42. KAPITEL

Über Nacht schneit es. Ich wache in einem Zimmer auf, das von Sonne erstrahlt, die der Schnee draußen zurückwirft. Ich liege noch immer mit Campbell und Juniper eng zusammengekuschelt im Bett – alle drei eingemummelt unter meiner Libellendecke. Ich zwänge mich vorsichtig heraus, noch nicht bereit, die Mädchen aufzuwecken und die seltsame und willkommene Stille im Haus zu stören. Es ist klirrend kalt im Zimmer, deshalb ziehe ich eine Decke von meinem Stuhl und wickle sie um meinen Körper. Mein Atem erzeugt kleine Eiswolken.

Das Fenster ist beschlagen und ich benutze die Decke, um das Kondenswasser wegzuwischen. Der Schnee draußen ist noch ganz frisch und unberührt. Es scheint fast, als ob auch die Krähen diese Perfektion erkennen, denn keine ist auf dem Boden gelandet.

Doch dann schau ich mich um und stelle fest, dass die Krähen auch nicht im Garten oder auf dem Baum hocken, wie ich es inzwischen gewohnt bin. Ich lehne den Kopf zur Seite, um zum Dach hochzusehen. Leer.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite bedecken die Krähen die Silhouette von Mrs Stiegs Rosenbüschen. Sie hocken dicht gedrängt auf der Regenrinne und haben den Garten mit Federn und Kot zerstört.

Andererseits tickt die Uhr, was unseren schönen, makellosen Garten angeht. Eine Naturgewalt namens Juniper Mae wird schon bald dafür sorgen.

Ich schleiche mich aus dem Zimmer, quetsche mich durch den schmalen Spalt, damit die Tür nicht knarrt und die Mädchen weckt. Die dämliche Tür macht mir mehr Probleme, als sich das für eine Tür gehört. Ich habe schon versucht, die Angeln zu fetten, aber nichts verhindert das Knarren.

Mom ist in der Küche und steht am Spülbecken. Sie hält einen Becher Tee in der Hand. Dampf steigt aus der Flüssigkeit auf und bildet eine kleine Wolke um sie herum und über ihr. Sie wirkt ruhig und gefasst, und in dem Moment, als ich es sehe, weiß ich, dass es ein guter Tag werden wird. Mom ist da. Wirklich da.

Ich klaue ihr etwas heißes Wasser aus dem Kessel auf dem Herd und stelle mich zu ihr an die Arbeitsplatte. Sie lächelt zur Begrüßung, doch ansonsten stehen wir schweigend da. Eine unausgesprochene Übereinkunft, den Moment zu genießen. Er hält nicht lange an. KNARR. Schritte auf der Treppe. Zwei verschlafene Gesichter schauen um das Geländer.

»Morgen«, sagt Mom. »Habt ihr den Schnee gesehen?«

Juniper nickt und ihre Augen sind weit aufgerissen vor Freude. Campbell gähnt.

»Noch müde?«, frage ich sie.

»Junie hat mich geweckt«, antwortet sie. Campbell war noch nie ein Morgenmensch.

»Das kann sie gut«, sagt Mom, setzt sich an den Küchentisch und zieht Juniper auf ihren Schoß.

»Frühstück?«, frage ich alle. Juniper schüttelt den Kopf.

»Schnee?«

Sie nickt energisch und ich muss lachen. »Okay, dann schau ich mal nach den Schneehosen.«

Es gibt eine Zugleiter, um auf den Dachboden zu kommen, und ich steige in den kältesten Teil des Hauses. Ich bin nur froh, dass unsere Wintersachen nicht im Keller verstaut sind.

Es dauert eine Weile, bis ich die richtige Kiste gefunden habe. Der Dachbodenbelag ist nicht durchgängig und einige Stellen bestehen bloß aus weicher Isolierung, deshalb bewege ich mich nur ganz vorsichtig. Schließlich entdecke ich das Wort »Winter«, recke mich und ziehe einen Pappkarton runter.

