37. KAPITEL

Am nächsten Samstag sitze ich um 6:45 Uhr im Auto neben einem vereisten, nassen Acker und bereite ein paar Interviews vor, die ich mit Männern führen will, die Tarnanzüge und Waffen tragen. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt frage ich mich wirklich, welche Entscheidungen in meinem Leben mich hierhergebracht haben.

Meine Krähenkolumne kann natürlich die erste Krähenjagd nicht verschweigen. Ich habe Dr. Cornell, meinen Vogelexperten, Anfang der Woche angemailt und ihn nach einer anderen Stadt gefragt, die schon mal ein Krähenproblem hatte. Sie haben mehrmals Krähenjagden veranstaltet, aber wie es aussieht, waren sie nicht sehr erfolgreich. Ich wollte noch wissen, wie wahrscheinlich es sei, dass Auburn allein mit den Krähen fertigwerde.

Dr. Cornell meinte, vielleicht würden sich die Menschen besser fühlen, wenn sie irgendwas gegen die Invasion unternähmen, aber bei einer so hohen Anzahl von Tieren – seine jüngste Schätzung ging von fast 50 000 Vögeln aus – hätten ein oder zwei Jagden keinen nennenswerten Einfluss auf den Bestand oder die Zuggewohnheiten.

Also eine sinnlose Jagd.

Bei meinen Recherchen fand ich eine Krähenstadt, die keine Jagden veranstaltet, keine Fallen aufgestellt, keine Leuchtkugeln abgeschossen und keinen Lärm eingesetzt hatte, um die Krähen zu vertreiben. Stattdessen begründeten sie eine ganz neue Stadttradition, als sie merkten, dass die Krähen Jahr für Jahr wiederkamen: Sie schufen ein Krähenfestival.

Sie machten ihre kleine Stadt zur Touristenattraktion mit zahlenden Besuchern für das Festival und das große Staunen über hunderttausend Vögel, die die Stadt vorübergehend als Bleibe auserkoren hatten.

»Weißt du, dass mein Dad mich mit auf diese Jagd schleppen wollte?«, fragt Liam, der neben mir sitzt. Er hat heute Morgen Footballtraining und mir angeboten, mich auf dem Weg hier für meine Interviews abzusetzen. Doch im Augenblick sieht er nur aus dem Fenster und schaut zu, wie die Trucks parken und in Neonfarben gekleidete Jäger aussteigen. Er studiert sie auf die gleiche Weise, wie ich die Krähen studiert habe. Als wenn ich versuchte, ein großes Geheimnis zu lösen.

»Echt? Wusste gar nicht, dass dein Dad jagt.«

»Nicht oft. Ist zu beschäftigt mit seiner Kanzlei. Früher ist
er mit seinem Dad auf die Jagd gegangen, aber mein Ding ist das nicht. Manchmal denke ich, er hat erwartet, dass wir genau die gleichen Erfahrungen machen, die er gemacht hat, als er hier aufwuchs. Was einfach nicht möglich ist.«

»Drängt er euch deswegen?«

»Nee, nichts in der Art. Es geht eher um … Quality-Time mit uns. Er versteht absolut, wofür ich mich begeistere, und unterstützt mich auch. Er kümmert sich. Aber, na ja, ich hab nun mal kein Interesse daran, Krähen vom Himmel zu schießen. Ich glaub sogar, dass ich sie mag.«

»Ich mag sie auch.« Mir sackt der Magen nach unten bei dem Gedanken, dass die Krähen geschossen werden. Ich denke an Joe. Juniper hat sich so große Sorgen um ihn gemacht.

»Also, wen wirst du interviewen?«, fragt Liam.

»Wer immer über Krähen reden will«, antworte ich. Drau-
ßen steht jetzt eine Gruppe von Jägern zusammen, sie laufen um ihre Trucks und haben die Gewehre aufgeklappt, um Patronen zu laden.

»Leighton«, sagt Liam, pfeift und wedelt mir mit der Hand vor dem Gesicht rum. »Bist du noch da?«

»Sorry«, sage ich und versuche, das Gefühl abzuschütteln.

»Hey, Moment mal. Was ist los?« Liam wechselt von einer Sekunde zur nächsten zwischen locker und ernst, liest meine Körpersprache oder mein Gesicht, was weiß ich.

Doch er weiß Bescheid. Seine Hand bewegt sich zu meinem Arm, eine sanfte Geste. Eine tröstliche.

Ich zwinge mich zu einem Lächeln.

»Alles super. Alles wird …« Ich bringe das Wort »gut« nicht über die Lippen. Ich denke weiter an Joe und hoffe, dass er mir nicht hierher gefolgt ist, so wie er es getan hat, um meine Großmutter zu besuchen. »Ist nichts. Wirklich. Ich mag nur, äh, keine Gewehre.«

»Moment.« Er lehnt sich zurück, dann wartet er, bis die Worte gesackt sind. »Hat er –?«

»Fahr jetzt besser«, sage ich und ziehe meine Hand unter dem sanften Gewicht von seiner hervor. »Wir reden später drüber.«

Liam starrt mich einen Augenblick an, dann schüttelt er den Kopf. Es ist nicht der richtige Zeitpunkt zum Nachhaken. Wir müssen beide los.

»Pass auf dich auf«, sagt er. »Bleib bei den Trucks.«

»Klar«, antworte ich und beuge mich zu ihm rüber, um seine Wange zu küssen.

Die meisten Jäger sind gern bereit, ein paar Fragen zu beantworten. Keinem geht es ernsthaft um die Sorge, die Krähen könnten Auburn schaden, und keiner glaubt ernsthaft, dass die Jagd auf die Vögel irgendwas bringt. Sie jagen nur alle gern.

Ich lehne mich gegen einen der Trucks und lese anfangs noch meine Notizen, doch als die Schüsse losgehen, bin ich dazu zu nervös.

Am Ende horche ich einfach bloß auf die Jagd und denke daran, wie viel besser ein Krähenfestival wäre. In Auburn geboren. Stolz auf Auburn. Die Krähen sind nicht hier geboren und zu gut für diesen Ort. Ich bin hier geboren und nicht stolz deswegen.

Im Moment wünschte ich nur, ich könnte die ganze Stadt in einen von Junipers Zetteln stecken, zusammenfalten und für die Krähen bereitlegen, damit sie sie mitnehmen.

Ich frage mich, welches Geschenk sie mir im Austausch bringen würden.