26. KAPITEL

Liam fährt mich jetzt morgens zur Schule. Jeden Tag wartet er in seinem Ford am Ende der Frederick Street – gegenüber den Briefkästen, die inzwischen ständig von Krähen besetzt sind. Er wartet dort, während ich meine Schwestern zur Haltestelle bringe und dafür sorge, dass sie sicher in den Bus kommen. Falls ihm mein Verhalten albern oder unnötig scheint, zeigt er es mir zumindest nicht.

Nach wenigen Wochen kommt es mir vor, als würden wir schon immer zusammen zur Schule fahren.

Liam konnte das nicht wissen, doch seine Beständigkeit ist vielleicht das, was mir an ihm am besten gefällt. Ich lasse es zu, dass ich mich auf ihn freue, und diese Vorfreude ersetzt allmählich meine nächtliche Angst vor dem Kriechraum. Ich schlafe leichter ein. Die Fahrt zur Schule dauert zwar nur eine Viertelstunde, doch es ist eine gute Viertelstunde.

Es ist nicht wie unser erstes Date. Wir haben uns noch nicht einmal wieder geküsst. Wir reden einfach und lachen und tauschen uns über Lieblingssongs aus.

Am zweiten Freitag unserer gemeinsamen Fahrten zur Schule haben wir eine Prüfung in English Lit.

»Morgen«, sagt er gähnend. Er ist noch vom Footballtraining kaputt.

»Morgen«, antworte ich und reiche ihm den zweiten Becher, den ich für ihn mitgebracht habe. »In meinem ist Kaffee, aber ich hab gemerkt, dass du nie welchen trinkst, also ist in deinem heiße Schokolade. Ich hoffe, das ist okay. Wir können sonst auch tauschen.«

»Perfekt«, sagt Liam. »Danke. Und, was soll’s sein?« Er dreht an der Lautstärke und schaltet das Radio an.

Used to Love Her von Guns N’ Roses. Und ich habe plötzlich einen bitteren Geschmack im Mund.

»Nicht dieser Song«, sage ich, strecke die Hand aus und schalte das Radio ab.

Liam schaut zu mir rüber und die Neugier steht ihm ins Gesicht geschrieben. »Kein Fan?«

»Echt nicht. Schon gar nicht von dem Song.«

»Wie wär’s ganz ohne Musik?«

»Danke.« Ich trinke einen Schluck Kaffee und warte, dass sich die Beklemmung in der Brust löst, dann hol ich mein Literaturnotizheft heraus. »Soll ich dich ein bisschen abfragen, während du fährst?«

»Ja, das ist gut.«

»Okay –« Ich blättere zu der Seite mit meinen Lernnotizen. Heute steht eine größere Prüfung zu allen Büchern an, die wir im Sommer gelesen haben. Ich stöbere nach einer guten Anfangsfrage, aber sie sind alle aus unserem Tess von den d’Urbervilles-Curriculum von Anfang September, deshalb sind sie irgendwie deprimierend. »Wie schrecklich war das Ende von Tess

»Ist das eine Prüfungsfrage? Mann, damit schaffe ich glatt ein A.«

»Nee, nur meine persönliche. Okay, konzentrier dich. Wie beeinflussen soziale Standesunterschiede Tess in ihrem gesellschaftlichen Verhalten? Wie entscheidend war ihre soziale Stellung in Bezug auf den Ausgang ihrer Geschichte?«

Liam scheint über die Frage nachzugrübeln, während er an eine Kreuzung heranfährt und sicher abbiegt. Ich mag, wie gelassen er ist. Er wirkt nie wie auf der Flucht. Es gibt keine eiligen, hastigen Bewegungen. »Weil sie, wenn sie reich wär, Alternativen gehabt hätte. Geld bedeutet Möglichkeiten. Wenn du keine Mittel hast und auch nur eine Winzigkeit schiefgeht, bist du im Arsch. Vollkommen abhängig von andern. Außerdem hätte sie sich einen gewieft genialen Anwalt nehmen können.«

Der Schluss der Antwort bringt mich zum Lachen.

