18. KAPITEL

Am Freitag erhalten wir in der letzten Stunde unseren Notenzwischenstand. Ich male mir die Lichter der Großstadt aus und wie ich bei echten Journalisten studieren werde – und ziehe die Stirn kraus.

Uni-Vorbereitungskurs Englische Literatur: 100

Leistungskurs Mathematik: 97

Chemie: 96

Kunst I: 79.

Ich habe ein C. In Kunst. Ich schwirre durch die vollen Flure, wild entschlossen, auf schnellstem Weg aus der Schule zu fliehen. Ich bin eine Bienendrohne und der Honig, der mich lockt, sind ein Buch, das neue Lorde-Album, die Jalousie runterzuziehen und auf dem zotteligen Teppich in meinem Zimmer zu liegen. Kunst. Das sollte eigentlich das leichte Fach sein. Meine Entspannungsstunde, damit ich mehr Zeit in die Zeitung und in die Uni-Bewerbungen stecken kann. Verdammt.

Ich schiebe die Bücher im Spind hin und her und versuche durch meinen Schleier aus Wut, mich an meine Hausaufgaben fürs Wochenende zu erinnern. Schließlich gebe ich auf und fange an, alle Bücher in meinen Rucksack zu packen. Besser, ich hab sie dabei und brauch sie am Ende nicht, als umgekehrt. Im Zweifel kann ich ja auch schon ein bisschen vorarbeiten. Außer in Kunst. In Kunst kann ich nicht vorarbeiten.

Ich knalle die Spindtür so fest zu, wie es nur geht, ohne von der Gangaufsicht wegen »demonstrativ aggressiven Verhaltens« gestoppt und zum Schulpsychologen geschickt zu werden.

»Hey, Peyton Manning«, sagt eine Stimme über meine rechte Schulter hinweg.

»Sehr nett«, sage ich voller Sarkasmus. Ich schaue mich nicht einmal um. Ich will nur mein Wochenende, deshalb geh ich weiter. Es beginnt erst offiziell, wenn ich zur Tür hinaus bin.

»Was ist los mit dir?«, fragt Liam und streckt die Hand aus, um mir den Rucksack abzunehmen. Als das Gewicht weg ist, richte ich mich auf, auch wenn ich bis zu diesem Moment gar nicht wusste, dass ich leicht nach vorn gebeugt lief.

»Danke«, sage ich, reibe mir die Schulter und lasse den Sarkasmus diesmal sein.

»Tut mir leid, Leighton, ich wollte dich nicht –«

»Hat nichts mit dir zu tun.« Ich passe mich seinem Schritt an. Sein Größenvorteil macht es schwer für mich mitzukommen. Meine deutlich kürzeren Beine müssen mehrere Zwischenschritte einlegen, um mit seinen langen das Tempo zu halten.

»Probleme mit dem Fortschrittsbericht?«, fragt er und ich zieh ein Gesicht.

»Moment, echt?« Er lacht, dann fängt er sich wieder. »Tut mir leid, ich wollte mich nicht über dich lustig machen. Ich bin einfach nur überrascht.«

»Ist nichts«, sage ich und schaue mich um. Jemand könnte ihn ja vielleicht hören.

Er streckt die Hand aus, Handfläche nach oben. Ich zögere einen Moment, dann entscheide ich mich, ihm seinen Willen zu lassen, und reiche ihm den Bericht.

»Tss-tss«, sagt er und schüttelt beim Lesen den Kopf. »Sieht ja ganz so aus, als ob du sogar …« Liam bleibt stehen und schaut sich um, sein Blick schießt in Richtung der Klassenkameraden, die uns folgen. »… einen Nachhilfelehrer brauchst.«

Er flüstert die Worte, doch es ist ein lautes Flüstern und ein paar Schüler schauen zu uns herüber.

»Okay, okay, es reicht!«, sage ich und zerre an seinem Arm, dass er bitte weitergehen soll. »Ich brauch keinen Nachhilfelehrer.«

»Ich nehm dich nur auf den Arm, Leighton. Du hast doch noch Zeit, deine Note zu verbessern. Das wird schon. Ist ja nur Kunst.«

»Ich bin schrecklich in Kunst«, antworte ich. »Eigentlich sollte das Fach bloß Spaß machen.«

»Vielleicht könnte ich ja dein Nachhilfelehrer werden«, sagt er.

Wir haben draußen meinen Bus erreicht.

»Du kannst nicht mein Nachhilfelehrer werden, Liam.«

»Natürlich kann ich«, hält er dagegen. »Ich kann zeichnen.«

»Nein, kannst du nicht.« Liam McNamara tut gerade so, als ob er in allem gut wär. Doch ich fang an zu lächeln. Wieso gefällt mir das an ihm?

»Ernsthaft, Leighton. Ich mag Kunst. Ich bin gut in Kunst. Ich meine, richtig gut.«

»Du hast nicht mal Kunst«, werfe ich ihm vor, drehe mich zu ihm herum und sehe ihm ins Gesicht, während der Bus neben uns im Leerlauf tuckert.

»Ich bin in Kunst IV«, widerspricht er.

Oh. Vielleicht ist er ja in allem gut. Wie nervig.

»Ich kann wirklich helfen«, fügt er hinzu.

»Ähm, na gut.« Keine Ahnung, wieso ich Ja gesagt habe. Oder vielleicht weiß ich es doch: weil ich es wollte. Ich wollte Ja sagen. Ich will Liam außerhalb der Schule treffen. Ich wollte das schon eine Weile. Und Kunst ist sicherer als ein Date.

