Die Cowbells lärmen.
Das Footballstadion ist rappelvoll. Stolz auf Auburn.
Als wir ankommen, ist das erste Quarter schon halb gelaufen, was bedeutet: Der reguläre Parkplatz ist voll und wir müssen den Wagen am Straßenrand abstellen. Es ist kalt, deshalb helfe ich Juniper, Handschuhe und eine Mütze anzuziehen, ehe wir rübergehen.
Gerade als wir am Ticketschalter sind, entdeckt Juniper die Fresswagen.
»Funnel Cakes!«, kreischt sie und schaut zu Mom hoch.
»Okay, eine Portion«, sagt Mom und lässt sich von Junie wegziehen.
Wir warten schweigend mit Dad, bis sie zurückkommen.
»Lasst uns eine Stelle am Zaun finden, um erst mal gucken zu können. Die Tribünen sehen besetzt aus.«
»Wir stellen uns nebeneinander an einen Platz nicht weit von den Cheerleadern entfernt. Es gelingt mir, Blickkontakt mit Sofia aufzunehmen, und ich winke ihr leicht. Sie legt ihre Pompons ab und kommt herübergelaufen.
»Täuschen mich meine Augen oder ist Leighton Barnes wirklich bei einem Footballspiel?«, fragt sie.
»Hey, Sof. Wie läuft’s?« Ich behalte meine Hände in den Jackentaschen, damit sie warm bleiben, hebe aber eine Schulter in Richtung Spielfeld. Es stehen so viele Männer am Zaun, dass ich das Spiel gar nicht sehe.
»Ziemlich holprig heute«, antwortet sie. »Ich fürchte, langsam spüren sie den Druck, den die Siege bedeuten.«
»Scheint so«, sage ich und schaue mich um. Es ist, als ob die ganze Stadt da wäre. »Brauchst du Hilfe für deinen Bericht? Ich dachte, wo du ja auch noch Cheerleader bist, käm dir ein bisschen Unterstützung vielleicht gerade recht.«
»Ja. Ich bin so froh, dass du fragst. Da ist dieser eine Spieler, der die ganze Saison schon so gut ist, und ich hab ein persönliches Interesse, heute Abend seine überragende Beweglichkeit unter die Lupe zu nehmen.«
»Sofia, bitte sag nicht –«
»Könntest du für mich auf die Nummer sechsunddreißig achten?« Sie lässt mich gar nicht erst antworten, sondern ruft schon über die Schulter ihrer Gruppe zu: »Was ist? Schafft ihr den nächsten Cheer nicht ohne mich? Liebt und vermisst ihr mich so sehr, dass ihr als Gruppe ohne mich völlig zerbröselt? Ich komm ja gleich!«
Dann wendet sie sich wieder zu mir um. »Danke für deine Hilfe. Lay, du bist wirklich mein Lebensretter. Die Sechsunddreißig!«
Sofia läuft zu den Cheerleadern zurück, gerade als der Ansager verkündet: »Ein vielversprechender Anfang heute Abend für die Nummer sechsunddreißig der Auburn High, Liam McNamara. Sicher einer, den wir im zweiten Quarter im Auge behalten müssen.«
Ich schließe einen Moment lang verärgert die Augen, dann merke ich, dass ich genauso aussehen muss wie Campbell, als sie mir geholfen hat, mein Outfit zusammenzusuchen. Und natürlich steht Cammy keinen halben Meter von mir entfernt, als ich mich umdrehe.
»Soll ich dich begleiten, wenn du die Nummer sechsunddreißig unter die Lupe nimmst?«
»Wieso nicht?«, antworte ich, während ich am Zaun entlangschaue, bis ich unsere Eltern und Juniper entdecke. »Sie scheinen okay.«
»Gruselig okay«, antwortet Cam.
»Genießen wir’s, solange wir können?«, frage ich.
»Verdammt, ja.«
Wir haken uns unter und umkreisen das Spielfeld. Ich hole Kleingeld aus dem Portemonnaie und es reicht für einen heißen Kakao. Also kaufen wir ihn und trinken im Gehen.
»Wird kalt«, sagt sie. Sie meint nicht nur den Abend, sondern ganz allgemein. Der Herbst endet schnell. Cammy vermisst ihre Fahrradtage.
»Sind deine Freunde auch hier, Cam? Du musst mich nicht babysitten«, sage ich. »Ich muss sowieso auf die Tribüne hoch, damit ich was sehe.«
»Tu ich auch gar nicht. Ich wollte bloß den Kakao.« Sie hält den Becher hoch.
»Nimm ihn. Und pass auf dich auf«, sage ich und wir trennen uns unten an der Tribüne. Ich schaue ihr nach, bis sie eine Gruppe von anderen Achtklässlern trifft, die ein Stück weiter den Weg entlang stehen.
