Als wir quer durch die Stadt zu Liam fahren, geht gerade die Sonne unter. Auburn hat viele Mängel, aber Sonnenuntergänge kriegt die Stadt echt super hin.
Während die Sonne sinkt, wechseln die Farben, die mich daran erinnern, wie Juniper einmal Marker aus meinem Schreibtisch geklaut und mit ihnen meine Ausgabe von Die Glasglocke angemalt hat. Ich erinnere mich, wie ich danach versuchte, das Buch zu lesen, und es nicht hinkriegte – die Farben leuchteten so stark in dem Chaos der Worte von Sylvia Plath. Der Kontrast lenkte mich immer wieder ab. Neonpink und Zitronengelb in mehreren Schichten, genau wie jetzt der Himmel aussieht. Dunkle Worte mit Leuchtfarben übermalt. Eine triste Stadt mit schönen Sonnenuntergängen überzogen.
Kurz bevor die Sonne verschwindet, glüht sie rot wie ein Feuerball über Auburn. Als ob sie alles, was ihr Licht berührt, zum Lodern bringen könnte.
Liams Familie wohnt vor der Silhouette der Berge und alle Häuser, an denen wir vorbeifahren, ragen hoch und sauber auf, große Gebäude in viktorianischem Stil. Es gibt Veranden, die um die Häuser herumreichen, und Hundehäuser in den Gärten. Keine verwitterten grauen Wandverkleidungen in Sicht.
»Und du bleibst wirklich bei der Geschichte mit der Nachhilfe?«, fragt Mom, als wir in die Einfahrt biegen.
»Was soll das heißen?«, frage ich zurück, während ich den schweren Rucksack auf meinen Schoß hieve. Wahrscheinlich hätte ich ruhig ein paar Bücher zu Hause lassen können.
»Ich meine, du hast noch nie Nachhilfe gebraucht.« Mom lächelt mich an. »Klingt ein bisschen erfunden.«
Ich lache. »Hier. Ich kann’s dir beweisen.«
Ich greife in meinen Rucksack und ziehe meinen Kunstordner raus. Ich zeige mein jüngstes Projekt, ein simples Stillleben nach einem Foto. Das Bild zeigt eine Schale mit Birnen. Es sollte durch seine Schlichtheit wirken, zumindest hatte ich das überlegt. Doch es hat sich erwiesen, dass es extrem schwer ist, die Form einer Birne nachzuzeichnen. Auf dem Foto wirken sie saftig und verlockend. Meine wirken eher wie aus einem Onlinetest mit dem Titel Welcher Obstsorte entspricht dein Körperbau?.
Mom schweigt so lange, dass ich hochschaue und sehe, wie sie mit sich kämpft. Sie weiß nicht, wie sie mir zustimmen soll, dass ich wirklich Nachhilfe brauche, ohne mich zu verletzen.
»Ist schon okay, Mom. Ich weiß, dass sie beschissen sind. Deshalb bin ich ja hier.«
Sie lacht. Ein richtiges, echtes Lachen und es ist Gold wert.
Juniper kichert begeistert vom Rücksitz. Ich schaue durch den Rückspiegel zu Campbell und sogar sie muss lächeln.
»Sie sehen nicht so schlimm aus, Leighton. Sie … könnten vielleicht eine kleine Anleitung brauchen, das ist alles.« Sie neckt mich ein bisschen, doch am Ende lächelt sie und ich spüre schon den versteckten Witz. Das Wort Birne wird meinem frostigen Herzen in Verwahrung gegeben.
Ich halte inne, mit der Hand am Türgriff, dann drehe ich mich noch mal um, beuge mich zu ihr rüber und küsse sie zum Abschied. Hi, Mom, ich seh dich da drinnen. Dann steige ich aus und winke Campbell und Juniper, als sie wieder losfahren.
Es gibt einen Haufen Herbstschmuck auf der Veranda. Kürbisse und Schilder und sogar eine lebensgroße, grinsende Vogelscheuche. Die ist wahrscheinlich richtig nützlich in diesem Jahr.
