24. KAPITEL

Ich betrete das Haus mit einem Lächeln im Gesicht. Immer noch wiederhole ich im Kopf alles, was an diesem Abend passiert ist – mit besonderem Schwerpunkt auf die Kussstellen –, als plötzlich für einen kurzen Moment die Lichter über den Arbeitsplatten hell aufleuchten – ein Stromstoß, der meine Aufmerksamkeit anzieht. Dann sehe ich das Spülbecken und das warme Gefühl auf den Lippen weicht einer Angst, als wenn ein Eimer eiskaltes Wasser über meinem Kopf ausgekippt würde.

Ein Geschirrteil ist zerbrochen – die Scherben liegen im Spülbecken und auf dem Boden herum. Ich glaube, das Teil war mal ein Teller, aber jetzt sind nur Scherben aus gelber Keramik übrig. Auf der Arbeitsplatte liegen noch Spaghetti – ungekocht und nicht mal aus der Packung genommen. Es riecht nach verbranntem Hühnchen und ich sehe die angekokelte Pfanne zwischen den Scherben im Spülbecken liegen. Auf dem Herd kocht wie verrückt ein Topf Wasser und ich renne durch die Küche und stelle die blaue Gasflamme aus. Erst als sich das Wasser im Topf beruhigt, merke ich, wie still alles ist.

Ich trete in das verdunkelte Wohnzimmer und da plötzlich höre ich es. Ein Wimmern. Ich lasse Tasche und Jacke auf den Boden fallen und steige im Dunkeln über Möbel, bis ich Campbell und Juniper finde, die zusammengekauert in der Ecke hocken.

»Alles okay?«, frage ich, doch meine Stimme hallt von der Wand zurück und vermittelt mir das Gefühl, dass es gefährlich ist zu sprechen.

»Wir hätten dich gebraucht«, sagt Cam.

»Ich bin so froh, dass du wieder da bist«, ergänzt Juniper.

Ich kann nicht viel in dem Dunkel erkennen, aber Cams Augen leuchten, wenn sie das Licht aus der Küche trifft. Verdammt. Ich hätte hier sein müssen.

»Ich bin auch froh, Junie. Was ist passiert?«

»Wir haben das Huhn anbrennen lassen«, antwortet sie. »Da hat er die Pfanne in den Ausguss geworfen und den Teller kaputt geschlagen. Dann hat Mom gesagt, er soll aufhören, und da …«

»Und da« reicht. Ich kann mir alles genau ausmalen. Er war wütend. Und sie ist wütend geworden. Also wurde er noch wütender. Das scheint eine unausgesprochene Regel bei uns zu sein: Niemand darf wütender sein als er. Ich gehe zum Treppenabsatz und horche, hör aber nichts. Es ist schrecklich und beängstigend, wenn er schreit. Aber noch schlimmer wirkt es, wenn alles still ist.

»Hat er irgendwas mit nach oben genommen?«, frage ich Campbell.

»Irgendwas?«

Ich sehe Juniper an.

»Ein Messer zum Beispiel? Seine Pistole?«

Campbells Augen reißen auf. Ich bedaure die Frage, doch sie antwortet trotzdem.

»Hab nichts gesehen.«

»Bleib du bei Junie«, sage ich und betrete die erste Stufe.

»Geh nicht nach oben«, zischt Cam.

Ich will nicht.

»Ich muss nach Mom sehen.«

»Bitte, Leighton«, sagt Juniper mit Tränen in der Stimme.

»Okay, okay.« Und ich kehre um. »Ich bleib ja hier.«

Ich hocke mich zu den Mädchen und wir sitzen minutenlang still und leise im Dunkeln.

»Hey, Juniper, wie war die Schule heute?«

Juniper kriecht auf meinen Schoß, ehe sie antwortet.

»Guuuut«, dehnt sie das Wort.

»Was hast du gelernt?«, frage ich und meine Finger fummeln in ihren weichen Haarsträhnen rum. Die müssen unbedingt mal geschnitten werden.

Junie scheint schwer über die Frage nachzudenken. Im oberen Stock knarrt einmal kurz der Boden. Dann ist wieder alles still.

»Ich hab etwas über Amelia Earhart gelernt«, flüstert Juniper.