Ich bin die Tribüne halb rauf und hoffe, dass der einzige freie Platz nicht ausgerechnet neben der Band ist, als ich plötzlich meinen Namen höre.
»Leighton!«
Ich drehe mich um und sehe Amelia, die mir schüchtern zuwinkt. Ihr Outfit ist vom Haarband bis zu den Schnürsenkeln passend abgestimmt und ich spüre eine Welle der Verlegenheit in mir hochsteigen wegen meiner abgetragenen Boots und des Secondhand-Shirts. Doch sie deutet auf einen leeren Platz neben sich und zeigt an, dass ich mich dazusetzen soll. Sei mal ein bisschen gesellig, sage ich mir. Wird dich schon nicht umbringen, wenn du’s zumindest versuchst.
Ich schiebe mich in die volle Reihe und arbeite mich bis zu Amelia vor.
»Vielen Dank«, sage ich, während ich neben ihr Platz nehme.
»Kein Problem«, antwortet sie mit einem Lächeln. »Ich glaube, ich hab dich seit mindestens zwei Jahren nicht bei einem Spiel gesehen, Leighton.«
»Ja, ist wirklich eine Weile her.«
»Jemand Bestimmtes, den du sehen wolltest?«, fragt sie.
»Äh, nicht wirklich, ich helfe nur Sofia, das Spiel für die Zeitung zu verfolgen.«
Amelia rutscht zur Seite, stellt eine Designertasche zwischen uns und schiebt sich die glatten schwarzen Haare hinters Ohr. Ich habe noch nie erlebt, dass sie ihre Haare zu einem unordentlichen Knoten zusammengesteckt trug. Sofort schiebe ich meine auf der ihr abgewandten Seite über die Schulter, damit sie es nicht sieht.
Sie hebt die Hände an ihre Lippen und schreit: »Ja, James!«
Stimmt. Ich sollte vielleicht wirklich mal auf das Spiel achten.
Amelia ist klein, doch ihre Stimme ist laut und sie feuert das ganze zweite Quarter begeistert unsere Mannschaft an. Ich bin erstaunt, dass ihre Stimme vom Schreien noch nicht völlig heiser ist. Ich verfolge das weinrote Trikot mit der »36« auf dem Rücken und sehe, wie sicher und schnell Liams Bewegungen sind. Ich schreie nicht, wie es Amelia tut, doch auch ich spüre einen Sog der Begeisterung, als er einen Touchdown erzielt. Er hat erzählt, dass er nur spielt, weil es hier sonst nichts gibt in der Gegend. Aber natürlich ist er gut. Vielleicht hat Sofia doch nicht bloß rumgesponnen, als sie mich bat, ihn heute Abend im Spiel zu beobachten. Touchdowns sind Nachrichten.
Ich höre eine andere Stimme, die deutlich aus der Menge heraustönt und für die 36 jubelt.
Ein paar Reihen weiter unten, auf der anderen Seite des Gangs, sitzt Liams Familie. Seine jüngere Schwester Fiona grölt für ihn.
Ich schaue ein paar Minuten zu, wie die McNamaras für Liam jubeln, und ich muss lachen. Es ist einfach so ein normales, selbstverständliches Familienverhalten. Jemanden zu unterstützen, den man liebt.
»Ich geh mal nach meiner Familie schauen«, schreie ich über den Jubel hinweg Amelia zu.
»Okay.«
Ich versuche, sie zu entdecken, während ich noch auf der Tribüne bin, doch es ist unmöglich bei den Massen, die in der Halbzeit die Treppe hinunterströmen, um sich Essen und Trinken zu besorgen. Ich folge dem Gedränge der Leute, bis ich stehen bleiben muss, um die Spieler vom Platz zu den Umkleideräumen passieren zu lassen.
Nummer sechsunddreißig bleibt abrupt vor mir stehen.
Liam nimmt den Schutzhelm ab.
»Schön, dich hier zu sehen, Barnes«, sagt er.
»McNamara!«, brüllt sein Trainer.
»Geh«, sage ich mit einem Lächeln.
»Komme.« Er läuft rückwärts los. »Sonntag?«
»Ich hab doch schon Ja gesagt. Hör auf zu fragen, sonst ändere ich noch meine Meinung.«
Liam lacht und verschwindet im Umkleideraum.
Und das ist der Moment, in dem Campbell mich findet, den Blick starr auf die geschlossene Tür der Umkleide gerichtet und mit einem dümmlichen Lächeln auf dem Gesicht.
»Leighton, ich brauch dich«, sagt sie und packt mich fest am Ellenbogen. Ich kenne diese Stimme. Sie macht sich Sorgen.
