35. KAPITEL

Ich sorge dafür, dass die Mädchen sicher auf ihrem Weg in die Schule sind, erst dann laufe ich im strömenden Regen über die Straße zu dem im Leerlauf wartenden Wagen von Liam. Ich werfe mich auf den Beifahrersitz und schlinge die Arme um meinen Rucksack. Er ist ein Fels in der Brandung und ich klammere mich verzweifelt an ihn.

»Guten Morgen, du Schöne.«

Schöne.

Bei den hässlichen Worten meines Vaters letzte Nacht habe ich nicht geweint, doch aus irgendeinem Grund gibt mir das Wort »Schöne« den Rest und ich kann die Tränen nicht mehr zurückhalten, die mir in Strömen über die Wangen laufen.

»Leighton, hey, was ist passiert?«

»Fahr bitte«, sage ich und versuche, mich wieder zu fangen, doch es gelingt mir so wenig, die Tränen zu stoppen, als wenn ich versuchen würde, draußen den Regen aufzuhalten. Es wird nicht aufhören, bevor es aufhört.

Meine Kehle brennt von alldem, was ich zurückhalte. Es kostet enorme Anstrengung, mein Weinen leise und sanft zu halten und nicht zu der schluchzenden und verrotzten Bescherung anwachsen zu lassen, die wahrscheinlich herauskäme, wenn ich zu reden versuchte.

Durch den inneren Kampf, einen Anschein von Kontrolle zu wahren, bin ich abgelenkt und merke überhaupt nicht, dass Liam an der Schule vorbeigefahren ist, bis wir auf einen kleinen Schotterplatz biegen. Es ist der Platz, wo wir an unserem ersten Abend geparkt haben, als wir zusammen waren. Verborgen hinter einer Wand aus Bäumen, ist der Wagen von der Straße aus wahrscheinlich nicht mehr zu sehen. Der Platz wirkt wie losgelöst von Auburn, losgelöst von der Wirklichkeit. Wie ein anderer Planet.

»Liam, wir müssen los –«, stottere ich, doch er schüttelt den Kopf.

»Leighton, du machst mir Angst. Bitte sag, was passiert ist.«

Neue Tränen, neues Brennen.

Seine Finger schieben sich unter mein Kinn und seine Hand – ganz Sanftmut – dreht mein Gesicht zu sich, mitsamt Tränen, laufender Nase und allem.

»Bitte, Leighton.«

»Ich hab die Handtücher falsch gefaltet.« Es ist das Dümmste, was ich womöglich sagen kann, aber ich habe keine Ahnung, wo ich sonst anfangen soll.

Doch Liam sieht mich nicht an, als ob ich dumm wäre, und mehr brauche ich nicht, um alle Kontrolle zu verlieren.

Es trifft mich wie eine Welle. Erst neue Tränen. Ströme von neuen Tränen. Eine Tränenflut, die die Welt zermalmt. Liam hat die Arme um mich gelegt, hält mich fest, trotzdem breche ich auseinander. Ich kann es nicht länger zurückhalten.

Ich weine ständig, in kleinen Dosen, doch ich verliere nur selten die Kontrolle und schon gar nicht vor jemand anderem.

Das hier ist etwas anderes. Das hier fühlt sich an wie diese Sommergewitter, bei denen dunkle Wolken eilig heranrollen und der Sturm gnadenlos und unbarmherzig zuschlägt, aber du weißt auch, es wird so schnell vorbei sein, wie es gekom-
men ist. Der Sommer wird zurückkehren, als wenn es nie ein Gewitter gegeben hätte, und alles bleibt einfach nur nass zurück.

Ein bisschen so wie jetzt Liams Shirt.

Es fühlt sich besser an zu weinen, wenn Liam mich festhält. Weniger einsam. Und als die Tränen endlich aufhören, finde ich die Worte. Nicht so viele, wie ich Tränen geweint habe, aber genug für Liam, um die Lücken zu füllen und zu verstehen.

»Wie lange geht das schon so?«, fragt er.

»Schon immer, glaub ich. Es war nicht immer so schlimm wie jetzt. Die letzten zwei Jahre waren die schlimmsten.«

»Warum zieht ihr nicht einfach aus?«

Ich lehne mich zurück, fühle mich unangenehm berührt von der Frage, weil ich keine passende Antwort weiß.

