Unser Bus fährt an den Footballplätzen vorbei, auf denen kleine Jungs für ihre Flag-Spiele trainieren. Sie können nicht viel älter als sieben oder acht sein, doch die Trainer brüllen und die Väter an den Seitenlinien machen grimmige Gesichter.
Was passiert, wenn du kleinen Jungs jeden Tag sagst, dass
sie die Besten sein müssen? Die Schnellsten, die Größten, die Stärksten. Vielleicht sagst du, sie müssen die Mutigsten sein, als ob das besser wäre. Als ob sie dann nicht ihre Angst tief in sich vergraben, nur um dich zufriedenzustellen.
Aber ganz oben ist nun mal nicht so viel Platz, und wenn es sich mit sieben vielleicht noch wie Enttäuschung anfühlt, fühlt es sich mit siebzehn mehr an wie ein Versagen. Und dann werden einige von ihnen auf andere Weise die Besten. Sie werden die Gemeinsten, die Lautesten, die Wütendsten.
Man sollte meinen, ich wär programmiert, dieses Spiel zu lieben, doch es ist mir nie gelungen. Mein Dad liebte es so sehr, dass es ihn zerstört hat. Wieso geben Menschen etwas so Albernem so viel Macht über sie?
Doch als ich im Bus die Auburn Gazette herausziehe, sieht die Titelseite aus wie seit Wochen: Von oben bis unten nur das Gelaber über den Sieg beim letzten Spiel und die Herausforderung des nächsten. Vielleicht verstehe ich ja nicht, was zur schieren Kraft des Teamgeists zählt, die in dieser Stadt demonstriert wird, doch eines lässt sich immer weniger leugnen: Diese Mannschaft hat Nachrichtenwert.
Und wenn ich in meinem Job gut sein will, sollte ich begreifen lernen, wieso. Außerdem: Sofia liebt es, für die Mannschaft als Cheerleader zu jubeln und für das Schulblatt über die Spiele zu schreiben. Vielleicht kann sie mir ja helfen, das Ganze mit einem neuen Blick zu sehen.
Ich mache am Küchentisch meine Hausaufgaben, während wir warten, dass mein Vater von einer Baustelle außerhalb der Stadt zurückkommt. Mom und die Mädchen kochen fürs Abendessen und lachen. Alles wirkt so ruhig, dass ich das Gefühl habe, die anderen Nächte überreagiert zu haben. So sieht es doch überall zu Hause aus, oder?
Als er schließlich kommt, ist schnell zu erkennen, dass es ein guter Tag war, und es ist eine leichte, aber deutliche Entspannung zu spüren, als Mom ihn begrüßt.
Campbell und ich decken den Tisch und sie lächelt mich über die Gläser hinweg an. Wir haben ein paar zu wenig, deshalb nehmen wir welche von Junipers alten Plastikkinderbechern. Wir wissen genau, wieso es zu wenige Gläser gibt, doch wir wischen den Gedanken weg wie eine Mücke am Ohr. Wie etwas, das wir sofort vergessen würden, wenn es uns in Frieden ließe.
Juniper klettert auf ihren Stuhl. »Cool, Prinzessinnen! Die Becher hab ich die ganze Zeit schon vermisst! Danke!«
Sie greift nach dem Plastikbecher, den wir mit Milch gefüllt haben, nicht ahnend, dass wir den Becher aus irgendeinem anderen Grund ausgetauscht haben könnten als dem, sie glücklich zu machen.
Ich hole die Spaghetti und die Fleischbällchen, während Mom noch schnell den Salat zurechtmacht. In den letzten Wochen liefen Dads Bauaufträge ganz kontinuierlich, er muss nur eine ganze Stunde fahren, um hinzukommen. Zu Hause war das eine Erleichterung. Wenn er zurückkam, war er zu müde, um auszurasten, außerdem war auch wieder mehr Geld da. Und ein voller Kühlschrank.
Dad duscht kurz, um sich vom Baustaub zu befreien, ehe er sich zu uns an den Tisch setzt.
»Ist, als ob ich euch eine ganze Woche nicht gesehen hätte. Also, erzählt.«
Juniper redet über die Schule. Sie ist schon ganz aufgeregt wegen eines Living-History-Projekts – das gleiche, das ich auch in der dritten Klasse gemacht habe – bei dem sie einen Einwohner Auburns interviewen soll, der älter als fünfundsechzig ist.
