31. KAPITEL

Der Rest des Wochenendes vergeht wie ein Traum. Der Traum einer andern, denn ich sollte es besser wissen. Samstagnacht verbringe ich mit den Mädchen eng umgeschlungen in meinem Bett. Sie lesen, während ich mich ein bisschen weiter mit dem Porträt einer alten Krähe abmühe. Eine beruhigende Stille hat das Haus erfasst und ich aale mich in der Normalität. Wenn man im Chaos lebt, ist sich langweilen ein Zufluchtsort. Das Banale ist großartig.

Der Sonntag macht mich zur Närrin.

Er kommt früh von einem Wochenendauftrag zurück, weil die Arbeiten wegen eines Wolkenbruchs eingestellt werden mussten. Wir verbringen den grauen Nachmittag in unseren Zimmern, doch irgendwann müssen wir zum Abendessen nach unten.

»Ich habe eine Idee«, sagt Dad, während er Moms Lasagne auf den Tisch stellt. »Lasst uns einen Spieleabend machen. Früher haben wir immer Spieleabende gemacht.«

Das stimmt. Früher haben wir oft gespielt. Im Haus unserer Großeltern.

Das war was anderes.

Aber Campbell und ich tauschen einen Blick und sie zuckt mit den Schultern. Vielleicht ist es das Auge eines Hurrikans, doch wieso sollen wir nicht einen kleinen Fetzen Sonne genießen? Außerdem habe ich immer diese Stimme im Hinterkopf, die sagt: Man kann nie wissen. Es war eine gute Woche. Vielleicht hält es ja diesmal an.

Ich wünschte, es gäbe eine Stimme, die mein Leben erzählt, damit immer, wenn ich wage zu glauben, alles ist gut, eine dröhnende Stimme sagen könnte: »Es war nicht alles gut.« Sie würde mich an Abenden wie diesem daran erinnern, nicht selbstzufrieden zu werden.

»Okay«, sage ich. »Aber nicht Monopoly.«

Selbst glückliche Familien zerbrechen bei Monopoly.

Als wir fertig gegessen haben, bietet er an, Nachtisch zu holen, den wir beim Spielen essen können. Wir brauchen ein paar Minuten, um uns zwischen Eis und Schokolade zu entscheiden, dann greift er oben auf den Kühlschrank. Portemonnaie, Schlüssel, Pistole.

Doch plötzlich zögert er.

»Wo ist mein Portemonnaie?«, fragt er.

»Was ist los?«, fragt Mom vom Tisch herüber, wo sie mit Juniper Spiele aufstapelt.

»Wo ist mein verdammtes Scheißportemonnaie?«, sagt er, jetzt schon lauter. »Ich hab es hier hingelegt, so wie immer.«

»Ich bin sicher, es ist da«, antwortet Mom und steht vom Tisch auf. Ich sehe, wie sie Junipers Hand drückt, ehe sie geht. »Vielleicht ist es ja hinter den Kühlschrank gerutscht.«

Doch sie ziehen den Kühlschrank von der Wand und das Portemonnaie findet sich auch dort nicht.

»Lass uns im Wagen nachschauen«, schlägt Mom vor. Sein Kiefer ist fest zusammengebissen, doch er nickt.

Campbell und ich suchen im Haus, fassen in die Sofaritze und schauen im Hi-Fi-Schrank nach. Meine Augen tun das, was sie inzwischen immer tun: Sie schauen an der Stelle der Wand vorbei, die nicht mehr kaputt ist.

Ein Bilderrahmen liegt schon am Boden. Ich hebe ihn auf und hänge ihn wieder an seinen Nagel. Bleib da, bitte ich den Rahmen leise.

Wir finden das Portemonnaie nicht und im nächsten Moment knallt die Tür.

Er kommt wütend ins Haus zurück und schleudert seine Stiefel weg, dass sie gegen die Gartentür krachen.

Er sieht uns, wie wir erneut mit den Armen bis zu den Ellenbogen in der Sofaritze hängen, um sie noch mal abzusuchen.

»Gefunden?«

»Wir suchen noch«, sage ich, doch er ist schon so sehr in Rage.

»Ich hab’s!«, sagt Juniper von der Wohnzimmertür her und wir drehen uns alle gleichzeitig um.

Sie hält das Portemonnaie in der ausgestreckten Hand.