Liams Schwester Fiona öffnet die Tür. Sie geht in die Zehnte, muss also ungefähr fünfzehn sein, ist aber groß wie ihr Bruder. Fiona trägt einen Gymnastikanzug mit eng sitzender schwarzer Hose und ich erinnere mich, dass sie im letzten Jahr in einer Talentshow getanzt hat.
»Leighton! Hi, komm rein«, sagt sie und lächelt breit, als sie mich ins Haus führt. »Ich bin so froh, dass du da bist. Liam langweilt sich nämlich, und wenn er sich langweilt, hackt er die ganze Zeit auf mir rum.«
»Schrecklich«, antworte ich. »Er braucht mehr Hobbys.«
»Ach, von denen hat er genug. Er meint nur, die sind nicht zum Spaß.«
»Also, wenn’s dir hilft: Du bist nicht sein einziges Opfer. Mich ärgert er auch gern.«
Fiona lacht, verdreht theatralisch die Augen und ich mag sie schon jetzt sehr. Es wäre ein Leichtes für sie gewesen, mir das Gefühl zu geben, nicht hierherzugehören, doch sie ist warmherzig und freundlich, was es unmöglich macht, sich in ihrer Gegenwart komisch zu fühlen.
»LIAM, DEIN DATE IST DA!«, brüllt Fiona nach oben. Ich zucke neben ihr zusammen.
Okay, jetzt bin ich verlegen.
»Oh, wir sind nicht – ich bin nicht –« Ich seufze. Ich weiß nicht, was das zwischen uns ist, aber sicher kein Date. »Ich bin nur wegen Kunst hier.«
»Tja, auch gut«, sagt eine Stimme hinter uns und ich drehe mich um. Mrs McNamara.
Mich überrascht, dass ich mit ihr auf Augenhöhe bin. Liam ist viel größer als seine Mom, doch ansonsten kommt er völlig nach ihr. Ihre warmen, freundlichen Augen sind ganz wie seine. Ihre Augenbrauen sind perfekt geschwungen, und als sie Fiona mit zusammengezogenen Augen ansieht, hat sie den gleichen Gesichtsausdruck, wie ich ihn bei Liam gesehen habe.
»Fiona Marie, musst du so schreien?«
»Er hat doch immer Kopfhörer auf«, antwortet Fiona.
»Dann lauf nach oben und sag ihm, dass seine Freundin da ist.«
Fiona jagt die Treppe hoch und Mrs McNamara lächelt mich an.
»Leighton Barnes. Es ist Jahre her, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe –« Sie hält eine Hand auf Schulterhöhe von ihr und mir. »Egal, du bist groß geworden. Ich kann noch gar nicht glauben, dass ihr Kinder bald euren Abschluss macht.« Sie führt mich in die Küche. »Kaffee? Tee? Oder vielleicht lieber heißen Kakao?«
»Äh, was am einfachsten geht«, antworte ich.
»Alles geht einfach«, sagt Mrs McNamara.
»Tee klingt gut.«
»Mmm, das finde ich auch. Ich glaube, da schließ ich mich an.« Sie deutet auf einen Hocker, der vor der Kücheninsel steht. Ich steige drauf. Ein Kampagnenschild lehnt an der Insel und ich stoße es aus Versehen um. Es ist so ein Schild für den Vorgarten, das in Blockschrift und leuchtenden Farben auf schwarzem Grund Gleichberechtigung fordert. Wir glauben an die Wissenschaft. Kein Mensch ist illegal. Frauenrechte sind Menschenrechte. Liebe ist Liebe. Schwarzes Leben zählt.
Ich springe vom Hocker und stelle das Schild wieder auf. »Gefällt mir«, sage ich.
