In English Lit. beschäftigen wir uns jetzt mit Frauen in der Literatur. Wir lesen Auszüge von Jane Austen und Alice Walker, Gedichte von Maya Angelou und Sylvia Plath. Am Dienstag diskutieren wir die Hälfte der Stunde über Die Verteidigung der Frauenrechte von Mary Wollstonecraft und danach wechseln wir zu ihrer Tochter und Frankenstein.
Vielleicht stimmt es ja, dass Männer wie Thomas Hardy Frauen gut beschreiben, als Opfer oder Überlebende, Ehefrauen oder Töchter, Geliebte oder sogar Soldatinnen.
Aber Frauen beschreiben Frauen als Menschen.
Und Mary Shelley beschrieb Männer als Monster und dafür liebe ich sie.
»Hüte dich; denn ich bin furchtlos«, schrieb Mary Shelley, »und deshalb mächtig.«
Ich frage mich, ob das stimmt.
Am Ende der Stunde bittet mich Mrs Riley, noch einen Moment dazubleiben.
Sobald sich der Raum geleert hat, schiebt sie mir ein vertrautes rosa Blatt über ihren Schreibtisch.
»Wieso hast du dich nicht dafür beworben?«
Ich seufze und lasse mich auf den Stuhl neben dem Schreibtisch fallen. »Hab ich versucht. Mehrmals. Aber ich kann zu dieser Vorgabe nichts schreiben.«
»Dann versuch’s noch mal. Denk drüber nach, was die Worte zurückhält. Box dich durch. Wenn du Journalistin wirst, kriegst du jede Menge Aufträge, die du nicht magst. Du musst nur deinen eigenen Blickwinkel finden. Und das Preisgeld tut nicht weh.«
»Nein, das stimmt.«
Ich arbeite gerade an meiner nächsten Krähenkolumne und es geht darin um Krähen in alten Legenden. Es gibt eine Fabel über eine Krähe, die fast verdurstet, doch der Wasserspiegel in dem Krug vor ihr ist zu niedrig, um mit ihrem Schnabel dranzukommen. Deshalb sammelt sie Steine und wirft sie einen nach dem andern hinein. Die Steine lassen das Wasser Stück für Stück höher steigen, bis die Krähe drankommt und einen Schluck trinken kann. Die Moral von der Geschichte lautet: Not macht erfinderisch.
Der Aufsatz für das Auburn-Stipendium wird nicht reichen, um es an die New York University zu schaffen, ganz zu schweigen davon, tatsächlich dort hinzugehen. Doch es könnte ein Stein sein. Im Moment scheint mir die NYU unerreichbar, aber vielleicht rückt sie ja näher, wenn ich’s versuche – Stein für Stein, bis ich einen Schluck trinken kann.
»Eine Idee hätte ich. Aber ich weiß jetzt schon, dass das kein Thema ist, worüber die Jury des Auburn-Stipendiums irgendwas lesen will.«
Mrs Riley lacht. »Dann ist es wahrscheinlich etwas, was sie lesen sollte.«
Ich schenke ihr ein schmales Lächeln. »Vielleicht.«
»Wenn es kontrovers ist, wird es möglicherweise nicht gewinnen, Leighton. Aber du solltest auf deine Art zu schreiben vertrauen. Zumindest wirst du sechs privilegierte weiße Männer mittleren Alters dazu zwingen, etwas zu lesen, das einer Siebzehnjährigen wichtig erscheint. Vielleicht pflanzt das ja ein Samenkorn in ihre Köpfe. Und wenn du doch gewinnst, bekommst du deine erste Verfasserzeile.«
»Meine was?«
»Der Siegeraufsatz wird in der Auburn Gazette abgedruckt und du hast deinen ersten Publikationsnachweis.«
Die Vorstellung ist beängstigend.
Und verführerisch.
Doch ich weiß, was für Männer in dem Gremium sitzen. Männer, die gerne wegschauen. Polizisten, Lehrer und alte Familienfreunde.
Letztes Jahr mokierte sich ein Lehrer, den wir in Trigonometrie hatten, immer wieder über eine Frau, die die ganze Woche lang Thema in den Nachrichten war, weil sie als Zeugin gegen einen Senator aussagte, der immer wieder Frauen belästigt hatte. Der Lehrer meinte: »Wenn alle Opfer sind, dann ist es, als ob niemand Opfer ist.« Und ich spürte Scham, die mir wie kochendes Wasser über den Rücken lief. Von dem Moment an hörte ich auf, mich in seinem Unterricht noch zu melden.
Und in dem Diner, wo ich manchmal das Ende von Moms Schicht abwarte, höre ich, wie die Männer mit ihr flirten und wie sie ihre rüde Art erträgt. Wenn sie es nicht täte, bekäme sie weniger Trinkgeld. Oder verlöre den Job.
In Auburn geboren. Stolz auf Auburn. Doch es gibt nur eine zulässige Art, hier zu leben. Und wenn man von diesem schmalen Pfad abweicht, ist man selbst die Bedrohung. Als ob die eigene Stimme ihre ganze Welt zerbröseln könnte.
Vielleicht stimmt das ja.
Vielleicht würde es die Stadt ja zerstören, wenn sie wüsste, dass der beste Sportler, der je aus Auburn kam und der seine Mannschaft zur Landesmeisterschaft führte und Profi geworden wäre, gestürzt ist und seine Familie mit in den Abgrund reißt.
Aber manche Dinge sollten zerbrechen. Sie sollten sich ausglühen, wie eine Kerze, die ihren Docht bis unten verbraucht hat. Doch es ist gefährlich, sich so was zu wünschen, denn manche Flammen sind zu egoistisch, sich selbst auszulöschen.
Es gibt Flammen, die die ganze Welt niederbrennen würden, wenn das die einzige Möglichkeit wäre weiterzulodern.