Diesmal entschuldigt er sich mit Pfannkuchen statt Blumen.
Sonntagmorgens ist der Auburn Diner der beliebteste Laden der Stadt. Wir müssen eine halbe Stunde auf einen Tisch warten, was jede Menge Small Talk bedeutet. Etwas, wo sich mein Vater gern hervortut. Die Barnes leben seit drei Generationen in Auburn und mein Großvater hat das Barnes Bauunternehmen aus dem Nichts aufgebaut. Seine Firma ist für viele Gebäude verantwortlich, die immer noch stehen, so wie auch unser Haus, in dem mein Dad aufgewachsen ist und das er später seinem Vater abgekauft hat, als der alt war.
Vermächtnisse sind etwas Komisches.
Die Hinterlassenschaft meines Großvaters in dieser Stadt ist geradezu in Stein gemeißelt – sein Name und das Datum der Errichtung sind tatsächlich fast an jedem Haus, das er hier in den zwei Jahrzehnten gebaut hat, als sein Geschäft boomte, in Zementblocks graviert. Die Hinterlassenschaft der Leute, die bei ihm angestellt waren. Doch ich frage mich langsam, wie viele Männer zwei Gesichter haben. Eines für im Haus und eines für draußen.
»Hi, Erin«, begrüßt Christine, unsere Kellnerin, Mom. Sie arbeiten zusammen im Diner. »Kein Dienst an diesem Wochenende?«
»Nein, sogar bis Dienstag nicht.«
»Du Glückliche«, antwortet Christine und ihr Blick fällt auf meinen Dad. »Hast du die Spiele verfolgt, Jesse Barnes?« Christine ist eine alte Freundin von Mom aus der Highschool. Sie hat den ganzen Aufstieg – und Fall – von Dad als Footballspieler verfolgt.
»Klar«, sagt Dad. »Stolz auf Auburn, nicht wahr?« Mein Vater bestellt Pfannkuchen für alle, denn Pfannkuchen sind billig. Doch er nimmt dazu noch Kaffee für sich, Mom und mich und heiße Schokolade für die Mädchen.
»Ah, gute Wahl«, sagt Christine.
Sie wendet sich wieder an Mom. »Wenn du nicht arbeitest, hast du nicht Lust mitzukommen? Girls’ Night. Nichts Besonderes, wir treffen uns nur in Jimmys Taverne auf ein paar Drinks.«
Dad antwortet als Erster.
»Das ist nett von dir, Christine«, sagt er und sie wird rot, als er ihren Namen sagt. »Aber Erin kann heute Abend nicht.«
»Ach so, na ja, dann vielleicht nächstes Mal«, sagt Christine, immer noch an Dad gewandt.
»Vielleicht«, sagt Mom und Christine trägt unsere Bestellung in die Küche.
Auch das wird nicht passieren. Nächstes Mal. Schritt für Schritt hat Dad Gründe gefunden, Leute aus dem Weg zu drängen. Deine Freundinnen haben mich immer gehasst. Sie haben keinen guten Einfluss auf dich.
Am Ende hat sie alle Freundschaften fallen lassen.
Unser Essen dauert nicht lange, doch gerade, als es kommt, bleibt jemand anderes an unserem Tisch stehen.
»Hi, Jesse. Schon ein Weilchen her, dass wir uns gesehen haben«, sagt Mr DiMarco. Officer DiMarco. Er ist im Dienst, trägt seine Polizeiuniform.
»Bill, wie geht’s dir?« Mein Vater steht auf und begrüßt ihn. DiMarco war schon lange nicht mehr bei uns – seine Kinder sind noch ganz klein –, doch früher, als ich selbst noch klein war, war Dads bester Freund aus der Highschool-Zeit ständig bei uns. Ich hab ihn sogar Onkel Bill genannt.
Er begrüßt meine Mom, dann sieht er uns Mädchen an.
»Mann, sind die alle groß geworden«, sagt er lachend.
»Verrückt, nicht? Leighton bewirbt sich im Herbst an der Uni. Super Notendurchschnitt.«
»Ah, toll. Lass mich raten. Du hoffst, sie geht an die State.«
»Was wär ich denn für ein Fan, wenn ich das nicht täte«, antwortet Dad.
Ich richte meine Aufmerksamkeit wieder auf den Teller und nehme mir ein Stück Pfannkuchen. Es ist mit Butter und Sirup bedeckt und mit Puderzucker bestreut, doch als ich abbeiße, muss ich auf einmal würgen. Etwas Saures strömt mir durch den Mund. Alle andern scheinen ihr Essen zu genießen. Junipers Grinsen ist breit und echt.
Ich hasse die schlimmen Nächte. Ich hasse, wie laut und grausam er sein kann. Wie sehr er uns Angst macht.
Doch die Morgen danach tun am meisten weh. Wenn erwartet wird, dass wir so tun, als ob alles okay ist. Denn meine Beine schmerzen davon, wie wir im Kleiderschrank geschlafen haben, von dem Wirrwarr aus Gliedmaßen und Angst. Und der Pfannkuchenbissen, den ich inzwischen geschafft habe runterzuschlucken, weigert sich, in meinem Magen Ruhe zu geben.
»Hey, hör mal«, sagt Bill. »Ich hab mitgekriegt, die Stadtverwaltung hat sich für die Renovierung der Bücherei gegen deine Firma ausgesprochen? Harte Entscheidung, tut mir echt leid.«
Meine Mom und ich blicken erstaunt auf. Die Info ist neu. Dad hat monatelang an dem Angebot gesessen.
»Ich wusste gar nicht –«, hebt Mom an und die Hand meines Dads legt sich auf ihre Schulter. Er packt sie und klopft Mom ein paarmal auf den Rücken. Drückt sie erneut. Alles mit einem lächelnden Ausdruck. Doch an seinen Knöcheln wird die Spannung sichtbar und ein scharfer Blick streift ihr Gesicht. Er tut ihr weh.
»Tja, was soll man machen. Manche Ausschreibungen gewinnst du, andere nicht, so läuft das nun mal.«
Juniper und Campbell rutschen auf ihren Stühlen vor.
Junipers Blick ruht fest auf Mom, als wenn sie auf ein Signal von ihr wartet. Wie reagieren wir? Lächeln und nicken wir?
Ja.
Wir lächeln.
Wir nicken.
Wir verabschieden uns freundlich.
Doch die Milch, die ich trinke, schmeckt geronnen und der Zucker verwandelt sich auf meiner Zunge zu Salz. Und ich springe vom Tisch auf und schaffe es gerade noch auf die Toilette, ehe ich Mehl, Zucker, Salz und Trauer erbreche.