Juniper und ich liegen auf einer Decke im Garten. So früh am Morgen ist die Luft noch ein bisschen kühl, aber bis zum Nachmittag wird es warm werden. Ich liebe die Frische der Herbsttage in Pennsylvania, doch in diesem Jahr will der Sommer einfach nicht loslassen.
Campbell gefällt dieses Wetter. Die Fahrradsaison ist verlängert und genau die nutzt sie gerade. Mom hätte ihr fast ein frühes Ende gesetzt, als sie von der Sache mit dem Rosenbusch erfuhr, doch ich konnte sie überzeugen, Campbell fahren zu lassen, so lange es geht. Sie braucht ihr auf Fahrrädern umherstreifendes Wolfsrudel.
Juniper hat ihr Buch mit rausgebracht und ich wechsle zwischen Mathe und Zeitungsrecherche. Ich habe auch meine Kunstmappe mit nach draußen genommen, aber hauptsächlich, um ab und zu draufzustarren und mir zu wünschen, dass sie in Flammen aufgehen möge. Ich bin schrecklich in Kunst und bereue zutiefst, mich für das »leichte« Wahlfach entschieden zu haben.
Eine Weile arbeiten wir still vor uns hin – oder zumindest sind wir still. Überall um uns herum sind Krähen und machen sich lautstark bemerkbar. Das Krähen ist der neue Soundtrack der Stadt.
Ich beende meine Matheaufgabe und schnappe mir die Krähenunterlagen. Ich habe herausgefunden, dass es so was auch schon in anderen Städten gegeben hat. In New York und in Oregon. Und sogar auch in einer anderen Kleinstadt in Pennsylvania.
»Experten schätzen, dass der Krähenschwarm inzwischen auf über fünfzigtausend Tiere angewachsen ist«, lese ich Juniper aus der örtlichen Zeitung der anderen Kleinstadt vor. »Die Vögel kommen immer noch zu Tausenden auf ihrer Wanderung von Kanada Richtung Süden.«
»Fünfzigtausend?«, schreit Juniper. »Wie viele sind hier?«
»Weiß nicht«, antworte ich. »Nicht so viele. Bis jetzt jedenfalls.«
Ich blättere die Auburn Gazette um, unsere eigene örtliche Zeitung, die nicht viel mehr als ein Werbeblättchen ist. Auf Seite eins ist die Nachricht der Woche: der Sieg unserer Footballmannschaft am gestrigen Abend.
»Seltsam«, sage ich.
»Was ist seltsam?«, fragt Junie.
»Nur was über unsere Footballmannschaft. Sie … gewinnen. Sie haben bis jetzt sämtliche Spiele in diesem Jahr gewonnen.« Ich würde mich fragen, ob die Schlagzeile als Scherz gemeint wär, aber dafür nimmt Auburn Football viel zu ernst.
Krähen hocken nebeneinander auf unserem Zaun und ich ziehe eine Schachtel Rosinen aus meinem Rucksack und verteile den Inhalt nach und nach über den Rasen.
»Das ist verboten«, sagt Juniper. »Hast du selber in deiner Zeitung geschrieben.«
»Du liest meine Kolumne, Junie?« Ich bringe zwar immer einen Ausdruck für meine Mappe mit, doch ansonsten gibt es die Zeitung hauptsächlich online. Mir war nicht klar, dass Juniper überhaupt Zugang zu der Seite hat.
»Ja, Campbell druckt deine Artikel immer aus und lässt sie mich zuerst lesen.«
Ich schaue gern zu, wenn die Krähen vom Zaun flattern und dicht vor uns landen, um sich die Rosinen zu schnappen. Ich mag, wie sie herumhüpfen. Und es gefällt mir schon auch, mal ein Verbot zu brechen. Ich widersetze mich der verfluchten Anordnung 3417 des Auburner Gemeinderats. Ich bin eine Rebellin aus Überzeugung. Ich fülle Corvidae-Mägen mit einer Rosine nach der andern.
»Hier, Junie. Versuch’s mal.« Ich reiche ihr ein paar Rosinen, doch dann entdecke ich plötzlich ihr nacktes Handgelenk. Wir drei tragen immer die Lederbänder, die Grandpa uns geschenkt hat, aber ihres fehlt. »Hey, dein Armband ist weg.«
Sie schaut schuldbewusst. »Hab ich verloren. Ich dachte, es wär zu Hause in meinem Zimmer, aber ich kann es nirgendwo finden.«
»Keine Angst. Ich bin sicher, es taucht wieder auf. Ich schau nachher mal nach, ob ich es finde, okay?«
Ich wende mich wieder den Seiten vor mir zu. »Hier steht, dass die Stadt Tierexperten bestellt hat, die versuchen sollten, die Vögel zu verscheuchen«, sage ich, hauptsächlich, um sie abzulenken. Ich hätte das fehlende Armband nicht erwähnen sollen.
»Verscheuchen? Wie denn?«, fragt sie. Sie wirft eine ganze Handvoll Rosinen auf einmal und eine Gruppe von Krähen schießt von einem Baum in der Nähe herab.
