Ich glaube, ich liebe nagelneue Notizbücher aus dem gleichen Grund wie andere Leute Babys. Für einen Moment sind sie perfekt. Makellos. Alles ist möglich.
Dann machen wir es uns zur Lebensaufgabe, sie zu ruinieren.
Wir fügen hinzu, belasten sie. Radieren aus und versuchen es neu, ohne je das Vorherige restlos auszulöschen. Wir füllen sie mit unseren Worten, unseren Wünschen und unseren Erwartungen. Es ist ein unvollkommener, unpräziser Prozess und nicht immer bekommen wir’s hin.
Ich habe bekommen, was ich mir für die Zeitung dies Jahr gewünscht habe: meine eigene Kolumne. Aber unsere erste Ausgabe geht schon Ende der Woche online und ich habe noch nicht mal ein Thema. Sofia hat ihren Sport, deshalb ist sie mit Cheerleader-Sachen beschäftigt und schreibt über Footballspiele. Unsere Mannschaft ist jede Woche das Highschool-Pendant einer griechischen Tragödie. Alle hoffen auf ein besseres Ende als das, was ihnen geboten wurde. Trotzdem gehen sie jedes Mal wieder hin. Man würde aber gar nicht vermuten, dass sie verlieren, weil sich diese Stadt so unglaublich für Football begeistert. Vor neunzehn Jahren hätten wir einmal fast die Landesmeisterschaft gewonnen und die Spieler werden noch immer wie amerikanische Götter verehrt.
Ich denke an Liam McNamara.
Und dann denke ich bewusst nicht an ihn.
Ich tippe mit meinem ultraspitzen Bleistift auf das leere Blatt vor mir. Die Spitze bricht ab. Ich sehe aus dem Augenwinkel den Anspitzer, der auf der anderen Seite des Büros steht. Keine Eile, Kopf. Es gibt nichts Wichtiges zu schreiben. Keine drohende Deadline. Ich lasse den Bleistift fallen und drücke stattdessen auf den Einschaltknopf am PC – unsere Zeitung arbeitet mit uralten Desktop-Kolossen – und warte, dass er hochfährt.
Mein Redaktionsschreibtisch schaut in Richtung Fenster und ich sehe die Baseballplätze. Sie sind von Krähen besetzt. Von hier drinnen kann ich sie nicht hören, doch ich sehe die offenen Schnäbel und weiß, dass sie krächzen. Die Krähen krächzen die ganze Zeit.
Sofia sitzt auf meinem Schreibtisch.
»Hey«, fängt sie an. »Hattest du eigentlich je vor, mir zu erzählen, dass zwischen dir und Liam was läuft?«
»Zwischen uns läuft nichts«, protestiere ich, aber Sofia hebt die Hand.
»Ich hab nicht gesagt, was zwischen euch läuft, aber eindeutig läuft da was, denn die Geschichte in der Cafeteria war ja nicht nichts.«
»Tut mir leid, Sofia.« Ich stehe auf und reck mich ein bisschen. Vielleicht hilft mir etwas Bewegung beim Brainstormen für die Kolumne. »Woran arbeitest du gerade?«
»Hey, weich nicht aus«, antwortet sie. »Was ist da zwischen dir und Liam?«
»Wir haben bloß geredet –«, sage ich. Ich breche ab, als Sofia aufkreischt. Ich lächle. Leighton für sich würde die ganze Liam-Geschichte in eine kleine Schachtel packen und vielleicht irgendwann später wieder öffnen, wenn überhaupt. Leighton für sich hat keine Zeit, an einen Jungen zu denken, wenn sie gerade dringend einen Artikel schreiben soll. Sie muss ihre Artikelmappe vervollständigen, wenn sie an eine der Top-Journalistenschulen des Landes will. Aufnahme an einer Uni – und Flucht aus dieser Stadt – hängen an der altbewährten Leighton-Fokussiertheit. Keine Ablenkungen also.
