Nach der letzten Stunde belade ich meinen Rucksack, während sich in meinem Magen Angst breitmacht. Meine Mom bringt die Mädchen zu einem Zahnarzttermin, das heißt, wenn ich in den Bus steige und direkt nach Hause fahre, werde ich mit ihm allein im Haus sein. Normalerweise würde ich mich für ein paar Stunden im Zeitungsbüro verstecken, aber Mrs Riley ist schon gegangen und das Büro bis morgen verschlossen.
Liam trifft mich an unseren Spinden und küsst mich auf die Wange.
»Ich hab was für dich«, sagt er. »Aber es ist irgendwie ein vertrauliches Geschenk und ich möchte es dir nicht hier in der Schule erklären.«
Eine Schülerin aus der Elften schaut zu uns rüber, sagt aber nichts. Ich ziehe die Augenbrauen hoch als kleine Erinnerung, dass sie sich gefälligst um ihren eigenen Kram kümmern soll, und sie eilt fort.
»Okay. Ja. Aber mein Bus geht gleich«, sage ich.
»Klar, aber deine Schwestern sind beim Zahnarzt. Du kannst also nicht nach Hause.«
Ich bin überrascht, dass sich Liam so genau dran erinnert, was wir gestern Abend am Telefon gesprochen haben. Ich hab das mit dem Zahnarzt nur beiläufig erwähnt. Und noch überraschter bin ich, dass er gleich den nächsten Schritt mitgedacht und die Tragweite erfasst hat, die es bedeutet, wenn niemand sonst nach der Schule bei mir zu Hause ist.
»Büro ist abgeschlossen und ich hab niemanden, der mich fährt«, sage ich.
»Bis fünf haben wir Krafttraining und Videoanalyse. Ist das zu spät für dich?«
»Nee, passt. Macht es dir auch wirklich nichts aus?«
»Nein. Ich bin im Kraftraum, aber die Halle ist offen. Du kannst dich da aufhalten und lesen oder so.«
Während wir weiterreden, gehen wir Richtung Sporthalle und ich weiß, dass ich mich schon entschieden habe.
»Danke«, sage ich.
Vor der Halle bleibt Liam stehen.
»Du darfst nicht zu spät kommen, der Coach bringt dich sonst um. Oder lässt dich Runden laufen, was in meinem Vokabular dasselbe bedeutet.«
Liam lacht. Er wirkt nervös. Ach ja, richtig. Er hat ja etwas für mich.
»Was ist es denn?«
Er greift in seinen Rucksack und zieht ein Handy heraus.
»Ist ein älteres Modell. Also korrekt gesagt, es ist mein altes. Aber es funktioniert noch perfekt.«
Plötzlich ist alles klar. Er hat ein Handy für mich.
Eine Rettungsleine.
Für den Notfall.
Ich schniefe und versuche, den Kloß im Hals zu ignorieren.
»Das ist echt aufmerksam von dir, Liam. Ich kann dir gar nicht sagen, wie … danke.«
»Wenn du drauf achtest, dass es immer aufgeladen ist, kannst du zumindest den Notruf wählen. Bis nächste Woche, dann funktioniert es auch für normale Anrufe und Textnachrichten.«
»Wie das?«
»Mach dir darüber keine Gedanken«, antwortet er.
Aber das da ist ein Smartphone, das heißt, es braucht einen Vertrag. Und Daten. Ich könnte meinen Stolz ja durchaus runterschlucken und um so ein Teil bitten, wenn ich wüsste, es wäre sicher.
Doch das ist es nicht.
Ich schau auf das Handy in meiner Hand.
Und dann gebe ich es ihm zurück.
»Ich kann nicht«, sage ich. Tränen bedrohen jetzt alles. Ich hole tief Luft und stähle mich.
»Was?«
»Ich kann das nicht annehmen, Liam.« Eine Träne läuft und dann die nächste. Mist.