»Danke, Leighton. Ist schwer, ein blauer Punkt in einem roten Bezirk zu sein. Als Demokrat fällt man hier auf.«
»Führt auf jeden Fall zu einem angespannten Gesprächsklima.« Ich denke daran, wie sich Liam in English Lit. stolz als Feminist bezeichnet hat, und muss lächeln. »Ich kann es gar nicht erwarten, endlich an die Uni zu kommen und hoffentlich eine Zeit lang an einem progressiveren Ort zu leben. Vermissen Sie, nicht mehr in Philadelphia zu wohnen?«
»Oh ja, jeden Tag. Ist schwer, in eine Stadt zu ziehen, in der weniger als wie viel? – fünf Prozent? – Schwarze leben. Doch das bedeutet, ich kann den Diskurs in der Mittelschule wirklich prägen. Ein paar Inklusionsprogramme einführen, mehr kulturelle Vielfalt in den Bestand der Bücherei bringen. Das sind gute Entwicklungen für eine kleine Stadt wie diese. Und es war auch in der Großstadt nicht leicht zu unterrichten. Die meisten Schulen haben zu wenig Geld und sind viel zu streng überwacht. Das ist ein schwieriges Umfeld für einen guten Unterricht.«
»Klingt nach einem harten Job.«
»Das war es. Und genauso ist es hier.« Mrs McNamara nickt in Richtung Fenster und meint offensichtlich ganz Auburn. »Und wo wir gerade von schwierigen Entscheidungen reden: Liam hat mir erzählt, du willst Journalismus studieren.«
»Ja, unbedingt.«
»Das ist ein wichtiger Beruf. Heute mehr denn je.«
»Wahrscheinlich werde ich irgendwann über Liams Senatswahlkampf schreiben«, sage ich, nur halb im Scherz.
Mrs McNamara lacht freiheraus. »Das könnte schon sein. Genug Charme hat er jedenfalls. Liams Dad sähe gern, wenn er sich für Jura erwärmen könnte, aber mal ganz unter uns: Ich hoffe, Liam entscheidet sich für das, was er wirklich liebt, nämlich Kunst.«
Ich lächle. »Liam könnte es wahrscheinlich in beidem weit bringen.«
»Na ja, auf jeden Fall ist er dickköpfig genug, es zu versuchen. So viel ist sicher.«
Der Elektrokessel ist fertig mit Aufheizen und Mrs McNamara gießt dampfendes Wasser in einen Becher. Dann reicht sie mir einen Korb mit verschiedenen Teesorten, aus denen ich auswählen soll.
»Danke, Mrs McNamara«, sage ich.
»Gern.« Sie lehnt sich gegen die andere Seite der Kücheninsel und bläst in ihren Tee. »Liam wird sicher gleich runterkommen. Er hatte den ganzen Nachmittag Footballtraining, deshalb musste er erst noch duschen und sich ein bisschen rausputzen.«
Ich lache bei dem Wort »rausputzen«, denn es klingt so gar nicht nach Liam.
»Glaubst du nicht? Er ist manchmal schlimmer als seine Schwester!«
»Der Tee schmeckt sehr gut«, sage ich, nehme noch einen Schluck und lächle über diesen neuen Einblick in Liams Wesen.
»Wie geht es deinen Eltern, Leighton?«
Ich verbrenne mir an einem großen Schluck Tee die Zunge.
»Ähm, so wie immer.« Eine Lüge. »Mein Dad hat noch sein Bauunternehmen.« Im Moment. »Und meine Mom arbeitet weiter im Diner.«
»Oje, ich habe jahrelang gekellnert und ich schwör dir, es war der härteste Job, den ich jemals hatte.«
»Das sagt sie auch. Aber sie meint, jeder sollte das einmal machen.«
»Da bin ich mit ihr einer Meinung. Würde sie gern mal wiedersehen, deine Eltern.«
Ich werde von einer Antwort erlöst, weil Liam in die vom Sonnenuntergang erwärmte Küche tritt. Er trägt ein weißes T-Shirt und Sportshorts und ein Hauch seines Duschgels dringt mit ihm in den Raum, frisch und erdig, mit einem leichten Anklang von Minze. Wahrscheinlich Mundspülung.
Bei seinem Anblick wünsche ich mir augenblicklich, wir hätten doch ein richtiges Date.
»Hi, Leighton«, sagt er und lächelt, als wenn es das Größte wär, dass ich da bin. Ich frage mich, ob er, wenn er wollte, das Flirten abstellen könnte oder ob es ihm einfach angeboren ist.