»Lag gleich neben der Haustür«, sagt sie. »Muss dir aus der Jacke gefallen sein.«

Er kommt durchs Zimmer und schnappt es sich.

»Völlig absurd, verfluchte Scheiße«, sagt er und legt es zurück auf den Kühlschrank.

Wir kehren an den Tisch zurück, der Nachtisch ist vergessen, und entscheiden uns schnell für Äpfel zu Äpfeln. Juniper sitzt neben mir und ich merke, dass ihre Haare und ihre Kleidung feucht sind. Ich habe nicht mitbekommen, dass sie auch draußen war und geholfen hat, den Truck abzusuchen.

Eine grüne Karte wird aufgedeckt: »Bunt.«

Campbell wirft eine passende »Regenbogen«-Karte drauf und gewinnt locker die erste Runde.

Wir versinken im Spiel, doch das Gefühl der Hoffnung, das ich vorher hatte, ist weg. Jetzt ist es, als ob wir auf einer dieser wackeligen kleinen Brücken mit den Holzplanken stehen, die in jedem Actionfilm vorkommen und über eine tiefe Schlucht führen. Als wir drübergehen, stürzen hinter uns die Planken ab, sodass wir rennen müssen, wenn wir die andere Seite erreichen wollen.

Bloß nicht nach unten schauen. Lauf einfach weiter.

Als er dran ist, greift er nicht sofort nach einer Karte.

»Sorry«, sagt er.

Wir verstummen alle.

»In dem Portemonnaie war das ganze Geld von diesem Wochenende. Ich kann es mir einfach nicht leisten, das Ding zu verlieren.«

»Das wissen wir«, antwortet Mom. Die Mädchen und ich schweigen weiter. Ist zwar nicht ungewöhnlich, dass er sich entschuldigt. Er sagt eigentlich ständig sorry, normalerweise aber erst nach ein, zwei Tagen. So lange dauert es bei ihm jedes Mal, bis er wieder runterkommt.

Vielleicht ist ja sein schnelles Bedauern – und die Tatsache, dass er gar nicht erst explodiert ist – ein gutes Zeichen.

»Lass uns einfach einen schönen Spieleabend genießen«, sagt Mom und schiebt ihm eine Karte hin. Er sieht Mom an und muss wohl gefunden haben, was immer er gesucht hat, denn auf einmal lächelt er, nickt und nimmt die Karte, die sie ihm hinhält.

Manchmal denke ich, sie sehen nur irgendeine alte Version des andern. Als ob sie den lieben würde, der er mal war. Ich frage mich, ob das ist, wie einen Geist zu lieben. Ich frage mich, ob sich das anfühlt wie Trauer.

Wir starten die nächste Runde und meine Eltern sehen nicht, wie sich Juniper nie ganz auf dem Stuhl zurücklehnt. Sie bleibt bereit, sofort nach oben zu rennen, wenn die Situation erneut eskaliert. Sie übersehen auch, wie Campbell die Karten so sehr umkrallt, dass sie sich biegen, oder die harte schmale Linie ihres Mundes und die Art, wie ihre Augen immer auf die Karten gerichtet bleiben.

Mein Vater greift nach einer Karte. Er hat kreisförmige Stellen hellerer Haut an seinem Unterarm. Sie sind schon immer da, doch ich habe Jahre gebraucht, das Ganze zu begreifen.

Er sagt, sein Vater sei noch strenger gewesen als er. Doch das ist ein Deckwort. Er meint, sein Vater war noch übler als er. Die Stellen stammen von Zigaretten.

Er hat auch noch andere Narben. Und Mom hat genug Hinweise gegeben, dass ich weiß, mein Großvater hat nicht nur gebrüllt und gedroht wie Dad. Er hat seiner Familie Schmerzen zugefügt. Er hat ihr so viele zugefügt, dass mein Vater immer noch wütend ist und seine Wut Tag für Tag weiter anwächst. Und das einzige Ventil, das er kennt, ist, die Wut von Neuem weiterzugeben.

Mein Großvater war im Krieg und kehrte zerstört zurück. Mein Vater ist in einem Haus aufgewachsen, das Wut wie einen Stein in der Faust hielt. Als ob sie etwas sei, das sich aufzuheben lohnte. Und das bildete die Form unseres Familienstammbaums. Wenn das Vermächtnis Wut ist, ist das Erbe Angst.