»Und? Wie war ich?«

»Gut, ich würde vielleicht nur nicht ›gewieft genialen Anwalt‹ und ›im Arsch‹ schreiben.«

»Pah, wo bleibt denn dann der Spaß? Nächste Frage«, sagt er. »Beeil dich, wir sind gleich da.«

»Hmmm, okay«, antworte ich und suche auf der Seite. »Erörtern Sie die Beziehung zwischen Männern und Frauen in dem Roman. Wie unterscheiden sie sich von gegenwärtigen sozialen Konstrukten?«

»Oh gut, die ist einfacher.«

Auf der Seite vor mir habe ich Stichpunkte zu dieser Frage notiert. Sechs saubere Zeilen, die die Geschlechterdiskriminierung im Verlauf eines Jahrhunderts herunterbrechen. Es ist absurd vereinfacht. Ich verpasse Liams Antwort.

»Entschuldigung, was hast du gesagt?«

»Ich sagte, dass es jetzt auch nicht groß anders ist. Liest man ja überall. Es gibt jede Menge Belästigungen, Übergriffe und was weiß ich. Es ist anders, aber irgendwie auch gleich.«

Ich sehe ihn ein bisschen überrascht von der Seite an. Hätte nicht gedacht, dass Jungs in meinem Alter diese Dinge so aufmerksam verfolgen. Und ich dachte, er hätte es halb als Witz gemeint, als er sich als Feministen bezeichnete. Aber er registriert extrem viel.

»Alles okay da drin, Barnes?« Wir sind auf den Parkplatz eingebogen. »Ich hab das Gefühl, du bist heute Morgen überall, nur nicht hier.«

Klar meint er das nicht, doch ich muss an das Spiel denken, mit dem ich in schlimmen Nächten Juniper abzulenken versuche. Überall, nur nicht hier.

»Alles gut.«

»Zu viel gelernt«, sagt er. »Und zu viel Football.«

»Du magst Football.«

»Dich mag ich wesentlich mehr«, kontert er. »Unser nächstes Date ist absolut überfällig.«

Ich lache. »Wär schön. Aber keiner von uns wird noch ein Sozialleben haben, wenn wir die English-Lit.-Prüfung nicht bestehen.«

»Stimmt«, sagt Liam. Sein Gesicht hellt sich auf. »Warte. Bleib noch einen Augenblick sitzen.«

Er steigt aus dem Wagen, läuft um die Motorhaube und zieht den Kragen seiner Fleecejacke hoch, um den Hals vor der frostigen Morgenluft zu schützen. Dann öffnet er mir die Tür.

»So. Ein bisschen Ritterlichkeit. Um wettzumachen, was für Idioten Jungs sind.«

»Galante Ritter haben Frauen als Hexen verbrannt.«

»Ja, ich weiß, aber dieses Gespräch über die arme Tess macht mich fertig.«

»Geht mir auch so«, antworte ich und wir laufen zusammen in Richtung Schule.

Ich versuche mich auf die Prüfungsaufgaben zu konzentrieren, doch der Ausdruck »die arme Tess« hat sich in meinem Kopf festgesetzt. Tragödie, die klassische Situation der klassischen Heldinnen.

Ich will nicht wie Tess sein, die arme Tess, oder wie eine der anderen Frauen in Büchern, die in der Falle sitzen. Oder schlimmer noch: die sich wehren und dafür umgebracht werden. Denn dieser Teil stimmt nur allzu genau. Den Mund aufmachen kann gefährlich sein. Wenn man genau hinschaut, und das hab ich getan, findet man jeden Tag in den Nachrichten Berichte, wie gefährlich es sein kann. Ich weiß, wie viele Stunden der Angst in dem Ausdruck häusliche Auseinandersetzung enthalten sind. Es steckt eine ganze Historie seelischer Qualen darin. Und wenn ich mir vorstelle, Journalistin zu werden, hoffe ich, dass ich jenen Worten ihr wahres Gewicht auf dem Papier geben kann. Ich hoffe, eines Tages die Geschichten erzählen zu können, die es verdienen, ans Licht gebracht zu werden.

Doch sosehr ich es hasse, nichts zu sagen, so sehr weiß ich auch, dass es meine einzige Chance ist, ihre Sicherheit zu gewährleisten.

Im Moment.

Doch ich werde nicht für immer schweigen.