»So viel Zeit gebraucht und dann kommt er in einem schlichten weißen T-Shirt runter«, sagt seine Mom und schüttelt den Kopf. »In der Vorratskammer sind Kekse, Chips, was ihr wollt. Ihr könnt auch in den Keller, wenn euch Fionas Tanzen nicht stört und ihr mehr Platz braucht. Aber sie wechselt demnächst vom Ballett zu Hip-Hop, deshalb könnte die Musik etwas laut werden.«
»Danke, Ma«, sagt Liam.
»Und, was soll’s sein?«, fragt er mich, als sie weg ist, und öffnet die Kammer. »Süß oder salzig?« Er hält ein paar Twix in der einen und White-Cheddar-Popcorn in der anderen Hand hoch.
»Äh, süß. Wir brauchen saubere Finger.«
Liam kichert und mir wird in Gesicht und Nacken heiß, als ich die Bedeutung meiner Worte begreife. »Für die Bleistifte … für die …« Ich stocke. Es lässt sich nicht mehr retten.
Ich drehe mich um, dankbar, dass Liams Mutter in ein anderes Zimmer gegangen ist.
»Wenn du meinst, Barnes«, sagt Liam. »Ist mein Zimmer für dich okay? Fiona ist eine Perfektionistin. Sie trainiert das gleiche Stück zwanzigmal hintereinander, bis ich so weit bin, na ja … mir lieber Sekundenkleber in die Ohren zu füllen, als noch ein Mal das gleiche Stück zu hören.«
»Dein Zimmer ist okay.«
Wir schnappen uns Snacks und Bücher und gehen nach oben. Liams Zimmer ist riesig und mitternachtsblau. Überall hängen Poster – jede Menge X-Men-Plakate mit Wolverine drauf. Dazu ein paar von den neuesten Marvel-Filmen. Es gibt gerahmte Shadowboxen mit alten Black Panther-Comics, die völlig unberührt aussehen. Ein Basketballkorb hängt über seinem Wäschekorb und er hat ein riesiges Bücherregal neben seinem Bett. Als ich näher herantrete, sehe ich, dass es darin hauptsächlich Graphic Novels gibt.
Auf dem Bett sitzt ein großer, heiß geliebter Stoffteddy mit weinroter Weste. Liam muss gemerkt haben, wieso ich lächle, denn er geht zum Bett, nimmt den braunen Teddy und bringt ihn mir. »Leighton, darf ich dir Mr Jelly vorstellen?«
»Du hast ihn Mr Jelly genannt?«, frage ich lachend.
»Mr Jelly der Dritte.«
»Gab es auch einen Mr Jelly den Ersten und Mr Jelly den Zweiten?«
»Nein, aber ich bin der dritte William McNamara, und als ich fünf war, dachte ich, dass das mit Namen eben so läuft. Außerdem waren Sandwiches mit Erdnussbutter und Gelee das Einzige, was ich etwa drei Jahre lang gegessen habe.«
»Ergo Mr Jelly der Dritte.«
»Ergo.«
Ich setze den Teddy wieder aufs Bett und gehe zu Liams Schreibtisch, wo doch tatsächlich ein Skizzenblock mit der Zeichnung einer Stadt liegt. Die Stadt befindet sich auf dem Mond, umgeben von öden Kratern vor einem Hintergrund aus Dunkelheit und fernen Sternen. Liam folgt mir und seine Finger trommeln einen Rhythmus auf den Stapel mit Schulbüchern.
»Wow«, sage ich und fahre mit der Fingerspitze über den Rand des Blatts. »Liam, das ist wunderschön.«
»Danke«, antwortet er.
»Einsamer Ort zum Leben«, sage ich.
Seine Finger hören auf zu trommeln. »Ja, das wär’s wohl.«
An einer Ecke des Schreibtischs liegen ein paar Broschüren und ich erkenne die Wappen und die gediegen gestalteten Wege. Uni-Broschüren. Und nicht von irgendwelchen Unis.
