32. KAPITEL

Ich träume von einem Blitz, der den Baum im Vorgarten spaltet, und wache auf, als die Tür meines Zimmers gegen die Wand knallt. Licht flutet vom Flur herein und umrahmt die Silhouette eines Mannes.

»Steh auf, verdammte Scheiße. Mach schon, steh auf. Wie oft müssen wir das eigentlich noch durchkauen? Wieder und wieder. Ich werde dir jetzt noch mal zeigen, wie man es richtig macht, Scheiße, verdammt.«

Dann ist er verschwunden, zurück auf dem Flur, und ich spring aus dem Bett. Er geht zum Zimmer der Mädchen.

»Lass sie in Ruhe«, sage ich. »Es ist mitten in der Nacht.«

»Tja, das hättet ihr euch alle früher überlegen und die verfickten Hausarbeiten gleich richtig machen sollen.«

Wieder fliegt eine Tür auf und das Licht ergießt sich über entsetzt aufgerissene Augen. Die Mädchen liegen beide zusammengerollt im selben Bett, genauso hellwach wie ich gerade eben.

Mom steht auf der Treppe, nicht weit von mir entfernt. Sie schaut mich an und bildet mit den Lippen einen Satz.

Tut mir leid.

Ich weiß. Ich weiß. Ich weiß. Mein Herz rast im Takt der Worte, die ich ihr sagen will. Ich weiß, aber es ist so spät und wir sollten schlafen.

Ich weiß, aber morgen früh wirst du dieses Etwas aus Angst, das in deiner Brust sitzt, vergessen haben. Diesen Schmerz, den ich jeden Tag und jede Nacht spüre.

Ich gehe zu den Mädchen.

»Hör zu, lass die Mädchen weiterschlafen und zeig mir, was wir falsch gemacht haben.«

»Damit ihr es beim nächsten Mal wieder verkacken könnt? Nein. Los, alle aufstehn und ab nach unten.«

Ich schiebe mich an ihm vorbei, schnappe mir Junie und sehe zu, dass Campbell an ihm vorbeikommt und mir nach unten folgt. Alle Lampen sind an, im Wohnzimmer, im Zimmer daneben und auch im Wäscheraum. Selbst das Verandalicht ist eingeschaltet. Mein Blick wandert zur Uhr an der Wand. 2:37 Uhr.

In weniger als acht Stunden habe ich eine Matheklausur.

Wir sinken auf das Sofa und warten auf seine Kommandos.

Er kommt mit allen Handtüchern herunter, die wir am Abend sorgsam zusammengefaltet haben, und wirft sie vor uns auf den Boden.

»Zeig mir, wie man ein Handtuch faltet«, sagt er.

Ich greife nach dem, das am nächsten liegt.

»Nein«, sagt er. »Juniper. Wollen doch mal sehen, ob die Jüngste besser begreift, was die beiden Älteren offenbar nicht in den Schädel kriegen.«

Juniper ist kurz davor, in Tränen auszubrechen, und ich spüre etwas Scharfes tief in meinem Innern, als sie nach dem Handtuch fasst. Sie steht auf und das Handtuch ist länger als sie selbst, doch sie versucht es trotzdem und faltet es einmal quer, damit sie mit der Länge zurechtkommt, und dann noch mal.

»Nein«, sagt er, reißt ihr das Tuch aus der Hand und gibt es Campbell. »Du bist dran.«

»Campbell faltet es als Erstes längs, dann quer.

»Nein.« Er reißt ihr das Tuch aus den Fingern und hält es mir hin.

»Wenn wir wüssten, wie du es gefaltet haben willst, müssten wir jetzt nicht wach sein. Warum zeigst du es uns nicht einfach, damit wir wieder ins Bett können?«

Das hätte ich nicht sagen sollen. Ich wusste es, noch bevor ich den Mund aufgemacht hab. Doch er schreit nicht los. Er lässt mich nicht mal das Handtuch nehmen und daran scheitern, es richtig zu falten. Er sieht mich nur mit weit aufgerissenem, leerem Blick an und erinnert mich in diesem Moment eindeutig an einen toten Fisch. Seine Lippen verziehen sich zu einem Knurren und er schreit immer noch nicht, sondern sagt es bloß so, voller Hass.

»Dämliche Fotze.«

Er greift nach einer Vase auf dem Kaffeetisch, packt sie und schleudert sie durch das Zimmer. Sie trifft das Fenster und Porzellan und Glas zerspringen gleichzeitig.

»Jetzt habt ihr alle einen Grund, wach zu sein. Nachdem Leighton die Handtücher nicht gereicht haben.«

Tränen der Wut steigen mir in die Augen und ich halte sie mit aller Macht zurück. Meinen Schmerz bekommt er nicht.