»Was ist los?«, frage ich, doch sie läuft schon durch die Menge davon, schlängelt sich zwischen den dicht gedrängten Massen hindurch. »Cam, warte!«
Ich muss mich zwischen den Leuten durchschieben, um ihr zu folgen, entschuldige mich für meine Grobheit, dränge jedoch weiter. Irgendwas stimmt nicht.
Als wir auf der anderen Seite rauskommen, sehe ich Dad mit Mr Dillard reden. Das ist der Vater von jemandem, mit dem unsere Eltern zur Schule gegangen sind. Und ausgerechnet er hat die andere Baufirma der Stadt. Die, die den Auftrag für die Renovierung der Bücherei bekommen hat. Dillard fängt auch immer mit Dads Knieverletzung an, wenn sie zusammen reden. Ich versuche herauszufinden, ob er schon etwas gesagt hat.
»Hättest es auch zu den Profis geschafft! Ich weiß das! Die ganze Stadt weiß das! Wär unsere Chance gewesen, berühmt zu werden.«
Dads Gesichtsausdruck wirkt gequält, sein Lächeln erzwungen. »Tja, manche Dinge sollen einfach nicht sein.«
»Willst du mir damit sagen, es sollte sein, dass du das Geschäft von deinem Alten übernimmst?« Er lacht. »Und es in den Sand setzt in diesen wirtschaftlichen Zeiten, ja?«
Mein Magen sackt nach unten. Das ist echt übel.
Mom weiß das auch. »Jesse, wir sollten langsam Juniper nach Hause bringen. Es ist spät für sie.«
Sie zieht ihn am Arm, doch er steht unbeweglich da.
»Lass das, Erin«, sagt er.
Sein ganzer Körper ist jetzt angespannt. Sein kaputtes Knie ist immer ein heikles Thema. Eine Erinnerung daran, was hätte sein können. Doch das Geschäft ist wie eine klaffende Wunde. Er tut alles, was er kann, um die Firma am Laufen zu halten, aber sie war nie sein Traum.
Und Mr Dillard weiß nicht, wann er aufhören sollte.
»Braucht ein besonderes Gespür, sein eigenes Unternehmen zu führen«, sagt er. »Manche haben es, manche nicht. Ist so wie Ballgefühl, findest du nicht?« Er zuckt mit den Schultern in Richtung Spielfeld. Ich bin mir vage bewusst, dass die Halbzeitpause endet. Die Spieler stellen sich auf und die Leute steigen zu ihren Plätzen auf der Tribüne zurück.
»Jesse, lass uns nach Hause fahren«, sagt Mom und zieht fester.
Als Reaktion hebt er nur schnell den Arm, reißt ihn zurück und lässt ihn dann fast im selben Moment wieder sinken.
Er hat sich erinnert, wo wir sind.
Mein Magen dreht sich um. Das Gefühl von Peinlichkeit strömt durch meinen Körper. Es kommt mir vor, als wenn die ganze Stadt den Moment mitkriegen würde.
»Hey, alles okay hier unten?«
Es ist Bill DiMarco. Er ist nicht in Uniform, nicht im Dienst, sondern genießt nur das Spiel.
»Alles gut, Bill, danke«, sagt Dad, doch sein Gesicht ist nicht weicher geworden. Bill sieht das auch, erfasst die ganze Szene. Moms angespanntes Zurückweichen von der Seite meines Vaters. Und wie Junipers Unterlippe zittert.
Doch dann schaut er zu Dad zurück und schlägt ihm auf die Schulter. »Wollte nur Hallo sagen. Irgendwie der Wahnsinn, zu sehen, wie gut sich die Mannschaft schlägt, was? Werden auf einmal die glorreichen Zeiten wieder lebendig.«
Die Spannung wechselt, löst sich. Dad dreht sich endlich von Mom weg.
»Verdammt gut. Vielleicht schaffen sie es diesmal bis ganz nach oben.«
Bill lächelt, aber in seinem Lächeln liegt Trauer. Oder Mitleid.
Dads Lächeln entgleitet wieder.
»Wir werden trotzdem früher aufbrechen. Hab morgen einen Auftrag im Nachbarbezirk.«
»Klar. Natürlich. Viel Glück dabei«, sagt Bill.
Dann dreht er sich zu meiner Mom um. Ich kann fast hören, wie sich die Frage in seinem Kopf bildet. Alles in Ordnung mit dir?
Ich habe noch nie mehr gehofft, dass jemand die Frage stellt. Etwas Beachtung schenkt, was man gerade mit eigenen Augen erlebt hat. Dass jemand etwas dagegen tut.
»Schön, dich zu sehen, Erin«, sagt DiMarco und wendet sich von uns ab.
Dich auch, Onkel Bill.