»Harvard, Yale, Stanford …« Ich lese die drei sichtbaren Namen vor, erst dann merke ich, wie sehr das in seine Privatsphäre eindringt. Ich trete vom Schreibtisch zurück und schaue hoch. »Sorry.«
»Schon in Ordnung. Hätte sie ja wegpacken können, wenn es mir was ausmachen würde. Sind schließlich meine Zukunft. Dann kann ich auch dazu stehen.«
»Bei dir klingt das so unheilvoll.«
»Nee, nicht unheilvoll. Es sind die besten.«
»Sind sie. Und was ist dann falsch dran?«
»Nichts«, antwortet Liam, doch es liegt ein Anklang von Sorge in seiner Stimme. »Nur eine wahnsinnige Konkurrenz, verstehst du? Ich will unbedingt angenommen werden.«
»Und von welcher?«
»Von allen«, antwortet er und er meint es nicht als Witz. Er ist entschlossen. Aus seinen Augen dringt der schiere Wille. Ich sehe den Moment, in dem er merkt, dass ich ihn ein bisschen genauer betrachte, als ich das sonst immer tue.
Er lacht.
»Ist das nicht der Traum? Überall reinzukommen? Ein halbes Dutzend goldene Pfade, die sich vor uns auftun, und wir können wählen?«
Das mit dem goldenen Pfad erinnert mich daran, was seine Mom in der Mittelschule zu mir sagte, um mir Mut zu machen, meine Noten wieder in Ordnung zu bringen. Ich frage mich, wie oft er wohl dieses Gespräch zu Hause gehört hat.
Ich lächle. »Mir würde schon ein goldener Pfad reichen.«
»Okay, ich will auch ganz einfach kein Risiko eingehen, hier nächstes Jahr festzuhängen. Ich bin dieses Kaff so was von leid.«
»Das versteh ich.« Aber ausnahmsweise denke ich mal nicht daran, was bei mir zu Hause läuft. Ich denke an mein Gespräch mit Liams Mom und daran, in einer kleinen Kolonie auf einem leblosen Mond zu wohnen. Ich war jahrelang so in meine eigenen Dinge verstrickt, Kopf nach unten, Augen zu Boden gesenkt, und habe egoistischerweise angenommen, dass ich die Einzige in Auburn wäre, die sich mit irgendwas auseinandersetzt.
»Deshalb bewerbe ich mich bei diesen tollen Unis, bei ein paar guten und einigen, die ganz okay sind – nur zur Sicherheit. Und bei ein paar Kunstschulen. Meine Eltern haben Geld, um mir zu helfen, also hängt es nur von mir ab, ob ich angenommen werde und … du weißt schon … rauszufinden, was ich mit meinem Leben anfangen will.«
»Kein Druck.« Ich registriere, wie er mit einer erzwungenen Beiläufigkeit die Kunstschulen erwähnt. Als ob er herunterspielen will, wie wichtig ihm Kunst ist. Ich kenne diesen Ton nur zu gut. Es ist derselbe, den auch ich verwende, wenn ich mit Mom das Thema Ausziehen ansprechen will. Als wenn das Scheitern nicht so wehtun würde, wenn du niemandem zeigst, wie sehr du es willst.
»Überhaupt keiner.« Liam lacht.
»Das ist es also, was du willst? Solche Geschichten erfinden?« Ich nicke in Richtung der gerahmten Comics an den Wänden.
»Ja. Ich meine, diese Stadt ist so klein und so weiß. Deshalb bedeuten mir diese Sachen hier so viel –« Liam zeigt zu den Graphic Novels auf seinen Regalen. »Ich hab schon immer Superheldengeschichten geliebt, aber inzwischen gibt es endlich Figuren auf der Leinwand, die aussehen wie ich. Es gibt mir das Gefühl, dass eine Karriere als jemand, der diese Art Kunst macht, gar nicht so aussichtslos ist, wenn du verstehst, was ich meine.«
»Ich verstehe genau, was du meinst. Und du hast echt Talent.«
»Egal.« Liam zuckt mit den Schultern. Die kleine Knautschzone bildet sich wieder zurück. »Wo wir schon gerade von Kunst reden … wir sollten vielleicht langsam mal anfangen.«
Ich ziehe die Nase kraus, als er mich dran erinnert. »Ja, okay, lass uns Kunst machen.«
Ich ziehe meine Birnen heraus und reiche sie ihm.
