Als Liam kommt, schaue ich zu, wie er den Wagen so gut wie möglich auf der schneebedeckten Straße abstellt. Die Schneepflüge sind noch nicht da gewesen. Sein Auto steht mindestens dreißig Zentimeter vom Bordstein entfernt, doch es sind so wenige Fahrzeuge unterwegs, dass es keine Rolle spielt. Ich begrüße ihn an der Fahrertür und registriere sein Lächeln, als er mich sieht. Die Nervosität und Aufregung liegen mir schwer im Magen. Als er aussteigt und ich mein Gesicht zu ihm hochwende, blendet mich das grelle Licht der Wintersonne und ich bin sprachlos, dass dieser gute Tag mir gehört. Ich halte den Atem an bei dem Gedanken, dass alles ganz schnell vorbei sein könnte.
Die Mädchen sind bereits hinten, deshalb führe ich Liam an der Eingangstür und danach seitlich am Haus vorbei. Wir bleiben einen Moment im Garten stehen, weil wir uns plötzlich unsicher sind. Uns selbst gegenüber und voreinander. Der Schnee ist nur wadentief, doch Campbell und Juniper tauchen förmlich in ihn hinein. Es dämmert mir, dass Liam vielleicht gedacht haben könnte, ich hätte bloß Spaß gemacht von wegen im Schnee toben, und dass die Szene, die sich da gerade vor seinen Augen abspielt, womöglich nicht ganz oben auf der Checkliste eines siebzehnjährigen Jungen steht. Ich sehe ihn an, um ihn zu fragen, ob er vielleicht lieber –
Ein Schneeball trifft mein Sweatshirt und zerplatzt beim Aufprall.
»Leider nicht der perfekte Pappschnee«, sagt Liam und schüttelt den Kopf. »Viel zu weich, um richtig wehzutun.«
»Ich empfinde eine plötzliche Seelenverwandtschaft mit Fiona.«
»Ha«, sagt Liam. »Wir brauchen Bunker und wir brauchen zwei Teams.«
Campbell und Juniper kreischen vor Begeisterung, als sie herüberkommen.
»Kapitän!«, schreit Liam und sieht sich mit strengem Blick um, als ob er alle herausfordern will, sich ihm entgegenzustellen. Selbst Cam muss lachen. »Und wer wird mein Todfeind sein?«
»Oh, das bin ich«, sagt Campbell und ich muss lachen. Sie nimmt sich ihre Rolle als beschützende kleine Schwester wirklich zu Herzen.
»Okay … meine erste Wahl …« Liam schaut zwischen Juniper und mir hin und her. Er wirkt richtig zerrissen.
»Juniper!«
»Ernsthaft?«, frage ich. »Ich bin nur zweite Wahl?«
»Schon okay, Leighton, wir beide werden ein gutes Team bilden«, sagt Campbell und analysiert den Garten. Sie entwickelt bereits eine richtige Strategie.
Liam beugt sich nach unten und flüstert etwas in Junipers Ohr. Sie kichert und schüttelt den Kopf. Er flüstert erneut. Stupst sie an.
»Wir machen euch platt!«, ruft Junie und dann stößt sie einen so lauten Schrei aus, dass sich Liam die Ohren zuhält.
»Wer Sieger ist, entscheidet sich erst am Schluss«, erkläre ich ihr. Es ist die stärkste Provokation, die ich zustande bringe. Liam grinst.
»Sei vorsichtig, du willst doch Juniper Barnes, ›die Bestie‹, nicht provozieren«, sagt er.
Nach zwanzig Minuten haben wir Mauern in den Schnee gezogen und eine kleine, aber doch beeindruckende Ladung an Schneebällen angehäuft.
Ich spähe über die Mauer.
»Hey, ähm, was ist das Ziel?«
»Die Zerstörung des gegnerischen Forts«, ruft Liam hinter einer viel stabiler wirkenden Mauer hervor. Dahinter ist jetzt ein Getuschel zu hören.
»Keine Gefangenen!«, schreit Juniper. Oh Mann, was bringt er dir da drüben bei?
Auf zwanzig Minuten Vorbereitung folgen vier Minuten Action. Liams Strategie ist es, Campbell und mich mit so vielen Schneebällen zu treffen wie möglich, um Junie, »der Bestie«, Deckung zu geben, während sie direkt auf unsere Mauer zurennt. Sie ist wie eine Rakete in Form einer Neunjährigen unterwegs und wir haben überhaupt keine Chance. Campbell und ich erkennen unseren Fehler zu spät und rennen zurück, um unsere Mauer zu schützen, doch es ist ein aussichtsloser Fall. Als wir ankommen, lacht Juniper und macht einen Engel in dem weißen Schneehaufen, der mal unsere Festung war. Campbell und ich zucken die Schultern: Wir sind geschlagen. Campbell lacht und lässt sich neben Junie in den Schnee fallen. Zwei Engel.