»Mit Leuchtgeschossen, Lärm. Sie haben auch Falkner geholt, um die Krähen zu schikanieren. Mit echten Habichten. Sie haben sogar für ein paar Wochen eine Jagdsaison auf Krähen eröffnet.«
»Als so eine Art Vogelschießen?« Junie nimmt mir die Schachtel aus der Hand und wirft eine Rosine so hoch, wie sie kann. Eine der Krähen schnappt sie im Flug.
»So in der Art«, antworte ich. Jagen ist beliebt in unserer Gegend. Wir kriegen sogar schulfrei, wenn die Jagd auf Rehe eröffnet wird. Hat mich nie richtig gekümmert, aber jetzt kriege ich doch ein mulmiges Gefühl bei dem Gedanken, dass sie die Krähen schießen könnten. Juniper findet die Erklärung dafür schneller als ich.
»Ich hoffe, die machen das hier nicht auch«, sagt sie. »So schlimm sind die Krähen doch gar nicht. Und ich hätte solche Angst um Joe.«
»Joe ist ziemlich klug«, erkläre ich ihr und schiebe mein Unwohlsein beiseite. »Außerdem haben wir hier nicht annähernd so viele Krähen. Es heißt, es waren so viele in dieser anderen Stadt, dass man die Sonne nicht mehr sehen konnte. So viele sind es bei uns nicht. Mach dir keine Sorgen.«
Juniper dreht sich auf den Rücken und schaut zu den Wolken, als wenn sie sich den von schwarzen Vögeln verdeckten Himmel vorstellt. Ich will nicht, dass sie sich um Joe Sorgen macht, deshalb wechsle ich schnell das Thema.
»Was liest du da?«, frage ich. Sie reicht mir das Buch, ohne den Blick vom Himmel zu nehmen.
Es ist eine Märchen- und Fabelsammlung für junge Leser.
»Das ist ja mein Buch«, sage ich und blättre es durch. »Ich hab die Geschichten geliebt.«
»Sind echt cool«, antwortet Junie und dreht mir ihr Gesicht zu. Jetzt habe ich ihre Aufmerksamkeit. »Ich kann nicht glauben, dass es jahrelang so schön und ungelesen in deinem Regal gestanden hat.«
Ich muss über sie lachen.
»Tut mir leid, Juniper. Es gehört von jetzt an dir.«
»Echt? Danke.«
Sie öffnet den Umschlag des Hardcovers, auf dem eine verblichene Landschaft mit Bäumen, Blumen und Waldtieren abgebildet ist.
»Kann ich mal einen Stift von dir ausleihen?«, fragt sie.
»Äh, klar.«
Sie schnappt sich einen Stift und malt einen Strich unter meinen Namen, den ich offenbar vor zehn Jahren in das Buch gekritzelt habe, dann schreibt sie ihren eigenen Namen darunter. »So, jetzt ist es offiziell.«
»Gut gemacht.«
»Kann ich auch ein Blatt haben?«, fragt sie.
Ich reiße eine Seite aus meinem Notizbuch.
Und dann erhasche ich die ersten zwei Wörter, die sie oben auf das Blatt schreibt: Lieber Joe.
»Schreibst du Joe?«, frage ich.
»Ja, also, die Tiere in den Geschichten, die sind echt klug und Joe ist auch klug, deshalb hab ich ihm Briefe geschrieben.«
»Und erwartest du eine Antwort?«, frage ich. Wenn ich sehen würde, wo sie die Briefe ablegt, könnte ich ihr vielleicht Antworten schreiben. Es wär ein bisschen Betrug – so wie die Zahnfee, nur mit Krähen.
»Das ist albern, Leighton. Vögel können nicht schreiben.«
Na gut, streichen wir den Briefeplan.
»Aber vielleicht bringt er ja weiter Geschenke.«
»Was?« Ich drehe mich neugierig auf die Seite, um Juniper anzusehen.
»Ich hab letzte Woche für Joe einen Brief rausgelegt, und als ich geschaut hab, ob er weg ist, hatte er mir ein Geschenk dagelassen.«
»Was denn für ein Geschenk?« Juniper hat eine ausgeprägte Fantasie und ich stelle ihre Geschichten normalerweise nicht infrage, doch diese scheint keine von ihren üblichen Fantasiegeschichten zu sein.
Juniper fasst in die Tasche ihrer Jeans, öffnet die Faust und zeigt mir eine glänzende blaue Murmel.
»Und die hat dir Joe hingelegt?« Ich nehme die Murmel und rolle sie zwischen den Fingern.
»Ich hab’s nicht gesehen. Aber ich denke, es war eine Krähe. Ich hab eine Nachricht hingelegt und ein paar Kekse. Du sagst es doch niemandem, dass ich die Krähen gefüttert hab, oder?« Ich nicke und sie fährt fort: »Als ich zurückkam, waren sie weg. Und stattdessen lagen die Murmel und eine Feder da.«
Klingt wie ein Zufall, doch ich greife nach meinem Notizbuch und schreibe schnell etwas auf, dass ich dran denke, einen Fachmann über Verhaltensweisen von Krähen zu befragen. Vielleicht kann es ja doch nicht bloß Zufall sein. Vielleicht bekommt Juniper wirklich Geschenke von den Krähen.
