Am Morgen sind die Krähen immer noch hier. Und mit hier meine ich überall. Krähen auf jedem Ast des Vorgartenbaums, bis sie so dicht hocken, dass es mehr Federn als Blätter sind.
Ich stehe am Fenster meines Zimmers und beobachte, wie die Vögel auf den Ästen rascheln und zucken. Auf dem Dach von Mrs Stieg sind sie auch und stolzieren die Regenrinnen entlang.
Unsere Haustür schlägt zu.
Er ist zurück.
Ich laufe aus meinem Zimmer und jage unter die Dusche, verzweifelt darum bemüht, den Morgen zu normalisieren, ihn da unten zu erinnern, dass wir Schule haben. Manchmal, wenn wir alles richtig machen, passt er sich unserer Ruhe an. Bewegt sich in Richtung unserer Normalität. Während das kochend heiße Wasser auf mich niedergeht, spreche ich ein Stoßgebet, dass dies einer jener Tage sein möge.
Ich liebe die Schule, doch dieses Jahr ist es anders. Es ist mein letztes Jahr. Mein Countdown hat offiziell begonnen und die letzte Nacht war ein unheilvollerer Beginn, als ich erhofft hatte. Noch ein Jahr. Ich habe noch ein Jahr, um herauszufinden, wie ich meine Schwestern weiter beschützen kann, wenn ich zur Uni will.
Als ich in die Küche komme, ist er nicht da, nur Mom. Sie zuckt zusammen, als ich eintrete. Kaffee schwappt über den Becherrand und spritzt ihr auf die Finger. Sie scheint es gar nicht zu merken.
»Guten Morgen, Leighton«, sagt sie. Sie lächelt mich an, aber es ist kein Mom-Lächeln. Es erreicht nicht so richtig ihre Augen. Früher lächelte Mom uns an, als ob wir alle denselben Witz kennen würden. Inzwischen ist das Lachen genauso leer, wie wenn sie jemand Fremden anlächelt.
»Morgen«, sage ich leise.
Er hat Mom Blumen geschenkt – leuchtend rote Rosen, die in einer angeschlagenen Vase neben dem Spülbecken stehen. Dad liebt es, sich mit kleinen Gesten zu entschuldigen, die nie dem Gewicht dessen gerecht werden, was er getan hat.
Doch es scheint zu funktionieren.
Ich zögere einen Moment, frage mich, ob es ein Morgen ist, an dem ich sie provozieren will, oder ob ich besser den Mund halten soll. »Ist er wieder da?«, frage ich.
Jetzt ist sogar die Leere in ihrem Lächeln verschwunden.
»Lass es, Leighton«, sagt Mom.
Also ist es ein Morgen, an dem ich besser den Mund halte.
»Er hat im Büro geschlafen. Was willst du noch?«
Ich rattere im Kopf die Liste runter. Seine Verhaftung, seine Entschuldigung, seine Freundlichkeit, seinen Tod. Hängt vom Tag ab, von der Uhrzeit, vom Moment, von meiner Stimmung, aber auf jeden Fall verlange ich mehr, als dass er im Büro übernachtet.
»Ich muss heute arbeiten«, sagt Mom. Sie hat schon immer jede Woche ein paar Schichten als Kellnerin im Diner übernommen, aber in letzter Zeit werden es immer mehr. Sie versucht, das Geschäft des Bauunternehmens auszugleichen, das nicht besonders gut läuft.
»Kommst du wegen der Mädchen gleich nach der Schule zurück?« Ich ignoriere den abrupten Themenwechsel. Während ich ins Wohnzimmer gehe, hebe ich gerahmte Fotos vom Boden auf und hänge sie zurück an ihre Nägel.
Es ist, als ob das Haus weiß, wann diese Nächte kommen. Wenn man genau drauf achtet, gibt es deutliche Hinweise: ein dezentes Dunklerwerden in den Zimmerecken, die schief an den Nägeln hängenden Bilderrahmen – bei der kleinsten Erschütterung bereit zum Sturz –, der plötzliche Drang zu flüstern, als ob ihm das Haus unsere Geheimnisse zutragen würde. Der Druck im Innern wächst über Wochen, bis er so gegenwärtig ist, dass ich ihn geradezu auf der Zunge schmecken kann – metallisch und beißend. Wie Blut. Der Geschmack der Wut.
Ich kehre zurück in die Küche und hebe den letzten Rahmen auf. Es ist ein Foto von zwei Teenagern mit Kronen auf dem Kopf. König und Königin des Balls. Ich betrachte das Mädchen auf dem Foto, mein Blick wird angezogen von dem, was wir gemeinsam haben. Die gleiche blasse Haut mit ein paar kupferfarbenen Sommersprossen auf der Nase. Das gleiche breite Lächeln. Ich frage mich, worin wir uns unterscheiden. Ihre Haare sind leuchtend rot, während meine heller sind, rotblond. Und was ist mit dem, was man nicht sieht? Zum Beispiel ihrer Fähigkeit, so viele Verletzungen zu verzeihen. Habe ich das auch in den Knochen, so wie die Form ihres Kiefers?
Statt das letzte Foto auch wieder aufzuhängen, lege ich es auf die Arbeitsplatte neben die Rosen.
Soll sie selbst entscheiden, ob sie es wieder an der Wand sehen will.
Als Letztes greife ich knapp an Mom vorbei, um den Telefonstecker zurück in die Dose zu stecken, bevor ich meine Schwestern aus dem Haus und zur Bushaltestelle scheuche. Dieses dämliche, nutzlose Festnetztelefon. Letztes Jahr hat er Mom und mir gesagt, wir könnten ein Handy haben. Aber dann wurde ihm klar, dass man mit dem Handy die Polizei rufen kann und dass Mobiltelefone Geld kosten, deshalb haben wir nie welche gekriegt. Es gibt nur das Festnetzgerät mit der Schnur, das uns keine Hilfe ist, wenn er sie aus der Wand reißt.
Ich knalle meinen Finger auf die Tasten und halte den Hörer ans Ohr.
»Telefon geht wieder«, sage ich.