Liam ruft mich am Sonntag an, so wie er gesagt hat.
Er lädt mich zu sich nach Hause ein.
Mom legt eine Hand über den Hörer, bevor sie ihn weiterreicht, und formt mit dem Mund »ein Junge«. Sie sagt nicht Nein, als ich den Hörer auflege und frage, ob sie mich hinfährt. Als ich mich im Badezimmer fertig mache, kommt Juniper rein und setzt sich auf die Badablage. Schweigend schaut sie zu, wie ich den Eyeliner auftrage. Als ich nach dem Lipgloss greife, spitzt sie die Lippen und ich trage ihr auch welchen auf. Sie presst die Lippen zusammen, schaut sich im Spiegel an und fährt sich mit dem Handrücken über den Mund.
»Was soll das Ganze, wenn es nicht mal gut schmeckt?«, sagt sie. Doch sie lungert weiter im Bad rum und schmollt ein bisschen.
»Ist irgendwas, Junie?«, frage ich und mein Mund bildet unfreiwillig ein O, als ich mir die Wimpern tusche.
»Wer ist Liam?«
»Ein Freund aus der Schule«, erkläre ich ihr. Ich blinzle zu schnell und Streifen von Wimperntusche zeichnen sich oben an den Wangen ab. Juniper leckt ihren Finger nass, wischt an den Stellen herum und verschmiert Spucke und Make-up.
»Bäh, Junie.« Lachend weich ich zurück.
»Ein Freund«, sagt sie und ich höre die Doppelbedeutung heraus, die sie bewusst in das Wort legt. So wie bei Campbells Fahrradfreunden.
»Er hilft mir in Kunst. Ist eine Hausaufgabe.«
»Hmm«, murmelt sie. Es ist ein gewichtiges Hmm. Ich lege die Wimperntusche auf die Ablage und schenke Junie meine volle Aufmerksamkeit.
»Jaaa, Junie?«
»Nichts. Außer dass Kunst-Hausaufgaben vielleicht ein Geheimwort für was ganz anderes ist?«
»Juniper! Geheimwort wofür denn?«
»Das weiß ich doch nicht. Campbell sagt das manchmal und ich weiß nie, wovon sie eigentlich spricht.«
Autsch, Cammy, hör auf, so schnell erwachsen zu werden.
»Redet ihr über mich?«, fragt Campbell, die plötzlich in der Tür steht.
»Hausaufgaben als Geheimwort für etwas? Sie ist neun, Cam.«
»Ich bin kein Baby«, sagt Juniper.
»Du bist das totale Baby«, widerspricht Cam. »Und eine Petze.«
»Bin ich nicht!«, kreischt Juniper.
»Schluss jetzt«, sage ich. »Campbell, hör auf, sie zu ärgern. Und Junie, bitte sag Mom, dass wir in zwei Minuten losfahren können.«
Juniper springt von der Badablage und rammt ihre Schulter in Campbell, als sie an ihr vorbeiläuft.
Campbell schließt den Klodeckel und setzt sich drauf. Dann zieht sie die Beine hoch und verschränkt sie.
»Er ist echt nur ein Freund?«, fragt sie und macht danach einen Kussmund.
»Campbell.«
»Ist er nett?« Jetzt ist es raus. Das war es, was sie die ganze Zeit fragen wollte. Sie versucht, es unauffällig zu tun oder Juniper dazu zu bringen, mich Dinge zu fragen, aber wir kriegen das untereinander einfach nie hin. Ihre gezwungene Beiläufigkeit ist mir nur allzu vertraut.
»Er ist sehr nett. Und wenn er jemals nicht nett sein sollte, breche ich sofort jeden Kontakt zu ihm ab.«
Sie hält meinem Blick einen Moment lang stand, dann senkt sie die Augen und nickt. Die Spannung weicht aus ihren Schultern.
Für mich ist es klar zu erkennen, auch wenn andere nichts sehen: die Last, die Campbell mit sich herumträgt. Die Sorgen.
»Magst du ihn?«
Campbell hat Ehrlichkeit verdient, wenn ich sie den ganzen Abend über alleinlasse, um mit Liam zusammen zu sein.
»Ja, ich mag ihn.«
»Okay«, sagt sie, beugt sich vor und streckt mir ihren gekrümmten kleinen Finger entgegen.
»Schwör, dass du aufpasst.«
Auch ich krümme meinen kleinen Finger und verhake ihn mit ihrem.
»Ich versprech’s.«
Wir sollten gehen. Mom und Juniper sind bestimmt schon aufbruchbereit. Ich schnappe mir meinen Rucksack, bleibe jedoch an der Tür noch mal stehen.
»Hey, Cammy, wir finden schon einen Weg, dir ein neues Rad zu besorgen, okay? Ich weiß zwar noch nicht wie, aber wir schaffen das.«
»Bin ja auch selber schuld.«
»Dass du es vor dem Haus liegen gelassen hast?«
»Nein, dass ich an dem Tag so gemein zu Juniper war.«
Ich lasse den Rucksack fallen, schließe die Tür, gehe auf Campbell zu und hocke mich vor sie hin. Die meisten finden, sie sieht aus wie Mom, doch das liegt nur an den roten Haaren. Sie hat das scharf geschnittene Kinn wie Dad und auch seine Augen. »Hey«, sage ich, »so läuft das nicht, Cam.«
»Nein? Hat sich aber ziemlich wie Karma angefühlt.« Sie steht auf und geht zu dem Schminktisch, nimmt die Zahnpastatube und drückt den ganzen Inhalt in Richtung Öffnung, mit dem Deckel fest zugeschraubt.
»Du glaubst, es ist eine Strafe? Du tust was Gemeines und deshalb bekommst du was Schlimmes zurück? Ich glaube nicht, dass da jemand ist, der über alles Buch führt, Cam.«
»Wahrscheinlich nicht. Ich hab mich nur immer gefragt …«
»Was hast du dich immer gefragt?«
»Was wir getan haben, um das hier …« Ihre Stimme bricht und sie redet nicht weiter. Inzwischen rollt sie die Zahnpastatube auf, sodass sich alles vorne zusammenpresst. Der Druck ist aufgebaut. Bereit, herauszuplatzen, wenn die Tube geöffnet wird.
»Nichts, Campbell.« Ich nehme ihr die Tube aus der Hand und lege sie zurück auf die Ablage. »Genau deshalb stimmt es nicht. Es gibt kein magisches Konto über Gut und Böse.«
»Aber vielleicht ist das genau das Schlimme, dass es so was nicht gibt.«
»Wieso?«
»Weil das bedeutet, dass ihn nie jemand bestrafen wird.«