»Er bringt keine Geschenke, er wirft nur Müll ab«, sagt Campbell hinter uns.
»Du verbreitest ja einen wunderbaren Pessimismus«, sage ich. »Hör nicht auf sie, Junie. Ich glaube, dass Joe dir Geschenke bringt, und ich werde auch noch einen Krähenexperten aufsuchen, dann kann ich danach fragen.«
»Danke, Leighton«, Juniper steht mit ihrem Brief auf, aber Campbell streckt die Hand aus, schnappt ihn sich und hält ihn außerhalb von Junies Reichweite.
»Lieber Joe«, liest Campbell laut vor. »Meine Lehrerin sagt, es ist nicht gut für die Stadt, dass ihr jetzt alle hier seid, denn ihr seid laut und macht Unordnung. Aber ich bin auch laut und mach Unordnung.« Campbell macht eine Pause und verdreht die Augen. »Das stimmt zumindest.«
»Hör auf! Gib ihn mir zurück!« Juniper springt hoch und versucht, sich den Brief zurückzuholen.
»Sag deinen Freunden, sie sollen bleiben. Wenn ich euch sehe, fühl ich mich immer sicher –«
Bei dem letzten Wort bricht Campbell ab und ihr Arm sinkt so weit nach unten, dass Junie sich den Brief schnappen kann.
»Cammy«, sage ich, doch ihr Gesicht verrät mir, dass sie schon ein schlechtes Gewissen hat.
»Hier, Leighton, du glaubst mir wenigstens, deshalb darfst du ihn lesen.«
Ich lese leise den Schluss.
Deine Fehdern sind schön. Bis jetzt hab ich sechs gefunden, das ist schon eine kleine Kolleksion.
Alles Liebe. Juniper Barnes, 9.
»Schöner Brief«, sage ich, als ich ihn Junie zurückgebe. »Der wird Joe gefallen.« Ihre Stirn glättet sich wieder, als ich das sage. Und schon ist sie fort, den gefalteten Zettel in der Hand, und rennt zu dem Baum am Ende von unserem Grundstück. Sie kniet sich unter die Äste und schaut hoch. Ich sehe, wie sich ihr Mund bewegt, aber ich kann nicht hören, welche Nachrichten sie für die Vögel hat.
»Du musst netter zu ihr sein«, sage ich zu Campbell.
Plötzlich platzt es aus Campbell heraus: »Keine Sorge, ich kümmere mich schon um sie, wenn du an die Uni gehst.«
Es liegt so viel Groll in ihrer Stimme. Ich kämpfe damit, was ich ihr diesmal sagen soll.
»Campbell, ich werde nicht –«
Das Aufheulen seines Motors, als er mit Vollgas in unsere Straße gedonnert kommt, lenkt uns ab.
»Oh nein«, sagt Cammy und spurtet los. Sie jagt in Richtung Haustür, doch sie ist noch kaum um die Ecke, da höre ich dieses schreckliche knirschende Geräusch.
Ich springe auf und renne ums Haus. Unser Vater ist zurück, das Getriebe von seinem Wagen in den Leerlauf gerammt, aber der Motor läuft noch und er steht davor und zerrt an etwas herum.
Campbell steht wie erstarrt im Vorgarten.
»Was ist los?«, frage ich, doch dann gewinnt er den Kampf.
Campbells zerstörtes Fahrrad kommt unter der Front seines Wagens zum Vorschein.
Shit.
»Was hat das dämliche Ding auf meinem Parkplatz zu suchen?«, brüllt er, wirft das kaputte Fahrrad auf unseren Rasen und schaut unter die Front seines Wagens. »Die vordere Stoßstange ist völlig verkratzt, verdammte Scheiße, Campbell!« Die letzten Worte brüllt er, als er an ihr vorbeiläuft. Dann stürmt er ins Haus und knallt die Tür zu, während er gleichzeitig nach Mom ruft. Aber Cam zuckt nicht mal zusammen oder reagiert, gerade so, als ob sie seine Existenz überhaupt nicht wahrgenommen hätte. Sie steht bloß im Vorgarten und schaut auf ihr Rad, das verbogen daliegt.
Sie steht da und ich seh es ihr an, wie schwer sie nachdenkt. Wahrscheinlich überlegt sie, wie man es reparieren kann – unmöglich. Überlegt, wie sie Geld sparen kann, um ein neues zu kaufen – unwahrscheinlich. Überlegt, wie ihre besten Freunde auf ihren Rädern herumfahren, und wenn sie kein Rad hat –
Ich sehe, wie Campbell nachdenkt, und merke, es ist das Einzige, was ihr bleibt, jetzt, wo sie kein Fahrrad mehr hat.