»Leighton, es könnte –« Ich höre die Geisterstimme des Satzes, obwohl Liam ihn nicht zu Ende spricht.
Dein Leben retten.
Und er hat natürlich recht, das könnte es.
Oder es könnte uns umbringen.
»Er ist krankhaft, was Handys angeht. Und Polizei. Wenn er das da fände, Liam …«
»Dann versteck es sehr gut.«
»Es gibt keinen sicheren Ort, Liam. Ich – ich weiß dein Angebot wirklich zu schätzen.«
»Du nimmst es also echt nicht?«
Ich antworte nicht, doch ich zwinge mich, ihm in die Augen zu sehen. Und ich weiß, dass er meine Entschlossenheit erkennt, Tränen hin oder her.
Er schiebt das Handy in seinen Rucksack zurück.
»Ich komm zu spät zum Training«, sagt er und geht um mich rum.
»Liam –«
»Ich versteh schon. Echt. Ich bin nicht sauer. Es ist nur –«
Es ist so viel. Es ist viel, was ich von ihm zu wissen verlange, und noch mehr, dass er nicht eingreifen soll.
»Bis nach dem Training.« Er verschwindet durch die Tür der Sporthalle und biegt nach rechts in den Umkleideraum ab.
Das ist ja super gelaufen.
In der Halle setze ich mich ans Ende der Tribüne. Ich ziehe mein Buch für English Lit. raus und gehe Prüfungsfragen durch.
Den größten Teil von Liams Training bin ich mit Lernen beschäftigt. Aus dem Kraftraum dringt nur ein konstantes Hintergrundgeräusch – das Klirren der Gewichte und das lockere, leise Gemurmel der Spieler. Ich bin zu früh mit den Hausaufgaben durch und verbringe die letzte halbe Stunde mit dem Versuch – und weiterem Scheitern –, den Aufsatz für das Auburn-Stipendium zu schreiben. Es ist frustrierend. Ich habe mich nie schwergetan, Worte zu finden, aber dieser Aufsatz macht mich echt fertig.
Ich schnappe mir meinen Rucksack und steige die Tribüne hinab. Aus einem Wagen am Rand des Spielfelds schnappe ich mir einen Basketball und mache ein paar Würfe auf den Korb. Neun von zehn Malen verfehle ich ihn, doch es ist ein gutes Gefühl, den Körper zu bewegen, wenn im Kopf nichts mehr weitergeht. Also denke ich über Auburn nach und werfe dabei Bälle, wieder und wieder. Dann plötzlich fliegt die Tür zum Kraftraum auf und eine Gruppe von Jungen kommt raus. Ich laufe quer über den Platz, ehe ich merke, dass es nicht die aus dem Footballteam sind, sondern Ringer.
Und ich habe Blickkontakt mit Brody, als er herauskommt. Ich wende mich ab, doch nicht schnell genug.
»Hey, habt ihr mitgekriegt, dass die Ice Queen doch noch jemanden gefunden hat? Ist wohl gar nicht so frigide, wie wir immer gedacht haben.«
Ein paar der Jungs kichern. Die meisten nicht. Ich glaube, selbst Brodys Mannschaftskameraden finden, er ist ein Idiot.
»Oder vielleicht steht sie einfach nicht auf Weiße«, redet Brody weiter.
»Halt, verdammt noch mal, deine Klappe, Brody.« Während ich es sage, dreh ich mich wieder zu ihm zurück und sehe, dass er mir übers Spielfeld gefolgt ist.
»Meinst du, wenn du mit Liam fertig bist, könntest du mir noch mal eine Chance geben? Nachdem dich McNamara jetzt ein bisschen aufgetaut hat.« Brody streckt die Hand aus, wahrscheinlich, um irgendeine blöde Bemerkung zu machen, dass meine Haut gar nicht eiskalt ist, doch ich weiche zurück.
