Am Montagmorgen wache ich von Kaffeegeruch auf und sehe meine Mom mit zwei Bechern in der Hand vor meinem Bett stehen. Draußen ist es noch dunkel.
Ich setze mich eilig auf und horche nach einem Geräusch aus dem Rest des Hauses, doch alles ist still.
»Mom?«
Sie reicht mir den Becher.
»Alles gut«, sagt sie und nimmt einen Schluck von ihrem. Dann geht sie durchs Zimmer zu einer kleinen Pinnwand, die über meinem Schreibtisch hängt. Sie löst eine der vielen Uni-Broschüren und bringt sie zurück ans Bett.
»So. Die soll es also sein?«, fragt sie. »New York University.«
»Woher wusstest du das?«
»Ich weiß alles«, antwortet sie und stößt ihre Schulter leicht gegen meine.
Wir schlürfen noch ein paar Minuten lang schweigend unseren Kaffee. Ich weiß, was Dad immer von mir erwartet hat. Er meinte, ich hätte kein Talent, um irgendein Schulstipendium zu kriegen, sondern müsse hart arbeiten, damit ich die geforderten Noten schaffe. Und das hab ich gemacht. Ich habe beides: einen perfekten Notendurchschnitt und absolut keinen Bock, auf die Uni zu gehen, die er für die beste hält. Aus reiner Gehässigkeit hege ich diesen starken Wunsch, es an eine andere zu schaffen.
Und irgendwie weiß Mom davon.
»Ich hab mich letzte Woche beworben«, erzähle ich ihr. »Für die frühe Entscheidung. Ich bekomme schon im Dezember Bescheid.«
»Wie hast du das Ganze bezahlt? Bewerbungen sind teuer.«
»Ähm, über einen Gebührenerlass. Mrs Riley hat mir dabei geholfen.«
Mom schweigt einen Augenblick und ich möchte unbedingt wissen, was sie empfindet.
»Na, das macht unsere Pläne für heute noch relevanter. Also los, zieh dich an. Bequeme Schuhe. Sagen wir, in zehn Minuten?«
Ich bin schon nach drei Minuten unten, Haare in meinem gewohnt unordentlichen Knoten im Nacken zusammengesteckt, Jeans eilig übergezogen und einen übergroßen Pullover über dem Tanktop, das ich im Bett getragen habe.
»Einiges davon wirst du bestimmt noch bedauern«, sagt Campbell vom Küchentisch aus, wo sie eine Schüssel Müsli isst. Juniper lacht und lässt Milch auf die Tischplatte tropfen.
Niemand beeilt sich, sie wegzuwischen.
Ich komme mir vor, als wär ich in einem Paralleluniversum aufgewacht.
»Keine Zeit mehr zum Umziehen«, sagt Mom. »Auf geht’s.«
Und ohne Weiteres lassen die Mädchen ihre leeren Schüsseln in der Spüle stehen und drängen mich hinaus zu Moms Auto. Der Motor läuft schon, die Heizung hat das Innere des Wagens aufgeheizt gegen die kühle Herbstluft.
Wir steigen ein und schnallen uns an. Schließlich frage ich: »Was ist los?«
»Wir fahren –«
»Stopp«, sagt Mom. »Wartet. Lasst sie uns überraschen.«
»Aber sie hasst Überraschungen«, sagt Campbell.
»Ich hasse Überraschungen«, wiederhole ich.
»Die hier wird dir gefallen«, beharrt Mom. »Okay, Musik. Juniper darf als Erste was auswählen.«
Campbell und ich stöhnen und ich greife nach dem Reisebecher mit Kaffee, den ich mir statt Frühstück geschnappt habe.
Ungefähr zehn Minuten später halten wir vor dem Diner.
»Lustig«, sage ich. »Aber wieso haben die Mädchen dann zu Hause gefrühstückt?«
»Wir sind nicht zum Frühstücken hier«, sagt Mom, »sondern deswegen.«
Sie zeigt an das andere Ende vom Parkplatz, wo ein Bus im Leerlauf wartet.