Liam greift nach den Bleistiften auf seinem Schreibtisch und nach einer Schachtel. Wir setzen uns auf den Boden und er öffnet die Schachtel und nimmt eine Brille heraus.
»Du trägst eine Brille?«
»Ich bin ganz, ganz leicht weitsichtig. Manchmal fällt mir das Lesen schwer. Und Zeichnen geht mit Brille einfach besser.«
»Solltest du sie dann nicht … immer tragen?«
»Brauch ich nicht. Ansonsten kann ich perfekt gucken.«
»Ich bin sicher, dass das so nicht funktioniert.«
»Ich bin sicher, ich funktioniere so. Können wir uns jetzt hiermit beschäftigen? Ich bin nicht gut darin, Schwächen zuzugeben.«
»Ist ja nicht mal eine richtige Schwäche, Liam. Die Brille steht dir.«
Er dreht leicht den Kopf und das Lächeln ist wieder da. »Findest du, Barnes?«
»Liam.«
»Okay, okay. Werd ich mir merken, dass du auf Nerd-Typen stehst. Und jetzt weiter.« Er kichert. Plötzlich entdecke ich einen Superman-Comic auf dem Stuhl neben dem Schreibtisch.
»Clark Kent hat auch eine Brille.«
»Nicht, wenn er fliegt«, antwortet Liam, doch dann zuckt er mit den Schultern. »Aber jetzt, wo du’s sagst: Ein schwarzer Superman wär echt cool.«
Er greift nach meiner Birnenzeichnung. »Darf ich?«
»Nur zu«, antworte ich, auch wenn ich bezweifle, dass das Ding noch zu retten ist. Doch dann schaue ich gebannt, wie Liam anfängt, den Rändern von einer der Birnen Ausdruck zu geben, indem er nichts weiter tut, als durch Schraffieren die richtigen Stellen dunkler zu machen und so die runde Form der Frucht herauszuarbeiten. Als er fertig ist, wirkt die Birne fast echt. Ich hab das Gefühl, nach ihr greifen zu können.
»Wahnsinn. Woher weißt du, wie man das macht?«
»Woher weißt du, welche Worte in deinen Aufsätzen oder Kolumnen die richtigen sind? Ist genau das Gleiche. Einfach etwas, das ich kann, und ansonsten viel Übung.«
»Wahrscheinlich«, sage ich. »Aber du könntest locker lernen, besser zu schreiben. Ich werde das da nie lernen. Das ist Hexenwerk.«
»Versuch’s mal«, antwortet er und reicht mir mein Blatt.
Wir arbeiten eine Stunde daran herum und am Ende sehen meine Birnen halbwegs annehmbar aus. Nicht annähernd so gut wie seine, aber in meinem Schulbericht würde wahrscheinlich stehen: »macht Fortschritte«, also B+, wenn ich dieses Niveau halte.
Wir sitzen aus Platzgründen auf seinem Teppich, stoßen aber trotzdem beim Zeichnen immer wieder zusammen. Er beugt sich herüber, sein Finger folgt dem dunklen Rand einer Birne, und Liam erklärt mir, wie ich ihn besser hinkriegen kann. Ich schau zu ihm hoch und lächle. Für einen Moment hatte ich die Brille vergessen. Er sieht wirklich gut damit aus. Als wenn diese kleine Schwäche nur seine Stärke betont. Ein winziger Abstrich, um den Rest umso mehr in den Fokus zu rücken. Athletisch. Akademisch. Offenbar mit dem klaren Ziel Ivy League vor Augen. Doch dann erinnere ich mich an sein Kinn in dem Moment, als er davon sprach, überall reinkommen zu wollen, und an diesen winzigen Ansatz von Unmut wegen der Brille. Perfekt. Zu perfekt. Er bemüht sich so stark. Ich möchte ihm sagen, dass ich es sehe. Ihn sehe.