»Echt? Was hast du denn über sie gelernt?«

»Sie war eine der ersten Frauen, die ein Flugzeug gesteuert haben, und sie ist durch die ganze Welt geflogen.«

»Das ist ja super, Junie.«

»Leighton«, flüstert sie. »Glaubst du, Amelia war furchtlos?«

Oben erhebt sich eine Stimme und bricht abrupt wieder ab.

»Ja, Juniper, ich glaube, sie musste furchtlos sein.«

Campbells Blick ist auf die Decke gerichtet.

»Und du, Campbell? Was hast du in der Schule gelernt?«

Cam ignoriert mich. Ich fasse nach ihrer Hand und drücke sie. »Jetzt bin ich ja hier, Cam. Tut mir leid.«

Sie starrt weiter nach oben. Auch ich fühle mich gezwungen hochzuschauen. Selbst wenn ich den Röntgenblick hätte, wüsste ich nicht, ob ich durch die Decke hindurchschauen wollte. In Gedanken gehe ich die Was-wenn-Varianten durch. Die schlimmsten Möglichkeiten. Die Albträume.

Sie ist verletzt. Sie braucht mich und ich sitz hier unten. Vielleicht weint sie oder hat Angst. Er könnte ein Messer dabeihaben. Er könnte die Pistole ausgepackt haben. Er könnte ihr drohen.

Sie könnte tot sein.

Der Boden knarrt und ich schaue wieder nach unten.

»Cammy? Was hast du gelernt?« Meine Stimme ist kaum zu hören, doch ich weiß, Cam hört mich.

»Weiß ich nicht mehr, Leighton«, sagt Cam und ihre Stimme ist so leise wie meine, nur eisig.

Wir hören oben Schritte. Drei Köpfe beugen sich nach hinten und gemeinsam schauen wir wieder zur Decke.

Schritte von einer Person.

Nein, von zweien.

Eine Tür fliegt auf und schlägt gegen die Wand. Ich fahre zusammen und erschrecke Juniper auf meinem Schoß. Ich drücke sie kurz ganz fest an mich – zur Beruhigung und Entschuldigung.

»Sie ist okay«, flüstere ich den Mädchen zu, als unsere Eltern die Treppe herunterkommen. Ich sehe ihre Gesichter nur zur Hälfte. Die eine Hälfte liegt im Schatten, die andere wird von dem viel zu hellen Licht aus der Küche angestrahlt. Er wirkt selbstzufrieden. Mit einem dümmlichen Grinsen im Gesicht. Ich weiß, das Grinsen ist besser als seine Wut, doch ich hasse dieses Gesicht, das er zieht. Meine Augen lösen sich von seinem hässlichen Anblick und wandern zu Mom. Sie ist müde.

»Hi, Mom«, sage ich.

»Oh, Leighton, du bist wieder zu Hause«, antwortet sie.

»Alles okay mit dir?«, frage ich.

Er schnaubt, geht durchs Wohnzimmer.

»Natürlich ist mit mir alles okay.«

Natürlich.

»Wir haben uns Sorgen um dich gemacht«, ergänze ich.

Mom seufzt, öffnet den Mund zu einer Antwort, doch wird von Welcome to the Jungle abgeschnitten. Er dreht den Regler bis zum Anschlag auf. Volle Dröhnung. Das Haus wackelt von den Bässen.

Er geht in die Küche und irgendwas kracht in die Spüle.

»Und keiner hat mal dran gedacht, das angebrannte Essen wegzuräumen, Scheiße, verdammt«, schreit er. Weitere Teller klirren und Campbell springt auf.

»Ich komm schon«, verkündet sie mit fester und klarer Stimme, die durch die Musik schneidet. In ihr ist nichts mehr von der Angst, die sie gerade noch so still, ernst und weich hat scheinen lassen.

Aus irgendeinem Grund macht mich Cams Enthusiasmus, die angebrannte Pfanne zu spülen, wütend. Und wegen Moms lockerem natürlich könnte ich losschreien. Ich zähle im Kopf bis drei und beiße den Kiefer zusammen, als wenn er von Drähten so festgehalten würde. Mach’s nicht noch schlimmer. Mach’s nicht noch schlimmer. Ich muss mir die Worte auf den Arm tätowieren lassen, damit ich mich immer an sie erinnere. Ich stehe auf und setze Juniper auf dem Sofa direkt neben Mom ab.

