13. KAPITEL

Um halb vier Uhr morgens knarrt meine Zimmertür und im selben Moment bin ich hellwach. Das Blut strömt mit Macht in mein Herz, während die Panik durch meine Adern schießt.

Es war ein Albtraum. Es war nicht real. Seine Pistole steckt noch. Die Mädchen sind in Sicherheit. Mit Mom ist alles in Ordnung. Ich versuche, meinen Atem zu beruhigen.

Licht dringt vom Flur herein und wirft Strahlen über den Teppich.

»Leighton?« Die Gestalt in der Tür ist klein und schmal. Juniper.

»Ja, Süße?«, frage ich. Meine Stimme flattert ein bisschen und ich räuspere mich, um es zu kaschieren. Der Adrenalinstoß lässt meinen ganzen Körper zittern.

»Sie streiten. Kann ich bei dir schlafen?«

»Klar«, antworte ich und rutsche zur Seite. Durch die offene Tür höre ich es jetzt auch. Nicht das totale Geschrei, aber die Stimmen sind eindeutig angespannt. Das Potenzial für eine schlimme Nacht ist bereits vorhanden.

Juniper rennt durch das dunkle Zimmer und taucht in mein Bett. Ich will sie gerade fragen, wo Campbell ist, als ein weiterer Schatten über den Teppich geschlichen kommt. Sie tritt ins Zimmer und schließt hinter sich die Tür. Die Stimmen werden zu einem Gemurmel gedämpft, aber jetzt, nachdem ich wach bin und weiß, was es ist, irritiert es mich, als wenn ein nerviger Song mit runtergedrehter Lautstärke spielt.

»Wollt ihr weiterschlafen?«, frage ich ins Dunkel.

»Zu wach«, sagt Junie. Ihre Augen lassen sie immer älter wirken, als sie ist, doch ihre kleine Stimme allein im Dunkel erinnert mich dran, wie jung sie noch ist.

»Dann lasst uns stattdessen was spielen«, sage ich.

»Überall, nur nicht hier«, antwortet Juniper.

Campbell seufzt schwer und dreht sich von mir weg. Ich stoße sie mit dem Ellenbogen an – ein bisschen kräftiger, als ich beabsichtigt habe.

»Spiel mit«, sage ich. Ich brauche sie. Sie ist mein Partner – bei dem Versuch, Juniper abzulenken.

Diesmal ein leiseres Seufzen und sie dreht sich wieder zurück.

»Okay«, flüstere ich. Ich fahre mit den Fingern über die Nähte meiner Libellendecke, die Nana mir gemacht hat: Der Stoff gibt mir Trost. Im Dunkeln wirken die blauen Libellenflügel alle schwarz und erinnern mich an die Krähen.

Ich schlinge die Arme um meine beiden Schwestern, die eine sich eng an mich kuschelnd, die andere ganz leicht widerstrebend. Juniper darf manchmal noch klein sein. Und ich darf mich auf die Uni freuen. Aber Campbell sitzt in der Falle. Und sie ist alt genug, um es zu wissen und sauer zu sein.

»Die Galapagosinseln«, fange ich an. »Da gibt es Schildkröten, die hundertfünfzig Jahre alt sind. Die Sonne trocknet ihre Panzer, wenn es geregnet hat. Sanfte Wellen rauschen gegen die kiesigen Strände.«

Genau genommen habe ich keine Ahnung, wie die Strände auf den Galapagosinseln sind – felsig, sandig, kiesig? Aber das macht nichts. Bei Überall, nur nicht hier geht es um Flucht, nicht um Genauigkeit. »Riesige rote Blumen, größer als dein Schädel, blühen in den Wäldern.«

Plötzlich poltert das Haus, als er unten über den Fußboden rennt. Mein Kopf spielt sein Lieblingsspiel: das Worst-Case-Szenario. Was, wenn er zu ihr rennt? Was, wenn er ihr etwas antut?

»London«, sagt Campbell. Ihre Stimme könnte Stahlseile durchtrennen. »Wir kommen an Big Ben und am Tower vorbei. Wir sehen Kirchen, die älter sind als die USA. Wir trinken Tee und dann fahren wir mit einem dieser Doppeldeckerbusse.«

Unten kracht etwas. Die Mädchen zucken in meinen Armen zusammen und ein winziger Laut verfängt sich in Junipers Kehle. Als wenn sie einen Moment lang schreien wollte, ehe sie sich erinnert, dass es sinnlos wär. Es könnte alles noch schlimmer machen. Ihn nach oben locken.

»Es funktioniert nicht«, sagt Campbell.

»Schatten?«, frage ich. Doch sie klettern bereits aus dem Bett und schleichen zu dem Kleiderschrank, der unserer Großmutter gehört hat. Er war das Einzige, was ich behalten wollte, als sie ihr Haus verkauft haben. Er wirkt irrsinnig riesig in diesem winzigen Zimmer, aber ich liebe ihn.

In manchen Nächten nehmen wir uns Zeit, bevor wir ihn öffnen, und tun so, als würden wir im Innern einen Weg nach Narnia entdecken. Heute ist keine von diesen Nächten.

Wir quetschen uns hinein und ziehen die Tür nur ein Stück ran, damit ein Spalt bleibt, um Luft rein- und Kohlenmonoxid rauszulassen. Ich fasse nach der kleinen Kerosinlampe, die ich hinter ein paar alten Bücherkisten versteckt habe. Die Lampe hat unserem Großvater gehört und sieht aus, als hätte sie einen echten Krieg miterlebt, doch sie funktioniert großartig und hat schon in vielen Nächten wie dieser ihren Dienst getan. Meine Gesten im Dunkeln sind bereits dutzendfach erprobt. Meine Finger schließen sich um ein verborgenes Feuerzeug, das ich in einem der Schuhe versteckt habe. Ich drehe an einem Rädchen der Lampe, um den Docht in den Flüssigkeitsbehälter zu senken.