»Sollen wir mitmachen?«, fragt Liam.
»Nee, ich bin schon ganz erfroren«, antworte ich. Ich hatte schon genügend Tage wie diesen mit den Mädchen, um mir mein momentanes Gesicht vorstellen zu können: rote Nase und knallrote Wangen. Tränen in den Augen von der Kälte. Im Kopf ergänze ich »Kälte« auf meiner endlosen Liste der Dinge, die mich zum Weinen bringen.
»Ich wärm dich auf«, sagt Liam, beugt sich zu mir herunter und küsst mich. Seine Lippen sind schockierend warm für jemanden, der so lange draußen war.
»Leighton und Liam sitzen auf dem Baum und –«, fängt Junie an, doch Cam stoppt sie.
»Ärger sie nicht, Junie, wir mögen ihn doch«, flüstert sie, aber wir hören es trotzdem.
Ich grinse und drücke mein Gesicht an Liams Schulter, um es zu verbergen.
»Hier lang«, sage ich und führe ihn an den Mädchen vorbei, die immer noch kichernd im Schnee liegen, zu der Kiefer am Ende des Gartens. Als ich mich zu Liam umdrehe, stehe ich mit dem Gesicht zur Garage – einem alten, verfallenen Ding, dem wir nicht so richtig trauen, weshalb wir uns ungern drin aufhalten. Doch eine Krähe kommt geflogen und landet auf dem Dach. Die Krähe tritt auf die Schräge und fängt an zu rutschen, immer weiter nach unten, bis sie den Rand erreicht und wieder zurück an die Spitze flattert.
Sie macht es erneut. Rutscht nach unten, flattert zurück. Und noch mal.
Sie tut es mit Absicht.
So wie die Vögel, die sich im Regen von dem Baum haben hängen lassen.
Die Krähe spielt.
»Alles in Ordnung mit dir?«, fragt Liam.
Ich schüttle den Kopf. »Ich denk nur gerade über was nach.«
»Aha, das ist ja mal was ganz Neues.«
»Danke, dass du mit ihnen gespielt hast«, sage ich, um das Thema zu wechseln, und lenke ihn mit einem Kuss ab.
Liam hält mein Gesicht in seinen behandschuhten Händen fest und beugt sich für einen zweiten zu mir runter.
Und dann noch einen.
»Hey, Turteltäubchen!«, ruft Campbell, ein Leuchtfeuer von nervender kleiner Schwester, wenn es so etwas je gegeben hat. »Zeit für heiße Schokolade!«
»Es ist Zeit für heiße Schokolade«, flüstere ich gegen seine Lippen.
»Dann sollten wir reingehen«, antwortet er und richtet sich auf. »Ich will ja schließlich nicht auf Campbells Abschussliste landen.«
»Pff, willkommen im Club. Gibt schon so viele Mitglieder.«
»Hey, was ist das?« Sein Blick wandert zu dem Ast gleich neben meinem Ohr und Liam streckt eine Hand aus. Zwischen den Kiefernnadeln steckt ein Umschlag. Er hat ein paar Tropfen Feuchtigkeit abbekommen. Vorne drauf steht in einfacher neunjähriger Krakelschrift: Joe.
»Schau nach«, sage ich zu Liam und öffne den Umschlag. Eine Handvoll Erdnüsse fällt in den Schnee und ich bücke mich, um sie wieder einzusammeln.
»Lieber Joe«, liest Liam laut vor. »Tut mir so leid mit der Jagd. Ich hoffe, dass keiner deiner Freunde verletzt wurde. Bitte bleib in der Nähe vom Haus, da bist du sicher. Hier sind ein paar Erdnüsse. Danke für die neuen Murmeln, die gefallen mir. Herzlich Juniper Barnes, 9 Jahre.«
Liam liest das Ganze noch einmal, diesmal leise, dann hält er das Blatt hoch, als wenn es ein wertvolles altes Kunstobjekt wäre. »Wollt ihr mich auf den Arm nehmen? Juniper schreibt Briefe an Joe?«
»Ja, und er bringt ihr Geschenke.«
»Geschenke?«
»Federn, Murmeln, einen alten Knopf. Sie hat einen ganzen Haufen davon auf ihrer Kommode.« Das Portemonnaie, das Armband oder den Ring lasse ich unerwähnt. Aus irgendeinem Grund scheinen sie außerhalb der Reichweite dieses Gesprächs zu liegen. Jenseits von niedlich und skurril. Eher bei merkwürdig und absurd. Unmöglich.