»Super.«

»Äh … heute Abend?«

»Heute Abend ist das Footballspiel. Gegen Eaglesville. Unsere erklärten Rivalen. Und ich weiß nicht, ob du es mitgekriegt hast, aber wir sind bis jetzt ungeschlagen.«

»Oh, stimmt.« Seit sie gewinnen, musste ich mich ganz bewusst entscheiden, die Nachrichten über die Mannschaft nicht zu verfolgen.

Ich fühle mich ein bisschen zurückgewiesen, was albern ist. Das Ganze ist ja noch nicht mal ein Date. Es ist eine Kunstnachhilfestunde. Es könnte glatt als das Gegenteil eines Dates durchgehen.

»Du solltest zum Spiel kommen. Danach gibt es bei James ein Gartenfeuer. Wir könnten ein bisschen zusammen abhängen … und nach einem anderen Termin am Wochenende für die Kunstnachhilfe schauen.«

»Ich geh eigentlich nicht auf Partys …«, sage ich und fasse nach meinem Rucksack. Der erste Bus fährt an und ich muss mich beeilen.

»Komm mit«, sagt er und lässt den Rucksack los. »Wird bestimmt –«

»Wild? Cool? Wir werden uns besaufen?« Ich biete ein paar der Worte an, die ich über ihre Partys gehört habe.

»Lustig«, sagt Liam. »Es wird lustig.«

Jetzt sei nicht so eine Spaßbremse, Leighton. Vielleicht kriegst du ja noch einen zweiten Menschen, der zu dir hält, bevor du die Schule verlässt. Die Busfahrerin richtet ihren Innenspiegel zurecht und legt die Hand auf den Schalthebel. Macht voran, Leute, sagt ihr Gesichtsausdruck. Ich fühle mich wie auf dem Präsentierteller und weiß einfach, dass Campbells kleine Nase schon an der Scheibe klebt und das ganze Gespräch beobachtet. Zu viel Druck und ich zaudere.

»Tut mir leid, aber ich … ich kann einfach nicht.« Großartig, Barnes. Sehr cool. Immer schön diesen supersüßen Jungen abweisen, der an dir interessiert ist. Doch Liam lässt nicht locker. Er versucht es noch mal.

»Okay, dann nicht Party. Ich seh dich vielleicht beim Spiel. Und vielleicht können wir ja am Sonntag bei mir zu Hause an Kunst arbeiten?«

Schwerer Seufzer von der Busfahrerin.

»Ich muss los.« Ich steige in den Bus und versuche alles, den Blick zu ignorieren, den mir die Fahrerin zuwirft, während sie den Gang einlegt und die Tür direkt hinter mir schließt. Ich quetsche mich neben Campbell, greife über sie hinweg, um die Riegel am Fenster zu lösen, und schiebe den oberen Teil auf.

Liam steht immer noch neben dem Bus.

»Okay, vielleicht komm ich ja heute Abend und Sonntag Kunst klingt gut.«

Liams Lachen ist das Beste. Mir ist, als ob ich eine Dummheit begehen könnte für dieses Lächeln. Der Gedanke bringt mich zurück auf den Erdboden. Ich bin nicht so ein Mädchen. Ich werde mich nicht wegen eines Jungen vergessen.

»Aber es ist trotzdem kein Date«, füge ich mit schrofferer Stimme hinzu, als ich wollte.

»Ich ruf dich am Sonntag an«, antwortet er ungerührt, immer noch lächelnd.

Als der Bus anfährt, wirble ich herum und setze mich auf meinen Platz, bevor ich unsere vagen Pläne widerrufen kann.

»Wer ist das?«, will Cam wissen, sobald ich sitze.

»Bloß ein Freund«, antworte ich. »Freund kann man eigentlich gar nicht sagen. Er wird mir Nachhilfe geben.«

»Er gibt dir Nachhilfe?«, fragt Campbell. Sie glaubt mir eindeutig kein Wort, deshalb gebe ich ihr meinen verknickten Fortschrittsbericht.

Campbell liest ihn.

»Oh mein Gott, du hast ein C. Das ist das erste Mal.«

»Ich weiß«, stöhne ich. »Ausgerechnet in Kunst.«

»Die New York University nimmt keine Studenten, die ein C haben, Leighton.«

Ich schürze die Lippen. »Woher weißt du von der NYU

»Ich weiß alles«, antwortet Cammy, während sie den Bericht sorgfältig zusammenfaltet.

»Erzähl es ihm nicht«, bitte ich sie und meine Dad. Aber natürlich weiß sie das selbst.

»Schwachkopf«, sagt Campbell. »Auch wenn es total egal ist. Solche Noten und du sitzt dein Leben lang hier mit mir fest.«

Ihr Kommentar ist wie Stacheldraht. Er soll mich nicht verletzen. Er soll vielmehr sie schützen.

»Das würde dir gefallen, was?«, sage ich.

Campbell antwortet nicht, doch sie legt ihren Kopf in einer stummen Entschuldigung an meine Schulter. Ich schiebe meine Hand über ihre und drücke sie. Ich möchte sie niemals verlassen. Aber ich weiß auch nicht, wie ich es eine Sekunde länger als unbedingt nötig in dieser Stadt aushalten soll.

Wie groß ist dein Mut?, überlege ich.

Nicht sehr groß. Eher klein. Und er schrumpft immer mehr.

Was wird es kosten, die Stadt zu verlassen: Mut oder Feigheit?