Winziger Ort, Massen von Büchern als Zündmasse, kleine Kinder und entflammbare Flüssigkeit.

Ich habe echt super Ideen.

Doch als ich die Lampe anzünde, sehe ich in zwei müde, aber erwartungsvolle Augenpaare.

Ein warmer, vertrauter Schein erfüllt den Schrank. Jetzt ist das Ganze ein Abenteuer. Ich sehe das Funkeln in Junipers Augen. Das noch so kleine Anzeichen eines Lächelns, das in Campbells Mundwinkeln zuckt. Wir sind Forscher, die auf einem Berg Rast machen. Wir sind Astronauten und gerade auf einem anderen Planeten gelandet. Alle Geräusche des Hauses sind verschwunden, getarnt von Tür um Tür, die wir geschlossen haben, damit wir sie draußen halten. Ausgeschlossen durch unseren schlichten, schieren Willen, nicht länger auf sie zu horchen.

»Okay«, sage ich, während wir uns im Schrank niederhocken und unsere Gliedmaßen eine über die Glieder der andern legen, bis wir es halbwegs bequem haben. »Ich bin bereit. Was wollt ihr?«

»Ein Pferd«, sagt Juniper.

Ich überlege einen Moment lang, dann lege ich die beiden Handflächen zusammen und strecke zwei Finger nach vorn, um eine Nase zu bilden. Meine Daumen erschaffen die Ohren und schon erscheint die Silhouette von einem Pferd an der Wand. Junie kichert leise.

»Echt klasse, Leighton«, sagt sie.

»Wie wär’s mit einer Katze?«, fragt Campbell. »Aber nicht nur der Kopf und die Ohren. Das ganze Tier.«

Ich seufze. Manch einer würde vielleicht denken, nach Mitternacht mit einer Kerosinlampe in einem winzigen Raum eines Gruselhauses Schattenfiguren zu bilden wäre schon mehr als genug an Herausforderung, doch nicht meine Schwestern. Sie versuchen, mich mit immer komplizierteren Forderungen aus der Fassung zu bringen.

Ich lege meine Arme längs aneinander, mit der einen Hand aufwärts, der anderen abwärts. Zwei Finger richte ich nach oben als Ohren und einen nach unten als Schwanz.

Eine schwarze Katze sitzt zuckend auf einer Mauer.

»Hier«, sagt Junie, reckt sich und schenkt der Katze noch ein paar Schnurrhaare.

»Nicht helfen«, sagt Cammy. »Das ist gegen die Regeln.«

»Es gibt keine Regeln, Campbell, wir haben das Spiel selbst erfunden«, erinnere ich sie.

»Nur weil sie nicht in einer Spieleanleitung stehen, heißt das doch nicht, dass es keine gibt.«

»Ich hab nicht geholfen«, sagt Juniper. »Ich hab nur impoviziert.«

»Improvisiert«, verbessere ich sie.

»Improvisiert«, sagt Junie.

Juniper und ich zeigen Campbell unser traurigstes Gesicht.

»Okay, okay, mir gefallen die Schnurrhaare«, lenkt Campbell ein.

Ich spiele das Spiel fast eine Stunde, bis meine Frage nach einer weiteren Schattenfigur mit Schweigen beantwortet wird. Sie sind eingeschlafen. Ich überlege, sie ins Bett zu bringen, aber wenn ich versuche unsere Arme und Beine zu entwirren, mach ich die beiden bloß wieder wach. Außerdem sind meine Arme müde von all den Schattenfiguren.

Dad hat mir das Spiel beigebracht, als Campbell noch ein Baby und Mom nachts mit ihr beschäftigt war. Er benutzte eine Taschenlampe, die auf dem Tisch an meinem Bett stand, und zeigte mir, wie ich die Finger biegen musste, bis sich an der Decke über uns eine Gestalt formte.

Doch das ist lange her.

Heute Nacht bilde ich noch eine letzte Schattenfigur: den Kopf einer Krähe mit scharfem Schnabel, der von den Spitzen der Fingernägel geformt wird. Ich verschränke die Hände und bilde eine Vogelgestalt, die flügelschlagend auffliegt. Ein zweiter Vogel schließt sich dem ersten an. Ein zweiter kleiner Schatten an der Wand. Und dann fliegt ein dritter Schattenvogel mit den anderen. Ich liege in dem schwach erleuchteten Raum – mir ist ein bisschen zu warm von der heißen Lampe und den heißen Körpern – und warte auf ein weiteres Geräusch von unten.

Ich lasse die Hände neben mich sinken, doch die Vögel fliegen weiter. Flapp, flapp, krah. Flapp, flapp, krah. Sie fliegen über die Wand des Kleiderschranks hin und her und ziehen mich in den Schlaf. Lullen mich ins Vergessen, wieso wir uns überhaupt verstecken. Ich drehe das Rädchen der Lampe, hebe den Docht aus dem Öl und blase die Flamme aus. Ich halte die Augen trotz der pechschwarzen Dunkelheit offen, kämpfe gegen den Schlaf an und verliere schnell. Jetzt ist alles ein einziger Schatten und dieser Schatten nimmt die Form eines Schranks an. Und dieser Schrank nimmt die Form einer Zuflucht an. Und die Zuflucht nimmt die Form dreier Mädchen an, die mit ihren Flügeln schlagen, aber nirgendwohin fliegen.