Aber Leighton mit Sofia zusammen, das ist etwas anderes. Ein bisschen weniger angestrengt. Ein bisschen mehr wie siebzehn. Die Leighton, die mit Sofia zusammen ist, öffnet die Schachtel und spickt hinein. Was tut sich da mit Liam?
»Unsere Spinde liegen direkt übereinander«, erkläre ich ihr.
»Wie unanständig.«
Ich ziehe die Augenbrauen hoch und verstumme.
»Sorry. Red weiter«, sagt Sofia.
»Deshalb haben wir angefangen, uns zwischen den Stunden zu unterhalten. Außerdem haben wir English Lit. zusammen und … keine Ahnung, er ist so klug. Wusstest du, dass er so klug ist?« Ich laufe beim Reden um meinen Schreibtisch. Aus einer Laune heraus geh ich hinüber zum Fenster und öffne es. Jetzt hör ich die Krähen. Das Krächzen ist lauter, als ich erwartet hatte.
»Es ist endlich passiert«, sagt Sofia. Sie seufzt.
»Was ist passiert?«, frage ich gegen den Lärm der Vögel an.
»Meine kleine Leiiiighton hat einen Freund.«
»Hab ich nicht.«
»Bloß, weil du noch nicht Ja gesagt hast. Was du aber tun wirst.«
»Nein.«
»Tuuuuuurteltauben«, tiriliert Sofia, während sie an ihren Schreibtisch zurückgeht, nachdem ihre Mission beendet ist. Wer braucht schon Folterinstrumente, um an Informationen zu kommen, wenn man dafür eine Sofia Roman hat? Sie würde jeden zum Singen bringen, selbst eine räudige, krächzende alte –
Da ist sie plötzlich. Eine Idee für meine Kolumne blüht in meinem Kopf auf, nimmt schnell Gestalt an. Ich werde über die Krähen schreiben. Sie scheinen nirgendwohin zu fliegen und ihre Zahl hat schon jetzt Nachrichtenwert. Unser Stadtsender hat letzte Woche einen Beitrag gebracht. Ich könnte da anfangen, wo er aufgehört hat, der Zahl der Krähen nachgehen und einen Vogelexperten interviewen. Vielleicht finde ich ja sogar raus, was die Vögel, verdammt noch mal, bei uns wollen.
Während ich warte, um Mrs Riley meine Idee für die Kolumne vorzustellen, schaue ich auf das Nachrichtenbrett, das an der Wand hängt. Alles, was Auburn betrifft und irgendwie einen Nachrichtenwert haben könnte, wandert an dieses Brett. »Stipendium« steht in fetten Lettern oben auf der Seite eines Flyers.
Aufsatzwettbewerb der Stadt Auburn für Schüler der Abschlussklasse. Krass. Das Stipendium beträgt 5.000 Dollar.
Mein Dad will, dass ich auf das State College von Pennsylvania gehe. Da wär auch er hingegangen, wenn er nicht sein Footballstipendium verloren hätte. Und da wär auch Mom hingegangen, wenn sie sich nicht entschieden hätte, mit Dad in Auburn zu bleiben, als er ihr den Antrag machte. Aber ich hasse diese Uni. Vielleicht wär es ja okay gewesen, wenn ich selbst den Entschluss hätte fassen können, aber sie haben schon angefangen, mich in die Richtung zu drängen, als ich noch in den Windeln lag. Ich will weg aus dem ländlichen Pennsylvania. Ich will in einer Großstadt leben. Und Journalismus an einer der besten Unis studieren, die dafür infrage kommen: an der New York University.
Wir werden nie das Geld dafür haben. Wenn ich dort angenommen werde, dann nur über Stipendien und Darlehen. Was bedeutet, jeder Cent, den ich beisteuern kann, hilft.
Ich überfliege das Faltblatt: »Reichen Sie einen Text von 2.000 Wörtern Länge ein zu der Frage: Was bedeutet für Sie In Auburn geboren. Stolz auf Auburn?«