»Das ist ja das Süßeste, was ich je gehört hab.«
»Ja, oder?« Ich konzentriere mich wieder auf die Unterhaltung. »Mein Vogelexperte meint, Krähen sind bekannt dafür, dass sie solche Dinge tun. Sie sind klug genug, Wechselseitigkeit zu begreifen. Deshalb ja, Juniper füttert die Krähen – und schreibt Briefe – und sie hinterlassen Geschenke.«
Wir stecken den Zettel zurück in sein sicheres Versteck im Baum, zusammen mit den Erdnüssen und allem, dann gehen wir rein.
Als wir unseren heißen Kakao schlürfen, stoße ich Liam unter dem Tisch an.
»Das hier ist der normalste Tag, den ich seit ewigen Zeiten erlebe. Danke, dass du gekommen bist.«
»Normal? Und das bei Vogelbriefen und Vogelgeschenken?«
»Normal für uns«, stelle ich klar.
»Gut ausgedrückt«, antwortet Liam. Er küsst mich über unsere Becher hinweg, gerade als Mom in die Küche kommt, doch sie tut so, als ob sie es gar nicht mitkriegen würde. Als sie wieder geht, zwinkert sie mir zu.
Hallo, Mom, ich seh dich da drinnen.
Sie strahlt so viel heller, wenn er nicht da ist.
Doch plötzlich bricht der Zauber. Ich höre draußen ein Auto. Als ich ans Fenster gehe, flehe ich, dass es ein Schneepflug sein möge, was das einzige Fahrzeug ist, von dem ich mir vorstellen kann, dass es die Straße unter der zentimeterhohen Schneedecke findet.
Es ist kein Schneepflug.
Er ist früher zurück als gedacht.
Mom geht an mir vorbei und tritt auf die vordere Veranda, um ihn mit einem Kuss und einem Becher heißem Kakao zu begrüßen. Beides nimmt er lächelnd entgegen. Dann deutet er auf Liams Wagen.
»Schon zurück?«, frage ich, als er ins Haus tritt. Sein Lächeln stockt einen Moment lang, dann ist es wieder da.
Wir haben Besuch.
Wie aufs Stichwort kommt Liam in den Flur.
»Oh, hallo … Sir.«
Selbst als Nachklapp scheint meinem Dad die Form von Respekt zu gefallen. Er tritt auf ihn zu und streckt seine Hand aus. »Liam, nicht wahr?«
Liam nickt.
»Nett, dich endlich mal kennenzulernen. Leighton hat uns so viel über dich erzählt.«
Lügner. Ich hab’s nur Mom erzählt und sie hat’s dir weitergesagt.
»Magst du Trucks, Liam?«, fragt er und zeigt auf seinen ganzen Stolz, der vor dem Haus steht. »Hast du Lust, mir zu helfen, ihn ein bisschen vom Schnee zu befreien?«
»Okay, klar«, antwortet Liam und sie gehen nach draußen. Ich möchte ihn zurückhalten, aber mir fällt kein plausibler Grund ein, was ich sagen könnte, und es würde die Situation nur gereizter und peinlicher machen.
»Er ist echt früh wieder da«, sage ich zu Mom.
»Wollte nicht irgendwo eingeschneit werden«, antwortet sie vielsagend. »Vor allem, wo es ein Feiertagswochenende ist.« Sie hat ihn also erwartet.
»Du hättest es mir ruhig sagen können«, entgegne ich.
»Damit du Liam aufforderst, vorher zu gehen?«, fragt sie mit scharfem Unterton.
Klar, möchte ich zurückblaffen. Klar wollte ich nicht, dass sie sich begegnen.
Keine Viertelstunde später kommen sie aus der Kälte zurück und streifen im Vorraum ihre Schuhe ab. Wir fangen an Essen zu machen. Auf dem Herd kochen Spaghetti, während Campbell und Junie den Tisch decken.
Ich kriege noch das Ende ihres Gesprächs über Unis mit.
»Das sind hervorragende Hochschulen«, sagt mein Dad. »Da musst du ja, wie sagt man, den perfekten Notendurchschnitt haben. Und du spielst Football?«
»Mein Notendurchschnitt ist ziemlich gut«, antwortet Liam. In seinem Gesicht kann ich nichts erkennen, doch ich würde zu gern wissen, was sie draußen alles geredet haben. »Aber ich glaube, Leightons Durchschnitt ist noch ein kleines bisschen besser als meiner.«
»Ja, unsere Tochter ist klug«, sagt Dad. »Sie wird sich im nächsten Jahr gut am State College machen.«
»Wie bitte? State College? Wollte Leighton nicht –« Ich schüttle hinter Dads Rücken den Kopf und Liam bricht ab.
