Ich warte auf irgendeine Botschaft von ihm.«
»Dann werde ich auch nach einer Botschaft suchen.«
»Tu das, Liebes.«
Und ich tue es wirklich. Auf dem Weg zur Bushaltestelle und auf der Fahrt nach Hause.
Es gibt eine Schnellstraße, die nach Auburn führt. Als wir über die Stadtgrenze kommen, sehe ich am Straßenrand ein großes grünes Schild, auf dem steht: »Willkommen in Auburn, Pennsylvania. Einwohnerzahl: 2.378.« Und unten auf dem Schild der Slogan der Stadt: In Auburn geboren. Stolz auf Auburn.
Ich suche weiter nach einer Botschaft von Grandpa, irgendeiner Spur des Gefühls, das ich immer hatte, wenn ich bei ihnen ins Haus trat. Dass alles gut würde.
Doch als ich aus dem Bus steige und mich in Auburn umschaue, sehe ich nichts als Krähen.