Er schüttelt das Handtuch aus.

Keine einzige Träne entwischt, aber das hat seinen Preis. Meine Nägel haben sich in die Handfläche gegraben und ich beiße mir so fest auf die Zunge, dass ich Blut schmecke.

»Man faltet es zuerst längs in Drittel«, sagt er und demonstriert es. »Und danach in Viertel. Dann passen sie auch richtig auf den verdammten Handtuchhalter im Bad und sehen ordentlich aus, nicht wie versiffte Scheiße.«

Er sieht uns auf dem Sofa an. »Jetzt begriffen?«

Wir nicken stumm.

»Gut. Ihr geht jetzt zu Bett, Mädchen. Und du, Leighton, faltest die Handtücher. Und wenn du fertig bist, kehrst du den Mist da auf.«

»Ich helf ihr kurz, dann komm ich nach oben«, sagt Mom und tritt vor.

»Denk nicht mal dran. Wenn sie alle gefaltet hat, vergisst sie in Zukunft vielleicht nicht, wie man es macht.«

Alle verschwinden nach oben, aber erst als die Tür zu ist, stoße ich einen tiefen schaudernden Atemzug aus. Ich weigere mich loszuheulen. Ich falte zwölf Handtücher, erst längs in Drittel und dann quer in Viertel, ich achte auf jeden Knick, schaue, dass sie genau Kante auf Kante liegen, und weigere mich zu heulen. Ich trage sie in drei Gängen nach oben ins Bad und richte sie an den Regalkanten aus. Gerade Linien, perfekt gefaltet und keine Fehler.

Viel länger dauert es, die Scherben wegzuräumen. Es gibt immer noch eine Sperre nach draußen – ein Fensterladen –, deshalb muss ich für die Nacht keine Plastikfolie über den Rahmen kleben. Ich nehme mir Zeit mit Besen und Schaufel, um die kleinen Scherben aufzukehren. Die größeren Stücke hebe ich mit der Hand auf und breche die spitzen Reste aus dem Rahmen, damit sich die Mädchen nicht schneiden, wenn sie aus Versehen mit der Hand an den Rand kommen.

Ich gehe im Haus umher und schalte alle Lampen aus. Auf dem Weg nach oben hänge ich die Rahmen zurück an die Wand. Dieses komische Haus mit seinen rutschigen Nägeln!

Als ich ins Bad gehe, um auch dort das Licht auszumachen, starre ich in den Spiegel. An der gegenüberliegenden Wand sind die Handtuchregale und alle sind leer. Ich drehe mich blitzschnell um und sehe sämtliche Tücher unordentlich auf dem Boden liegen. Ich weiß nicht, wie oder warum, doch heute Nacht kümmere ich mich nicht um die merkwürdigen Dinge, die dieses Haus tut. Ich bin einfach zu müde.

Ich falte die Handtücher erneut.

Als ich endlich wieder im Bett liege, ist es fast fünf Uhr. Die nächste halbe Stunde liege ich wach im Dunkeln und male mir aus, wie schlimm diese Nacht hätte enden können.

Ich werfe die Decke zur Seite und taste nach der Lampe. Wenn ich schon nicht schlafen kann, sollte ich wenigstens die Zeit nutzen und für die Matheklausur lernen. Ich sinke auf den Schreibtischstuhl und schalte den Taschenrechner an. Das ist es, was ich jetzt tun muss: mich auf die Schule konzentrieren, es auf die Uni schaffen, weit, weit wegziehen und … was dann? Campbell und Juniper zurücklassen und sie sich selbst überlassen? Ich versuche, mich auf das Mathebuch zu konzentrieren, das vor mir liegt.

In der gegebenen Zeichnung seien AB 6 cm und CD 9 cm orthogonal zu BC und ACB betrage 31 Grad. Bestimmen Sie BD.

Meine Augen verschwimmen und die Aufgabe schreibt sich neu auf die Seite.

In der gegebenen Zeichnung steht Leighton Barnes im rechten Winkel zur Freiheit und der Winkel ACB ist irrelevant, weil sie niemals wird gehen können. Errechnen Sie die größte Entfernung, die sie schaffen kann, bevor in ihr das Gefühl aufkommt, ihre Geschwister im Stich gelassen zu haben.

Ich starre auf die Uhr. Minuten werden zu Stunden. Ich beobachte, wie es draußen heller wird, die Schichten von Grau und dann Gelb. In der Morgendämmerung habe ich immer noch keine bessere Lösung. Die Zeit ist fast um.