Sie wechseln zu Football, reden über die Saison und darüber, wie gut die Wolves spielen. Ich horche weiter, nicht auf die einzelnen Worte, nur auf die Tonlage. Football ist ein heikles Thema in diesem Haus. Die ruhige Stimmung könnte sich ohne Anlass verändern, oder zumindest ohne irgendwas, das ich bisher als solchen identifizieren konnte. Manchmal braucht es bloß ein Wort, das nicht passt, eine vermeintliche Kränkung, und es ist, als ob sich das ganze Zimmer verwandelt, ein Stolperdraht straff durch den Raum gespannt sei. Und danach reicht die kleinste Bewegung, dass es kippt und freisetzt, was sich seit Wochen in ihm aufgestaut hat.
Es ist alles in Ordnung, doch das Wesen in meiner Brust drückt und zerrt an meinen Eingeweiden, wartet, läuft hin und her. Es ist unvermeidlich, dass das Haus wieder auseinanderbrechen wird.
Aber wann?
Liam steht immer noch mit seinen nassen Stiefeln im Vorraum, und als sich unsere Blicke treffen, deutet er nach draußen.
»Ich sollte lieber vor Sonnenuntergang fahren. Wird sicher glatt werden.«
»Ja, natürlich«, sage ich. Die Erleichterung lässt die Antwort zu eilig herausplatzen.
»Bist du sicher, dass du nicht noch mit uns essen willst?«, fragt mein Dad.
Liegt eine Schärfe in seiner Stimme? Hab ich da etwas gehört?
»Könnte gefährlich werden auf den Straßen«, sage ich und schaue Mom um Unterstützung flehend an.
»Wieso bringst du Liam nicht raus? Aber beeil dich, du musst mir beim Essen helfen.«
Ich ziehe Stiefel an, öffne die Haustür und ziehe Liam hinter mir her, bis wir durch den Schnee auf dem Rasen knirschen.
»Du hättest dir eine Jacke anziehen sollen«, sagt Liam, als wir an der Wagentür sind. Doch dann reibt er meine Arme mit seinen Händen, um mich zu wärmen, und ich bin froh, den Mantel am Haken gelassen zu haben.
Ich werfe einen Blick zum Haus zurück. Alles bilderbuchhaft perfekt von hier draußen. Eine Familie, die zusammen Abendessen macht. Juniper lacht. Campbell lächelt, wie immer ungewollt.
Ich lächle über Cams Lächeln und zwinge das Ding in meiner Brust, Ruhe zu geben. Alles ist gut heute Abend. Nichts Spitzes oder Scharfes, was die Falle auslösen könnte.
Noch nicht, warnt das Wesen in meiner Brust.
»Hat Spaß gemacht heute. Beeindruckende Fähigkeiten, was dein Schneeballformen angeht, Barnes.«
Ich lächle ihn an und frage mich, ob wohl mein Lächeln auch immer so gezwungen wirkt wie bei Campbell.
Liam beugt sich herunter, um mich zu küssen. Ich mache einen Schritt nach hinten, mein Stiefel landet auf einem Stück Eis und ich muss kämpfen, um das Gleichgewicht zu halten. Liams Hand findet meinen Ellenbogen und hält mich fest. »Was ist los, Leighton? Du bist ja plötzlich ganz durcheinander.«
»Tut mir leid. Ist nur … nicht, wenn er es sehen kann.« Ich nicke in Richtung Haus. Ich war noch nie so richtig mit einem Jungen zusammen und ich weiß nicht, mit welcher Reaktion ich rechnen muss, wenn Liam weg ist. Ich möchte die Distanz zwischen den Dingen zurück, genug Distanz, um Spaß zu haben, mit Liam zusammen zu sein, und nicht dabei die Spannung zu spüren, die ich den ganzen Nachmittag über aufgebaut habe.
»Shit, tut mir leid.«
»Nicht deine Schuld.«
»Nicht in dem Sinne ›tut mir leid‹. Es tut mir leid, dass du dir wegen jeder Kleinigkeit so viele Gedanken machen musst.«
Wir verabschieden uns und ich renne zurück ins Haus. Meine Arme erfrieren halb, jetzt, wo ich Liams warme Hände nicht mehr spüre. Die Situation im Esszimmer ist ruhig, normal … beängstigend. Im Augenblick bin ich in Sicherheit, doch jeden Moment werde ich fallen. Ich weiß es, denn das Ding in meiner Brust weiß es so sicher wie nur irgendwas.
Es bebt in mir, aus Angst vor nichts. Denn das ist es, was heute den ganzen Tag passiert ist: nichts. Aber jeder gute Tag in diesem Haus endet mit dem Zusatz, der den ganzen Nachmittag in meiner Brust gepocht hat.
Noch nicht.