»Erzähl ihr von Amelia«, schreie ich gegen die Musik an und trete an der Küche vorbei, die so hell erleuchtet ist, dass es mir in den Augen wehtut. Ich bin mir sicher, das Licht wird immer heller, bis ich mich abwenden muss – mit Campbells Silhouette tief in die Lider eingebrannt, wie sie vor der Spüle steht und die kaputten Teller abwäscht. Ich blinzle und jetzt ist das Licht okay. Wieder auf dem normalen Niveau von immer-noch-viel-zu-hell. Es ist, als ob das Haus will, dass das Bild tief in meine Netzhaut eingebrannt bleibt.

Ich laufe im Wohnzimmer herum und hebe die Rahmen auf. Ich hänge sie wieder an ihre Nägel und lasse sie hin und her schwingen, bis sie von selbst ihren Ruhepunkt finden. Als ich am Fenster vorbeigehe, sehe ich etwas Graues aufblitzen. Joe landet im Gras. Ich gehe weiter und hänge einen Rahmen am Treppenabsatz auf. Ich gehe ins Bad und hebe die Handtücher auf, die heruntergefallen sind. Und dann gehe ich in mein Zimmer, wo ich die Poster wieder an der Wand befestige, die nicht an Nägeln hängen, sondern an Posterstrips. Ich verstehe gar nicht, wieso auch sie jedes Mal runterfallen. Wieso das Haus auseinanderfällt, ohne berührt zu werden. Im Zimmer der Mädchen rolle ich die Buntglasfenstersticker auseinander, die wie verwelkte Blütenblätter auf den Teppich gefallen sind, und klebe sie wieder an die Scheibe. Sie haben, glaube ich, mal einen Schmetterling gebildet. Jetzt sind sie nur noch Teile eines unvollständigen Ganzen. Die Teile, die wir noch nicht verloren haben.

Joe landet draußen auf dem Fensterbrett und diesmal bleibe ich stehen, weil ich das Gefühl habe, er folgt mir aus irgendeinem Grund von Fenster zu Fenster. Ich schiebe das Fenster vorsichtig auf und gebe ihm Zeit, gegebenenfalls wegzufliegen. Dann schiebe ich die Hand vor, einen Finger ausgestreckt, und er bleibt ruhig hocken, während ich mit der Fingerkuppe seitlich an seinem Federkleid entlangfahre. Einmal, zweimal.

Er dreht sich um und lässt etwas auf das Fensterbrett fallen. Dann fliegt er weg.

Ich fasse nach dem Gegenstand.

Es ist Junipers Lederarmband mit den eingestanzten Initialen von ihr. Es sieht ein bisschen verwittert aus, doch ist noch in Ordnung. Joe hat es zurückgebracht.

Es ist merkwürdig, wie uns manche Dinge für immer verloren gehen und andere ihren Weg zurück finden und wir unmöglich vorhersagen können, welches Ende ein Teil nimmt, bis es wieder da ist, falls es denn je zurückkommt.

Vor langer Zeit flog Amelia Earhart davon und kehrte nie mehr zurück. Es heißt immer, sie sei verschollen. Doch jetzt erinnert sie mich an eine Krähenlegende, die ich für meine Kolumne gelesen habe. Die Babylonische Flut liegt sogar noch vor der Zeit Noahs. In der älteren Geschichte schicken, als die Sintflut die ganze Welt überschwemmt, jene, die auf einem Boot überleben, Vögel aus, die nach Land suchen sollen. Als Erstes senden sie eine Taube los – doch die Taube findet keinen Ort, um sich niederzulassen, und kehrt schnell zurück. Der zweite Vogel, den sie aussenden, ist eine Schwalbe. Auch sie kehrt, nachdem sie auf dem endlosen Meer kein Land und kein frisches Wasser gefunden hat, wieder zurück. Schließlich schicken sie die Krähe los, die in Richtung Horizont davonfliegt. Der dritte Vogel, den sie mit der Aufgabe betraut haben, Land zu finden. Die Krähe kehrt nicht zurück.

Vielleicht war Amelia gar nicht im endlosen Meer verschollen. Vielleicht fand sie Land wie die Krähe und entschied sich, dort zu bleiben, wo sie sich sicher fühlte.

Vielleicht kann Überleben auch furchtlos sein.