Erst nach der zweiten Stunde gelingt es mir, meinen Spind zu finden. Er ist nicht im Bereich für die Zwölftklässler. Ich folge den Zahlen abwärts und biege um die Ecke in den Gang der Elftklässler.
Warm.
Wärmer.
Heiß.
Na super. Ich werde mein letztes Schuljahr auf den Elftklässler-Gang verbannt zubringen. Offenbar haben sie nicht mehr genug Spinde für die Abschlussklasse frei gehabt. Was bedeutet: nicht an der Zwölftklässler-Wand abhängen können, wo in den Pausen im wahrsten Sinne des Wortes nur Leute aus der Abschlussklasse stehen, sich anlehnen und jüngere Schüler anblaffen, die der Wand zu nahe kommen. Jedes Jahr dekoriert die Abschlussklasse die Wand mit einem riesigen Banner Klasse von und dem Jahrgang und jeder verewigt dort Schimpfwörter und schmutzige Botschaften, bis die Schulverwaltung es abreißt, weil das Ganze zu vulgär ist. Eine Klasse hat es mal nicht bis zum Homecoming geschafft.
Das Einzige, was ich am Ende der Zwölften wirklich brauche, ist ein Abschlusszeugnis. Doch ich spür trotzdem den Schmerz, schon wieder etwas zu versäumen, das zum normalen Highschool-Leben dazugehört. Ich habe schon so viel verpasst. Nächte, in denen ich vorgezogen habe, zu Hause zu bleiben, weil er in schlechter Stimmung war. Geburtstagspartys, die ich nie gewagt hätte, mir zu wünschen.
Ich öffne den Spind – einen von den halbgroßen. Ich stopfe meine Schulbücher rein und versuche mir immer noch einzureden, dass die Zwölftklässler-Wand sowieso eine alberne Tradition ist, als mich plötzlich jemand von hinten packt.
Also nicht packt, sondern kitzelt. An den Rippen.
»Verdammt!«, schrei ich und wirble herum.
»Oh Shit.« Die Hände sind weg und derjenige tritt ein Stück zurück. Liam McNamara steht da, als wenn er wüsste, er hat es verbockt. »Tut mir echt leid. Ich dachte, du wärst Lyla Jacobs.«
»Wer?«
»Lyla. Aus der Elften. Die hat auch rote Haare und ist mein Cheerleader.«
»Wusste gar nicht, dass Cheerleader jemandes Eigentum sind.« Ich weiß genau, was er meint. Sofia ist seit Jahren Cheerleader. Aber ich will ihn sich winden sehen.
»Sind sie auch nicht.« Er fährt sich mit der Hand über den Kopf. »Ich vermassel es gerade richtig, oder?«
»Ja, so ein bisschen.« Ich kenne Liam. Oder ich weiß zumindest, wer Liam ist, sollte ich vielleicht besser sagen. Wir bewegen uns
in unterschiedlichen Kreisen. Oder richtiger: Er bewegt sich in einem Kreis, während ich mehr ein einsamer Punkt bin.
Liam McNamara: auch Abschlussklasse, stellvertretender Vorsitzender des Schülerrats, Mitglied der Footballschulmannschaft. Die Liste der Superlative sollte enden mit: kriegt wahrscheinlich bald einen Modelvertrag, während er sich gleichzeitig für den Congress aufstellen lässt. Liam hatte immer jede Menge Freundinnen und jede Menge Charme. Aber durch mein Zuhause kenne ich auch die Kehrseite der schönen Münze und die zeigt keinen Prinzen.
»Lyla ist die Cheerleaderin, die ich respektiere und absolut nicht als Eigentum betrachte, in welcher Hinsicht auch immer, und die mir diese Saison zugeteilt wurde. Sie … na ja, gestaltet meinen Spind und backt Plätzchen für mich und so.«
Ich verdrehe nicht die Augen. Echt nicht. Doch es kostet mich ziemlich viel Mühe, es nicht zu tun.
»Ja, okay. Alles klar. Du hast mich bloß erschreckt.«
»Tut mir auch wirklich leid. Lyla ist meine Freundin. Ich schwöre, ich laufe nicht rum und begrapsche fremde Mädchen. Nicht dass du mir fremd bist, ich meine nur –«
»Schon gut, Liam. Wir sehn uns.«
»Also, mein Spind ist … ähm –« Er deutet auf den Halbspind direkt unter meinem. Natürlich. Lass uns diese Peinlichkeit auf das ganze Schuljahr ausdehnen.
Ich trete zur Seite und lasse Liam sich vor seinem Spind niederhocken.
»Wir sollten sie wenigstens fragen, ob wir wechseln können. Will ja nicht, dass sich unser Starspieler noch was am Rücken holt, wenn er nach seinen Büchern kramt.«
»Ach, danke, aber das wär nicht sehr Gentleman-like von mir. Außerdem, ist ja nur Football.«
»Hast du gerade nur Football gesagt? In dieser Stadt ist das fast Blasphemie.«
»Ja, klar. Gibt ja nicht viel anderes hier, außerdem macht es sich gut bei der Uni-Bewerbung.« Unser Gespräch hat eine überraschende Wendung genommen und ich versuche, die Neugier im Zaum zu halten, die ich plötzlich spüre.