»Wir … begeben uns auf ein Abenteuer«, flüstert sie.
»NACH NEW YORK!«, kreischt Juniper so laut, dass ich fast meinen Kaffeebecher fallen lasse.
»Ernsthaft?«, frage ich Mom komplett ungläubig. So etwas haben wir schon Ewigkeiten nicht mehr gemacht. »Was ist mit Schule?«
»Ist heute nicht. Wir haben entschieden: Wenn du in New York leben willst, musst du vorher wenigstens einen Tag lang dort gewesen sein, um zu sehen, ob es dir wirklich gefällt.«
»Verstehe«, sage ich. Aber ich weiß auch so, dass es mir gefallen wird. New York ist das Gegenteil von Auburn. Was soll einem da nicht gefallen?
»Der Bus fährt uns hin und bringt uns um fünf wieder zurück, das heißt, wir müssen den Tag ausfüllen«, erklärt Mom. Sie überprüft noch mal, ob Juniper auch ihre Handschuhe und einen Schal dabeihat, und reicht Campbell ihre warme Mütze. Es ist windig heute, wir hören es draußen pfeifen.
»Wir haben schon so lange keinen Apfeltag mehr gehabt«, sagt Campbell.
»Was ist denn ein Apfeltag?«, fragt Juniper. Ihr Lachen ist riesig groß und zeigt ordentlich Zähne.
Mom trinkt einen Schluck von ihrem Kaffee. Ich sehe, wie sie leicht die Mundwinkel hochzieht wegen Junipers Frage. Und ich denke an die Erinnerungen, die dieses Wort mit sich bringt.
»Wir haben im Herbst immer einen Tag Schule und Arbeit sausen lassen«, erkläre ich Juniper. »Dann sind wir in die Obstplantagen der Nachbarstadt gefahren und haben den ganzen Morgen lang Äpfel gepflückt, bis –«
»Bis der Korb so schwer war, dass ihn nur Dad noch anheben konnte«, erzählt Campbell.
»Dad ist auch mitgegangen?«, fragt Juniper. Ihre Verwirrung ist ein Beweis dafür, wie sehr sich alles verändert hat. Natürlich ist er mitgegangen, will ich ihr sagen. Aber das war in einem anderen Leben.
Campbell ignoriert Junies Frage und erzählt einfach weiter.
»Und wir haben die ganze Zeit auch Äpfel gegessen, während wir sie gepflückt haben, deshalb …«
»… war uns, als wir nach Hause kamen, ganz schlecht von den vielen Äpfeln«, ergänzt Mom. »Und trotzdem waren noch ganz viele übrig. Also haben wir den Rest des Tages Apfelkuchen gebacken. Die ganze Küche war voll mit Apfelkuchen. Aber da konnten wir natürlich schon längst keine Äpfel mehr sehen, geschweige denn in einen beißen –«
»Also haben wir sie verschenkt«, sage ich. »Zwei Kuchen haben wir Nana und Grandpa gebracht, die anderen haben wir den Sekretärinnen in der Schule vermacht. Und einige haben wir in die Firma von Dad geschickt für die ganzen Mitarbeiter.«
»Nur einen einzigen haben wir behalten«, erzählt Mom. »Wir haben noch Vanilleeis besorgt und ihn dann zum Abendbrot gegessen.«
»Ein Apfeltag«, wiederholt Campbell.
»Mmh«, sagt Juniper. »Apfeltage klingen toll. Hey, wieso haben wir denn jetzt keine Apfeltage mehr?«
Mir fällt keine Antwort ein und Campbell lehnt sich wieder in den Sitz zurück.
»Wir sollten vielleicht wieder mal einen machen«, sagt Mom. Ist nur schwer, nachdem Nana so weit weg ist, und ohne Grandpa. Er war einer unserer wichtigsten Apfelkuchenesser, verstehst du?«
»Egal, ist trotzdem ein Apfeltag heute«, sagt Juniper.
»Wieso das?«, fragt Mom.