Doch als ich ihn öffne, sind keine Schneesachen drin. Es sind Sachen aus Moms Highschool-Zeit.

Ich setze mich auf den staubigen Boden und lasse die trübe Birne über mir hin und her schwingen. Hauptsächlich Jahrbücher und Briefe. Ich grabe noch ein bisschen tiefer.

Das nächste Heft hat einen weichen Umschlag und zeigt eine Collage aus Kunst und Zeichnungen. Amethyst. Das Literaturmagazin der Auburn High, doch von vor zwanzig Jahren. Ich schlage die Seite mit dem Impressum auf. Chefredakteurin: Erin Davis. Mom.

Am Anfang steht ein Brief von ihr, und als ich das Heft durchblättere, entdecke ich ganz viele Gedichte von ihr. Ich wusste, dass sie Gedichte mag, weil sie manchmal immer noch welche liest, aber ich wusste nicht, dass sie selber Gedichte geschrieben hat.

Ich stelle den Karton mit dem Rest dorthin zurück, wo ich ihn gefunden habe, doch das Heft behalte ich. Schließlich finde ich auch die Winterklamotten und zerre die Kiste hinter mir her nach unten. In meinem Zimmer schnappe ich mir ein leeres Notizbuch und einen Klebezettel vom Schreibtisch.

Die sind der Wahnsinn. Du solltest mehr davon schreiben. – L

Ich klebe den Zettel auf die Zeitschrift und stecke das Heft in das Notizbuch.

Als ich in die Küche zurückkomme, herrscht großes Gelächter. Ich stelle die Winterkiste auf dem Fußboden ab und Juniper springt vom Stuhl, um nach einer Mütze und passenden Fäustlingen zu suchen.

Ich lege das Notizbuch mit der Zeitschrift neben Moms Teebecher, damit sie die Sachen auch wirklich sieht.

»Mom?«

»Ja, Leighton?«

»Hast du was dagegen, wenn Liam heute vorbeikommt?«

Sie schaut vom Tisch auf. »Nein, natürlich nicht. Sag ihm, er soll vorsichtig fahren. Die Straßen sind noch nicht alle geräumt.«

Dann dreht sie sich wieder zu Campbell um, einfach so. Als wenn alles normal wär. Und irgendwie ist es das ja auch, ohne ihn im Haus. Keine rohen Eier in Sicht.

Liam ist am Telefon, bevor sein Handy das erste Mal richtig geklingelt hat.

»Deine Familie kennenlernen?«, fragt Liam. »Großer Schritt, Barnes.«

»Wird Zeit.«

»Höchste Zeit«, antwortet er. »Ich komm.«

»Fahr vorsichtig«, sage ich. Mom nickt. »Und bring Handschuhe mit.«

»Handschuhe?«

»Es ist offizielle Schneeballschlachtsaison, McNamara. Stell dich drauf ein.«

»Ich gegen die Barnes-Schwestern? Lass mir wenigstens eine kleine Chance.«

Sein automatisches Einschließen meiner Schwestern lässt mich lächeln und ich finde keine passende Antwort, die sagt, wie süß ich das finde, ohne dass es verknallt klingt.

»Du lächelst, stimmt’s, Barnes? Ich hör es.«

»Nein, das kannst du gar nicht.« Ich runzle die Stirn als Reaktion auf seine korrekte Vermutung.

»Aber total. Ich hab Superkräfte. Eines Tages werde ich sie dir zeigen. Vielleicht. Aber ich will nichts versprechen. Uuund, du lächelst schon wieder, nicht wahr?«

»Als wenn ich dir die Genugtuung geben und Ja sagen würde. Vielleicht sag ich’s dir später. Aber ich will nichts versprechen.« Ich verwende seine eigenen Worte gegen ihn. Doch er hat recht. Ich habe wieder gelächelt. Und ich lächle noch immer, als ich auflege.

Mir gefällt wirklich, dass er es an meiner Stimme hören kann: mein Glück. Mir gefällt, dass er ein Mensch ist, der sich die Mühe macht, auf so was zu achten.