17. KAPITEL

Mein Blick verschwimmt und ich lese denselben Satz jetzt schon zum vierten Mal.

Es war ein Wochenende ununterbrochener Anspannung. Die streitenden Stimmen Freitagnacht, der verlorene Bauauftrag, Campbells Rad. Weitere Probleme, die zu lösen sind. Weniger Zeit, es zu schaffen.

Anspannungen wie diese arbeiten sich in jeden Winkel des Hauses vor, bis es sich ganz klein und eng anfühlt und so voll, dass man kaum Luft kriegt vor lauter Problemen und Sorgen, die sich innerhalb der vier Wände türmen.

Ich balanciere einen riesigen Stapel loser Blätter, die noch warm sind vom Drucker in der Bücherei. Ich bin hin und her gelaufen, weil der Drucker im Zeitungsbüro kaputt ist. Auf den Seiten vor mir geht es um Krähenmythen und Fabeln aus nahezu sämtlichen Zeiten und allen größeren Weltregionen der Menschheitsgeschichte. Mittelalter. Die Zeit der Babylonier. Der Kelten. Krähen werden als Symbol verwendet, seitdem sich Menschen Geschichten erzählen.

Ich achte nicht darauf, wo ich langlaufe.

»Hey!«, ruft eine Stimme vom Boden, doch zu spät.

Ich laufe in Liam hinein, der vor seinem Spind hockt.

»Heiliger Bimbam«, murmele ich, als meine Blätter wild durch die Gegend fliegen.

»Bisschen spät für ein Stoßgebet, findest du nicht?« Liam sammelt meine Blätter ein und steht auf. Wir sprechen jeden Tag miteinander, wenn wir die Bücher aus dem Spind wechseln, und wir diskutieren ständig miteinander in English Lit. Mir gefällt, wie vertraut er mir inzwischen ist. Langsam fange ich an, ihn als Freund zu sehen. Seine Augenbrauen ziehen sich besorgt zusammen.

»Alles in Ordnung?«, fragt er.

»Tut mir echt leid. Schlafmangel.«

»Zu viel gelernt?« Er schüttelt die Blätter in seinen Händen.

»So in der Art. Zeitungsartikel.«

»Echt viel Arbeit neben der Schule.«

»Sagt der Footballstar mit dem perfekten Notenschnitt«, antworte ich und recke den Kopf zur Seite. »Wie oft trainierst du denn? Drei Stunden pro Abend? Und dann lernst du noch?«

»Das ist was anderes. Geht allein um ein Stipendium.«

»Ist nicht wahr. Bei mir auch.«

»Du willst das hier an der Uni machen?« Liam schiebt die Seiten zusammen und streicht sie glatt. Wir brechen zusammen auf, meine Unterlagen sicher unter seinem Arm verstaut, und es fühlt sich ganz normal an.

»Eher als Job fürs Leben. Aber ja, fürs Erste an der Uni.«

»Cool. Ich hab deine Artikel gelesen. Wirklich gut.«

»Danke, Liam, doch Schmeicheleien helfen –«

»Ist keine Schmeichelei.«

Ich kneife die Augen zusammen und sehe ihn an.

»Okay, ist Schmeichelei, aber es stimmt. Und du kannst nicht das Gleiche zu mir sagen, weil du nie zu den Footballspielen hingehst.«

»Woher willst du das wissen?«

»Weil es Sofia weiß. Sofia weiß es und hat’s mir erzählt. Sofia ist klug. Sofia weiß alles. Sofia findet mich nett.«

»Sehr geschickt, die Beste-Freundin-Karte auszuspielen, Liam.«

Verdammt, ich mag ihn wirklich. Und für den Augenblick gönne ich mir den Tagtraum. Den, wo er fragt, ob ich mit ihm ausgehe, und ich diesmal Ja sage, den, wo wir ins Kino gehen und ich meinen Kopf an seine Schulter lehne.

Es ist ein perfekter Abend.

Ein unmöglicher Abend.

Wir haben das Zeitungsbüro erreicht.

»Tut mir leid, dass ich in dich reingelaufen bin, Liam.«

»Schon gut. Ein schönes Mädchen, das über mich stolpert, ist ja eher das Gegenteil eines Problems für einen siebzehnjährigen Jungen.«

Ich greife nach meinen Notizen und Unterlagen, aber Liam weicht zurück.

»Warte mal«, sagt er. »Ich möchte dich etwas fragen.« Er schaut in den Raum, als wenn er überprüfen würde, ob uns jemand hören kann, ehe er weiterredet. »Ich werde nicht weiter fragen, ob du mal mit mir weggehst, Leighton. Ich will dir nicht auf den Geist gehen. Aber wenn du einfach mal reden willst, dann … sag Bescheid. Ich bin ein guter Zuhörer.«

Ich spüre Gänsehaut auf den Armen und Tränen in den Augen. Es ist schwer, sie unter Kontrolle zu halten, wenn ich müde bin. Und noch schwerer, wenn Liam McNamara mich anschaut, als ob er meine Geheimnisse längst kennt.

Ich schlucke schwer.

»Danke, Liam. Das ist echt lieb von dir. Aber ich bin okay.«

Ich gehe in die Klasse, doch dann kehre ich um, weil ich den starken Drang spüre, ehrlich zu ihm zu sein. Das heißt, aufhören will, ständig die lahme Entschuldigung mit der Schule zu bringen.

»Ich mag dich wirklich, Liam. Wenn die Dinge anders wären, würde ich liebend gern mit dir ausgehen. Aber mein Leben ist ein bisschen komplizierter, als es vielleicht in der Schule wirkt. Ich habe Schwestern und die … äh … die brauchen mich dringend. Nächstes Jahr werde ich nicht mehr da sein, deshalb muss ich mich dieses Jahr besonders um sie kümmern.«

Ich weiß nicht, was ich weiter sagen soll. Mehr ins Detail kann ich nicht gehen. Das wär zu viel.

Es tut zu weh.

»Ich habe auch eine kleine Schwester, Barnes. Ich …« Er zögert, reckt sich gegen die Wand. »Hör zu, ich hab verstanden.«

Er streckt mir die Unterlagen entgegen und ich möchte meine Abfuhren am liebsten zurücknehmen. Ich möchte Ja sagen, doch ich tu es nicht.

Denn die Wahrheit ist: Ich brauche Liam nicht, aber noch brauchen Campbell und Juniper mich.