Er merkt schließlich, dass ich ihn anstarre, und stößt seine Schulter sanft gegen meine.
Plötzlich klopft es laut an der offenen Tür und wir springen auseinander.
»Liam«, sagt Fiona im Türrahmen stehend. »Oh, sorry!«
Liam reißt sich als Erster wieder zusammen. Er wirft mir ein halbes Lächeln zu und zieht die Augenbrauen hoch. Noch mehr Charme.
Ich will es hassen.
Aber ich kann nicht.
»Alles gut, Fi, wir üben gerade Birnen.«
»Ist das was Schmutziges, denn wenn ja, will ich es lieber nicht wissen.«
Ich halte als Beweis unserer Unschuld meine traurige Zeichnung hoch.
»Ah, Birnen«, sagt Fiona und kommt weiter ins Zimmer. »Ihr zwei habt Kunst zusammen?«
»Nie und nimmer!«, antworte ich. »Ich kämpfe mich durch Kunst I.«
»Die sind gut!«, sagt Fiona. »Würde glatt eine essen, wenn sie nicht aus Papier wär.«
»Danke«, antworte ich mit einem Lachen.
»Was wolltest du, Fiona?«, erinnert Liam seine Schwester.
»Ach ja, stimmt. Ich hab jetzt auch den letzten Teil der Übung raus, was heißt, ich bin soooo bereit für den Wettbewerb.«
»Das ist super, Fi. Heißt das, ich muss jetzt das Musikstück weniger oft hören?«
»Nein. Noch öfter. Es muss perfekt sein und ich hab nur noch knapp zwei Monate.«
Fiona erzählt mir vom Tanzen, von der großen Reise, die ihre Familie plant, damit sie an dem Wettbewerb teilnehmen kann, und was es für eine große Sache wär, wenn sie dabei gut abschneidet. Es ist leicht, mit ihr zu reden und zu flachsen, und es fühlt sich völlig normal an, mit Liam und seiner Schwester die Zeit zu verbringen. Ich bin sogar ein bisschen erleichtert, dass Fiona da ist, denn das hier war ja als Kunstnachhilfe gedacht, und an Liams Schulter zu lehnen hat es nicht eben leicht gemacht, mich zu konzentrieren.
Fiona versucht sich auch an den Birnen und selbst ihre sehen besser als meine aus, doch ich achte darauf, wie sie das Handgelenk bewegt für die Schattierung, und als ich versuche, eine neue zu zeichnen, gelingt es mir wirklich besser.
Ein paar Minuten bevor meine Mom mich abholen will, bringt mich Liam nach draußen und wir stehen in der kühlen Herbstluft auf der Straße.
»Danke, Liam. Das war echt nett von dir.«
»Oh … nein, war es nicht.« Er reckt die Arme und reibt sich mit der Hand über den Kopf. Er trägt keine Jacke und die Arme sind nackt. Ich hatte immer gedacht, dass ich später an der
Uni mehr auf die nerdigen, stillen Typen stehen würde. Liam dagegen ist Footballspieler und mit denen, hatte ich mir geschworen, wollte ich nie was zu tun haben. Er ist der beliebte Typ mit all seinem Charme. Und noch mehr spricht eigentlich gegen ihn. Er ist laut und lustig und fühlt sich wohl, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen – auf eine Weise, wie es mir niemals gelingen wird. Und trotzdem …
»Doch, natürlich war das nett. Du hast mir so geholfen.«
»Vielleicht, aber ich hab es nicht aus reinem Herzen getan. Hör zu, ich verberge nicht gerade, dass ich dich mag. Und ich finde es total cool, wenn wir nur Freunde sind. Aber es wär einfach schön, dich auch ab und zu außerhalb der Schule zu treffen.«
Oh.
»Ich hab es dir doch gesagt, Liam. Ich hab keine Zeit.«
Es gibt so vieles, was ich nicht sage.
»Stimmt, du hast keine Zeit.«
Genau.