»Vielleicht können wir ja bei Nana übernachten«, sagt Campbell. »Dann kannst du ihr deine ganzen Fragen stellen.«
Ich starre auf meinen Teller, weil ich mir selbst nicht traue, dass ich es schaffe, meine Besorgtheit wegen ihrer Worte aus dem Gesicht zu verbannen. Wir haben bei Nana immer nur übernachtet, wenn es zu Hause schlimm war. Wenn wir geflüchtet sind.
Aber Dad lächelt. »Gute Idee, Cammy«, sagt er. »Ich wette, sie vermisst euch Mädchen wie verrückt.«
Er erzählt uns von seinem Bauauftrag. Es ist ein Brandstellenjob, deshalb ist er schmutzig und unvorhersehbar. Ein Feuer in einem Wohnblock und sie entrümpeln die zerstörten Teile und prüfen, ob das Gebäude wieder instand gesetzt werden kann. Es erinnert mich an den Rosenbusch und Mrs Stiegs genaue Untersuchung der Wurzeln. Und daran, was das für eine seltsame Frage ist – Lohnt es sich, das zu retten?
Ich frage mich, wie unsere Familie bei so einer Untersuchung abschneiden würde.
»Ich hab überlegt, heute Abend zum Spiel zu gehen«, sage ich leise.
»Du willst zu einem Footballspiel?«, fragt Mom.
»Ja, äh, sie spielen gut. Und Sofia ist Cheerleader und schreibt über das Spiel, deshalb dachte ich, sie kann vielleicht noch jemanden von der Zeitung als Unterstützung brauchen.«
»Sie sind in der letzten Zeit viel in der Zeitung gewesen«, sagt Dad. »Mehr als in den ganzen letzten Jahren.«
Seit neunzehn Jahren wahrscheinlich.
Siegessträhnen waren seitdem selten.
»Okay, ist ja schon eine Weile her, seit wir das letzte Mal hingegangen sind«, spricht er weiter. »Gehen wir doch zusammen.«
Es ist nicht die Antwort, die ich erwartet hatte, aber ich merke, dass sie eine bessere ist. Ich bin sowieso lieber weg aus diesem Haus, wenn ich Campbell und Juniper dabeihabe.
»Super.« Ich entschuldige mich schnell und laufe nach oben, um mich fertig zu machen.
Campbell folgt mir eine Minute später.
»Football?«, fragt sie.
»Ja. Auf die Wolves!«
»Du hasst Football.«
»Stimmt. Aber ich liebe Nachrichten. Und die Mannschaft, die gewinnt, ist eine Nachricht.« Ich ziehe eine blaue Strickweste aus der Schublade.
»Nein. Nein, nein, nein. Du gehst nicht in die Bücherei«, sagt Campbell, nimmt mir das Wollteil aus der Hand und schleudert es ganz nach hinten in meinen Schrank.
Dann wühlt sie ein paar Minuten in meinen Schubladen.
»Hier«, sagt sie schließlich und wirft eine Jeans, ein T-Shirt und ein Flanellhemd auf mein Bett. »Haare?«, fragt sie.
»Flichtst du sie mir?«
Sie schließt für einen Augenblick die Augen, wie sie es tut, wenn Juniper sie nervt und sie sich schwer zusammenreißen muss, um Geduld zu bewahren.
»Mach einfach den Knoten raus. Dann wellen sie sich. Du hast so schöne Haare und trägst sie nie offen.« Sie wartet nicht, dass ich es tue, sondern greift hin und zieht an dem Knoten, bis die Haare aufgehen.
Ich fasse nach meinem Haarband, doch sie zieht es schnell um ihr Handgelenk.
»Auf keinen Fall. Wenn du’s dabeihast, machst du doch wieder nur deinen Knoten.«
Campbell will gehen.
»Danke«, sage ich. »Brauchst du auch Hilfe?«
Sie lacht. »Nein. Aber du musst noch eine Frage beantworten.«
»Welche?«
»Spielt Liam Football?«
»Darauf antworte ich nicht, weil das völlig belanglos ist.«
»Lügnerin«, sagt sie, während sie durch die Tür verschwindet.
Ich halte das Shirt hoch, das Campbell für mich ausgesucht hat, und lächle. Es wurde zum Insiderwitz zwischen uns, als ich es im Secondhandladen fand, vorn mit GO SPORTS in großen goldenen Buchstaben drauf.
Wir machten uns lustig, dass es wahrscheinlich das einem Auburn-Trikot am nächsten kommende Teil sei, das wir je tragen würden.