3. KAPITEL

Für alle andern an der Auburn High bedeutet Sommer Freiheit.

Für mich nicht.

Hier an der Schule weiß ich wenigstens, was ich zu erwarten habe. Ich weiß, wer ich bin. Für die nächsten acht Stunden weiß ich Campbell und Juniper sicher in ihren Klassen. Ich kann so tun, als wenn alles normal wäre. Das heißt, als ich an unserem ersten Schultag nach den Ferien aus dem Bus steige, mich umdrehe und den Mädchen noch einmal zuwinke, während der Bus wieder anfährt, weiß ich, dass sie dasselbe denken wie ich: Gott sei Dank ist der Sommer vorbei.

Sofia entdeckt mich vor der ersten Stunde. Sie jagt den Flur entlang und schlingt ihre Arme um meinen Körper. »Leighton! Du wunderschönes Wesen, wo hast du gesteckt? Wir haben seit einer Woche nicht mehr miteinander gequatscht!«

»Tut mir leid, Sof.« Ich hatte den absoluten häuslichen Albtraum. »Ich war … total im Rückstand mit meiner Sommerlektüre. Deshalb musste ich die letzten paar Tage ein bisschen aufholen.« Wir gehen zusammen über den von Schülertrauben bevölkerten Flur und stoßen mit so vielen Leuten zusammen, dass es albern wird, dauernd Entschuldigung zu sagen. Es ist ein Auflauf staunender Neuzugänge und wir stecken mittendrin.

»Ja, ich auch. Aber wir hätten doch zusammen leiden können«, antwortet Sofia und ihre zum Cheerleader-Pferdeschwanz zusammengebundenen dunklen Haare hüpfen hin und her. Sofia ist der fröhlichste Mensch, den ich kenne, und ich weiß nicht, wieso, aber sogar ihre Gesichtszüge wirken fröhlich. Sie hat runde rosafarbene Wangen. Ihre Augenbrauen sind dramatisch nach oben gewölbt, wobei sie sie natürlich wachsen lässt, was das Dramatische im echten Sofia-Stil nur noch weiter unterstreicht. Ihr Lächeln wirkt ein wenig schief – die rechte Seite des Mundes verzieht sich ein bisschen weiter nach oben. Das sieht immer aus, als ob sie gerade erst aufgehört hat zu lachen. Was auch meistens stimmt. Nach Nächten wie der letzten bin ich total dankbar, dass sie meine Freundin ist.

»Und was hast du in der ersten Stunde?«

Sofia faltet ihren Plan auseinander und kräuselt die Nase. Sie hält das Blatt von sich weg, als wenn es verseucht ist. »Sport.«

»Wow. Das ist Pech. Dann musst du ja danach gleich wieder duschen.«

»Und hab den ganzen Tag nasse Haare.«

»Die Götter der Stundenpläne haben es echt nicht gut mit dir gemeint, Sofia.«

Sofia stöhnt und lehnt ihren Kopf gegen meine Schulter.

»Und du?«

Ich ziehe meinen Plan raus und schaue noch einmal nach.

»Erste Stunde Uni-Vorbereitungskurs Englische Literatur.«

»Toll, dann liest du täglich als Erstes von Leuten, die sich aus dämlichen Gründen umbringen.«

»Immer noch besser als Sport.«

»Stimmt. Blöd, dass sich unsere Stunden in diesem Halbjahr in keinem Punkt überschneiden.«

»Kannst du wohl sagen. Aber wir haben die Zeitung. Und die erste Wahl bei allen Sparten, jetzt, wo wir in der Abschlussklasse sind. Willst du weiter Sport? Wehe, sie geben die Sparte an Chris, nur weil er ein Junge ist –«

Sofia bleibt abrupt stehen, sodass ich mit ihr zusammenstoße. Wir haben eines der großen Fenster erreicht, die auf den Fußballplatz schauen.

»Verdammt.« Sofia flucht eigentlich nicht und das »Verdammt« kommt mehr als Seufzer heraus und klingt, als wenn sie es nicht laut sagen wollte.

Krähen bedecken jeden Zentimeter des Platzes.

»Hast du sie noch gar nicht bemerkt?«, frage ich.

»Ein paar hier und da wie üblich, aber nicht so viele wie die da.«

Wir bleiben vor den Fenstern stehen und lassen es zu, dass uns die Neuen aus der neunten Klasse anrempeln in ihrem Stress, vor dem zweiten Klingeln ihr Ziel zu erreichen. Auf der anderen Straßenseite liegt das Footballstadion und ich erkenne kleine dunkle Schemen, die die Tribüne belagern. Die Krähen sind ständig in Bewegung, fliegen auf und landen, kreisen am Himmel. Es müssen Tausende sein. Und sie haben sich alle entschieden, hierherzukommen.

Weiß der Himmel, wieso sich irgendein Wesen ausgerechnet Auburn aussucht.

Noch dazu eines, das wegfliegen kann.