»Sind wir, schon ein paarmal. Als meine Großeltern noch in der Nähe wohnten, haben wir ständig bei ihnen gewohnt. Aber irgendwann sind wir immer wieder zu ihm zurück. Es gibt jedes Mal irgendwelche Ausreden dafür. Geld. Das Haus. Vergebung. Er hat sich geändert. Diesmal wirklich. Es ist, als ob sie gar nicht sieht, dass er ein Monster ist, weil sie ihn liebt. Er ist ja nicht die ganze Zeit schlecht und er gibt sich wirklich Mühe.«

Es ist schwer, meine tiefsten und dunkelsten Ängste bei Tageslicht ernst zu nehmen. Er liebt uns, das glaub ich durchaus, doch das lässt nur die Grenze verschwimmen, lässt mich an meiner eigenen Angst zweifeln.

Liam schweigt ein paar Minuten und starrt durch die Windschutzscheibe. Unser Parkplatz verwandelt sich in einen See, während wir dasitzen.

»Ich glaube, wir sollten lieber fahren. Sonst sitzen wir fest.«

»Gleich«, sagt er. Er denkt schwer nach. Ich bin sicher, er glaubt, eine Lösung finden zu können, die meine Situation verbessert. Aber das geht nicht. Doch es lässt mein Herz auf eine heftige, dankbare Weise schlagen, zu wissen, dass er es will.

»Schlägt er dich?«, fragt Liam, ohne mich anzusehen. Ein paar neue Danke-Schläge von meinem Herzen dafür.

»Nein«, sage ich leise und jetzt schaut er hoch, als ob er mir das nicht glaubt. »Echt nicht.«

»Hat er dir wehgetan? Oder Campbell und Junie?«, fragt er und der Ton seiner Stimme sinkt, als ob sie von der Last des Gesprächs nach unten gezogen würde.

»Nein, ähm, er hat Sachen nach mir geworfen. Meistens schreit er. Zertrümmert das Haus. Flucht wie verrückt. Er nennt mich –« Ich bremse mich, hab schon genug preisgegeben.

»Leighton, du musst weg von dem Ganzen. Das hast du nicht verdient.«

»Ich arbeite dran.«

Wirklich.

Seine Hand fällt auf meine, schließt sich über dem Handrücken und drückt ganz fest zu, als ob ich weglaufen könnte. Das dumpfe Wummern klingt nicht mehr ganz so dumpf. Es schmerzt richtig, als ich die Überzeugung in seiner Stimme höre. Bei ihm klingt es so einfach. So selbstverständlich.

Doch selbst als wir immer wieder gegangen sind, war die Rückkehr unvermeidlich. Sie hat gesagt, wir sollten unsere Sachen packen, weil wir nach Hause gingen.

Nach Hause.

Solange es für sie ein Zuhause ist, werden wir dort wohnen bleiben.

»Geht mir schon besser. Danke. Wir sollten lieber zur Schule fahren.«

»Lass uns nach der ersten Stunde gehen«, antwortet Liam.

Er muss es nicht zweimal sagen.

»Okay.« Ich beuge mich zu ihm rüber, bis mein Kopf an seiner Schulter liegt, und wir betrachten die Welt um uns herum, wie sie im Regen zu etwas anderem wird. Zu etwas Weichem, Verletzlichem, offen sichtbar wie eine Wunde, die erst halb verheilt ist. Die nur erst eine hauchdünne Hautschicht schützt.

»Schau mal«, sagt Liam und zeigt über den Parkplatz, als der Regen nachlässt. In einem der Bäume vor uns hocken Krähen wie aufgereiht auf einem Ast. Als wir hinsehen, schwingt sich eine der Krähen nach unten, die Krallen noch fest um den Ast, der jetzt über ihr ist. Für einen Augenblick hängt der Vogel so da, kopfüber, dann lässt er los, gleitet, flattert, landet wieder oben. Jetzt kippt ein anderer nach vorn, hängt einen Moment nach unten und schwingt hin und her, bevor er loslässt.

Wir schauen zu, wie sie sich auf dem nassen, glitschigen Ast abwechseln.

Wir schauen zu, wie sie spielen.

Als wir schließlich zur Schule kommen, hat die zweite Stunde schon angefangen. Am Eingang erklären wir, dass etwas mit dem Auto war. Als wir die Spinde erreichen, fällt mir ein, dass meine Matheklausur sicher schon läuft, und ich knalle die Spindtür zu, renne los. Ich fluche leise, während ich versuche mich zu erinnern, was ich um fünf Uhr morgens gelernt hab.

Als ich in die Klasse treten will, sehe ich einen Flyer und bleibe an der Tür stehen.

Am Wochenende wird eine Krähenjagd stattfinden. Ohne Begrenzung für die Schützen, was die Menge an Vögeln betrifft.

Ich bin nicht die Einzige, deren Zeit abläuft.