Moment.
»Was?«
»Das mit der Aufnahme an der Uni, das hast du doch in der Tasche, Leighton. Wieso gönnst du dir nicht, du weißt schon, ein bisschen Spaß? Hast du je Spaß? Weil … ich hab noch kein Anzeichen davon gesehen. Muss ja nichts Ernstes sein. Lass uns bloß … einfach ein bisschen zusammen abhängen. Uns ein bisschen besser kennenlernen.«
Ich weiß, es gibt tausend Gründe, Nein zu sagen. Und ich werde zu Hause gebraucht.
Aber Liam lächelt zu mir runter, ich habe ein paar Stunden in dem sicheren Hafen seines Zuhauses verbracht und ich werde von dem Wunsch gepackt, egoistisch zu sein. Von dem Wunsch, Ja zu sagen.
»Okay.«
Liam grinst und ich bin schon froh, dass ich es rausgebracht hab.
»Okay«, sagt er. Nächsten Samstag macht James noch mal ein Gartenfeuer. Dürfte nicht allzu wild oder verrückt werden. Klingt das okay?«
»Okay«, sage ich wieder.
»Oh, und … soll ich dich morgens zur Schule fahren?«, fragt er. »Ich komm sowieso an der Abzweigung zu eurem Haus vorbei, also liegt es auf meinem Weg. Musst du mal nicht mit dem verdammten Bus fahren. Außerdem, vielleicht gefällt dir ja auch irgendwie, auf gewisse Weise meine Gesellschaft.«
»Irgendwie.« Ich lächle. »Auf gewisse Weise.«
»Ja?«
»Ähm. Ja. Ja, das geht. Ich meine, danke.«
Eine Minute später kommt Mom und holt mich ab. Und den größten Teil des Abends fühl ich mich super, dass ich Ja gesagt hab. Auf dem ganzen Weg nach Hause und während ich am Küchentisch meine Mathenotizen durchgehe. Als ich Mom leise Gute Nacht wünsche, nachdem sie schon auf dem Sofa eingeschlafen ist. Und als ich mich bettfertig mache.
Doch als ich in mein Zimmer komme, finde ich Campbell und Juniper, die in meinem Bett schlafen. Und ich spüre einen Anfall von Schuld, der so stark ist, dass es körperlich wehtut.
Sie rühren sich, als ich zu ihnen ins Bett krieche.
»Hey, Cammy«, sage ich mit leiser Stimme im Dunkeln. Ich will sie nicht aufwecken, falls sie schon wieder eingeschlafen ist.
»Ja?«
»Hast du was dagegen, wenn ich am Samstagabend auf eine Party gehe?«
»Ha. Ich wusste doch, dass es nicht um Kunst ging«, antwortet sie. Ich muss ihr Gesicht gar nicht sehen, um mir ihr Grinsen vorzustellen. Balg.
»Er hat auch angeboten, mich morgens zur Schule zu fahren.«
»Das ist doch super, Leighton. Wir kommen schon klar. Du hättest doch auch niemals Nein zu meinen Fahrradexkursionen gesagt. Jetzt brauchst du eben mal was.«
Ich sollte mir merken, öfter mit der verschlafenen Campbell zu reden. Sie ist so lieb.
»Außerdem lernst du bloß den ganzen Tag. Wenn du zu viel liest, platzt dir noch mal der Kopf.«
Und da ist sie.
Ich lache und drücke meine Füße gegen ihre nackten Beine.
»Himmel, Leighton, deine Füße sind ja Eisklumpen.« Sie schnappt sich ein Extrakissen und schiebt es unter die Decke zwischen unsere Beine. »Da, das Kissen kann dich auftauen.«
Vielleicht klappt es ja wirklich. Ich kann es natürlich nicht zur Gewohnheit werden lassen, aber es ist ja tatsächlich nur ein Abend. Eine Party. Noch nicht mal eine richtige Party, bloß ein Gartenfeuer mit Freunden.
Ein Abend, um mich wie siebzehn zu fühlen.
Bevor ich es ganz versäume.