27. KAPITEL

Nach der Schule trage ich meinen Frust mit der Literatur dorthin, wo ich ihn am besten aufgehoben glaube: ins Zeitungsbüro. Sofia sitzt an meinem Schreibtisch, und als ich Blickkontakt mit ihr suche, ist es, als ob sie sofort sieht, dass etwas in mir vorgeht.

»Was ist?«, fragt sie.

»War nur ein langer Tag. English-Lit.-Prüfung.« Ich lasse meine Rechercheunterlagen auf den Schreibtisch fallen und suche nach dem Zettel mit der Adresse und Telefonnummer von einem Ornithologen an einer nahe gelegenen Uni, den ich in meinen Rucksack geworfen habe. »Heb deinen Hintern. Ich muss was tun.«

Sofia rührt sich nicht, also setze ich mich auf ihren Schoß.

»Sehr erwachsen«, sagt Sofia durch meinen Haarknoten, der ihr ins Gesicht fliegt. »Total wie bei echten Journalisten.«

»Echte Journalisten erledigen ihre Arbeit im Büro. Die hängen nicht bloß ab und quatschen oder machen Kulleraugen, weil sie auf jemanden abfahren.«

»Ich glaub das nicht. Schwör mir, dass wir nie zu erwachsen werden, um Kulleraugen zu machen und auf Leute zu stehen. Wen rufst du an?«

Ich wähle bereits die Nummer, halte aber die Sprechmuschel mit der Hand zu. »Einen Vogelexperten.«

Sofia drückt mich hoch und rutscht von meinem Stuhl. Ich lasse mich gerade zurücksinken, als es bei der gewählten Nummer klingelt.

Es geht niemand dran, also versuche ich, eine Nachricht zu hinterlassen, aber Sofia kommt zum Schreibtisch zurückgerannt, wedelt mit einem Papier und hüpft wie verrückt. Ich starre sie an und winde mich durch den Rest meiner Nachricht.

»Sofia!«, schreie ich, nachdem ich aufgelegt hab. »Die Nachricht war ein einziges Gestammel. Was ist denn so wichtig?«

»Die Ankündigung des Winterballs«, antwortet sie und wirft mir den Flyer auf den Schreibtisch. Ein Ball. Sie hat meinen Anruf wegen eines Balls gestört.

»Geh ich sowieso nicht hin«, sage ich. Der Winterball fällt jedes Mal auf Silvester – der Versuch unseres Bezirks, das Trinken und anschließende Autofahren zu reduzieren, als ob es kein Ecstasy und keine Wodkaflaschen unterm Beifahrersitz versteckt gäbe.

»Das Motto ist Achtzigerjahre, Leighton. Das wird der Wahnsinn. Außerdem wird dich Liam fragen«, sagt sie, stützt ihre Hand in die Hüfte und legt den Kopf schräg. »Und du wirst Ja sagen.«

»Sofia …« Ich streite nicht mit ihr. Es ist sinnlos. »Ich hoffe, dass ich heute Nachmittag ein Interview mit dem Ornithologen ausmachen kann. Kommst du mit? Dann können wir zusammen unsere Interviewfähigkeiten trainieren.«

»Ja klar. Du brauchst nur jemanden, der dich hinfährt.«

Jetzt lege ich den Kopf schräg. »Biiiitte.« Ich mache das Gesicht nach, das Juniper zieht, wenn sie schmollt. Das Mädchen beherrscht ein Schmollen, für das sie locker ein A+ kriegen müsste.

Mein Telefon klingelt. »Oh, super. Das ist er! Bringst du mich?«

»Natürlich.«

»Danke –«

»Unter einer Bedingung.«

Mist.

»Wenn Liam dich fragt, sag einfach Ja.« Und diesmal sagt sie es nicht fordernd, sondern so, als ob sie mir den letzten Donut aus einer Schachtel anbieten würde, nach dem Motto: Hier, nimm, du kannst ihn echt brauchen.

»Okay«, antworte ich und schnappe mir den Hörer, bevor es aufhört zu klingeln.

Ich verabrede ein Treffen in einer Stunde und sage Sofia, dass wir uns bei ihr am Auto treffen.

Ich nehme den Winterball-Flyer vom Schreibtisch. Ein Teil von mir ist froh, dass Sofia die Sache gepusht hat. Es ist der Teil, der heimlich hofft, dass Liam mich tatsächlich fragen wird, damit ich egoistisch und siebzehn sein kann und Ja sage.

Unter dem Flyer für den Ball liegt ein weiterer rosa Zettel. Es ist der mit dem Aufsatzwettbewerb der Stadt. Ich habe das Gefühl, der verdammte Zettel taucht überall auf, wo ich hinkomme, und verhöhnt mich. Ich hab versucht, den Aufsatz zu schreiben, gleich nach dem Footballspiel letzten Freitag. Aber ich hab’s nicht geschafft.

Stolz auf Auburn sein, verlangt er.

Aber das bin ich nicht.