Aus der Bewegung heraus werfe ich den Ball und er trifft Brody voll im Gesicht.
Richtig hart.
Ein Sturzbach aus Blut schießt ihm aus der Nase.
Und genau in dem Moment kommt das Footballteam aus der Umkleide.
»Fuck, Mann, Leighton«, brüllt Brody.
Der Footballtrainer kommt auf uns zu und schreit, jemand soll Papierhandtücher holen.
»Was soll das hier verdammt?«, fragt Coach Tenley.
»Die Bitch da hat mir die Nase gebrochen!«
»Hey, hey!« Der Coach hebt die Hand. »Zügel mal deine Wortwahl.«
Die Situation, dass Brody wegen Fluchens in Gegenwart eines Lehrers verwarnt wird, während er gleichzeitig heftig blutet, ist den Ärger mehr als wert, den ich auf mich gezogen habe.
Liam steht plötzlich neben mir. »Leighton?«
»Er war … er war ein Arsch. Er wollte mich anfassen.«
»Hat er dich angefasst?«, fragt der Coach.
Ich schüttle den Kopf.
»Hattest du Angst, er würde dir wehtun?«
Erneut ein Nein.
Ich habe nur reagiert.
»Morgen Nachsitzen«, sagt er zu mir, dann wendet er sich wieder an Brody. »Los, mach dich sauber. Deine Nase ist nicht gebrochen.«
Der Coach zieht ab und schüttelt im Gehen den Kopf.
Liam hebt den vergessenen Basketball auf und wirft Brody einen frostigen Blick zu.
»Lass Leighton in Ruhe. Es reicht.«
»Ich kann nicht glauben, dass du sie verteidigst. Die ist doch total durchgeknallt.«
»Oder du solltest vielleicht mal aufhören, Mädchen anzufassen, wenn sie nicht ausdrücklich Ja sagen.«
»Egal, Mann.« Brody spuckt einen Flatschen Blut auf den Fußboden. »Viel Spaß beim Ice-Queen-Ficken.«
Liam hebt den Ball an, bis er auf Höhe von Brodys Gesicht ist.
»Pass auf!«, schreit er, wirft die Arme nach vorn, aber lässt den Ball dabei los und fängt ihn mit den Unterarmen auf.
Brody reißt den Oberkörper zurück, ehe er merkt, dass Liam gar nicht geworfen hat.
»Lass sie in Ruhe, verdammt, Brody.«
Liam und ich gehen, schnappen uns unsere Sachen und eilen nach draußen in die Kälte. Die Fahrt im Auto verläuft schweigend, doch es ist die lauteste Form von Schweigen, bei der jeder Atemzug, jedes Blinkerklicken und jedes Schotterknirschen unter den Reifen daran erinnert, dass wir kein Wort miteinander gesprochen haben. Ich bin peinlich berührt von dem, was ich getan habe. Ich reagiere sonst nie so. Und ich hätte nie gedacht, dass so eine Gewalt in mir steckt. Ich war nicht mal wütend in dem Moment. Ich habe bloß reagiert, aus Angst oder Instinkt.
Liam hält, weil ich ihn darum gebeten habe, direkt vor Mrs Stiegs Haus. Er ist so ein Junge, der drauf beharren würde, mich jeden Abend bis vor die Haustür zu begleiten, wenn das bei unsrer Tür ginge. Mein Dad weiß, dass ich einen Freund habe, aber sonst keine weiteren Details. Ich versuche verzweifelt die beiden Welten daran zu hindern, dass sie aufeinandertreffen.
»Ich bin nicht wie er«, sage ich. Meine Stimme klingt dünn aus Angst vor neuen Tränen.
»Wie Brody? Gott, das weiß ich doch.«
»Nein, wie er.« Ich nicke mit dem Kopf in Richtung Haus.
Ein paar Herzschläge lang herrscht Schweigen.