»Na ja«, antwortet Juniper. »Du weißt schon: New York heißt doch auch The Big Apple!«
Und mir nichts, dir nichts bringt sie uns alle zum Lachen, selbst Campbell.
Auf der Fahrt nach New York sitze ich neben Mom. Sie öffnet ihre Tasche und zieht eine abgegriffene Ausgabe von Stolz und Vorurteil raus. Das ist ihr Lieblingsbuch, während ich es nie zu Ende geschafft habe.
Vielleicht sollte ich es noch mal versuchen.
»Äh, Mom … wie können wir uns das hier eigentlich leisten? Ich weiß doch, wie knapp das Geld in letzter Zeit ist, und ich brauch das wirklich nicht.« Ich sage es ganz leise, damit es die Mädchen in der Reihe vor uns nicht hören.
»Trinkgeld«, antwortet Mom.
Aber das kann nicht stimmen, weil er alles einsteckt, was sie verdient. Er führt genau Buch.
»Trinkgeld in bar«, ergänzt sie. »Hab einfach was beiseitegelegt. Nach der ganzen Pfennigfuchserei brauchen wir mal was Besonderes.«
Das heißt, sie hatte das Geld versteckt. Und jetzt ist er auf Montage, deshalb bezweifle ich, dass er von dem Ganzen überhaupt irgendwas weiß. Geheimhalten geht aber nicht. Juniper wird sich bestimmt irgendwann verplappern.
»Leighton, hör auf. Du denkst zu viel nach. Alles ist gut. Ich werde ja wohl mit meinen Töchtern mal einen kleinen Ausflug machen können.«
Hinter dem Satz steckt mehr. Sie konnte es nur einfach nicht laut sagen.
Ich werde ja wohl mit meinen Töchtern mal einen kleinen Ausflug machen können, ohne um Erlaubnis zu fragen.
Aber dieser Morgen ist dazu da, einmal loszulassen. Und als ich die Skyline von New York sehe, höre ich auf, mir Gedan-
ken über irgendwelche Geheimnisse und ihre Konsequenzen zu machen.
Wir beginnen mit einer organisierten Tour durch die New York University. Zu Junipers großer Freude nehmen wir ein Taxi. Danach geht es zum Met.
Auf dem Weg in den Central Park kaufen wir irgendwo Hotdogs und Obst.
Alles das reinste Klischee, doch es ist perfekt so.
Mom, Campbell und Juniper machen es perfekt.
Langsam macht sich in mir ein Gefühl von Verlust breit, obwohl das mit der Uni doch noch fast ein ganzes Jahr hin ist. Die Vorstellung, nicht mehr bei ihnen zu sein, macht mir Angst. Vor allem, wenn ich dann nicht weiß, ob sie in Sicherheit sind.
Ich sitze mit Campbell auf einer Parkbank und sie reicht mir einen der Äpfel, die wir gekauft haben. Mom und Juniper sammeln die schönsten leuchtend gelben Blätter aus dem Herbstlaub. Ich beiße in den Apfel, muss würgen und spucke den Bissen wieder aus. Von außen sah der Apfel so glänzend und rot aus, doch er muss mehrmals runtergefallen sein, denn innen ist er ganz braun und matschig.
»Iiih, bäh«, sagt Campbell, nimmt meinen und ihren Apfel und wirft sie in einen Mülleimer. »Findet sich bestimmt ein besserer Apfelgenuss.«
Wir bleiben noch eine Weile im Park. Die Luft ist frisch, doch die Sonne wärmt und es ist friedlich hier. Ich halte mein Gesicht ins Sonnenlicht und plötzlich entdecke ich aus dem Augenwinkel etwas Schwarzes. Hoch oben in einer Eiche hocken drei Krähen auf einem Ast.
Sie sitzen so hoch, dass ich nicht sicher sein kann.
Und natürlich stimmt es nicht, so weit weg von Auburn.
Doch dann rascheln sie mit ihren Federn, eine nach der andern, und ich bin mir etwas sicherer.
Eine der Krähen ist grau.