Weitermachen, hier gibt es nichts zu sehen. Aber Liam macht nicht weiter. Er steht vor unserem geteilten Spind und lehnt sich an meine Tür.
»Wir haben die erste Stunde zusammen, oder, Leighton?«
Leighton.
»Wusste gar nicht, dass du meinen Namen kennst, Liam. Ganz zu schweigen davon, wie man ihn ausspricht.«
»Leighton. Wie Peyton. Wie Peyton Manning. Ziemlich einfach zu merken.«
»Erinner ich dich an einen Profifootballspieler?«
Er lacht.
»Nein. Du bist ein Zwerg. Auf einem Footballfeld würdest du glatt niedergewalzt. Aber ernsthaft, sind ja bloß um die zweihundert Leute in der Abschlussklasse. Ich weiß genau, wer du bist.«
»Nur nicht von hinten.«
»Das vergisst du mir wahrscheinlich nie, was?«
»Wahrscheinlich nicht. Aber ist ja erst gerade mal fünf Minuten her. Lass mir ein bisschen Zeit.«
»Leighton ist ein cooler Name«, sagt Liam.
Ich antworte nichts darauf, sondern ziehe nur meine Tasche zurecht.
»Danke, war mein Geburtstagsgeschenk.«
Ein Dad-Witz. Echt jetzt? Aber Liam lacht und ich spüre, wie ich langsam ein bisschen lockerer werde.
Komm runter, Leighton. Nicht jeder hat es auf dich abgesehen.
»Also gut. Uni-Vorbereitungskurs Englische Literatur. Könnte lustig werden«, sage ich mit einem Sarkasmus, der aus jeder Silbe dringt.
»Ja, kein Witz. Unsere Sommerlektüre war ziemlich depri. Aber Menschenkind hat mir gefallen. Wolltest du hier lang? Wir sollten langsam mal aufbrechen.«
Liam schnappt sich mein schweres Mathebuch und zieht los. Ich brauche einen Augenblick, eh ich begreife, er will es nicht klauen, sondern bloß für mich tragen. Ich blinzle ein paarmal dümmlich, bevor ich ihn einhole.
»Du mochtest Menschenkind? Ich fand es ziemlich traurig.«
»Klar, aber wichtig. Geschichten sind wichtig. Kulturelle Repräsentanz ist wichtig. Außerdem immer noch besser als Romeo und Julia in der Neunten. Gibt schon genug über reiche weiße Kids.«
Ich lache erstaunt. Liam ist einer der wenigen schwarzen Schüler an unserer Schule und seine Offenheit überrascht mich.
»Zugegeben«, antworte ich. »Die Romantik war also nicht so deins?«
»Das hatte doch nichts mit Romantik zu tun. Das war Dummheit. Ich weiß nicht, von wem der Satz stammt, dass in der Liebe und im Krieg alles erlaubt ist. Für mich ist das Bullshit. Wenn du jemanden liebst, behandelst du ihn doch nicht so. Du stirbst doch nicht.«
Ich weiß, wir sprechen über ein Buch, doch in meinem Kopf hör ich das Krachen der Tür, mit dem sie gestern Nacht gegen die Wand flog. Und ich sehe dieselbe Wand heute Morgen, völlig in Ordnung, als wenn nie der Verputz aufgeplatzt wäre. Ich erinnere mich, wie meine Augen dran vorbeigeschaut haben, während ich Bilderrahmen wieder aufhängte, so als ob sie nicht bereit wären zu akzeptieren, dass unser seltsames Haus jeden seiner Gewaltausbrüche tilgt.
Ich bin stehen geblieben, und als Liam es merkt, hält auch er an. Die Luft um uns herum wirkt kalt.
Ich erinnere mich nicht, was lustig, süß oder charmant war an unserem Gespräch.
»Kann ich mein Buch wiederhaben?«, frage ich und klinge kühl und frostig, so kontrolliert, wie es nur geht. Ich kann nichts dagegen machen. Die Alternative zu kühl wäre weinen und ich will nicht zerbrechen. Nicht in der Schule.
»Äh, ja klar, natürlich, Leighton«, antwortet Liam und reicht mir meine Sachen. »Ist das wegen vorhin? Weil … tut mir echt leid …«
»Hab nur ein Heft vergessen. Bis gleich in der Klasse«, murmle ich und bin weg, gehe so schnell wie möglich den Gang zurück, ohne eine Rüge wegen Rennens zu riskieren. Ich versuche, das Brennen in der Kehle und das Stechen in den Augen zu ignorieren, damit es aufhört. Verhalte mich normal.
Normal.
Normal.
Da.
Das Wort hat jede Bedeutung verloren.