»Auch das weiß ich«, sagt er schließlich, diesmal weicher. »Brody war die ganze Zeit ein Arschloch dir gegenüber. Wundert mich, dass du ihm nicht schon viel früher was ins Gesicht geknallt hast.«
Ich lache unter den Tränen, die mir jetzt übers Gesicht laufen.
»Ich muss nachsitzen.«
»Na und? Was soll’s? Du bist längst überfällig für ein bisschen Rebellion.«
Ein paar weitere Herzschläge im stillen Auto. Nur Liam schafft das, mich keine zwanzig Minuten nach der ganzen Geschichte zum Lachen zu bringen.
»Und du willst das Handy wirklich nicht?«, fragt er.
Ich drehe mich im Dunkeln zu ihm um und sehe bloß die
Silhouette seines Gesichts vor dem eingeschalteten Licht auf Mrs Stiegs Veranda. Ich will ihm kein zweites Mal Nein sagen, doch eine andere Antwort habe ich nicht.
»Es ist gefährlich, Liam. Beim letzten Mal ging es um Handtücher und ich will kein unnötiges Risiko eingehen, wenn Mom und meine Schwestern zu Hause sind.«
»Das heißt, ein unnötiges Risiko für dich also schon.«
»Liam …«
Er seufzt und fährt sich mit der Hand über den Kopf. »Tut mir leid. Ich bin ein Idiot. Bis morgen werde ich drüber weg sein.«
»Du bist kein Idiot. Es ist eine wirklich schöne Geste.«
Er lacht ohne Anklang von Humor.
»Ich hasse es, dass du dich nicht sicher fühlst, Leighton.«
»Ich auch, Liam. Ich arbeite an einem Plan, versprochen.« Und ich küsse ihn zum Abschied und steige aus. Liam wartet jedes Mal, bis ich im Haus bin, ehe er losfährt. Das ist so ein absurder Schutzinstinkt, wo wir doch beide wissen, dass ich wahrscheinlich draußen sicherer bin als drinnen.
Ich bleibe noch einen Moment lang im Vorgarten stehen und starre aufs Haus. Die meisten Spukhäuser werden von Toten heimgesucht, nicht von Lebenden.
Außer dieses. Dieses ist von uns allen besessen, sogar wenn wir nicht da sind. Als wenn es kleine Teile von uns nimmt und sie in seinem Fundament, seinen Nägeln und seinem Holz ablegt, da wo es nachgibt.
Lauf. Ich bleibe auf der Treppe stehen.
Lauf weg, schreit etwas tief in meinem Innern. Es rüttelt an den Stäben seines Käfigs und sagt mir, ich soll umkehren. Nein, nicht etwas. Ich weiß, was da eingesperrt ist in mir. Was mir meine schlimmsten Befürchtungen entgegenschreit, wenn ich versuche einzuschlafen. Das Ding, das in mir zu Eis wird, wenn ich ihm antworte. Und es ist auch an den Tagen da, wenn alles in Ordnung ist und mir die Sonne ins Gesicht scheint. Selbst wenn ich in Sicherheit bin, fragt sich ein Teil von mir immer, wann es wohl wieder losgehen wird. Und es hockt in meiner Brust – dieses Ding.
Es ist Angst.
Und ich habe sie weggesperrt wie ein gefährliches Wesen, das sie ja auch ist. Denn Angst lässt mich unbedacht handeln. Angst macht mich schwach. Ich würde ja weglaufen, möchte ich dem flatternden Ding in meinem Innern sagen, wenn ich nur einen Ort wüsste, wohin. Es gibt keinen Ort. EsgibtaufderWeltkeinenOrtwoichhinkann.
Meine Brust verengt sich in der kalten Luft und ich schnaufe bei jedem Atemzug. Es ist schon zu voll darin mit dem Wesen. Zu voll, um Platz für Sauerstoff zu schaffen, für Leben.
Ich gehe ins Haus.